Monika Maron : Stille Zeile Sechs

Stille Zeile Sechs

Monika Maron

Stille Zeile Sechs

Stille Zeile Sechs Originalausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1991 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek,Band 90, München 2008, 142 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1985 beendet die 42-jährige Ostberliner Historikerin Rosalind Polkowski ihre Berufstätigkeit, weil sie nicht mehr gegen Bezahlung denken möchte. Als ihr der 78-jährige frühere Funktionär Herbert Beerenbaum vorschlägt, sich von ihm zwei Nachmittage pro Woche seine Memoiren diktieren zu lassen, nimmt sie sein Angebot an. Eigentlich will sie nur tippen, aber sie kann nicht anders, als mit dem Stalinisten zu streiten ...
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Kritik

Obwohl der Inhalt des Romans "Stille Zeile Sechs" von Monika Maron bedrückend ist, machen kluge Gedanken, feinsinnige Beobachtungen und sprachlich geschliffene Formulierungen die Lektüre zu einem Lesevergnügen.
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Rosalind Polkowski wurde 1943 geboren. Ihren Vater Fritz Polkowski sah sie zum ersten Mal, als sie sieben Jahre alt war; da kam er aus der Gefangenschaft. Obwohl er nur einen Volksschulabschluss hatte, wurde er Lehrer und arbeitete sich zum Rektor hoch, ausgerechnet in der Ostberliner Schule, die auch Rosalind besuchte. Mit dreizehn fragte sie ihren Vater, warum die Arbeiterklasse die Nationalsozialisten nicht verhindert habe. Da rastete er aus und warf ihr vor, die Opfer zu verhöhnen. Aber sie erwiderte:

Wenn das Opfer sich nicht wehrt, hat es auch Schuld. (Seite 74)

Damals lernte sie, dass ihr Vater sie beachtete, wenn sie ihm unbequeme Fragen stellte. Nachdem es ihr nicht gelungen war, ihm zu gefallen, trachtete sie aufgrund dieser Erkenntnis danach, ihm zu missfallen, und sie kritisierte die Kommunisten bei jeder Gelegenheit. Die Eltern konnten sich ihren politischen Meinungswandel nicht erklären. Weil Fritz Polkowski daraufhin die Schulklasse, zu der seine Tochter gehörte, besonders streng führen ließ, Rosalind aber verhindern wollte, dass ihre Mitschülerinnen sie für eine Petze hielten, gebärdete sie sich besonders aufsässig.

Fritz Polkowski starb mit dreiundsechzig.

Rosalind wurde Historikerin. 1970 erhielt sie eine Stelle an der Barabasschen Forschungsstätte in Ostberlin. Nach fünfzehn Jahren wird ihr bewusst, dass sie ihr Leben tagtäglich in das Institut getragen hat „wie den Küchenabfall zur Mültonne“ (Seite 14).

Die Parteikonferenz hatte mich zu interessieren für Geld, das ich für Würstchen ausgab, die ich an Katzen verfütterte […]
Jeden Tag sperrte ich mich freiwillig in einen Raum, der seiner Größe nach eher eine Gefängniszelle war und den man mir ebenso zugeteilt hatte wie das Sachgebiet, dem ich acht Stunden am Tag meine Hirntätigkeit widmen musste […] Nicht mir wurde das Sachgebiet zugeteilt, sondern ich dem Sachgebiet und auch dem Zimmer. (Seite 16)

Sie will nicht mehr für Geld denken müssen und kündigt.

Ungefähr zur gleichen Zeit zerbricht ihre Beziehung mit ihrem Lebensgefährten Bruno.

Im Spätsommer 1985 wird sie in einem Straßencafé von einem achtundsiebzigjährigen Herrn angesprochen. Sie erkennt ihn nicht, doch als er seinen Namen sagt – Herbert Beerenbaum –, weiß sie, dass er bis vor drei Jahren ein mächtiger Mann in der DDR war und als Stalinist gilt. Herbert Beerenbaum möchte seine Memoiren schreiben, da er jedoch eine Schüttellähmung an seiner rechten Hand hat, sucht er für zwei Nachmittage in der Woche eine Schreibkraft. In der Erwartung, an der Schreibmaschine nur ihre Hände gebrauchen zu müssen, nimmt Rosalind Polkowski das Angebot an.

Von da an verbringt sie zwei Nachmittage in der Woche in Beerenbaums Haus in Pankow, Stille Zeile 6.

Sie erfährt, dass Beerenbaum 1905 im Ruhrgebiet als Sohn eines Bergarbeiters geboren wurde. Mit siebzehn trat er in die KPD ein.

Unsere Universität war der Klassenkampf. Unser Latein waren Marx und Lenin. (Seite 135)

Nach Hitlers Machtübernahme schickte ihn die Untergrund-Parteiführung nach Moskau, während seine Freundin Grete in Berlin zurückblieb und im Herbst 1939 ins Konzentrationslager Ravensbrück gesperrt wurde. Nach dem Krieg trafen sie sich wieder und heirateten. Grete Beerenbaum starb vor drei Jahren. Der Sohn des Paares, Michael Beerenbaum, ist Major.

