Mata Hari


Mata Hari hieß eigentlich Margaretha Geertruida Zelle und war keine indische Tempeltänzerin, wie sie behauptete, sondern die Tochter eines prahlerischen Hutmachers aus Leeuwarden. Nach der gescheiterten Ehe mit einem niederländischen Kolonialoffizier zog die zweifache Mutter 1902 im Alter von sechsundzwanzig Jahren allein nach Paris und wurde mit erotischen Tänzen berühmt. Fünfzehn Jahre später wurde die attraktive Frau in Paris zum Tod verurteilt und erschossen, weil sie nicht nur für die Franzosen spioniert, sondern auch vom deutschen Geheimdienst Geld angenommen hatte.

Tabellarische Biografie: Mata Hari


Mata Hari: »Alles ist eine Illusion!«

Leseprobe aus
Dieter Wunderlich: AußerOrdentliche Frauen. 18 Porträts
Piper Verlag, München 2009 (3. Auflage: 2011)

Margaretha erfand nicht nur einen neuen Namen für sich – Mata Hari –, sondern auch gleich eine passende Biografie: »Geboren wurde ich in Südindien, an der Küste von Malabar, in einer heiligen Stadt mit dem Namen Jaffuapatam, am Busen einer hoch angesehenen Familie von Brahmanen […] Meine Mutter, die erste Bajadere im Tempel von Randa Swany, starb mit vierzehn im Jahr meiner Geburt. Nachdem die Tempelpriester die Leiche eingeäschert hatten, adoptierten sie mich und tauften mich auf den Namen Mata Hari, das bedeutet Auge der

Dieter Wunderlich: AußerOrdentliche Frauen. © Piper Verlag 2009

Morgenröte.« Von klein auf habe sie die rituellen Tempeltänze erlernt, log sie. »Mit spielerischer Leichtigkeit vermischte sie Dichtung und Wahrheit.« So auch bei der Erläuterung ihrer Kunst: »Die heiligen Brahmanentänze sind Symbole. Ihre Figuren sind Ausdruck der Gedanken. Der Tanz selber ist ein Gedicht; die Gesten sind die Worte.«

Für Pariser war frivoler Striptease zwar nichts Neues, aber die exotisch-erotischen Darbietungen der angeblichen Brahmanentochter sprachen sich rasch herum, was dazu führte, dass reiche Bürger der Stadt Mata Hari bei ihren Abendgesellschaften als Attraktion vorstellten. Allein im Jahr 1905 absolvierte sie dreißig solcher Aufführungen, drei davon bei Baron Henri de Rothschild. Außerdem trat Mata Hari sechsmal im Théâtre du Trocadéro auf. »Es ist unmöglich, die Mysterien indischer Religionen in einer edleren Weise lebendig zu machen, als es hier geschah«, schwärmte ein Kritiker. Der Rechtsanwalt Eduart Clunet überredete schließlich den mit ihm befreundeten Impresario Gabriel Astruc, sich für Mata Hari einzusetzen. Der verschaffte ihr unter anderem ein Engagement im »Olympia«, wo sie im August 1905 bestaunt wurde.

Im Januar 1906 stand Mata Hari bei einem Gastspiel in Madrid erstmals außerhalb Frankreichs auf der Bühne. Maître Clunet und Jules Gambon, der französische Botschafter in Spanien, hatten es ihr vermittelt. Im folgenden Monat tanzte Mata Hari in Monte Carlo als Salomé im dritten Akt der Oper »Le Roi de Lahore« von Jules Massenet. Der Komponist war begeistert, und Giacomo Puccini schickte ihr Blumen.

Mata Hari hatte Ende 1905 das Gerücht gestreut, sie werde sich mit einem osteuropäischen Fürsten vermählen. Auf diese Weise blieb sie im Gespräch. Sie begriff sehr früh, wie wichtig das für sie war. Dass sie am 26. April 1906 schuldig geschieden wurde, nachdem man John MacLeod Nacktfotos von ihr zugespielt hatte, hängte sie allerdings nicht an die große Glocke.

Über einen Auftritt im Apollo-Theater in Wien berichtete das »Neue Wiener Journal« am 15. Dezember 1906: »Isadora Duncan ist tot, es lebe Mata Hari! […] Unter dem Schleier trägt die schöne Tänzerin auf dem Oberkörper einen Brustschmuck und einen Goldgürtel […] sonst nichts. Die Kühnheit des Kostüms bildet eine kleine Sensation […] Der Schleier fällt. Mächtiger Beifall ertönt. Schon aber ist Mata Hari verschwunden.« Das »Deutsche Volksblatt« in Wien reimte: »Und die Mata Hari kam dreimal hervor, / Bis sie immer mehr Gewänder verlor, / Und endlich im letzten, dünnen Schleier / Sich niederlegte zum Schluss der Feier, / Worauf sie mit freundlich winkender Hand / Aus dem Kreise des Publikums verschwand. / Es hofften zwar alle, es sei noch nicht aus, / Doch da kam ein bekleideter Herr heraus / Und sagte: ›Sie können nach Hause gehen, / Die Mata Hari lässt heut nichts mehr sehen!‹«

Quelle: Dieter Wunderlich, AußerOrdentliche Frauen. 18 Porträts
© Piper Verlag, München 2009
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Fußnoten wurden in der Leseprobe weggelassen. Zitate:
Fred Kupfermann: Mata Hari. Songes et mensonges, 2005, S. 23
Sam Waagenaar: Sie nannte sich Mata Hari, 1968, S. 39 / 40 / 50
Karin Feuerstein-Praßer: „Ich gehe immer aufs Ganze“. 10 Frauenporträts, 2002, S. 91

Mata Hari (tabellarische Biografie)

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