Magdalen Nabb : Tod in Florenz

Tod in Florenz

Magdalen Nabb

Tod in Florenz

Originalausgabe: The Marshal and the Murderer William Collins Sons, London 1987 Tod in Florenz Übersetzung: Monika Elwenspoek Diogenes Verlag, Zürich 1992 Süddeutsche Zeitung / KriminalbibliothekBand 27, München 2006, 188 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Elisabeth und Monika, zwei lesbische Kunsterzieherinnen aus dem Kanton Bern, kamen vor einigen Monaten nach Florenz, um Italienisch zu lernen. Als Monika, die sich in einem Töpferdorf außerhalb der Stadt kunsthandwerklich weiterbilden wollte, tagelang nicht auftaucht, befürchtet Elisabeth, dass ihr etwas zugestoßen ist und wendet sich an den Carabiniere Salvatore Guarnaccia ...
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Kritik

"Tod in Florenz" ist ein unterhaltsamer, passagenweise volkstümlicher Kriminalroman von Magdalen Nabb, der allerdings formal nicht ganz überzeugt.
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Salvatore Guarnaccia stammt aus Sizilien, ist verheiratet, hat zwei Söhne und arbeitet in Florenz als Maresciallo bei den Carabinieri. Eines Tages sucht ihn Elisabeth Stauffer auf, eine Schweizerin aus dem Kanton Bern, die sich Sorgen macht, weil ihre Freundin Monika Heer seit ein paar Tagen verschwunden ist. Die lesbischen Kunsterzieherinnen, beide Mitte zwanzig, kamen vor gut drei Monaten nach Florenz, um hier Italienisch zu lernen und sich kunsthandwerklich weiterzubilden. Zuletzt half Elisabeth im Sekretariat einer Schule aus, und Monika ließ sich in einem Töpferdorf außerhalb von Florenz zeigen, wie Majolika hergestellt wird.

Mit dem Einverständnis seines Vorgesetzten, Capitano Maestrangelo, fährt der Maresciallo in das Töpferdorf und sucht dort Berti auf, der Monika wohl schwarz beschäftigte. Doch von Berti erfährt Guarnaccia ebenso wenig wie von Filippo Moretti, dem Besitzer einer heruntergekommenen Terrakottamanufaktur, der für Berti brennt. Monika durfte die Töpferscheiben in der Manufaktur benutzen, wenn die Dreher anderweitig beschäftigt waren, etwa mit der Beschickung des Brennofens.

Zusammen mit seinem seit einem Jahr in dem Töpferort tätigen, aus Rom stammenden Kollegen Niccolini, sucht Guarnaccia nach der vermissten Schweizerin. Nach wenigen Tagen wird deren Leiche in einem Tonscherbenhaufen hinter Morettis Manufaktur von einem Obstbauern gefunden. Monika wurde erwürgt. Die Unterwäsche fehlt, und die Jeans wurde ihr offenbar erst wieder angezogen, als sie bereits tot war.

Bei dem Obstbauern handelt es sich um Bertis Nachbarn. Er ist mit der zwanzig Jahre jüngeren Schwester Morettis verheiratet. Sie heißt Tina und ist geistig zurückgeblieben. Die Carabinieri finden heraus, dass Tina früher bei den Nonnen untergebracht war. Um einen Mann für sie zu finden, erwarb Moretti eigens die Obstwiese von dem reichen Fabrikbesitzer Ernesto Robiglio als Mitgift für Tina.

Eines Nachts schreibt jemand an Morettis Manufaktur mit großen Buchstaben das Wort „Mörder“. Die Leute im Dorf reimen sich offenbar etwas zusammen, aber wenn die Carabinieri sie befragen, verraten sie nichts. Nur der sechsundachtzigjährige frühere Dorfarzt Dr. Arnolfo Frasinelli ist eine Ausnahme: Er erzählt seinen beiden Besuchern bereitwillig, was er kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs hier erlebte.

Mit zwölf hatte Pietro Moretti angefangen, im Familienbetrieb mitzuarbeiten. 1941, als er siebzehn war, schwängerte er Maria, die ein Jahr jüngere Tochter eines Bruders seines Vaters, die sich schon als Fünfzehnjährige mit doppelt so alten Männern herumgetrieben hatte und offenbar nicht ganz richtig im Kopf war. Obwohl es sich bei Pietro und Maria um Cousin und Cousine handelte, wurden sie miteinander verheiratet, und weil Maria sich nicht um ihre kleine Tochter Tina kümmerte, sondern unbekümmert ausging, musste Pietros Mutter für ihre Enkelin sorgen. Als 1943 deutsche Soldaten ins Dorf kamen und Pietro sich unter dem Kriegsnamen Pietro Moro den Partisanen anschloss, war Maria gerade wieder schwanger. Einige Monate später hatte Pietros Mutter zwei Enkel zu versorgen – Tina und Beppe –, was um so schwieriger war, weil Beppe wie seine Schwester geistig behindert war.

Um ein von den Deutschen der Komplizenschaft mit den Partisanen verdächtigtes Dorf vor der völligen Zerstörung zu bewahren, ergaben sich die Partisanen Anfang 1945. Sie mussten sich mit erhobenen Händen an eine Mauer stellen und wurden mit einem Maschinengewehr niedergemäht. Pietro Moro überlebte schwer verletzt, aber Ernesto Robiglio, der wie sein Vater zu den Faschisten gehörte, führte sechs SS-Männer zum Haus der Morettis. Vor den Augen seiner Eltern erschossen die Deutschen Pietro Moro und vergewaltigten nacheinander seine Frau Maria auf dem Küchentisch. Danach nahmen sie die halb bewusstlose Frau mit und folterten sie die ganze Nacht, weil sie glaubten, sie könne ihnen etwas über die Partisanen verraten. Maria, die völlig verstört blieb, wurde neun Monate später in einer Irrenanstalt von einem Sohn entbunden, der im Taufregister als Filippo Moretti eingetragen wurde, obwohl ein Deutscher ihn gezeugt hatte.

