Ein fliehendes Pferd

Ein fliehendes Pferd

Ein fliehendes Pferd

Originaltitel: Ein fliehendes Pferd – Regie: Rainer Kaufmann – Drehbuch: Kathrin Richter, Ralf Hertwig, nach der Novelle "Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser – Kamera: Klaus Eichhammer – Schnitt: Christel Suckow – Musik: Annette Focks – Darsteller: Ulrich Noethen, Ulrich Tukur, Katja Riemann, Petra Schmidt-Schaller, Therese Hämer, Günter Brombacher, Vilmar Bieri, Lisa Friedrich, Jan Messutat, Julian Greis, Zvonimir Ankovic u.a. – 2007; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Sabine und ihr Ehemann Helmut Halm verbringen ihren Urlaub – wie in den letzten elf Jahren auch – am Bodensee. Dort beobachtet Helmut, ein misanthropischer Studienrat aus München, im Morgengrauen die Vogelwelt, und tagsüber liest er Schopenhauer. Aus dieser Selbstisolierung wird er durch seinen früheren Mitschüler Klaus und dessen wesentlich jüngere Begleiterin herausgerissen. Während Helmut sich gestört fühlt, freut Sabine sich über die Abwechslung ...
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Kritik

Bei dem Film "Ein fliehendes Pferd" von Rainer Kaufmann handelt es sich um eine erstklassig besetzte erotische und unterhaltsame Sommerkomödie, die mit Martin Walsers Novelle allerdings nur Grundzüge des Plots gemeinsam hat.
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Sabine (Katja Riemann) und ihr Ehemann Helmut Halm (Ulrich Noethen) verbringen ihren Urlaub – wie in den letzten elf Jahren auch – am Bodensee. Helmut, ein Studienrat aus München, stellt sich jeden Morgen den Wecker, um Vögel zu beobachten, aber Sabine steht erst auf, wenn er in den Ferienbungalow zurückkommt.

Während sie im Wasser ist, liest Helmut in einem Suhrkamp-Taschenbuch: Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung. Der introvertierte Misanthrop, der schon lange nicht mehr mit seiner Frau geschlafen hat, starrt eine langhaarige Blondine im Bikini an, doch als sie ihn ansieht, senkt er seinen Blick sofort wieder ins Buch.

Eine Minute später wird er von einem betont sportlich-dynamischen Angeber angesprochen, der ein Jackett auf der nackten Haut trägt: Klaus Buch (Ulrich Tukur) hat seinen früheren Schulfreund wiedererkannt, obwohl sie seit über zwanzig Jahren nichts mehr voneinander hörten. Helmut braucht etwas länger, um sich an Klaus zu erinnern, zumal er eigentlich seine Ruhe haben wollte und das Zusammentreffen mit dem extrovertierten Lebemann als Störung empfindet. Klaus stellt ihm seine sehr viel jüngere Begleiterin Helene („Hel“ – Petra Schmidt-Schaller) vor: die Schöne, die Helmut gerade aufgefallen war. Dann kommt auch Sabine aus dem Wasser und wird mit Klaus und Hel bekannt gemacht.

Widerwillig geht Helmut mit den anderen in ein Gartenlokal. Dass Klaus Anekdoten über die Schulzeit erzählt und auch nicht vergisst, Helmuts Phimose zu erwähnen, verstärkt dessen schlechte Laune so, dass er sich nach drei Jahren zum ersten Mal wieder Zigaretten kauft und versucht, nach einem Gang zur Toilette grußlos mit Sabine zu verschwinden. Klaus ruft sie jedoch zurück.

Sabine, die mit dem langweiligen Leben an der Seite ihres Mannes unzufrieden ist, freut sich über die Abwechslung, die Klaus mit seiner polternden, überzogen lebensfrohen Art in ihren Urlaubsalltag bringt, und sie lädt das Paar zum Abendessen in ihren Bungalow ein. Helmut bleibt nichts anderes übrig, als sich zu fügen, doch als er sich beim Tischtennis nach dem Essen von Klaus als Spießbürger entlarvt fühlt, wirft er ihn hinaus.

Am nächsten Morgen, als Helmut zum Vögel-Beobachten fährt, glaubt er in einem Jogger Klaus zu erkennen. Er träumt davon, auszusteigen und ihn zusammenzuschlagen. Später masturbiert er im Bad und stellt sich dabei Hel unter der Dusche vor.

Klaus und Hel nehmen Helmut und Sabine zum Segeln mit. Als Hel sich bis auf ein winziges Bikini-Höschen auszieht, versucht Helmut, sie nicht dauernd anzustarren.

Von einem Wasserrohrbruch im Hotel vertrieben, mieten Klaus und Hel sich kurzerhand in dem leerstehenden Ferienbungalow neben den Halms ein.

An diesem Tag steht eine von Helmut geführte Vogel-Exkursion ins Ried auf dem Programm. Sie werden von Mücken zerstochen, und im Schilf verliert Helmut die Orientierung. Vögel sind nicht zu sehen. Doch plötzlich bleibt der Hobby-Ornithologe stehen und weist die beiden Damen auf den deutlich zu hörenden Ruf einer Rohrdommel hin. Hel und Sabine hören beeindruckt zu – bis sie sehen, dass Klaus über die Öffnung einer leeren Wasserflasche bläst und so das Geräusch erzeugt.

