Im Winter ein Jahr

Im Winter ein Jahr

Im Winter ein Jahr

Originaltitel: Im Winter ein Jahr – Regie: Caroline Link – Drehbuch: Caroline Link, nach dem Roman "Im Winter ein Jahr" von Scott Campbell – Kamera: Bella Halben – Schnitt: Patricia Rommel – Musik: Niki Reiser – Darsteller: Karoline Herfurth, Josef Bierbichler, Corinna Harfouch, Hanns Zischler, Cyril Sjöström, Misel Maticevic, Daniel Berini, Franz Dinda, Karin Boyd, Jacob Matschenz, Inka Friedrich, Hansa Czypionka u.a. – 2008; 125 Minuten

Inhaltsangabe

Die Fassade der wohlsituierten Familie Richter wird durch den Suizid des Sohnes zerstört. Während sich der Vater davonstiehlt, grübeln Eliane und Lilli, die Mutter und die Schwester des Toten, über die möglichen Ursachen des Selbstmords nach, ohne sich dabei gegenseitig beizustehen. Erst durch den verständnisvollen Blick eines Außenstehenden lernt Lilli, die Unbeantwortbarkeit ihrer Fragen zu akzeptieren ...
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Kritik

Das überambitionierte Familiendrama "Im Winter ein Jahr", die Verfilmung eines Romans von Scott Campbell durch Charlotte Link, ist v.a. wegen der schauspielerischen Leistungen von Karoline Herfurth und Josef Bierbichler sehenswert.
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Die erfolgreiche Münchner Innenarchitektin Eliane Richter (Corinna Harfouch) gibt bei dem Maler Max Hollander (Josef Bierbichler) ein Gemälde in Auftrag: Für 20 000 Euro soll er ein Doppelporträt ihrer einundzwanzigjährigen Tochter Lilli (Karoline Herfurth) und ihres zwei Jahre jüngeren Sohnes Alexander (Cyril Sjöström) malen. Lilli studiere in München Tanz und Gesang, erzählt Eliane, Alexander sei im Winter vor einem Jahr bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen.

Widerwillig lässt Lilli sich von ihrem Vater überreden, dem Maler Modell zu sitzen. Das Bild sei für ihre Mutter sehr wichtig, erklärt ihr der Bionik-Professor Thomas Richter (Hanns Zischler), der gerade ein Buch veröffentlicht hat und in der Öffentlichkeit gefeiert wird.

Beim ersten Besuch im Atelier des Malers am Starnberger See klärt ihn Lilli darüber auf, dass Alexander nicht durch einen Jagdunfall starb, sondern sich selbst das Leben nahm, indem er sich hinter dem Haus die Mündung eines Gewehrs in den Mund schob und abdrückte. Die Mutter, die zu Alexander eine engere Beziehung als zu Lilli hatte, versucht noch immer zu verdrängen, dass es sich um einen Selbstmord handelte, zumal niemand versteht, warum sich der begabte Junge erschoss, der ein Elite-Gymnasium in Berchtesgaden besuchte.

Der Suizid zerstörte die Illusion der Richters, eine gut funktionierende Familie zu sein und ließ die Angehörigen des Toten ratlos zurück. Thomas Richter will nicht länger darüber nachgrübeln wie seine Frau. Er lebt zwar noch mit ihr und der Tochter im selben Haus, hat sich jedoch bereits innerlich von ihnen entfernt, verbringt viel Zeit einer Geliebten (Proschat Madani) und beabsichtigt, in Kürze auszuziehen. Eliane verhindert im Zimmer ihres Sohnes jede Veränderung und kommt nicht über den Verlust des Hoffnungsträgers hinweg. Lilli ist völlig aus der Bahn geworfen worden: Wegen ihrer Unpünktlichkeit und mangelhaften Konzentration bei den Proben an der Bayerischen Theaterakademie in München ersetzt die Tanzlehrerin Renee Walters (Karin Boyd) Lilli in der Hauptrolle des Musicals „Alice im Wunderland“ durch eine andere Schülerin (Maria Helgath). Auf der Suche nach Geborgenheit klammert Lilli sich an ihren neuen Freund Aldo (Misel Maticevic), aber die rechnet von Anfang an damit, dass die Beziehung scheitern werde, und tatsächlich überwirft Aldo sich nach kurzer Zeit mit ihr.

Bevor Max Hollander zu malen anfängt, möchte er sich ein Bild von Lilli machen, nicht nur indem er sie fotografiert und Skizzen von ihr anfertigt, sondern vor allem auch durch Gespräche. Weil er Alexander nur von Fotos und Videos kennt, versucht er, von Lilli mehr über ihn zu erfahren. Während sich zwischen ihnen allmählich ein Vertrauensverhältnis aufbaut, setzt Max sich auch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinander: Er war verheiratet, aber seine Frau (Eva Gosciejewicz) trennte sich von ihm, als er seine Neigung für Männer entdeckte und seine sexuelle Orientierung verlor. Er hat seine Ex-Frau schon lange nicht mehr gesehen und auch kaum noch Kontakt zum gemeinsamen, inzwischen achtzehn Jahre alten Sohn Tobias (Jacob Matschenz).

Als er ein Doppelporträt der Geschwister an einem Konzertflügel gemalt hat, bittet er Lilli, es sich anzuschauen. Er spürt, dass das Bild nicht stimmt, versteht aber noch nicht den Grund. Lilli findet die Darstellung unheimlich und erzählt Max, dass sie sich von ihrem toten Bruder verfolgt fühle.

Daraufhin entfernt Max dessen Figur aus dem Bild und ersetzt sie durch die Wiedergabe eines gerahmten Porträts, das hinter Lilli an der Wand hängt.

