Gottfried Keller : Der grüne Heinrich

Der grüne Heinrich

Gottfried Keller

Der grüne Heinrich

Der grüne Heinrich Manuskript: 1842 - 1855 Erstausgabe: 1854/55 (vier Bände) Zweite Fassung: 1879/80 Carl Hanser Verlag, München / Wien 1981 Die Bibliothek deutscher Klassiker, Band 54 Harenberg Kommunikation, 1982 768 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der grüne Heinrich – so wird er genannt, weil ihm seine Mutter Anzüge aus der Schützenkleidung seines früh verstorbenen Vaters schneidert – will Kunstmaler werden. Seine Mutter unterstützt ihn mit ihren Ersparnissen. Heinrich verlässt seinen Geburtsort in der Schweiz und versucht, sich in einer süddeuschen Residenzstadt als Landschaftsmaler zu etablieren ...
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Kritik

Seine eigene Biografie regte Gottfried Keller zu dem Roman "Der grüne Heinrich" an. Das vierbändige Werk gilt als Entwicklungsroman, obwohl es sich um den gescheiterten Versuch einer Selbstverwirklichung handelt.
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Nach dem frühen Tod seines Vaters, der sich zum Baumeister hochgearbeitet hatte, wird Heinrich Lee von seiner frommen, menschenscheuen Mutter allein erzogen. Sie wohnen in einer nicht näher bezeichneten Stadt in der Schweiz [Zürich]. Weil er grüne Lodenkleidung trägt, die seine Mutter aus den Schützenanzügen seines Vaters schneidert, wird er „der grüne Heinrich“ genannt. Nachdem der Fünfzehnjährige von der Schule verwiesen wurde, weil man ihn fälschlicherweise für den Rädelsführer eines Schülerstreichs gegen einen unbeliebten Lehrer hielt, verbringt er einen Sommer bei Verwandten auf dem Land. In dem Dorf fühlt er sich zu seiner zarten, kränklichen Cousine Anna hingezogen, während ihn eine andere Verwandte, die verführerische dreißigjährige Witwe Judith, sexuell erregt.

Wir gingen gerade dem Waldbache entlang, über welchem der Mond ein geheimnisvolles Netz von Dunkel und Licht zittern ließ; Judith verschwand plötzlich von meiner Seite und huschte durch die Büsche, während ich verblüfft vorwärts ging […] Auf den Steinen lagen Kleider, zuoberst ein weißes Hemd, welches, als ich es aufhob, noch ganz warm war […] Jetzt trat sie aus dem schief über das Flüsschen fallenden Schlagschatten und erschien plötzlich im Mondlichte; zugleich erreichte sie bald das Ufer und stieg immer höher aus dem Wasser und dieses rauschte jetzt glänzend von ihren Hüften und Knien zurück […] Auf den Schultern, auf den Brüsten und auf den Hüften schimmerte das Wasser, aber noch mehr leuchteten ihre Augen, die sie schweigend auf mich gerichtet hielt. Jetzt hob sie die Arme und bewegte sich gegen mich; aber ich, von einem heißkalten Schauer und Respekt durchrieselt, ging mit jedem Schritt, den sie vorwärts tat, wie ein Krebs einen Schritt rückwärts, aber sie nicht aus den Augen verlierend. So trat ich unter die Bäume zurück, bis ich mich in den Brombeerstauden fing […] (Seite 444f)

Der grüne Heinrich möchte Künstler werden und geht nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt und ersten autodidaktischen Versuchen bei dem zwar geschäftstüchtigen und routinierten, aber künstlerisch nicht besonders ambitionierten Maler Habersaat in die Lehre. Erst durch die Begegnung mit einem anderen Künstler – er heißt Römer – begreift Heinrich, dass Habersaat nicht das richtige Vorbild für ihn ist. Römer lehrt ihn, in klassischer Natürlichkeit zu malen, aber nach einiger Zeit kommt es zum Bruch zwischen dem schizophrenen Kunstlehrer und seinem Schüler.

Ich glaube, wenn Römer sich eingebildet hätte, ein Nilpferd oder ein Speiseschrank zu sein, so wäre ich nicht so unbarmherzig und undankbar gegen ihn gewesen; da er aber ein großer Prophet sein wollte, so fühlte ich meine eigen Eitelkeit dadurch verletzt […] (Seite 432f)

Als das Mädchen Anna stirbt, sagt der grüne Heinrich sich von Judith los, um seiner Cousine in Gedanken treu zu bleiben.

