Marta Karlweis : Das Gastmahl auf Dubrowitza

Das Gastmahl auf Dubrowitza
Das Gastmahl auf Dubrowitza Originalausgabe: S. Fischer Verlag, Berlin 1921 Neuausgabe (Hg.: Johann Sonnleitner) Das vergessene Buch, DVB Verlag, Wien 2017 ISBN: 978-3-9504158-7-2, 211 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Auf ihrer Inspektionsreise zur Krim logiert Zarin Katharina II. 1787 auf dem Gut Tschertschersk bei Kiew. Kurz darauf brennt es nieder. Die verwitwete Besitzerin versucht, die Zarin einzuholen. Sie hofft, dass Katharina ihr das Gut Dubrowitza bei Moskau abkauft und sie mit dem Erlös Tschertschersk wieder aufbauen kann. Unterwegs wird sie mit viel Elend kon­fron­tiert und erlebt, wie der Zarin blühende Landschaften vorgegaukelt werden ...
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Kritik

"Hungersnot und Seuche im Land, Un­zucht und Völle­rei in den Pa­läs­ten": Um diesen krassen Gegensatz und um die Vortäuschung besserer Verhältnisse dreht sich der Roman "Das Gastmahl auf Dubrowitza" von Marta Karlweis.
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Das Gastmahl auf Tschertschersk

Nach dem frühen Tod ihres Mannes, des Grafen und Feldmarschalls Ilja Zachariewitsch Tschneritscheff, zieht sich die Witwe Jelena Wasiliewna Tschernitschewa auf das nördlich von Kiew liegende Gut Tschertschersk zurück. Dort wohnt sie mit dem Gesinde und zwei Offizieren, die unter dem Kommando ihres Mannes gegen die Türken kämpften und dabei ein Bein bzw. einen Arm verloren: Anton Antonowitsch Müller und Karl Stepanowitsch Adam. Die Räume des Guts sind mit Raritäten aus vielen Jahrhunderten gefüllt, aber die Marschallin hält die meisten verschlossen, denn sie verabscheut Prunk und Pracht. Die Misanthropin steht jeden Morgen um 5 Uhr auf und erlaubt weder Tabak noch Alkohol.

Nie verkaufte sie Sklaven. Aber wenn die Aufseher einen zu Tode prügelten, scherte sie sich nicht mehr darum, als wenn die Küchenmädchen Teller zerbrachen.

Anfang 1787 überbringt ein Bote der 53-jährigen Witwe eine Nachricht der Zarin. Katharina II. plant eine Inspektionsreise in die 1783 annektierten, von Generalgouverneur Fürst Grigorij Grigoriewitsch Potemkin regierten Gebiete am Schwarzen Meer. Auf ihrem Weg von Sankt Petersburg nach Kiew möchte sie am 26. Januar bei Jelena Wasiliewna Tschernitschewa übernachten.

Graf Rumiantzoff, der Generalgouverneur von Kiew, verlangt von den Bewohnern, die Fassaden ihrer Häuser neu zu streichen.

Die Zarin trifft mit ihrem riesigen Gefolge ein. Achtzig Schlitten werden im Hof von Tschertschersk abgestellt. Weitere hundert Begleiter übernachten in der Stadt. Für die hohen Gäste auf dem Gut wird ein Menü mit 45 Gängen zubereitet.

Die Zerstörung von Tschertschersk

In der Nacht nach Katharinas Abreise brennt das Gut Tschertschersk nieder: das Herrenhaus mit all den Kostbarkeiten ebenso wie die Stallungen und die Wohnungen der Dienstboten. Menschen und Tiere kommen in den Flammen um. Jelena Wasiliewna Tschernitschewa wird von einem glühenden Balken getroffen und ringt drei Monate lang mit dem Tod.

Es stellt sich heraus, dass die beiden invaliden Offiziere in der Stadt Potemkins Beauftragten Phalajew begegnet waren. Der gab ihnen Schnaps und Tabak aus. Nach der Rückkehr rauchten sie im Bett und schliefen ein. Die Glut in einer Tabakpfeife verursachte den verheerenden Brand, bei dem sie ums Leben kamen.

Sobald Jelena Wasiliewna Tschernitschewa dazu in der Lage ist, lässt sie sich auf einem Bauern­fuhrwerk mit nach Kiew nehmen. Dort will sie die Zarin überreden, Dubrowitza zu kaufen, ihr anderes Landgut in der Nähe von Moskau. Mit dem Erlös will sie Tschertschersk wieder aufbauen.

Aber Katharina hat Kiew am 22. April verlassen. Als der Dnjepr nicht mehr zugefroren war, verteilte sich die Reisegesellschaft auf dem Weg zur Krim auf sieben vergoldeten Galeeren, die Grigorij Grigoriewitsch Potemkin eigens hatte anfertigen lassen. Zu der Flotte gehören auch achtzig kleine Schiffe.

Die Marschallin folgt der Zarin in der Hoffnung, sie bald einholen zu können.