Ihren Vorsatz, bei der Schreibarbeit nicht zu denken, kann Rosalind Polkowski nicht durchhalten. Es fällt ihr immer schwerer, nicht gegen die verlogene, klischeehafte Darstellung aufzubegehren.

Als der Schriftsteller Victor Sensmann den früheren Parteifunktionär besucht, um von ihm Aufschluss über wenig dokumentierte Hintergründe des Berliner Universitätslebens zu Beginn der Sechzigerjahre zu bekommen, und Herbert Beerenbaum gönnerhaft meint, das sei eine aufregende Zeit gewesen, kurz vor dem Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“, kommt es zum Eklat: Rosalind Polkowski schreit die beiden eitlen Männer an und beschimpft sie.

Danach will sie nicht mehr für Beerenbaum arbeiten und nimmt sich vor, ihm das telefonisch mitzuteilen. Der Greis kommt ihr jedoch mit einem Anruf zuvor und behauptet, den nächsten Termin wegen eines Arztbesuches nicht einhalten zu können. Damit überrumpelt er sie, und bevor sie ihm sagen kann, dass sie nicht mehr kommen will, verabschiedet er sich mit den Worten „Bis Freitag“. Weil sie nicht schnell genug reagierte, muss Rosalind wieder hingehen.

Als Beerenbaum von seiner Rückkehr aus Moskau nach Berlin und seinem Wiedersehen mit Grete erzählt, sagt sie: „Es war eine schöne, aber schwere Zeit.“

Es war eine schöne, aber schwere Zeit, sagte ich, weil ich wusste, dass dieer Satz jetzt gesagt werden musste.
Ja, sagte Beerenbaum, es war eine schwere, aber schöne Zeit. Und wir haben viel erreicht.
Und das werden Sie verteidigen gegen jeden, der …
… der das Rad der Geschichte zurückdrehen will. Jawohl, das werden wir, sagte Beerenbaum. Erst danach sah er mich erstaunt an.
Ich ahnte nicht, dass wir uns darin so einig sind.
Ich habe nur meinen Vater zitiert, sagte ich. (Seite 100)

Zufällig erfährt sie, dass Beerenbaum im Herbst 1962 dafür sorgte, dass der Sinologe Karl-Heinz Baron („Graf“), ein gemeinsamer Freund von ihr und Bruno, für drei Jahre eingesperrt wurde, weil er einem Republikflüchtling das Manuskript der Doktorarbeit nachgeschickt hatte und denunziert worden war. Beerenbaum, der damals Staatsfeinde an der Universität beobachtete, meldete ihn der Sicherheitspolizei und bezeichnete ihn in einer Stellungnahme der Universität als „reaktionäres Subjekt“.

Rosalind nimmt sich vor, Beerenbaum darauf anzusprechen. Als sie bei ihm klingelt, will die Haushälterin, Frau Karl, sie nicht ins Haus lassen. Der Professor sei krank, sagt sie, und sein Sohn, der Genosse Major, habe versucht, ihr telefonisch abzusagen. Da taucht Beerenbaum im Morgenmantel hinter Frau Karl auf und bittet seine Schreibkraft herein.

Obwohl er sichtlich krank ist, fragt Rosalind Polkowski ihn nach Karl-Heinz Baron. Beerenbaum versucht, dem Gespräch auszuweichen, aber seine Herausforderin lässt nicht locker. Vor Aufregung bricht der Achtundsiebzigjährige mit einem Herzanfall zusammen. Frau Karl ruft den Notarzt. Beerenbaum wird ins Krankenhaus gebracht.

Rosalind Polkowski besucht ihn dort.

Drei Tage später stirbt er.

Auf dem Friedhof mischt sie sich unter die Trauergäste, doch bevor sie Michael Beerenbaum kondolieren kann, wendet dieser sich ab, und Frau Karl spuckt vor ihr aus.

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Monika Maron erzählt die Geschichte in „Stille Zeile Sechs“ in der Ich-Form aus der Sicht der Protagonistin Rosalind Polkowski. Elegant wechselt sie zwischen der Gegenwart – dem Begräbnis des früheren SED-Funktionärs Herbert Beerenbaum – und ihren Erinnerungen an die Auseinandersetzungen mit ihm während der letzten Monate hin und her. Obwohl der Inhalt bedrückend ist, machen kluge Gedanken, feinsinnige Beobachtungen und sprachlich geschliffene Formulierungen die Lektüre zu einem Lesevergnügen.

Ich hätte gerne noch gesagt, dass im Konkretum Mensch das Abstraktum Freiheit existieren könne wie eine Luftblase im Bernstein, die ohne den Bernstein schließlich nichts sei als Luft und keinesfalls eine Blase. (Seite 54)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Monika Maron: Animal triste

Åke Edwardson - Toter Mann
Lange Zeit reiht Åke Edwardson in dem Kriminalroman "Toter Mann" winzige Bruchstücke von Szenen so aneinander, dass man als Leser keinen roten Faden sieht. Erst als er beginnt, allen Figuren Namen zu geben, werden Beziehungen und Zusammenhänge erkennbar.
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