Margriet de Moor : Mélodie d'amour

Mélodie d’amour

Margriet de Moor

Mélodie d'amour

Originalausgabe: Mélodie d'amour De Bezige Bij, Amsterdam 2013 Mélodie d'amour Übersetzung: Helga van Beuningen Carl Hanser Verlag, München 2014 ISBN: 978-3-446-24478-8, 381 Seiten, 21.90 € (D) dtv, München 2015 ISBN: 978-3-423-14440-7, 384 Seiten, 9.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Obwohl er seine Frau Atie mit einer anderen betrog, hat Gustaaf Doesburg nie aufgehört, sie zu lieben. Sein Sohn Luuk ist verheiratet und Vater von zwei Kindern, als er sich auf eine Affäre mit der Studentin Cindy einlässt, die sich dann nicht damit abfindet, dass er zu einer anderen Geliebten wechselt. Diese wiederum – sie heißt Roselynde – erinnert sich an die Liebe zu ihrem Bruder und ihre krankhafte Eifersucht. Luuks Ehefrau Myrte denkt an die platonische Liebe, die sie als Schwesternschülerin zu einem Patienten empfand ...
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Kritik

Unter dem Titel "Mélodie d'amour" hat Margriet de Moor vier Erzählun­gen zu einem Roman zusammen­gefasst, in dem sie das Thema Liebe variiert und veranschaulicht, dass der Verstand die mit der Liebe ver­bundenen Leidenschaften nicht zu bändigen vermag.
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Sein Vater, seine Mutter

Im November 1970 erfährt Gustaaf Doesburg durch einen Telefonanruf seines 25-jährigen Sohnes Luuk vom Tod seiner geschiedenen Ehefrau Atie.

Als Gustaaf, der Chef eines expandierenden Saugbagger- und Transportunternehmens in Rotterdam, mit der Untermieterin Marina ein Kind zeugte, war Atie bereits an Multipler Sklerose erkrankt. Einmal, als er sie im Obergeschoss des Hauses hilflos auf dem Boden liegend vorfand und hinuntertrug, attackierte sie ihn:

Er hatte noch keine zwei Schritte gemacht, da ließ sie ihr Wasser laufen und biss ihn.
Sie biss ihn, ja, und nicht nur leicht, nicht wie ein Kätzchen, sondern mit fest zuschnappenden Kiefern. Sein erstes Gefühl war nicht Schmerz, sondern Ungläubigkeit. Was ist das? Was ist denn los, verdammt?! Sie hatte die Zähne dicht über dem verschobenen Kragen seines Hemdes in den Nackenmuskel geschlagen und ließ trotz seines Protestschreis nicht los. Er ging weiter abwärts, es blieb ihm auch nichts anderes übrig, er stieg die Stufen hinunter, blutend, aber noch immer ohne nennenswerte Schmerzen. Sie knurrte mit vollem Mund. Ihr Gesicht konnte er in dieser Position nicht sehen, doch woran er sich später immer erinnern würde, war, wie sie ihn bei jener Attacke vor zwölf Tagen angeschaut hatte: traurig und begehrlich, hasserfüllt und verliebt, versöhnlich und rachsüchtig.

Während Marinas Schwangerschaft kümmerte sich Atie um die werdende Mutter, aber nach der Geburt von Edith („Dittie“) Carolien Doesburg reichte sie die Scheidung ein und nahm den vier Söhnen Kaspar, Wijnand, Jan und Luuk das Versprechen ab, Gustaaf nie mehr ins Haus zu lassen, nicht einmal nach ihrem Tod.

Weil die Söhne jedoch wissen, dass ihr Vater trotz allem nicht aufgehört hat, ihre Mutter zu lieben, denken sie sich etwas aus, damit er sich von der Toten verabschieden kann, ohne dass sie ihren Schwur brechen müssen: Sie verabreden mit ihm eine Zeit und tragen dann den Sarg ins Freie.

Sein jämmerliches Weibsstück

Amsterdam 1987. Cindy ist Ende 30 und hat ihre Absicht zu promovieren, nicht aufgegeben.

Nachdem sie Luuk Doesburg zufällig begegnet ist, verliebt sie sich in ihn und stellt ihm nach. Es dauert nicht lang, bis sie herausfindet, dass der 42-Jährige beim Archäologischen Dienst der Stadt arbeitet, mit einer Frau namens Myrte verheiratet ist und zwei Kinder hat: einen achtjährigen Sohn und eine dreijährige Tochter.

Luuk lässt sich auf eine Affäre mit Cindy ein.

Sie nimmt an der Beerdigung seines verstorbenen Vaters Gustaaf Doesburg teil und spricht sowohl den vier Söhnen als auch der Witwe Marina und der Tochter Dittie das Beleid aus.

Als Luuk die Beziehung mit ihr wegen einer anderen Geliebten beendet, akzeptiert Cindy das nicht, und sie wird zur Stalkerin.

Jemanden zu lieben ist schließlich eine äußerst habsüchtige Angelegenheit.