Eliane hat sich das Gemälde ganz anders vorgestellt: „Ich wollte Alexander, nicht ein Bild im Bild.“

Lilli gefällt das Bild. Sie gesteht Max, dass sie auf ihren Bruder eifersüchtig gewesen sei, weil er dem Wunsch der Eltern nach Bestleistungen ihrer Kinder besser als sie entsprochen habe. Bei der Vorlage für Alexanders Porträt handelt es sich um einen Schnappschuss, den sie noch nie gesehen hat. Ihr Vater erinnert sich, dass das Foto von Alexanders Mitschüler Johannes (Franz Dinda) aufgenommen wurde. Um mehr darüber zu erfahren, fährt Lilli mit Max nach Berchtesgaden und fragt Johannes nach der Situation, in der das Bild entstand. Weil Max den Eindruck hat, dass Alexander sein Gegenüber hinter der Kamera verliebt anschaut, vermutet sie eine homosexuelle Beziehung zwischen den beiden Jungen. Aber Johannes versichert ihr, sie hätten sich nur ein Zimmer geteilt. Er erinnert sich, dass Alexander von seiner Schwester sprach, während das Foto gemacht wurde. Der liebevolle Ausdruck galt ihr!

Eliane wirft sich im Wald neben einem Baum auf den Boden, vergräbt ihr Gesicht im Herbstlaub und schluchzt. Danach setzt sie sich zu Hause an den Computer und fängt damit an, sich schriftlich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen.

Währenddessen tanzt Lilli bis zur Erschöpfung zur Musik von „Signal to Noise“ von Peter Gabriel. Durch die Gespräche mit dem Maler und die Beschäftigung mit dem Bild hat sie gelernt, dass sie es akzeptieren muss, niemals den Grund für den Selbstmord ihres Bruders zu erfahren.

Kurz darauf glaubt sie wieder einmal, Alexander auf der Straße zu sehen. Sie bleibt stehen, blickt zum Himmel hoch und fordert ihren Bruder auf, damit aufzuhören, sie zu verfolgen. Da beginnt es leicht zu schneien. Lilli lächelt und sagt: „Entschuldigung angenommen.“

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Das Drehbuch für ihren Film „Im Winter ein Jahr“ schrieb Charlotte Link nach dem zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten Roman „Aftermath“ von Scott Campbell („Im Winter ein Jahr“, Übersetzung: Doris Heinemann, München 2008, 285 Seiten, ISBN 978-3-442-46729-7). Dabei verlegte sie die Handlung von Nordamerika nach Deutschland und machte aus dem vierzigjährigen Maler Harry Garrett den zwanzig Jahre älteren Künstler Max Hollander, damit Josef Bierbichler die Rolle übernehmen konnte.

In dem ambitionierten Familiendrama „Im Winter ein Jahr“ geht es um eine Familie, deren Illusion, eine gut funktionierende Gemeinschaft zu sein, durch den Suizid des Sohnes zerstört wird. Während der Vater des Toten sich ablenkt und davonstiehlt, grübeln Mutter und Schwester über die möglichen Gründe für den Selbstmord nach, ohne sich dabei gegenseitig beizustehen. Charlotte Link kommt es allerdings nicht darauf an, die Ursachen aufzudecken, sondern sie beschäftigt sich mit den uneingestandenen Ängsten und Frustrationen der Frauen, mit ihrer Trauerarbeit und vor allem mit dem Reifeprozess der Tochter, die durch den verständnisvollen Blick eines Außenstehenden lernt, die Unbeantwortbarkeit ihrer Fragen zu akzeptieren. Der Film „Im Winter ein Jahr“ kreist um die Beziehung, die sich zwischen dem Maler und der Schwester des Selbstmörders entwickelt.

Charlotte Link lässt sich sehr viel Zeit, die Handlung zu entwickeln und holpert dabei mitunter auch durch Nebenhandlungen, die wenig oder gar nichts beitragen, wie zum Beispiel der Besuch der Familie Richter bei Andrea und Stephan (Inka Friedrich, Hansa Czypionka) oder die Szene mit Richard Peters (Rainer Bock) in der Hotelbar. Auf der anderen Seite gibt Charlotte Link weder als Drehbuchautorin noch als Regisseurin Corinna Harfouch, Hanns Zischler oder Misel Maticevic eine Chance, mehr als eindimensionale, klischeehafte Figuren zu spielen. Sensibel und differenziert wirkt „Im Winter ein Jahr“ nur, wenn es um Max Hollander und Lilli Richter geht. Dann beweist Charlotte Link, dass sie ruhig und aufmerksam erzählen kann. Aber dazu tragen Karoline Herfurth und Josef Bierbichler denn auch mit ihrer nuancenreichen, eindrucksvollen Darstellung entscheidend bei: Sie machen „Im Winter ein Jahr“ sehenswert.

Gegen Ende zu setzt Charlotte Link einen theatralischen Höhepunkt: eine Parallelmontage der auf dem Waldboden schluchzenden Mutter und der kathartisch tanzenden Schwester des Selbstmörders. Statt „Im Winter ein Jahr“ damit zu beschließen, setzt Charlotte Link noch die kitschige Szene von Lillis Zwiegespräch mit ihrem toten Bruder drauf.

Die in „Im Winter ein Jahr“ zu sehenden Gemälde stammen von Florian Süssmayr (* 1963).

Es gibt auch eine Hörspielversion von „Im Winter ein Jahr“, mit Filmdialogen und der Erzählerin Barbara Nüsse (2 CDs, Hamburg 2008).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011

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