John le Carré : Der Spion, der aus der Kälte kam

Der Spion, der aus der Kälte kam

John le Carré

Der Spion, der aus der Kälte kam

Originalausgabe: The Spy who came in from the Cold Verlag Victor Gollancz Ltd., London 1963 Deutsche Erstausgabe: Zsolnay Verlag, Wien / Hamburg 1964 Übersetzung: Christian Wessels, Manfred von Conta Süddeutsche Zeitung / KriminalbibliothekBand 41, München 2006, 229 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Alec Leamas leitet das Büro des britischen Geheimdienstes in Berlin. Nachdem alle seine Agenten ausgeschaltet worden sind, inszenieren die Briten den beruflichen und sozialen Abstieg Alecs, damit es glaubwürdig erscheint, dass er sich von seinen Gegenspielern in der DDR anwerben lässt. Der Plan scheint aufzugehen, aber dann stellt Alec fest, dass ihn seine Vorgesetzten bewusst getäuscht haben und ganz andere Absichten verfolgen, als er dachte ...
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Kritik

"Der Spion, der aus der Kälte kam" ist ein sachlicher, realistischer und spannender Spionageroman von John le Carré, der die Geheimdiensttätigkeit aus eigener Erfahrung kennt.
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Seit Mai 1951 leitet Alec Leamas das Büro des britischen Geheimdienstes MI6 in Berlin. 1954 kam er an Fritz Feger heran, den zweiten Mann im DDR-Verteidigungsministerium, aber nach zwei Jahren wurde Feger enttarnt und starb im Gefängnis. Im Lauf der Zeit hat Leamas einen Agenten nach dem anderen verloren. Zuletzt verfügt er nur noch über Karl Riemeck, einen Sekretär im Präsidium der SED, der seit 1959 für ihn arbeitet. Riemeck wird im März 1961 vor seinen Augen erschossen.

Nach seinem Scheitern verlässt Leamas Berlin und kehrt nach London zurück, wo der Fünfzigjährige in der Bankabteilung des MI6 einen Schreibtischjob bekommt.

Innerhalb weniger Monate verwandelte er sich unter den Augen seiner Kollegen aus einem ehrenhaft entlassenen Mann zu einem grollenden, betrunkenen Wrack. (Seite 28)

Als er entlassen wird, tauchen Gerüchte auf, es habe in seinem Verantwortungsbereich Unregelmäßigkeiten in der Buchführung gegeben. Sein Versuch, in den Vororten Londons Nachschlagewerke zu verkaufen, schlägt fehl. Schließlich vermittelt ihn das Arbeitsamt als Hilfskraft an eine öffentliche Bibliothek. Dort verliebt sich der Fünfzigjährige in seine weniger als halb so alte Kollegin Elizabeth („Liz“) Gold, die der von ihm abgelehnten kommunistischen Partei angehört. Sie erwidert seine Gefühle und wird seine Geliebte.

Eines Tages kommt er nicht zur Arbeit. Besorgt nimmt Liz ein Taxi zu seiner Wohnung und findet ihn krank im Bett vor. Sie pflegt ihn gesund, aber dann verabschiedet Leamas sich von ihr mit der Aufforderung: „Diesmal suche mich nicht mehr. Diesmal nicht.“ (Seite 45)

Am nächsten Morgen ersucht er den Inhaber des benachbarten Krämerladens um Kredit, und als dieser ihm den verweigert, schlägt er den Geschäftsmann nieder. Daraufhin wird er festgenommen.

Nach der Verbüßung einer kurzen Haftstrafe spricht ein Unbekannter ihn an, der sich als William („Bill“) Ashe ausgibt und behauptet, sie hätten sich bei einer Party kennen gelernt. Obwohl Leamas genau weiß, dass der Fremde lügt, lässt er sich von ihm mit einem Mann namens Sam Kiever zusammenbringen und scheinbar widerwillig überreden, mit nach Den Haag zu fliegen, um dort mit dem sowjetischen Geheimdienst Kontakt aufzunehmen. Ein gewisser Peters fragt Leamas tagelang aus und berichtet ihm schließlich, dass er nicht nach Großbritannien könne, weil die Polizei dort eine Großfahndung nach ihm eingeleitet habe. Leamas begleitet deshalb Peters nach Berlin.

In Ostberlin trifft er auf Jens Fiedler, den stellvertretenden Leiter des Staatssicherheitsdienstes, von dem Leamas weiß, dass er mit seinem Chef Hans-Dieter Mundt verfeindet ist. Leamas arbeitet in Wirklichkeit nach wie vor für den MI6. Der Plan, dass sich die Gegenseite nach seinem vorgetäuschten sozialen Abstieg und seiner Entlassung für ihn interessieren würde, ist aufgegangen. Nun hat Leamas die Aufgabe, Fiedler darin zu bestärken, Mundt zu vernichten.

Nach einigen Tagen wird Leamas überfallen, zusammengeschlagen und eingesperrt: Mundt durchschaute die Intrige rechtzeitig und ließ auch seinen Konkurrenten Fiedler festnehmen.

Fiedler wiederum hatte unmittelbar vor seiner Festnahme einen Haftbefehl gegen Mundt beantragt und dem Parteipräsidium Belastungsmaterial gegen seinen Chef geschickt. So kommt es, dass Mundt inhaftiert wird und sich vor einem geheimen Sondertribunal verantworten muss, bei dem Fiedler als Kläger auftritt und Leamas als Zeuge aussagt.

