Claire Keegan : Das Abschiedsgeschenk

Das Abschiedsgeschenk

Claire Keegan

Das Abschiedsgeschenk

Originalausgabe: The Parting Gift in: Walk the Blue Fields Faber and Faber, London 2007 Das Abschiedsgeschenk in: Durch die blauen Felder Übersetzung: Hans-Christian Oeser Steidl Verlag, Göttingen 2008 ISBN: 978-3-86521-664-9

Inhaltsangabe

Bei der Protagonistin handelt es sich um ein einsames, verlorenes, auf einer irischen Farm aufgewachsenes Mädchen, von dem wir weder den Namen noch das Alter erfahren. An diesem Morgen wird der Bruder Eugene sie zum Flughafen fahren: Sie will die Familie und Irland verlassen und nach New York fliegen. Was sie dort erwartet, wissen wir nicht. Vor der Abfahrt erinnert sie sich an Drohungen der Mutter, sie zu ertränken, die lieblose Beziehung der Eltern und den Missbrauch durch den Vater ...
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Kritik

Die Protagonistin erzählt nicht in der Ich-Form, sondern in der 2. Person Singular, also aus einer Distanz zu sich selbst. Vieles wird nur ange­deu­tet, manches bleibt unklar. In der Erzählung "Das Abschiedsgeschenk" von Claire Keegan kommt es auf die Zwischentöne an.
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Deine Mutter wollte keine große Familie. Manchmal, wenn sie die Geduld verlor, drohte sie dir damit, dich in einen Eimer zu stecken und zu ertränken.

Gegenüber den Kindern blieb es bei Drohungen, aber Hundwelpen wurden von der Mutter tatsächlich ertränkt. Wie viele Söhne und Töchter sie hat, erfahren wir nicht, aber es sind mehr als drei. Die Älteste besuchte das beste Internat Irlands und wurde dann Lehrerin. Auch die anderen Kinder bis auf Eugene und die jüngste Tochter, deren Namen wir nicht kennen, kamen auf Internate. Eugene brachte zwar gute Schulnoten nach Hause, aber als er 14 Jahre alt war, ließ ihn der Vater abmelden, damit der Junge das Land bestellen konnte. Und bevor die jüngste Tochter alt genug für ein Internat war, kam der Vater zu der Auffassung, dass eine gute Schulausbildung für sie Verschwendung wäre und nur ein anderer Mann später davon profitieren würde. Sie sollte besser beim Haushalt helfen. Das Ergebnis der Schulabschlussprüfung steht noch nicht fest, aber das Mädchen glaubt, durchgefallen zu sein.

Die Eltern schlafen schon lange nicht mehr im selben Zimmer.

Dein Vater zog ins andere Zimmer, doch an seinem Geburtstag gewährte deine Mutter ihm Sex. Dann ging sie in sein Zimmer, und sie hatten Sex miteinander. Es dauerte nie lange, und nie machten sie ein Geräusch dabei, aber du wusstest Bescheid. Und dann hatte es auch damit ein Ende, und stattdessen wurdest du hineingeschickt, um mit deinem Vater zu schlafen. Es geschah etwa einmal im Monat und nur, wenn Eugene nicht zu Hause war.

Seine Hand fuhrwerkte dann an ihr herum, bis er endlich aufstöhnte und sich von ihr ein Tuch geben ließ. Seit ihrer Menarche im Alter von zwölf Jahren war sie allerdings nicht mehr bei ihm im Zimmer.

An diesem Morgen lässt er sie rufen, aber nicht, um sie zu missbrauchen, sondern um sie vor ihrer Abreise noch einmal kurz zu sehen. Den Koffer hat sie bereits gepackt. Sie wird Irland verlassen und nach New York fliegen. Gleich wird Eugene sie zum Flughafen fahren. Der Vater sitzt im Unterhemd da und starrt sie mit seinen Viehhändleraugen an. Um das Flugticket bezahlen zu können, verkaufte sie ein Fohlen. Vergeblich hofft sie auf etwas Geld vom Vater.

Als die Mutter sie dann in der Küche fragt, ob sie Geld bekommen habe, lügt sie und sagt, der Vater habe ihr 100 Pfund gegeben. Eugene ahnt, dass es nicht stimmt. Und die Mutter meint:

„Seine eigene Tochter, die jüngste von euch, und er steigt nicht mal aus dem Bett, wenn du nach Amerika gehst. Was hab ich doch für einen Hundsfott geheiratet!“

Während der Fahrt zum Flughafen kündigt Eugene an, dass er auch nicht zu Hause bleiben wolle. Lieber verzichte er auf das Land.

„Kannst du dir vorstellen, dass ich je eine Frau mit nach Hause bringe? Welche Frau würde das aushalten? Ich hätte kein eigenes Leben.“

Seine Schwester weiß, dass er seinen Vorsatz nicht in die Tat umsetzen wird.

Am Flugsteig sucht sie die Toilette auf.

Du drückst, und die Tür geht auf. Du läufst an hellen Handwaschbecken vorbei, an Spiegeln. jemand fragt dich, ob dir etwas fehlt – was für eine blödsinnige Frage –, aber zu weinen beginnst du erst, als du eine weitere Tür auf- und wieder zugestoßen und dich sicher in deiner Kabine eingeschlossen hast.

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In der Erzählung „Das Abschiedsgeschenk“ lässt Claire Keegan die Protagonistin selbst zu Wort kommen, aber das irische Mädchen, von dem wir weder den Namen noch das Alter erfahren, erzählt nicht in der Ich-Form, sondern in der 2. Person Singular, spricht also gewissermaßen zu sich selbst und beobachtet sich von außen, aus einer Distanz.

Die Handlung von „Das Abschiedsgeschenk“ spielt innerhalb weniger Stunden an einem Morgen bzw. Vormittag in Irland. Ebenso wichtig sind allerdings Reflexionen und Erinnerungen der Protagonistin. Vieles wird nur angedeutet, einiges bleibt ungeklärt, beispielsweise die Frage, wie das Leben des Mädchens in New York weitergehen soll. Die Erzählerin behauptet zwar einmal, sie werde abgeholt, aber das muss nicht stimmen.

Sicher ist nur, dass wir ein einsames, verlorenes, von der resignierten Mutter ungeliebtes und vom Vater missbrauchtes Mädchen vor uns haben.

In der lakonischen, unspektakulären und melancholischen Erzählung „Das Abschiedsgeschenk“ kommt es vor allem auf die feinen Zwischentöne an. Konkret ausgemalte Szenen gibt es kaum.

Der Titel „Das Abschiedsgeschenk“ wirkt ironisch, wenn nicht sarkastisch.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Steidl Verlag

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