Judith war ernst und etwas verlegen, als sie mich sah, da sie nicht recht wusste, wie sie sich zu dem traurigen Erlebnis stellen sollte […]
Ich sagte aber ernsthaft, ich wäre gekommen, um Abschied von ihr zu nehmen, und zwar für immer; denn ich könnte sie nun nie wieder sehen […] und fuhr fort: dass es […] nicht so gehen könne, dass ich Anna von Kindheit auf gern gehabt, dass sie mich bis zu ihrem Tode wahrhaft geliebt und meiner Treue versichert gewesen sein. Treue und Glauben müssten aber in der Welt sein, an etwas Sicheres müsste man sich halten, und ich betrachte es nicht nur für meine Pflicht, sondern auch als ein schönes Glück, in dem Andenken der Verstorbenen im Hinblick auf unsere gemeinsame Unsterblichkeit, einen so klaren und lieblichen Stern für das ganze Leben zu haben, nach dem sich alle meine Handlungen richten könnten.
Als Judith diese Worte hörte, erschrak sie […] und wurde zugleich schmerzlich berührt […] und sagte dann: „Ich habe geglaubt, dass du mich wenigstens auch etwas liebtest!“
„Gerade deswegen“, erwiderte ich, „weil ich wohl fühle, dass ich heftig an dir hange, muss ein Ende gemacht werden!“
„Nein, gerade deswegen musst du erst anfangen, mich recht und ganz zu lieben!“
„Das wäre eine schöne Wirtschaft!“, rief ich, „was soll dann aus Anna werden?“
„Anna ist tot!“
„Nein! Sie ist nicht tot, ich werde sie wiedersehen und ich kann doch nicht einen ganzen Harem von Frauen für die Ewigkeit ansammeln!“ (S. 458f)

Der grüne Heinrich zieht in eine süddeutsche Residenzstadt [München], um dort seine Ausbildung abzuschließen und sich als Landschaftsmaler zu etablieren. Seine Mutter stellt ihm dafür alle Ersparnisse zur Verfügung. Heinrich befreundet er sich mit zwei anderen Malern: dem schwedischen Hünen Erikson und dem melancholischen Ferdinand Lys aus Amsterdam, doch als Lys vor den Augen der ihn liebenden Agnes einer anderen den Hof macht, gerät Heinrich über dieses rücksichtslose Verhalten mit ihm in Streit. Sie duellieren sich in Lys‘ Wohnung mit Stoßdegen, und dabei trifft Heinrich seinen Gegner in den rechten Lungenflügel. (Ferdinand Lys wird später an der Verletzung sterben.) Darüber zerbricht auch Heinrichs Freundschaft mit Erikson.

Als Künstler hat der grüne Heinrich keinen Erfolg. Um seine Schulden bezahlen zu können, bittet er seine Mutter in einem Brief um Geld, und sie nimmt eine Hypothek auf ihr Haus auf, um ihm eine entsprechende Summe schicken zu können. Aus Not verkauft Heinrich einem greisen Trödler ältere Skizzen und malt Fahnenstangen weiß-blau an. Frustriert über die vermeintliche Erkenntnis, dass es auch in der Kunst nur auf den Marktwert ankomme, beschließt er, den Beruf des Malers aufzugeben. Als er mit der Miete für sein Zimmer ein halbes Jahr im Rückstand ist, macht er sich auf den Heimweg, zumal er von einem Landsmann erfahren hat, dass seine verarmte Mutter – die ihn seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hat – auf seine Rückkehr wartet.

Durch Zufall gerät er unterwegs an den Grafen Dietrich und dessen zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre alte Pflegetochter Dorothea („Dortchen“) Schönfund, die er beide bereits auf dem Hinweg in einem Gasthaus kennen gelernt hatte. Der aufgeschlossene Gönner ermutigt seinen Gast, die künstlerische Tätigkeit nicht aufzugeben und lädt ihn ein, den Winter im Gartenhaus seines Schlosses zu verbringen. Es stellt sich heraus, dass der Graf Heinrichs ältere Skizzen von dem Trödler erworben hat. Heinrich verliebt sich in Dortchen, die wieder Zuversicht und Lebensfreude in ihm weckt, aber er zögert, ihr seine Liebe zu gestehen.

