Amos Oz : Dem Tod entgegen

Dem Tod entgegen

Amos Oz

Dem Tod entgegen

Originalausgabe: ad mavet, 1971 Dem Tod entgegen Übersetzung: Ruth Achlama Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1997 ISBN: 3-518-40821-6, 175 Seiten Suhrkamp-Taschenbuch: 1999 ISBN 978-3-518-39434-2, 175 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem Guillaume de Touron im Frühjahr 1096 einiges Unheil erlebt hat, bricht er zu einem Kreuzzug auf. Was die Männer unterwegs benötigen – Lebensmittel und Frauen –, rauben sie, und jeden Juden, dem sie begegnen, töten sie. Weil der Kreuzzug unter einem schlechten Stern zu stehen scheint, vermuten die Ritter, dass sich ein Jude bei ihnen eingeschlichen hat und belauern sich gegenseitig ...
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Kritik

Kein auktorialer Erzähler tritt hier auf, sondern ein Autor, der sich auf einen mittelalterlichen Chronisten beruft. Dadurch wirkt die archaische Erzählung "Dem Tod entgegen" von Amos Oz wie ein authentischer Bericht.
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1095 ruft Papst Urban II. zum Kreuzzug auf. Guillaume de Touron folgt dem Ruf und verlässt im Herbst des folgenden Jahres seinen Landsitz in der Region Avignon. Lehnsmänner, Knechte und Vogelfreie ziehen mit ihm. Auch Claude „Schiefschulter“ ist dabei, dessen Vater in erster Ehe mit einer inzwischen verstorbenen Schwester Guillaumes verheiratet war. Er wird zum Chronisten des Kreuzzugs.

Ihm verdanken wir auch Hinweise auf die Motive, die Guillaume de Touron bewogen, sich auf den Weg ins Heilige Land zu machen. Im Frühjahr 1096 hatten Lehnsleute gegen Guillaume aufbegehrt. Sieben Bauern und vier Hexen mussten hingerichtet werden, bevor der Aufstand zusammenbrach. Zur gleichen Zeit erkrankte Guillaumes Gattin Louise de Beaumont an der Fallsucht, an der zwei Jahre zuvor seine erste Ehefrau gestorben war. Ostern schleuderte Guillaume im betrunkenen Zustand sechs kostbare Schmuckgefäße gegen seine Mundschenke. Ein Jude, den man verdächtigte, an dem ganzen Unheil Schuld zu sein, wurde auf den Scheiterhaufen gezerrt.

Das Schauspiel der Verbrennung des Juden hätte geeignet sein können, die Trostlosigkeit und Bedrückung, die seit dem Frühling über uns gekommen waren, ein wenig zu lindern, doch es wendete sich so, dass der brennende Jude alles verderben und zunichte machen konnte, da er dem Herrn Guillaume aus dem Feuer heraus einen kraftvollen jüdischen Fluch entgegenschleuderte. Diese Schandtat erfolgte in Gegenwart des gesamten Hausstands, von der kranken hohen Frau bis zur unwissendsten Magd. Selbstverständlich konnte man den Elenden nicht für seinen Schimpf bestrafen, denn es liegt in der Natur dieser Juden, nur einmal im Feuer zu brennen. (Seite 105)

Louise de Beaumont starb, und Guillaume de Touron beschloss, dem Aufruf des Papstes zu folgen.

Nach drei Tagen erreicht der Zug Saint-Etienne. Von dort geht es weiter nach Grenoble. Nirgendwo werden die Kreuzfahrer gastfreundschaftlich aufgenommen.

Auch die Dörfer zeigten finstere Gesichter. Gewaltsam mussten die Reisenden sich Nahrung, Weiber und Trank von den widerspenstigen Bauern nehmen. (Seite 122)

Einmal erkranken Menschen und Tiere, nachdem sie aus einem offenbar verseuchten Brunnen getrunken haben. Keiner der Kreuzfahrer zweifelt mehr daran, dass sich unter ihnen ein Jude befindet, der sich nicht zu erkennen gibt. Sie belauern sich gegenseitig und versuchen herauszufinden, ob einer von ihnen beschnitten ist. Der Flötenspieler Andreas Alvarez, der zur Buße eine Kette mit einem schweren Stein um den Hals trägt, gerät unter Verdacht. Um ihn zu prüfen, fordern die Kreuzfahrer ihn auf, eine Hand ins Feuer zu halten. Entweder aus Furcht vor den Schmerzen oder aus Freude über die reinigende Probe schwitzt er so stark, dass seine Hand nur leicht versengt wird. Damit scheint sich der Verdacht bestätigt zu haben, aber Andreas Alvarez fleht Guillaume de Touron von sich aus um den Tod an; deshalb lässt man ihn vorerst am Leben und beobachtet ihn weiter.

