Angeklagt

Angeklagt

Angeklagt

Angeklagt – Originaltitel: The Accused – Regie: Jonathan Kaplan – Drehbuch: Tom Topor – Kamera: Ralf D. Bode – Schnitt: O. Nicholas Brown, Gerald B. Greenberg – Musik: Brad Fiedel – Darsteller: Jodie Foster, Kelly McGillis, Bernie Coulson, Leo Rossi, Ann Hearn, Carmen Argenziano, Steve Antin, Tom O'Brien, Peter Van Norden, Terry David Mulligan, Woody Brown, Scott Paulin, Kim Kondrashoff u.a. – 1988; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Die junge Kellnerin Sarah Tobias wird von mehreren Männern vor den Augen joh­len­der und anfeuernder Zuschauer ver­ge­wal­tigt. Weil Sarah vorher Alkohol getrunken, einen Joint geraucht und geflirtet hatte, glaubt die Staatsanwältin Kathryn Murphy schlechte Karten zu haben und sich auf einen Deal mit der Verteidigung einlassen zu müssen. Sarah leidet auch darunter, dass die Medien sie in ein schlechtes Licht rücken. Schließlich nimmt Kathryn Murphy sich vor, die Zuschauer vor Gericht zu bringen ...
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Kritik

Das auf Tatsachen basierende Gerichts­drama "Angeklagt" von Jonathan Kaplan veran­schau­licht, wie schwierig es ist, im Fall von Ver­ge­wal­ti­gun­gen für Ge­rech­tig­keit zu sorgen und die Opfer nicht noch zusätzlich zu trauma­ti­sie­ren.
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Während ein junger Mann, der seinen Namen nicht nennen will, der Polizei am 18. April von einer Telefonzelle aus eine Gruppenvergewaltigung in einer nahen Kneipe meldet, kommt eine junge Frau in zerrissener Kleidung schreiend herausgerannt. Der Anrufer beobachtet, wie ein Auto hält und dann mit ihr weiterfährt.

Die vergewaltigte Frau, die Kellnerin Sarah Tobias (Jodie Foster), wird ins Krankenhaus gebracht. Dort wendet sich Kathryn Murphy (Kelly McGillis) an sie, die stellvertretende Bezirksstaatsanwältin, die den Fall übernimmt. Die drei von Sarah als Vergewaltiger benannten Männer Danny, Ben und Kurt (Woody Brown, Scott Paulin, Kim Kondrashoff) werden festgenommen. Aber als sich herausstellt, dass Sarah vor der Vergewaltigung mehrere Gläser Alkohol getrunken und einen Joint geraucht hatte, weiß die Anklägerin, dass sie schlechte Karten hat. Um überhaupt eine Chance für eine Verurteilung der Beschuldigten zu haben, lässt sie sich auf einen von den Verteidigern vorgeschlagenen Deal ein: Die drei Männer werden nur wegen Körperverletzung angeklagt, nicht wegen Vergewaltigung. Und sie kommen erst einmal bis zur Gerichtsverhandlung gegen Kaution frei.

Sarah ist entsetzt, denn damit wird unterstellt, dass der Geschlechtsverkehr einvernehmlich erfolgt sei. Durch Medienberichte entsteht der Eindruck, Sarah Tobias habe die Begierde der Männer durch Aussehen und Verhalten erregt. Sie habe eine tolle Show abgezogen, behauptet jemand. Auf einem Parkplatz wird sie von einem Mann erkannt. Er macht sie auf entwürdigende Weise an und versperrt ihr schließlich mit seinem Wagen die Ausfahrt. In ihrem Zorn rammt Sarah ihn.

Kathryn Murphy macht sich Vorwürfe, weil Sarah sich aufgrund des Deals ungerecht behandelt fühlen muss und nun auch noch von Menschen verachtet wird, die von dem Fall in den Medien erfuhren. Nachdem die drei Vergewaltiger mit verhältnismäßig kurzen Haftstrafen davon gekommen sind, nimmt Kathryn Murphy sich vor, auch die Zuschauer vor Gericht zu bringen, die nichts unternahmen, um Sarah zu helfen und stattdessen die Vergewaltiger anfeuerten.

Sarahs Freundin Sally Fraser (Ann Hearn), die am Abend des 18. April in der Kneipe bediente, sträubt sich aus Angst vor den betroffenen Männern gegen eine Zeugenaussage, aber Kathryn Murphy überredet sie dazu. Was Sally ihr dann aber berichtet, belastet eher das Opfer als die Täter. Sarah sei nach einem heftigen Streit mit ihrem Lebensgefährten Larry (Tom O’Brien) zu ihr in die Bar gekommen, erzählt Sally, und habe getrunken und einen Joint geraucht, um sich zu beruhigen. Dass Sarah sagte, sie werde Ben mit nach Hause nehmen und es vor Larrys Augen mit ihm treiben, sei selbstverständlich nicht ernst gemeint gewesen. Die Vergewaltigung ihrer Freundin auf dem Flipper-Automaten im Nebenraum habe sie nicht gesehen, behauptet Sally.

