Bodo Kirchhoff : Erinnerungen an meinen Porsche

Erinnerungen an meinen Porsche

Bodo Kirchhoff

Erinnerungen an meinen Porsche

Erinnerungen an meinen Porsche Originalausgabe: Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009 ISBN: 978-3-455-40184-4, 223 Seiten, 18.50 € (D) Deutscher Taschenbuch Verlag, dtv, München 2012 ISBN: 978-3-423-14062-1, 223 Seiten, 9.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Weil der Frankfurter Investmentbanker Daniel Deserno den Kinderwunsch seiner Freundin Selma unter dem Christbaum zurückweist, malträtiert sie seinen von ihm "Porsche" genannten Penis. Bei der Entlas­sung aus dem Krankenhaus kann er plötzlich nicht mehr gehen. In einer Kurklinik im Schwarzwald, wo man versucht, ihn wieder auf die Beine zu bringen, begegnet er der jungen, depressiv gewordenen Autorin eines "Hämorrhoiden-Bestsellers", und zur Lesung aus einem Goethe-Roman kündigen sich Selma und seine Mutter an ...
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Kritik

Bodo Kirchhoff parodiert in seinem Roman "Erinnerungen an meinen Porsche" die Finanzwirtschaft und den Literaturbetrieb. Das ist über­dreht, provokant, schlüpfrig, durch­aus unterhaltsam, aber nicht beson­ders originell oder ideenreich.
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Daniel Deserno ist 39 Jahre alt. Geboren wurde er im Oktober 1970 in Frankfurt, und zwar von Ursel, der Tochter eines Wehrmachtsoffiziers, einer Aktivistin im Häuserkampf, die mit Bea, Doro und Ingeborg eine WG bildete. Daniels Vater hieß Gunther, spielte aber außer bei der Zeugung keine Rolle in seinem Leben. Daniel wurde Investmentbanker und verdiente bis zur Finanzkrise eine Menge Geld. In seiner Garage steht ein anthrazitfarbiges Porsche Turbo Cabriolet mit rotem Verdeck. Fahren kann er den teuren Sportwagen zur Zeit nicht, denn er sitzt im Rollstuhl und befindet sich in der privaten Kurklinik Waldhaus im Schwarzwald.

Schuld daran ist Selma, Head of Department der Kulturstiftung der Bank, deren Geld bis zum Zusammenbruch von Investmentbankern wie Daniel in der „Schweineabteilung“ verdient wurde. Selma war seine Freundin – bis zum Heiligen Abend des letzten Jahres. Während seine Arme mit Handschellen an ein Heizungsrohr gefesselt waren und Selma mit hochgeschobenem Kleid auf seinem Schoß saß, zeigte sie ihm Ultraschall-Fotos ihrer schwangeren Schwester und bedeutete ihm, dass sie ein Kind wolle.

Und auf einmal sollten wir ein Kind haben, wo doch in meinem Cabrio kaum eine Handtasche auf den Rücksitz passt.

Dass Daniel „nee, Selma, nee“ sagte, löste einen Streit aus. Nachdem Selma eine vom Christbaum gerissene Kugel an seinem Kopf zerschlagen hatte, öffnete sie ihm die Hose und holte seinen ungeachtet der Auseinandersetzung erigierten Penis heraus. Dann fasste sie hinter sich und ergriff den gerade erst ausgepackten Korkenzieher mit zwei flügelartigen Hebeln aus Edelstahl. Den Dorn des Geräts rammte sie ihm in die Harnröhre und riss ihn dann wieder heraus. Daniel, der sich wegen der hinter dem Rücken angeketteten Hände nicht wehren konnte, schrie vor Schmerzen. Die „Stille Nacht“ singenden Nachbarn alarmierten daraufhin die Polizei, und Daniel wurde mit schweren Verletzungen im Corpus spongiosum penis ins Krankenhaus gebracht.

Am Tag seiner Entlassung knickten ihm die Beine weg. Seither sitzt er im Rollstuhl. Die Lähmung hängt mit seiner ebenfalls psychisch bedingten Impotenz zusammen. Kein Wunder bei einem Mann, der von sich behauptet, er habe zwischen dem 11. und 17. Lebensjahr mehr oder weniger eine Dauererektion gehabt. Von einer Narzisstischen Persönlichkeitskrise bzw. einem NPK-Syndrom sprechen die Ärzte. Nun versuchen sie in der Kurklinik Waldhaus, die Störung zu beseitigen, allen voran die badische Krankengymnastin Marlies. Zwischendurch muss Daniel sich einer Bougierung unterziehen. Eine von mehreren Krankenschwestern mit Namen Kim schiebt ihm das Präputium zurück und drückt das Ostium Urethrae auf, damit der Chefarzt Prof. Cordua nach und nach immer dickerere Stäbe in die Harnröhre einführen kann.