Eines Tages macht ihn ein Gericht ausfindig und teilt ihm von Amts wegen mit, dass ihm der inzwischen verstorbene Trödler in der Residenzstadt, dem er die Skizzen verkauft hatte, sein Vermögen hinterließ.

Wohlhabend reitet der grüne Heinrich schließlich in seine Heimatstadt zurück. Seine Mutter wurde gerade zu Grabe getragen. Wegen der Hypothek wurde sie im Winter aus dem Haus vertrieben, in dem sie achtundzwanzig Jahre lang gewohnt hatte und musste in eine ärmliche Wohnung ziehen. Aus Kummer über ihre Armut und sein Fernbleiben ist sie jetzt gestorben. Der grüne Heinrich fühlt sich schuldig an ihrem Tod, zerbricht unter den Selbstverwürfen und stirbt bald darauf ebenfalls.

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Gottfried Keller (geboren am 19. Juli 1819 in Zürich) war der Sohn eines früh verstorbenen Drechslermeisters. Sein Bestreben, Kunstmaler zu werden, musste er aufgeben, aber staatliche Stipendien ermöglichten es ihm, in Heidelberg und Berlin zu studieren. 1854/55 erschienen die vier Bände seines Romans „Der grüne Heinrich“, doch obwohl dieses Werk inzwischen neben „Wilhelm Meister“ von Johann Wolfgang von Goethe (1796, 1821 – 1829) und „Nachsommer“ von Adalbert Stifter (1857) als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Bildungs- und Entwicklungsromane geschätzt wird, fand Gottfried Keller damals nur wenige Leserinnen und Leser. Nicht zuletzt deshalb verfiel er nach seiner Heimkehr aus Deutschland (1855) in eine Depression, von der er sich erst wieder erholte, als er 1861 zum ersten Staatsschreiber des Kantons Zürich ernannt wurde. Dieses Amt sicherte Gottfried Keller finanziell ab. 1875 konnte er es sich leisten, es niederzulegen und sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Gottfried Keller starb am 15. Juli 1890 in Zürich.

Seine eigene Biografie regte Gottfried Keller zu dem Roman „Der grüne Heinrich“ an. Das vierbändige Werk gilt als Entwicklungsroman, obwohl es sich um den gescheiterten Versuch einer Selbstverwirklichung handelt. Von 1842 an dachte Gottfried Keller über den Roman nach. Mit der Niederschrift begann er vier Jahre später, aber er arbeitete noch bis Oktober 1853 an den ersten drei Büchern, die im Jahr darauf veröffentlicht wurden. Das vierte folgte 1855.

„Der grüne Heinrich“ beginnt mit der Reise des Protagonisten nach Deutschland. Seine Jugendjahre werden in einer Rückblende nachgeholt, die mehr als die Hälfte des gesamten Romans ausmacht (S. 48 – 465). Diese „Jugendgeschichte“ wird in der Ich-Form erzählt; davor und danach schreibt Gottfried Keller in der dritten Person. Romantische und realistische Passagen wechseln sich ab; langatmigen Ausführungen und Reflexionen über Kunst, Philosophie und Ethik folgen knapp dargestellte Ereignisse.

1878 bis 1880 arbeitete Keller an einer Neufassung, die 1879/80 erschien.

Diese zweite Version von „Der grüne Heinrich“ wird chronologisch und durchgehend in der ersten Person Singular erzählt. Gottfried Keller strich bzw. kürzte einige Einschübe und verzichtete auf Passagen der ursprünglichen Fassung, die Anstoß erregt hatten. Auch den Schluss änderte er: Der grüne Heinrich kehrt rechtzeitig zurück, um seine Mutter noch auf dem Sterbebett anzutreffen und von ihr einen verzeihenden Blick zu erhalten. Er wird Beamter einer Landgemeinde und lebt mit der inzwischen von einem längeren Amerika-Aufenthalt zurückgekehrten Judith in wilder Ehe zusammen.

Bevorzugt wird heute allgemein die erste Fassung.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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