Durch Aufzeichnungen am Flipper-Gerät stößt Kathryn Murphy auf den Namen eines Gastes, der am 18. April einen Rekord aufstellte: Kenneth Joyce (Bernie Coulson). Sie passt den Studenten auf der Straße ab. Zunächst behauptet er, nichts gesehen zu haben, aber als die Staatsanwältin ihn mit der Aufzeichnung seines Notrufs konfrontiert und er seine eigene Stimme hört, erklärt er sich zur Aussage bereit.

Kurz darauf besucht er seinen Freund Ben im Gefängnis. Ben drängt ihn, nicht mit der Staatsanwältin zusammenzuarbeiten und führt ihm vor Augen, dass er im Fall einer Verurteilung wegen Vergewaltigung mit einer deutlich längeren Haftstrafe rechnen müsste. Daraufhin widerruft Ken seine Aussage und erklärt, sie sei ihm von der Staatsanwältin aufgezwungen worden.

Ein paar Minuten sind Ken und Sarah allein im Büro der Staatsanwältin. Ken gibt zu, seinem Freund Ben nicht schaden zu wollen, und Sarah zeigt dafür Verständnis, versucht aber auch, ihm ihre Lage nahezubringen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Nachdem Sarah im Zeugenstand von Kathryn Murphy befragt wurde, geben sich die Verteidiger Wainwright und Paulsen (Scott Paulin, Peter Van Norden) im Kreuzverhör verständnisvoll und mitfühlend, tun jedoch alles, um Sarah vor den Geschworenen in ein schlechtes Licht zu rücken. Sie muss zugeben, dass sie nicht weiß, wer genau klatschte, johlte und die Vergewaltiger anfeuerte. Anwalt Paulsen hebt darauf ab, dass Sarah zwar anfangs „nein“ sagte, aber während des Geschlechtsverkehrs nicht um Hilfe schrie.

Schließlich wird Kenneth Joyce als Zeuge aufgerufen. Offenbar hat ihm das kurze Gespräch mit Sarah zu denken gegeben, denn er schildert ausführlich, was am 18. April in der Kneipe geschah. Sarah saß mit Sally zusammen, trank und flirtete mit Ben, aber dann kam Danny zu den beiden Frauen an den Tisch. Während Sally wieder arbeiten musste, folgte Sarah Danny in den Nebenraum. Dort flipperte sie, und nachdem Angie (Christianne Hirt) Geld in die Music-Box geworfen hatte, begann Sarah zu tanzen, zunächst allein, dann mit Danny. Schließlich wollte sie gehen, aber Danny presste sie an sich, drückte sie schließlich auf den Flipper-Automaten, riss ihr den Slip herunter, hielt ihr den Mund zu und forderte Kurt auf, die sich wehrende Frau festzuhalten, während er sie vergewaltigte. Unter den Anfeuerungen der Umstehenden lösten Bob und Kurt Danny ab. Dann gelang es Sarah, sich loszureißen und zu fliehen.

Im Schlussplädoyer weist Paulsen die Geschworenen darauf hin, dass Sarah zweifellos nicht von den Angeklagten berührt wurde. Es gehe in diesem Prozess nicht um Vergewaltigung. Sarah behaupte zwar, Stimmen von Umstehenden gehört zu haben, könne aber niemanden benennen, der die Täter anfeuerte. Paulsen betont, dass Sarah betrunken und bekifft gewesen sei und von sich aus Männer in der Kneipe angemacht habe. Dann behauptet der Rechtsanwalt, der Zeuge Kenneth Joyce habe genau das Gleiche wie seine Mandanten getan. Er habe bei der Vergewaltigung ebenfalls zugeschaut und erst viel zu spät die Polizei gerufen. Nun sei er als jedoch Zeuge gegen die Angeklagten aufgetreten, um sich reinzuwaschen.

Nach langer Beratung erklärt die Jury die drei Angeklagten der Anstiftung zur Vergewaltigung für schuldig.

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Tom Topor (Drehbuch) und Jonathan Kaplan (Regie) greifen in dem Gerichtsdrama „Angeklagt“ den Fall der portugiesisch-stämmigen Amerikanerin Cheryl Araujo (1961 – 1986) auf, die 1983 von mehreren Männern vergewaltigt wurde.

Als die 21-Jährige nach der Geburtstagsparty für ihre dreijährige ältere Tochter am 6. März 1983 in Big Dan’s Bar in New Bedford/Massachusetts Zigaretten kaufen wollte, wurde sie von mehreren Männern auf dem Billardtisch vergewaltigt. In ihrer Aussage behauptete sie, andere Gäste gehört zu haben, die applaudierten und die Vergewaltiger anfeuerten. Wie sich herausstellte, hielten sich außer den Vergewaltigern nur der Barkeeper und zwei weitere Gäste in der Kneipe auf. Nachdem es Cheryl Araujo gelungen war, den Männern zu entkommen, rannte sie halb nackt auf die Straße und schrie um Hilfe. Drei Studenten hielten mit ihrem Auto an und brachten sie ins Krankenhaus.