Als Filippo Moretti fünfeinhalb Jahre alt war und seine Großmutter, die keinen halben Deutschen im Haus hatte haben wollen, gerade einem Schlaganfall erlegen war, überredete Dr. Frasinelli den Großvater des Jungen, ihn bei sich in der Familie aufzunehmen. Maria starb einige Zeit später in der Irrenanstalt. Filippo wuchs mit seinen geistesgestörten Halbgeschwistern Tina und Beppe auf, verließ zwar die Schule ohne Abschluss, arbeitete jedoch eifrig in der Manufaktur mit und heiratete eine Frau aus dem Waisenhaus.

Robiglio hatte sich nach der Ermordung von Pietro Moro ebenso wie sein Vater aus dem Staub gemacht. Erst als die alten Morettis beide tot waren, kehrte er in das Dorf zurück und ließ die Villa und die Fabrik seines inzwischen ebenfalls gestorbenen Vaters instandsetzen.

Als Guarnaccia und Niccolini dahinterkommen, dass Moretti – offenbar als Gegenleistung für die Obstwiese – einen Koffer voll Banknoten in die Schweiz schmuggeln sollte, Geld, das aus den von Robiglio regelmäßig in seiner Villa veranstalteten illegalen Glücksspielen stammt, verhaften sie die beiden.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Während seiner Vernehmung sagt Moretti nebenbei, die Manufaktur sei niemals abgeschlossen. Da stutzt Guarnaccio und fährt noch einmal allein hin. Er findet seinen Verdacht bestätigt: Filippo Moretti hat seinem geistesgestörten Halbbruder Beppe in dem Gebäude ein Zimmer eingerichtet, und bei dem Irren, den Guarnaccio dort antrifft, handelt es sich um einen Mann mit Bärenkräften. Den Rest kann der Maresciallo sich zusammenreimen: Monika Heer war auch zu Beppe offen und herzlich. Deshalb konnte Berti ihm zum Spaß einreden, die hübsche Schweizerin sei in ihn verliebt. Als Beppe sie dann von der Drehscheibe weg in sein Bett zerrte, verstand er nicht, warum sie sich wehrte und drückte ihr den Hals zu, bis sie sich nicht mehr bewegte.

Den Versuch, Beppe Moretti festzunehmen, hätte Guarnaccio mit dem Leben bezahlt, wenn nicht im letzten Augenblick Niccolini aufgetaucht wäre und den Angreifer erschossen hätte.

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„Tod in Florenz“ begeistert mit seiner atmosphärischen Dichte […] Magdalen Nabb braucht keine Verfolgungsjagden oder Angst-Szenarien, um spannend zu erzählen.“ (Anne-Sophie Mutter, Süddeutsche Zeitung, 15. Juli 2006)

In der Tat ist „Tod in Florenz“ kein Actionthriller, sondern passagenweise volkstümlich, heiter und lebensfroh. Magdalen Nabb bereitet auch Details sorgfältig vor und verknüpft sie dann gewissenhaft. Weil die Auflösung vorzeitig zu ahnen ist, fällt die Spannung allerdings gegen Ende zu ab. Und der vierzig Seiten (114 – 154) lange Monolog des Arztes über die Vorgänge am Ende des Zweiten Weltkrieges – die auch nur indirekt mit dem aktuellen Mordfall zu tun haben – fällt aus dem Rahmen.

Die Engländerin Magdalen Nabb (* 1947) studierte an einer Kunsthochschule in Manchester und gab danach Töpferkurse. Während einer Italienreise im Jahr 1975 beschloss sie, in die Toskana zu ziehen. Dort töpferte sie weiter, bis sie 1981 ihren ersten Kriminalroman veröffentlichte: „Tod eines Engländers“. Zu ihren Vorbildern zählt Georges Simenon, mit dem sie eine jahrelange Brieffreundschaft pflegte. Neben Kriminalromanen schrieb Magdalen Nabb auch Kinderbücher, und sie arbeitet außerdem als Journalistin für verschiedene europäische Magazine.

Magdalen Nabb: Bibliografie (Kriminalromane über Salvatore Guarnaccia)

  • Death of an Englishman (1981; Tod eines Engländers)
  • Death of a Dutchman (1982; Tod eines Holländers)
  • Death in Springtime (1983; Tod im Frühling)
  • Death in Autumn (1985; Tod im Herbst)
  • The Marshal and the Murderer (1987; Tod in Florenz)
  • The Marshal and the Mad Woman (1988; Tod einer Verrückten)
  • The Marshal’s Own Case (1990; Tod einer Queen)
  • The Marshal Makes his Report (1991; Tod im Palazzo)
  • The Marshal at the Villa Torrini (1993; Geburtstag in Florenz)
  • The Monster of Florence (1996; Das Ungeheuer von Florenz)
  • Property of Blood (1999; Alta Moda)
  • Some Bitter Taste (2002; Nachtblüten)
  • The Innocent (2005; Eine Japanerin in Florenz)


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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Diogenes

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