Cindy besorgt sich einen Revolver. Sie folgt Luuk und seiner Begleiterin unbemerkt, steigt ebenso wie die beiden in den Bus nach Middenbeemster und setzt sich ganz nach hinten. Während der Fahrt geht sie nach vorne und schießt auf Luuk.

Sie wird festgenommen und zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, die sie in der Frauenstrafanstalt Amersfoort verbüßt. Inzwischen ist sie 43 Jahre alt und erinnert sich an die Ereignisse.

Ihr Bruder

Roselynde Boon wurde am 15. November 1942 in Neerbosch geboren. Als sie drei Jahre alt war, erlag ihr Vater einem Herzanfall. Sieben Jahre später starb auch die Mutter. Während Roselynde daraufhin ins Internat der Ursulinen in ’s-Hertogenbosch kam, wurde ihr acht Jahre älterer Bruder Rogier von einer Tante betreut.

An der höheren Mädchenschule in Nijmegen, die Roselynde nach dem Internat besuchte, freundete sie sich mit der Mitschülerin Iris an. Rogier verliebte sich in Iris, als er sie durch seine Schwester kennenlernte. Roselynde, die ihren Bruder über alles liebte, wurde eifersüchtig. Bei einem Wettrennen warnte sie ihre Freundin nicht vor einem sich nähernden Zug, und Iris wurde beim Überqueren der Gleise totgefahren. Bald darauf verlor Roselynde auch ihren Bruder, der nicht über Iris‘ Tod hinweggekommen war.

Kurz vor ihrem 22. Geburtstag heiratete Roselynde Arthur, einen früheren Kommilitonen ihres Bruders an der Philologischen Fakultät. Im Jahr darauf wurde ihr Sohn Benjamin geboren.

Inzwischen ist Roselynde 50 Jahre alt und seit langer Zeit geschieden. Ihr Liebhaber Luuk Doesburg ist mit einer anderen Frau verheiratet und hat zwei Kinder, aber Roselynde erwartet nicht von ihm, dass er die Familie verlässt.

Myrte

Bei einer Wanderung trifft Myrte Doesburg zufällig ihre frühere Freundin Gerdine Ropta wieder, von der sie lange Zeit nichts mehr gehört hat.

Myrte kam als achtes von elf Geschwistern zur Welt. Ihr Vater leitete eine Wohnwagenschule und wohnte mit der Familie in einem als Dienstwohnung zur Verfügung gestellten ehemaligen Schleusenwärterhaus in Voorburg. Gleich nach der Entbindung wurde Myrte von ihrer Mutter deren Schwester Elly in Den Haag anvertraut, und damit waren sowohl ihr Vater als auch ihr Onkel Fons einverstanden.

Die engste geschwisterliche Beziehung hatte Myrte zu ihrem elf Jahre jüngeren, körperlich und geistig mehrfach behinderten Bruder Wouter („Wouwou“) Jan Maria.

Als 17-jährige Schwesternschülerin am Leyenburg-Krankenhaus traf sie auf den am Non-Hodgkin-Lymphom erkrankten Privatpatienten Jonas Ropta. Gerade als sie sich über den vermeintlich Sterbenden beugte und ihn küsste, kamen seine Frau Rienie und seine Tochter Gerdine ins Krankenzimmer.

Wider Erwarten erholte sich der Architekt von der schweren Krankheit.

Myrte und Gerdine wurden enge Freundinnen. Oft übernachtete Myrte bei der Familie Ropta und schwelgte in ihrer platonischen Liebe zum Vater ihrer Freundin – bis dieser nach einigen Jahren doch starb und Gerdine daraufhin den Kontakt zu Myrte abbrach.

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Unter dem Titel „Mélodie d’amour“ hat Margriet de Moor vier eigenständige Erzählungen zu einem Roman zusammengefasst. Sie variiert darin das Thema Liebe und veranschaulicht, dass weder der Verstand einer einzelnen Person noch die Kultur der Gesellschaft die mit der Liebe verbundenen irrationalen Gefühlsausbrüche bändigen können.

Verbunden sind die vier Romanteile von „Mélodie d’amour“ durch die Figur Luuk Doesburg. Allerdings steht er nie im Mittelpunkt. In „Sein Vater, seine Mutter“ geht es um die gescheiterte Ehe seiner Eltern; in „Sein jämmerliches Weibsstück“ und in „Ihr Bruder“ betrügt er seine im letzten Kapitel zu Wort kommende Ehefrau Myrte mit Cindy und Roselynde, den Protagonistinnen der beiden mittleren Erzählungen.

Während Margriet de Moor den ersten Teil in der dritten Person erzählt, lässt sie in den drei anderen Kapiteln des Romans „Mélodie d’amour“ drei verschiedene Frauen – Cindy, Roselynde, Myrte – in der Ich-Form auftreten. Linear wird keine der Episoden entwickelt, denn in allen vier Fällen handelt es sich im Wesentlichen um eine aus Erinnerungen montierte Rückschau.

In den knappen Darstellungen lässt Margriet de Moor vieles offen, und es ist nicht ganz einfach, aus den Andeutungen in „Mélodie d’amour“ ein klares Bild zu gewinnen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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