Wegen der Gruppenvergewaltigung angeklagt wurden sechs Männer. Die Verteidiger versuchten im Gerichtsprozess den Eindruck zu erzeugen, das Opfer sei zwielichtig und habe die Männer durch Aussehen und Verhalten heraus­gefordert. Über diese beschämenden und rufschädigenden Einzelheiten berichteten die Medien ausführlich und nannten dabei auch den vollen Namen des Vergewaltigungsopfers. Vier der Angeklagten – Victor Raposo, John Cordeiro, Joseph Vieira und Daniel Silva – wurden zu Haftstrafen verurteilt.

Weil Cheryl Araujo sich nach dem Verbrechen, dem Prozess und dem Medienecho in New Bedford ausgegrenzt fühlte, zog sie mit ihrem Lebensgefährten und den beiden Töchtern nach Miami/Florida und hoffte, dort ein neues Leben anfangen zu können. Sie engagierte sich für die Rechte von Frauen im Allgemeinen und weibliche Opfer von Verbrechen im Besonderen.

Als sie ihre Töchter am 14. Dezember 1986 zu einer Weihnachtsfeier bringen wollte, verlor sie die Kontrolle über ihren Wagen und prallte gegen einen Strommasten. Die verletzten Mädchen konnten gerettet werden, aber Cheryl Araujo kam bei dem Unfall ums Leben.

„Angeklagt“ veranschaulicht, wie schwierig es ist, im Fall einer Vergewaltigung für Gerechtigkeit zu sorgen, selbst wenn das Opfer bereit ist, gegen die Täter auszusagen, obwohl es peinlich ist, die Einzelheiten der Vergewaltigung vor anderen Personen zu schildern und die Frau dabei das Trauma erneut durchlebt. Im Film wird auch die Rolle der Medien thematisiert, die das Opfer durch ihre Berichterstattung in der Öffentlichkeit stigmatisieren können. Wie in „Angeklagt“ vor allem gezeigt wird, läuft die vergewaltigte Frau Gefahr, dass die gegnerische Seite versucht, den Anschein hervorzurufen, sie habe die Männer überhaupt erst durch ihr Aussehen und Verhalten erregt und gewissermaßen zu den Übergriffen selbst angestiftet. Die Frau muss damit rechnen, dass ihr Privatleben nach rufschädigenden Einzelheiten durchforstet wird.

Das Thema des Kinofilms „Angeklagt“ aus dem Jahr 1988 ist nach wie vor brisant. Nicht zuletzt aufgrund massenhafter sexueller Übergriffe in der Silvesternacht 2015 verschärfte der Deutsche Bundestag am 7. Juli 2016 das Sexualstrafrecht (§177 StGB). Bisher mussten Opfer nachweisen, dass sie sich mit allen Mitteln gegen die Vergewaltigung wehrten. In Zukunft reicht ein „Nein“ aus, denn gegen den erkennbaren Willen des Opfers erfolgende Handlungen stehen nun unter Strafe. Das gilt nicht nur für Vergewaltigungen, sondern auch für das Begrapschen.

Bei Kenneth Joyces Aussage im Zeugenstand zeigt Jonathan Kaplan die brutale, von Umstehenden angefeuerte Gruppenvergewaltigung in einer langen, auch für das Kinopublikum unerträglichen Rückblende. Ansonsten spiegelt sich das Geschehen weitgehend in Dialogen. Dadurch wirkt „Angeklagt“ realistisch und ernsthaft.

Getragen wird „Angeklagt“ von der Hauptdarstellerin Jodie Foster. Sie wurde für die Rolle der Sarah Tobias 1989 mit einem „Oscar“, einem „Golden Globe“ und vom National Board of Review ausgezeichnet. Übrigens synchronisiert Jodie Foster sich in der französischen Filmfassung selbst.

Für ihre Filmpartnerin Kelly McGillis müssen die Dreharbeiten traumatische Erinnerungen aufgewühlt haben, denn sie war nach ihrer eigenen Aussage 1982 von zwei in ihr Apartment eingedrungenen Männern vergewaltigt worden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

Jonathan Kaplan: Fatale Begierde
Jonathan Kaplan: Love Field. Liebe ohne Grenzen

William Shakespeare - Macbeth
In dem düsteren Bühnenstück "Macbeth" geht es um die Frage, ob das Schicksal des Menschen prädestiniert ist oder ob er seinen Weg selbst wählen kann. Auf eindringliche Weise veranschaulicht William Shakespeare die Wirkung des Bösen.
Macbeth

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