Auf der Rückfahrt müssen sie anhalten, weil vor ihnen ein Pferd aus einem Anhänger ausbricht und durchgeht. Klaus rennt los. Sobald das fliehende Pferd wieder zum Stehen kommt, geht er nur noch langsam weiter. Er nähert sich dem Tier von der Seite, sitzt auf und reitet zur Straße zurück. Entscheidend sei, dass man Fluchttieren nicht den Weg versperre, erklärt er Helmut, Hel und Sabine: „Also, wenn ich mich in etwas hineindenken kann, dann ist es ein fliehendes Pferd. Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: Ein fliehendes Pferd lässt nicht mit sich reden.“

Am Nachmittag schmerzt Helmut der Rücken. Während Klaus und Sabine miteinander joggen, wird Helmut von Hel massiert. Wenn Hel sich in ihrem dünnen Kleid über ihn beugt, sieht Helmut ihre Brüste, und sie verstärkt seine Erektion mit der Hand. Als er gerade zum Orgasmus kommt, rufen Klaus und Sabine von draußen nach Handtüchern: Sie waren nach dem Jogging schwimmen und laufen nun nackt durch den Garten.

Sabine, die sich in einer Verschnaufpause von Klaus küssen und im Schritt anfassen ließ, warnt ihren Mann: „Wir werden von den beiden verführt. Wir sollten aufpassen.“

Abends in der Disko auf einem Schiff versucht Helmut, Hel beim Tanzen anzumachen, aber sie erklärt ihm, sie mache sich nichts aus Sex und sei gerade in einer Phase, in der sie nicht einmal angefasst werden wolle. Frustriert besorgt Helmut sich daraufhin in der Toilette Haschisch. Am nächsten Morgen, als ihn zwei Streifenbeamte wecken, liegt er verkatert in einem Abfallhaufen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Während Hel und Sabine zum Einkaufen fahren, wird Helmut von Klaus zu einem Segeltörn überredet. Klaus schwärmt davon, mit Helmut zusammen in Costa Rica ein neues Leben anzufangen; er glaubt, seinen Freund aus der Lethargie herausreißen zu müssen. Als ein Gewitter aufzieht, meint Helmut, sie sollten so rasch wie möglich ans Ufer zurückkehren, aber Klaus schreit vor Begeisterung. Plötzlich stürzt er ins Wasser. Er versucht, auf das Boot zurückzukommen und streckt Helmut eine Hand hin; der hilft ihm jedoch nicht.

Helmut wird von der Wasserschutzpolizei gerettet, aber die Suche nach Klaus bleibt erfolglos.

Sabine holt Helmut ab. Dass sie trotz der Katastrophe an einer Tankstelle hält, um fürs Abendessen einzukaufen, erzürnt ihren Mann. Es kommt zu einem heftigen Streit, und sie bewerfen sich in dem Shop mit Waren aus den Regalen.

Vor ihrem Bungalow wartet Hel auf sie. Weil sie nicht allein sein möchte, nehmen Helmut und Sabine sie mit in ihr Doppelbett. Dort erzählt sie weinend, wie sie Klaus vor einem halben Jahr in der U-Bahn kennen lernte und sich in ihn verliebte.

Am nächsten Tag füllt Hel ein Einweckglas mit Weizenkleie und fügt die Haare aus Klaus‘ Bürste hinzu. Dann tritt sie mit Sabine und Helmut feierlich an den Rand des Bootsstegs, singt ein trauriges Lied und streut den Ascheersatz ins Wasser. Helmut bekommt einen Weinkrampf. Da taucht Klaus auf – topfit und gutgelaunt wie immer. Alle umarmen sich und lachen erleichtert. Hel presst sich an Klaus und flüstert ihm zu, sie wolle auf der Stelle mit ihm schlafen. Sabine geht ins Haus, um ein paar Brote zu holen, und Helmut folgt ihr. Doch als Sabine mit einem Tablett in der Hand nach Hel und Klaus sucht, sind die beiden verschwunden, und ihr Bungalow steht leer: Sie sind weggefahren, ohne sich zu verabschieden.

Sabine zieht ihren Badeanzug an und schwimmt auf den Bodensee hinaus. Helmut schimpft zunächst, aber dann folgt er ihr.

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Rainer Kaufmann (Regie), Kathrin Richter und Ralf Hertwig (Drehbuch) übernahmen von der Novelle „Ein fliehendes Pferd“ nur Grundzüge des Plots und verzichteten auf den Tiefgang der literarischen Vorlage. Der Film zeigt, wie das Lebensmodell, in dem sich ein nicht mehr ganz junges Ehepaar eingerichtet hat, durch die Konfrontation mit einem anderen Paar in Frage gestellt wird. Während die Novelle „Ein fliehendes Pferd“ konsequent aus Helmuts Perspektive erzählt wird, gibt es in der Verfilmung auch Szenen ohne ihn (Klaus und Sabine beim Jogging). Es heißt, Martin Walser sei sehr zufrieden mit der Adaptation, aber das ist angesichts der vielen Diskrepanzen zwischen Buch und Film schwer nachzuvollziehen.

Erotische und tragikomische Elemente der Novelle „Ein fliehendes Pferd“ wurden im Film betont und durch neue ergänzt. Da sagt nun Hel zu Helmut: „Mit Vögeln kennen Sie sich wohl gut aus“, Sabine hantiert mit einer stattlichen Salatgurke, und Hel imitiert mit Weizenkleie eine Seebestattung. Zwar habe ich nichts gegen originellen Klamauk, aber diese Art von Humor passt zum Beispiel ganz und gar nicht zu der aus dem Buch übernommenen hochdramatischen Schlüsselszene (Klaus und Helmut im Gewittersturm).

„Ein fliehendes Pferd“ ist eine missratene Literaturverfilmung, doch wer die Novelle nicht gelesen hat, sieht vermutlich eine unterhaltsame erotische Sommerkomödie mit einer erstklassigen Besetzung.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009

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