Claire Keegan : Das dritte Licht

Das dritte Licht

Claire Keegan

Das dritte Licht

Originalausgabe: Foster Faber and Faber, London 2010 Das dritte Licht Übersetzung: Hans-Christian Oeser Steidl Verlag, Göttingen 2013 ISBN: 978-3-86930-609-4, 104 Seiten, 16 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Erzählung "Das dritte Licht" dreht sich um ein 7, 8 oder 9 Jahre altes irisches Mädchen, das in einer verwahrlosten Familie auf­wächst und in den Sommerferien zu ent­fernten Verwandten gebracht wird. Der Vater und die erneut schwangere Mutter sind froh, wenigstens zeitweise ein Kind weniger ernähren zu müssen. Das hart arbeitende Farmerehepaar Kinsella nimmt das Mädchen gern auf. Aber es gibt da auch ein Geheimnis ...
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Kritik

Claire Keegan hat sich in die Lage des Mädchens versetzt. Was das Kind nicht versteht, wird auch nicht erklärt. Die Wirkung der leisen Erzählung beruht auf der Feinfühligkeit der Darstellung und der Virtuosität der Sprache.
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Am Sonntag nach der Frühmesse in Clonegal bringt Dan die älteste seiner Töchter zu entfernten Verwandten seiner Frau Mary, die auf einer Farm in Wesford leben. Dabei kommen sie durch Shillelagh, wo er beim Kartenspiel ein Rind verloren hat. Als John und Edna Kinsella das Mädchen zuletzt sahen, lag es noch im Kinderwagen. Inzwischen geht es zur Schule. Aber jetzt sind Sommerferien. Edna erfährt von dem arglosen Kind, dass das Heu noch nicht gemäht wurde. Dabei wäre es längst Zeit dafür. Dan, der nicht mitbekommen hat, was seine Tochter erzählte, prahlt mit einer üppigen Heuernte. Die Scheune sei bis obenhin voll, lügt er. Nachdem er sich bei den Verwandten satt gegessen hat, fährt er wieder, ohne sich von seiner Tochter zu verabschieden oder ihr zu verraten, wie lange sie bei den Kinsellas bleiben soll. Er vergisst sogar ihr Gepäck. Mary ist erneut schwanger, und sie sind froh, wenigstens zeitweise eines der Kinder losgeworden zu sein.

Edna lässt dem Kind ein Bad ein, und es wundert sich über das tiefe, heiße Wasser in der Wanne.

Unsere Mutter badet uns in so wenig Wasser wie möglich und zwingt uns, dasselbe Wasser zu benutzen.

Weil Dan versehentlich die von der Mutter eingepackte Kleidung wieder mitnahm, geht Edna mit dem Mädchen nach dem Baden mit ins Schlafzimmer und stöbert in einer Kommode.

„Vielleicht passen dir die.“
Sie hält eine altmodische Hose und ein neues kariertes Hemd in die Höhe. Die Ärmel und die Hosenbeine sind mir zu lang, aber sie krempelt sie hoch und zurrt die Hose in der Taille mit einem Leinengürtel zusammen, damit sie besser sitzt.
„Na bitte, geht doch“, sagt sie.

Danach fragt Edna das Kind, ob es sie zum Wasserholen am Brunnen begleiten wolle.

Etwas an der Art, wie sie das sagt, bringt mich auf den Gedanken, es könnte etwas sein, das wir nicht tun sollten.
„Ist es ein Geheimnis?“
[…]
„In diesem Haus gibt es keine Geheimnisse, hörst du?“

In der ersten Nacht nässt das Kind das Bett ein, aber am nächsten Morgen wird es nicht geschimpft. Edna meint, die Matratze habe geweint. Sie schleppt die Matratze ins Freie, schrubbt sie ab und lässt sie in der Sonne trocknen.

Sie ist wie der Mann, verrichtet alles ohne Hast, aber keiner von beiden hält jemals wirklich inne.

John schlägt vor, in Gorey Kleidung für das Kind zu kaufen. Edna entgegnet:

„Sie sieht ja wohl sauber und ordentlich aus, oder?“

Aber John weist sie zurecht:

„Du weißt genau, wovon ich rede, Edna.“

Nachdem Edna Kleider für das Mädchen gekauft hat, fährt sie mit ihm zu einem Haus, in dem sich Trauergäste um einen aufgebahrten Toten versammelt haben. John Kinsella schaufelte das Grab. Nun sitzen die Männer herum und stellen ihre Gläser auf dem geschlossenen Teil des Sarges ab. Eine Frau namens Mildred nimmt das Mädchen mit nach Hause und nutzt die Gelegenheit, es auszufragen.