Konfrontation mit dem Elend

Jelena wundert sich über Straßen ohne Unterbau, zerbrochene Wagenräder, Tierkadaver, aber auch Leichen von vor Erschöpfung gestorbenen Menschen und ein zurückgelassenes halb verhungertes Kind am Wegrand. Von Bauern erfährt sie, dass Kolonnen von Menschen am Dnjepr-Ufer entlang getrieben wurden.

In einer leer stehenden Hütte, die Jelena als Nachtquartier gefunden hat, schreckt sie aus dem Schlaf hoch, gerade noch rechtzeitig, bevor das Dach weggerissen wird. Phalajew – der Mann, der die invaliden Offiziere mit Schnaps und Tabak versorgte – ist dabei, für die Zarin errichtete Kulissen abzubauen, um sie weiter südlich wieder aufzustellen. Potemkin beauftragte ihn, ukrainische Dörfer zwangsweise ans Dnjepr-Ufer umzusiedeln, um der Zarin blühende Landschaften vorzugaukeln. Aber Phalajew hatte eine bessere Idee: Unbemerkt von der Zarin und ihren Begleitern auf der Galeerenflotte verlegt er jede Nacht dasselbe Dorf ein Stück weiter nach Süden.

Phalajew, das war die Unredlichkeit, der Schein, die ekle, die niedrige Schmeichelei. Phalajew, das war der Ämterschacher, der Diebstahl der Kleinen und der Raub der Großen, die sündhafte Verschleuderung der Güter, die Hölle der Armen, der Übermut der Reichen. Phalajew war die liederliche Wirtschaft, die Unzucht jedes Gedankens, der irrende Schimmer auf dem Morast der Lügen, Phalajew war die Gier, die Rastlosigkeit, die Geburt des Teufels, des russischen Teufels, des Ungeheuers ohne Grenzen, die Furcht der Seraphim, das Unfassbare, Untilgbare an sich.

Um zu verhindern, dass die Marschallin die Zarin einholt und ihr von der Täuschung berichtet, lockt Phalajew sie auf ein Schiff und hält sie dort fest. Aber während er betrunken herumhurt, flieht Jelena, und dass er die Wächter halb tot prügeln lässt, bringt sie nicht zurück.

In Alt-Kaidek findet Jelena ein Gasthaus, in dem sie nicht nur in einem Bett schlafen kann, sondern auch mit Krautsuppe und Lamm verköstigt wird. Allerdings achten die Wirtsleute ängstlich darauf, dass die Tür geschlossen bleibt, denn falls hungernde Bauern das Essen riechen würden, könnte das gefährlich werden.

In Sloboda Gruschewka zahlt die Marschallin ihre letzten drei Rubel einem Leibeigenen des Fürsten Wjasemskij, damit dieser sie mit Pferd und Wagen nach Cherson fährt. Bei einer Rast werden allerdings die Pferde gestohlen, und als der Leibeigene seinen Zorn an einem Hund auslassen will, rettet Jelena das Tier – und wird dabei in die Hand gebissen.

Das Gastmahl auf Dubrowitza

Ein Kurier des Generalgouverneurs von Kiew auf der Suche nach Jelena Wasiliewna Tschernitschewa findet sie kurz vor Cherson. Graf Rumiantzoff schreibt, die Zarin habe durch seine Nichte Lisa Rumiantzoff von der Zerstörung des Guts Tschertschersk erfahren. Unter Lisas Adresse in Cherson findet Jelena deren Freundin Sophia Petrowna Passekowa vor, die ihr mitteilt, dass Lisa vor acht Tagen im Gefolge der Zarin mitgereist sei. Sophia hat aber auch gehört, dass Katharina II. am 23. Juni auf dem Gut Dubrowitza sein wolle.

Die Marschallin beschließt deshalb, sich auf direktem Weg nach Dubrowitza zu begeben und dort auf die Zarin zu warten.

Weil sie sich in Dubrowitza einsam fühlt, lädt sie Alexei Gregoriewitsch Orloff ein, und der frühere Regimentskamerad ihres Mannes, der 1762 den entthronten Zaren Peter III. in Ropscha erwürgte und Katharina zur Zarin ausrief, kommt aus Moskau, um der Witwe Gesellschaft zu leisten.

Als die Zarin wie vorgesehen am 23. Juni auf dem Gut Dubrowitza logiert, schimpft Orloff beim Gastmahl über die Zustände im Land.

„Ich weiß, ihr habt große Dinge vor, Krieg und Landeroberung, aber der Boden siecht hin, während ihr auf den Meeren schweift! Russlands Meer ist die Kornflur, ihr Schurken, und dieses Meer habt ihr verraten für dreißig Silberlinge, ihr und Potemkin Ischariot, der die Wüsten urbar macht und Städte baut, die Wanderfüße haben!“

„Das Land, das deine Majestät mit soviel Glorie durchfahren hat, liegt im Elend hinter dir wie eine Brandstatt.“

Jelena kommt Katharina zu Hilfe, indem sie den betrunkenen Offizier zurechtweist:

„Du Tor! Denkst du, die Kaiserin hat nicht alles gewusst?“

Nachdem die 58-jährige Zarin das Gut Dubrowitza gekauft hat, schenkt sie es ihrem jungen Adjutanten Alexander Matweitsch Mamonoff, der zu ihren Liebhabern zählte, den sie nun jedoch mit einer Sechzehnjährigen verheiraten möchte, um ihn glücklich zu machen.