Die im Speisesaal der Kurklinik servierten Gerichte tragen italienische Namen wie Fichi Secchi Ripieni, und der eigentlich Josef heißende, aus Leipzig stammende Oberkellner nennt sich dementsprechend Giuseppe. Als Sachse betont er die italienischen Wörter allerdings seltsam und serviert beispielsweise Spaghetti alle Vongoohle.

Eines Tages erkennt Daniel in einer neu aufgenommenen, schätzungsweise 20 Jahre alten Patientin mit piepsiger Stimme die Autorin eines Bestsellers, der größtenteils von Hämorrhoiden handelt und aufgrund des Welterfolgs nun auch noch in einer Blindenschrift-Ausgabe erscheinen soll. Dabei wollte Helene – so heißt die Verfasserin – lediglich von der Tragödie eines Scheidungskindes erzählen, wenn auch „durch das Schlüsselloch des Pos“. Weil der Megaerfolg sie depressiv gemacht hat, soll sie nun ein paar Wochen in der Kurklinik Waldhaus verbringen.

Ebenso wie Daniel sitzt Helene im Speisesaal zunächst allein an einem Tisch, aber nachdem die beiden mehrmals Blicke getauscht haben, schlägt sie vor, gemeinsam zu essen. Helene schiebt auch Daniels Rollstuhl. Er erzählt ihr, dass er sich während seines Aufenthalts in der Kurklinik Notizen mache, aus denen ein Buch werden soll, in dem sie und ihr Buch vorkommen. Bald nachdem er ihr anvertraut hat, wie es zu seiner Verletzung, Impotenz und Lähmung kam, hält sie ihm ihr Smartphone hin. Auf dem Display sieht er ihre Vulva. Sie hat das Foto eigens für ihn aufgenommen, und es ist als Appell gedacht, aber Daniels „Porsche“ reagiert nicht darauf.

Gerade als Helene vorschlägt, Lakritze in den Po zu schieben und dann zu essen, ruft Daniels Mutter auf seinem BlackBerry an. Ursel, die inzwischen mit Bea und Doro in einer Alten-WG in Frankfurt lebt, kündigt ihren Besuch an, und zwar anlässlich der Lesung des Schriftstellers Ludger Truchseß aus seinem Goethe-Roman „Amalia oder die Notwendigkeit“ in der Kurklinik Waldhaus. Sie hat bereits für sich und ihren neuesten Lebensgefährten, den Buchkritiker Günter, auf Kosten ihres Sohnes die Tschechow-Suite im Grandhotel Römerbad reserviert.

Kurz darauf erhält Daniel eine Ansichtskarte von Selma aus Dubai. Dort liest Ludger Truchseß im Auftrag der Kulturstiftung ebenfalls aus seinem Goethe-Roman, und Selma hat ihn begleitet. Sie wird auch mit ihm in den Schwarzwald kommen.

Erst als Daniel sie wiedersieht, merkt er, dass sie hochschwanger ist, allerdings nicht von ihm, sondern von dem früheren Kollegen Tobias von Treusch, der inzwischen nicht mehr bei der durch die Finanzkrise ins Trudeln geratenen Bank arbeitet. Selma weiß, dass es ein Sohn wird, und der soll den Namen eines Siegers erhalten: Alexander.

Zur Einführung in die Autorenlesung im Kaminfoyer der Kurklinik Waldhaus hält ein Dr. Humbert den Vortrag „Liebe und Alter am Beispiel von Goethes Amalia-Affäre in Truchseß‘ Roman Amalia oder die Notwendigkeit“. Daniel wartet nicht bis zum Ende der Veranstaltung. Er rollt zum Ausgang und findet Helene in einem Schuppen. Sie sitzt rittlings auf der Kühlerhaube eines Traktors. Selma kommt dazu und spricht über den Roman „Amalia oder die Notwendigkeit“ von Ludger Truchseß, dessen Lesung noch nicht zu Ende ist.

Dieser Roman, sagte Selma, sei eine noch fragmentarische Theorie der körperlos körperlichen Liebe, in der es keine Unterscheidung mehr gebe zwischen Sexus und Eros. Jede einzelne Seite sei ein Beweis des durchgeistigten Leiblichen, mit dem erzählerischen Höhepunkt von Goethes Akt zwischen Amalias Brüsten, einem Erguss im Wort wie im Wortsinn.

Während Selma das Buch aufschlägt und zu lesen beginnt, öffnet Helene dem Mann im Rollstuhl die Hose. Unter ihren gefühlvollen Händen schwillt Daniels Penis erstmals seit Weihnachten wieder an.

Ludger Truchseß beschreibt, wie die Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach den Penis des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe in seinem Gartenhaus in Weimar zwischen ihren Brüsten stimuliert.

Johann schnaufte jetzt wie ein Kutschpferd, wenn es durch Morast bergan ging, bis ihm, ohne Ankündigung, ein Laut entfuhr, als kämen alle Epigramme auf einmal aus seinem Mund; und dann traf sie ein Strom, weißer als ihre Haut und stärker als der Sonnenstrahl, der noch immer ins Gartenhaus fiel, und wollte kaum aufhören. Welcher Segen der Natur, sagte Amalia, als das Strömen endlich versiegt war, Goethe aber wandte sich seinem Pult zu. Ce n’est pas la nature, Madame, c’est l’essence des choses!