„Hängen noch die Kleider von dem Kind im Schrank?“

Die Schülerin weiß nichts von einem Kind der Kinsellas. Mildred klärt sie auf: Das Ehepaar hatte einen Sohn, aber der lief dem Jagdhund der Familie nach, fiel in die Jauchegrube und ertrank. Die Kinsellas seien beide über Nacht weißhaarig geworden, erzählt Mildred. Sie werfen sich vor, nicht besser auf ihren Sohn aufgepasst zu haben. – Das Mädchen trug also zunächst Kleidung des toten Jungen. Deshalb schlug John vor, in Gorey neue Sachen zu besorgen.

Als das Kind wieder bei den Kinsellas ist, geht John mit ihm zum Strand.

Kinsella nimmt meine Hand in seine. Ich merke, dass mein Vater kein einziges Mal meine Hand gehalten hat, und ein Teil von mir will, dass Kinsella mich loslässt, damit dieses Gefühl vergeht. Es ist ein hartes Gefühl, aber als wir weitergehen, beruhige ich mich und lasse den Unterschied zwischen meinem Leben zu Hause und dem, das ich hier führe, auf sich beruhen.

Obwohl das Kind bei den Kinsellas eine ungewohnte Zuwendung erfährt, spricht es Edna bis zum Schluss mit Sie an und erzählt nur von der „Frau“, ohne sie beim Namen zu nennen.

Gegen Ende der Ferien schickt Mary einen Brief. Sie weist nicht nur darauf hin, dass die Schule bald wieder beginnt, sondern teilt auch mit, dass sie einen Sohn geboren hat.

Gerade als John das Mädchen nach Clonegal bringen will, wird er zu einer kalbenden Kuh geholt. Der Farmer Joe Fortune benötigt Hilfe. Während Johns Abwesenheit läuft das Kind zum Brunnen, beugt sich über das Wasser und lässt sich hineinfallen. Durchnässt kommt es zurück zum Haus. Am nächsten Morgen wacht das Mädchen mit einer Erkältung auf. Edna lässt es im Bett liegen, bringt ihm Aspirin und heiße Getränke mit Zitrone, Gewürznelken und Honig.

Ein paar Tage später fährt John das Kind nach Hause, und Edna begleitet die beiden im Auto.

Als die Kinsellas wieder aufbrechen, rennt das Mädchen dem Wagen nach und holt ihn am Gatter ein, wo John aussteigen muss, um es zunächst zu öffnen und nach der Durchfahrt wieder zu schließen.

Ich fliege in seine Arme, und er hebt mich hoch. Lange Zeit hält er mich fest umschlossen.

Als ich die Augen endlich wieder öffne und über seine Schulter blicke, sehe ich meinen Vater. Er kommt auf uns zu, mit kräftigen, stetigen Schritten, den Gehstock in der Hand.

Edna schluchzt im Auto.

Ich wage es nicht, die Augen offen zu halten, und tue es doch, starre an Kinsellas Schulter vorbei die Auffahrt hinauf und sehe, was er nicht sehen kann. Wenn ein Teil von mir aus tiefstem Herzen wieder heruntergelassen werden will, der Frau, die sich so gut um mich gekümmert hat, sagen will, dass ich es nie, niemals verraten werde, so hält mich etwas noch Tieferes in Kinsellas Armen fest.
„Daddy, rufe ich ihn, warne ich ihn. „Daddy.“

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Die Erzählung „Das dritte Licht“ dreht sich um ein irisches Kind, das in einer verwahrlosten Familie heranwächst und während eines Ferienaufenthalts bei einem traumatisierten älteren Ehepaar erstmals Zuwendung erfährt.

Das vermutlich zwischen sieben und neun Jahre alte Mädchen, dessen Namen wir nicht erfahren, erzählt in der Ich-Form. Die Erzählsituation bleibt undefiniert. Um eine Rückschau handelt es sich offenbar nicht, denn der Text steht im Präsens, und die Erzählerin weiß nicht mehr als das Kind in diesem Sommer.

Mit großer Sensibilität hat Claire Keegan sich in die Lage des Mädchens versetzt. Was das Kind nicht versteht, wird auch nicht erklärt. Überhaupt bleibt vieles ungesagt, und anderes wird nur angedeutet. „Das dritte Licht“ endet offen und interpretierbar. Es ist eine leise Erzählung ohne Effekthascherei. Die Wirkung beruht auf der Feinfühligkeit der Darstellung und der Virtuosität der Sprache.

Im Original lautet der Titel „Foster“. Das klingt wie ein Name, ist aber keiner. Das englische Substantiv foster bedeutet Pflege. To foster a child lässt sich sowohl mit ein Kind in Pflege geben als auch mit ein Kind in Pflege nehmen übersetzen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Steidl Verlag

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