Jelena Wasiliewna Tschernitschewa kehrt nach Kiew zurück, um ihr Gut Tschertschersk wieder aufzubauen.

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Der Roman „Das Gastmahl auf Dubrowitza“ von Marta Karlweis handelt von der Inspektionsreise der Zarin Katharina der Großen im ersten Halbjahr 1787 von Sankt Petersburg zur Krim. Angeblich ließ Grigorij Grigoriewitsch Potemkin die Zarin durch am Ufer des Dnjepr aufgestellte Kulissen von Dörfern über den Zustand des Gebietes täuschen. Urheber der Legende von den „Potemkinschen Dörfern“ war möglicherweise der französische Gesandte Louis Philippe Comte de Ségur, der wie der österreichische Kaiser Josef II., der polnische König Stanislaus II. Poniatowski und andere während der Reise zu Katharinas Gästen zählte. Er behauptete:

Hier hat alles mehr äußeren Glanz als wirklichen Wert. Man bemüht sich hier, alles zu schmücken, zu verschönern, alles momentan für die Augen der Kaiserin zu beleben; aber wenn Katharina einmal wieder abgereist ist, wird auch all diese Herrlichkeit aus diesen riesigen Gebieten verschwinden, sein [Potemkins] Theatercoup ist zu Ende, der Vorhang hat sich gesenkt.

Diese Behauptung griff der missgünstige sächsische Diplomat Gustav Adolf Wilhelm von Helbig auf, als er 1797 bis 1800 in der Hamburger Zeitschrift „Minerva“ über Katharina die Große schrieb. Vermutlich handelt es sich bei der Legende zumindest um eine starke Übertreibung. Aber die Reise Katharinas II. fand tatsächlich statt, und auch die beiden Güter Tschtschersk (Čačersk) und Dubrowitza (Dubrovitsy) gab es.

Der Wiener Literaturwissenschaftler Johann Sonnleitner führt im Nachwort zum Roman „Das Gastmahl auf Dubrowitza“ aus, dass Marta Karlweis augenscheinlich das Buch „Taurische Reise der Kaiserin von Russland Katharina II“ als Quelle benutzte. Es wurde anonym von Melchior Adam Weikard veröffentlicht, der von 1784 bis 1789 Leibarzt der Zarin in Sankt Petersburg war.

Fiktiv sind nur Einzelheiten wie die Szene, in der Jelena Wasiliewna Tschernitschewa am 23. Juni 1787 auf ihrem Gut Dubrowitza Alexei Gregoriewitsch Orloff zurechtweist und kurzerhand behauptet, die Zarin habe sich selbstverständlich nicht während der Reise auf dem Dnjepr täuschen lassen.

Bei einer anderen Gelegenheit fasst Jelena Wasiliewna Tschernitschewa ihre Sicht der Dinge so zusammen:

„Hungersnot und Seuche im Land, Unzucht und Völlerei in den Palästen.“

Um diesen krassen Gegensatz zwischen dem herrschaftlichen Prunk und dem Elend der Bevölkerung geht es in dem Roman „Das Gastmahl auf Dubrowitza“ von Marta Karlweis. Auf einer vergoldeten Galeere spielt Potemkin mit seiner Nichte Branicka Schach. Dabei fordert er die junge Frau, auf deren nackte Brüste er blickt, dazu auf, ihm Sophia Petrowna Passekowa zuzuführen, die noch unberührt sein soll. Währenddessen verhungern die Menschen, die von Potemkins Beauftragten am Ufer entlang getrieben werden oder sie brechen vor Erschöpfung zusammen.

Marta Karlweis erzählt die Geschichte holprig und sprunghaft. Deshalb ist es nicht immer einfach, die Zusammenhänge richtig einzuordnen. Außerdem fällt es schwer, sich an die altmodisch gestelzte Sprache zu gewöhnen.

Zuweilen saß Katharina in den Atlaskissen ihrer goldenen Karosse, und ihre Augen versanken im erbleichenden Fleisch des Angesichts. Nebel schweiften niedrig über die Unermesslichkeit der erstorbenen Steppe. Ihr Herz, das Herz eines Weibes, und Weiber sind für das Endliche geboren, erlitt unerträgliche Ahnung von Räumen, die menschliches Vermögen nicht bewältigt.

Allein der Schlaf umspannte ihn nur wie eine dünne Membran. Die Diener vor seiner Tür vernahmen zuweilen einen rauen Schrei und sie meinten, er schliefe bei einem Weibe.

„Das Gastmahl auf Dubrowitza“ ist Marta Karlweis‘ zweiter Roman und ihr einziger historischer Roman. Das Buch erschien 1921 im Verlag S. Fischer in Berlin. Seit 2017 ist es in einer von Johann Sonnleitner editierten Neuausgabe des Verlags „Das vergessene Buch“ in Wien wieder erhältlich.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017
Textauszüge: © DVB Verlag

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