Bei dem Dorf Argentera trifft der Zug auf ein prunkvolles Kreuzfahrerheer aus Deutschland. Albrecht von Braunschweig führt es an. Es kommt zum Streit; die Männer ziehen ihre Schwerter und bekämpfen sich; einige fallen, bis Albrecht von Braunschweig Einhalt gebietet und Guillaume de Touron daraufhin ebenfalls den Kampf abbricht. Getrennt ziehen sie weiter.

Offenbar hielt einer der Kreuzfahrer eine der mitziehenden Frauen für eine Hexe, denn man findet sie mit durchschnittener Kehle, und jemand hat ihr das Kreuz, das sie um den Hals trug, zwischen die Brüste gerammt.

Den von Juden bewohnten Ort Ariogolo lässt Guillaume niederbrennen. Ein Unterhändler, der behauptet, auf seinem Acker Gold vergraben zu haben, wird gefoltert.

Den Juden begannen sie mittags zu peitschen. Gegen Abend brandmarkten sie ihn mit rotglühenden Eisen. Danach badeten sie ihn in Salzwasser und befragten ihn über Judas, Pontius Pilatus und Kaiphas, zogen ihn aus dem Salzwasser und zerquetschten ihm die Hoden […] Bei Einsetzen der Dunkelheit drückten sie ihm beide Augen aus, und da tat er endlich den Mund auf und fragte, ob sie, so er ihnen das Versteck preisgäbe, versprächen, ihn augenblicklich zu töten, und Claude Schiefschulter gab ihm sein Wort. (Seite 154f)

An der angegebenen Stelle finden die Kreuzfahrer tatsächlich einen ansehnlichen Goldschatz. Einer von ihnen durchbohrt den Juden mit einer Lanze.

Aber der Jude kroch weiterhin blind umher, blutüberströmt, murmelte auch etwas. Also schlugen sie ihm mit dem Beilschaft auf den Kopf und erklärten ihn für tot. Der Jude war jedoch nicht tot, sondern schnaufte heftig durch das Loch in seiner Lunge, sodass große rosa Blasen daraus hervortraten und platzten. (Seite 156)

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Als die Wege wegen des Winterwetters unpassierbar werden, wählen die Kreuzfahrer die Ruine eines verlassenen Klosters als Unterschlupf. Um Feuer machen zu können, verbrennen sie Türen und Fensterrahmen. Die Pferde werden von Wölfen gerissen. Der Proviant geht zur Neige. Auch die Weiber reichen nicht aus. Darüber kommt es zu blutigen Streitigkeiten.

Guillaume de Touron glaubt schließlich, Claude kenne den Juden und helfe ihm dabei, unerkannt zu bleiben. Er selbst hält noch immer Andreas Alvarez für den heimlichen Juden, und er droht, ihn zu töten.

Und der Herr stand auf, nahm die Lanze und stellte sich neben Andreas, auf die Lanze gelehnt, die Augen geschlossen, nachdenklich oder zögernd, lehnte sich noch stärker auf die Lanze, ein Seufzen entfuhr seiner Kehle, mit Macht lehnte er sich nieder, die Lanze durchdrang sein Fleisch, und wie in unsichtbare Arme aufgenommen, brach der Mann zusammen und lag still. (Seite 171f)

Am Ende ziehen neun Überlebende wie wankende Schemen weiter.

Nicht heimwärts zu gehen, die menschlichen Gefilde waren längst ihrem Gedächtnis entschwunden. Auch nicht nach Jerusalem, das kein Ort ist, sondern im Feuer geläuterte Liebe. Alles Leibliche ablegend zogen sie dahin, wurden lauterer und lauterer, hinein ins Herz des Glockenklangs und weiter zum Engelsgesang und noch immer weiter, ließen ihr verhasstes Fleisch zurück und strömten hinein, ein weißer Strom auf weißer Fläche, abstrakte Absicht, verwehender Dunst, vielleicht Frieden. (Seite 173)

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Wer in anderen Menschen Böses zu sehen glaubt, läuft Gefahr, daran zu zerbrechen. Das demonstriert Amos Oz mit seiner Erzählung „Dem Tod entgegen“. Die Kreuzfahrer, um die es hier geht, wirken eher wie skrupellose Raubritter, die sich gewaltsam nehmen, was sie begehren und jeden Juden ermorden, dem sie auf ihrem Weg ins Heilige Land begegnen. Kameradschaft kennen sie nicht, sondern sie belauern sich argwöhnisch.

Kein auktorialer Erzähler tritt hier auf, sondern ein unbekannter Autor, der sich auf einen Augenzeugen beruft und immer wieder erwähnt, dass er nur berichtet, was der mittelalterliche Chronist aufschrieb. Dadurch wirkt die archaische Erzählung „Dem Tod entgegen“ wie ein authentischer Bericht.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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