Gerade als Selma diese Zeilen liest, ejakuliert auch Daniel.

[…] kam es mir mit einer Macht, für die es keine Worte gibt. Sie riss alles mit sich, was nicht niet- und nagelfest war, meine Stimmbänder und das Flüssige in den Augen, das Blut in den Lenden und die Gase im Darm.

Nach dem unerwarteten Orgasmus will Daniel sich aus dem Rollstuhl erheben, und Selma schreit: „Du Hund, dir fehlt ja gar nichts!“ Da kommt der Pfarrer Zitt mit der Krankengymnastin Marlies herein, augenscheinlich nicht in seelsorgerischer Absicht. Daniel steht auf und geht mit noch offener Hose über den Kiesweg zum Eingang der Kurklinik, steigt in das einzige dort wartende Taxi – C-Klasse, aber mit Kompressor – und lässt sich zum Frankfurter Flughafen fahren. Unterwegs bestellt er per SMS ein First-Class-Ticket nach Mumbai, Neu-Delhi oder direkt nach Bengaluru, denn er will jetzt nur noch zu seiner indischen Assistentin Zaibunissa Singh im Worldwide Assistance Centre in Bengaluru.

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In seinem Roman „Erinnerungen an meinen Porsche“ lässt Bodo Kirchhoff einen Ich-Erzähler namens Daniel Deserno auftreten. Der Porsche fahrende Yuppie scheitert in der Finanzkrise als Broker einer Bank mit Sitz in Frankfurt am Main. Wenn dann erstmals ein Angriff seiner Freundin mit einem Korkenzieher auf seinen Porsche erwähnt wird, ahnen wir bereits, dass damit kein Kratzer am Sportwagen gemeint ist, zumal die Abkürzung beim Modell Porsche Carrera GT für Geschlechtsteil stehen könnte. Daniel Deserno erholt sich zwar körperlich von der Verletzung, büßt aber nicht nur seine sexuelle Potenz ein, sondern auch seine Gehfähigkeit, beides ohne körperliche Ursache, also psychisch bedingt.

Die Handlung des Romans „Erinnerungen an meinen Porsche“ von Bodo Kirchhoff spielt vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise. Aufs Korn genommen werden Männer, die es auf schnelle Autos, riskante Geldgeschäfte und unverbindlichen Sex abgesehen haben. Die inzwischen angeschlagene Bank, in der Daniel Deserno bis zur Finanzkrise beschäftigt war, verdiente ihr Geld mit Börsenspekulationen. Intern sprach man in diesem Zusammenhang von der „Schweineabteilung“. Das Gegenstück dazu ist die Kulturstiftung der Bank, die beispielsweise den Schriftsteller Ludger Truchseß fördert, mit dem Martin Walser gemeint sein könnte. Bodo Kirchhoff parodiert mit „Erinnerungen an meinen Porsche“ neben der Finanzwirtschaft den Literaturbetrieb in Deutschland. Ludger Truchseß hat einen Roman über Johann Wolfgang von Goethe und Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar geschrieben, von denen der Sachbuchautor Ettore Ghibellino annimmt, dass sie eine heimliche Liebesbeziehung hatten („Goethe und Anna Amalia. Eine verbotene Liebe?“, Verlag Dr. A. J. Denkena, Weimar 2003). Dem etablierten Großautor Ludger Truchseß gegenüber steht Helene, die junge Autorin eines „Hämorrhoiden-Bestsellers“, also Charlotte Roche mit „Feuchtgebiete“.

Bei der privaten Kurklinik im Schwarzwald, in der Daniel und Helene sich als Patienten begegnen, handelt es sich um eine Mischung aus dem Lungensanatorium in „Der Zauberberg“ und der „Schwarzwaldklinik“ (ZDF-Fernsehserie, 1985 – 1989). Dort tummeln sich Figuren, die wir mit Klaus Zumwinkel, Andrea Ypsilanti, Sabine Christiansen, Elke Heidenreich und Patrick Lindner assoziieren. (Peer) Steinbrück kommt lediglich als Passwort für Daniels Konten auf den Caymans vor.

Mit „Erinnerungen an meinen Porsche“ hat Bodo Kirchkoff gewissermaßen einen zweiten „Schundroman“ geschrieben: überdreht, provokant, schlüpfrig, durchaus unterhaltsam, aber nicht besonders originell oder ideenreich.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Hoffmann und Campe Verlag

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Martin Walser - Ein sterbender Mann
Der Protagonist äußert sich in Briefen, Mails, Postings, Selbst­ge­sprächen ... Eingestreut sind auch Texte anderer Figuren. Daraus ergibt sich eine heterogene Mixtur selbst­ironischer, tragikomischer, sarkas­tischer, grotesker, satirischer Passa­gen: "Ein sterbender Mann" von Martin Walser.
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