Ende 1956 war Hans-Dieter Mundt als Mitglied der Deutschen Stahlmission nach London gekommen. 1959 wurde dort ein Haftbefehl gegen ihn erlassen, aber es gelang ihm trotzdem, in einem Linienflugzeug nach Berlin zu entkommen. Daraus schlussfolgert die Anklage, dass er sich auf einen Deal mit den Briten einließ und seither als Doppelagent für den MI6 tätig ist. Der Verdacht wird erhärtet durch die Tatsache, dass er in Kopenhagen und Helsinki war, jeweils wenige Tage, nachdem ein britischer Agent dort einen größeren Geldbetrag deponiert hatte. Die Indizien belasten Mundt schwer, doch die Verteidigung ruft zu Leamas‘ Entsetzen Elizabeth Gold als Zeugin auf. Man lockte sie durch eine Einladung der SED in Leipzig-Neuenhagen an die Ortsgruppe der Kommunistischen Partei in Bayswater-Süd ins Land. Liz, die von Leamas‘ Anwesenheit überrascht ist, weiß weder, wer angeklagt ist, noch um was es vor dem Tribunal geht. Sie versucht, ihren früheren Geliebten nicht zu schaden, aber in ihrer Naivität hilft sie ungewollt dem Verteidiger Mundts, zu beweisen, dass Leamas nach wie vor für den MI6 arbeitet und mit Fiedler gegen seinen Mandaten konspirierte. Um Liz zu schonen, erklärt Leamas sich bereit, alles zu gestehen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Während weiterer Vernehmungen im Gerichtssaal begreift Leamas, dass er und Fiedler hereingelegt wurden: Er sollte nicht Fiedler helfen, Mundt zu vernichten, sondern umgekehrt!

Liz wundert sich, als sie nach einigen Tagen von Mundt persönlich aus dem Gefängnis geholt und zu einem Auto gebracht wird, bei dem Leamas auf sie wartet. Während die beiden nach Köpenick fahren, fragt Liz, wieso Mundt sie beide laufen lässt und argwöhnt, dass Leamas sich umdrehen ließ.

„Nun gut!“, schrie Leamas plötzlich. „Ich werde dir sagen, was weder du noch ich jemals hätten erfahren sollen. Hör zu: Mundt ist unser Mann, der Agent Londons. Man kaufte ihn, als er in England war. Wir erleben den lausigen Schluss einer dreckigen, lausigen Aktion zum Schutz von Mundts Haut. Mundt sollte vor einem schlauen kleinen Juden in seinem eigenen Amt geschützt werden, der die Wahrheit zu ahnen begann.“ (Seite 216)

Leamas hält es für seine Pflicht, den wichtigen Agenten Londons zu schützen. Liz bleibt argwöhnisch:

„Trotz allem ist es merkwürdig, dass Mundt mich gehen lässt – auch wenn es mit dir so abgemacht ist“, grübelte sie. „Ich stelle doch jetzt ein Risiko dar. Wenn wir nach England zurückkommen, meine ich. Ein Parteimitglied mit all dem Wissen … Es kommt mir unlogisch vor, dass er mich gehen ließ.“ (Seite 219)

In Köpenick werden sie von einem Unbekannten zu einer Stelle gelotst, von der aus sie zu einem genau festgelegten Zeitpunkt zur Mauer rennen und darüber klettern sollen. Der Stacheldraht auf der Mauerkrone sei bereits durchschnitten, versichert der Kontaktmann.

Liz und Leamas laufen los. Leamas klettert auf die Mauer und legt sich oben auf den Bauch, um Liz heraufzuziehen. Da flammen Scheinwerfer auf. Sirenen beginnen zu heulen. Drei oder vier Schüsse sind zu hören. Während Leamas von der Westseite her in englischer Spache aufgefordert wird, zu springen, kann er Liz nicht mehr halten. Die junge Frau liegt tot am Boden. Statt sich in den Westen zu retten, klettert Leamas zu ihr hinunter – und wird ebenfalls erschossen.

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In dem sachlichen, realistischen und spannenden Spionageroman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ erzählt John le Carré von einem britischen Geheimagenten, der erfahren muss, dass seine eigene Seite genauso skrupellos und heuchlerisch handelt wie die gegnerische: Trotz seiner ungebrochenen Loyalität wird er von seinem eigenen Dienst getäuscht und belogen. Dabei schrecken seine Vorgesetzten auch nicht davor zurück, eine Liebesbeziehung für ihre Zwecke zu missbrauchen.

John le Carré hat die Geschichte einem auktorialen Erzähler in den Mund gelegt, der vor allem im letzten Drittel zwischen den Handlungssträngen hin- und herwechselt, wodurch sich die Dynamik verstärkt.

Martin Ritt verfilmte den Roman: „Der Spion, der aus der Kälte kam“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006/2007
Textauszüge: © Ullstein Buchverlage

Martin Ritt: Der Spion, der aus der Kälte kam

John le Carré (Kurzbiografie)
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Wie kaum ein anderer hat Karl Kraus es in "Die letzten Tage der Menschheit" verstanden, seiner scharfen Gesellschaftskritik und seiner eindringlichen Warnung vor dem Krieg die Form einer vor Witz und Sarkasmus funkelnden monumentalen Satire zu geben.
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