Reinhard Kaiser-Mühlecker : Wiedersehen in Fiumicino

Wiedersehen in Fiumicino

Reinhard Kaiser-Mühlecker

Wiedersehen in Fiumicino

Wiedersehen in Fiumicino Originalausgabe: Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011 ISBN: 978-3-455-40309-1, 318 Seiten, 20 € (D) ISBN: 978-3-455-81001-1 (eBook) Fischer-Taschenbuch, Frankfurt/M 2012 ISBN: 978-3-596-19370-7, 318 Seiten, 9.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Statt den Bauernhof des Vaters in Öster­reich zu übernehmen, studiert Joseph Agrarwissenschaften und beginnt für eine NGO zu forschen, die sich auf Land­wirt­schaft und Welternährung spezialisiert hat. Ohne es seiner Lebensgefährtin an­zu­kün­di­gen, reist er für ein halbes Jahr nach Ar­gen­tinien, um die Folgen von Mono­kulturen und Gen­manipu­lationen zu untersuchen. In Buenos Aires bemühen sich zwei Männer um seine Freundschaft, und die ehemalige Gitarristin Savina verliebt sich in ihn, aber für Joseph zählt nur seine Arbeit ...
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Kritik

"Wiedersehen in Fiumicino" handelt von Entwurzelten in einer globa­li­sier­ten Welt. Reinhard Kaiser-Mühlecker springt nicht nur zeitlich hin und her, sondern wechselt auch alle paar Seiten zwischen den Ich-Erzählern. Diese Mehrstimmigkeit nutzt er, um Themen zu umkreisen.
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Als Joseph Wagner den Bauernhof in der oberösterreichischen Gemeinde Pettenbach erbt, der seit 250 Jahren, also über viele Generationen, der Familie gehört, verkauft er ihn, nicht zuletzt, um im Nachhinein noch einmal gegen die landwirtschaftlichen Methoden des Vaters zu protestieren. Er studiert Agrar­wissenschaften, schreibt seine Dissertation bei einem Studienzentrum mit Sitz in Wien, das sich auf Landwirtschaft, Welternährung und Entwicklungspolitik spezialisiert hat und lässt sich danach von dieser NGO anstellen.

Vier Jahre lang lebt Joseph mit dem Fotomodel Clara zusammen. Dann beschließt er, im Auftrag der NGO mindestens ein halbes Jahr in Argentinien zu verbringen, wo 99 Prozent der angebauten Sojapflanzen genmanipuliert sind und von ein und demselben Konzern stammen. Joseph will nicht nur die Folgen von Monokulturen und Genmanipulationen, sondern parallel dazu auch die Marktmacht des großen Lebens­mittel­produzenten und die Missstände in der Ernährung untersuchen.

Clara verschweigt er sein Vorhaben, und als sie die Flugtickets entdeckt, behauptet er, für ein paar Tage nach Rom zu müssen. Nach der Abreise beantwortet er weder ihre besorgten E-Mails noch ihre Anrufe.

Vom Aeropuerto de Ezeiza holt ihn ein ebenfalls aus Österreich stammender Bekannter ab: Hans Kramer. Obwohl er seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr mit ihm hatte, bat er ihn, ein günstiges Hotelzimmer in Buenos Aires zu besorgen. Aber Hans – Juan, wie er in Argentinien genannt wird – bringt ihn beim Bruder eines Arbeitskollegen unter, bei dem Boxer Franco und dessen Frau Isabel, einer erfolgreichen Drehbuchautorin.

Allerdings kann Joseph bei Franco und Isabel nur einen Monat lang bleiben. Dann benötigen sie das Gästezimmer für einen Verwandten, der seinen Besuch angekündigt hat.

Kurz bevor Joseph ausziehen muss, bietet im Isabels Freundin Savina Gutiérrez ein Zimmer an.

Nach der Schule hatte sie sechs Jahre lang am Konservatorium studiert und von einer Karriere als Gitarristin geträumt. Dann sah sie ein, dass ihr Talent nicht ausreichte, um etwas Bedeutendes zu schaffen. Bald nachdem sie mit der Musik aufgehört hatte, lernte sie bei der Feier des 35. Geburtstags ihrer Freundin Isabel deren Nachbarin Cecilia („Ceci“) kennen, eine Übersetzerin und Dolmetscherin, die ihr Einkommen als Kellnerin aufbesserte. Während Cecilia zunehmend mehr Aufträge bekam, übernahm Savina Zug um Zug ihren Job als Kellnerin. Unlängst beendete sie die Beziehung mit ihrem Freund Lucho, einem Fotografen, und warf ihn aus ihrer Wohnung. Das frei gewordene Zimmer vermietet sie nun Joseph.

Lucho tyrannisiert Savina mit Telefonanrufen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Außerdem klingelt er immer wieder an ihrer Tür – bis Joseph ein soeben ausgetrunkenes Weinglas vom Balkon auf den Stalker schleudert und ihn auf Deutsch anbrüllt.

Zufällig trifft Joseph in der U-Bahn in Buenos Aires den 28-jährigen Arzt wieder, der auf dem Flug von Fiumicino nach Ezeiza neben ihm saß. Augustos Vater ist ebenfalls Landwirt, allerdings kein österreichischer Bauer, sondern ein Großgrundbesitzer in San Juan im Norden von Argentinien. Er züchtete zunächst Rinder. Dann begann er auf dem Weideland Soja anzubauen, und um die Flächen zu vergrößern und die Kosten zu optimieren, hat er inzwischen immer mehr Wald gerodet. Mit diesen massiven Eingriffen in die Natur will Augusto nichts zu tun haben. Seit neun Jahren lebt er in Buenos Aires. Er studierte Medizin und praktiziert in einem Krankenhaus als Arzt. Seit Weihnachten 2006 war er nicht mehr in San Juan. Dort hilft sein drei Jahre jünger Bruder Manuel dem Vater, und er wird später auch den Betrieb übernehmen.

Augusto lernt auf einem internationalen Ärztekongress in La Plata Savinas Freundin Cecilia kennen, die dort dolmetscht. Später schickt er ihr eine Liebeserklärung:

„Liebe Cecilia, ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Ich will Dir sagen, dass ich sehr, sehr oft an den Kongress in La Plata denke. Und kaum denke ich daran, denke ich auch schon an Dich, und alles andere verschwindet. Es ist mir, als wären wir allein dort gewesen, keine anderen Personen, nur Du und ich, und als hätte kein Kongress stattgefunden, sondern nur ein viel zu kurzes Wochenende mit Dir. – Ich habe viel darüber nachgedacht, und immer wieder kam ich zu demselben Ergebnis: Es war etwas zwischen uns, was ich noch jetzt fühlen kann, bisweilen fast zu greifen vermag. Und jetzt möchte ich es für Dich zu benennen versuchen, für Dich und mich und für uns beide.“

Aber sie antwortet:

„Was soll gewesen sein? Wir haben uns unterhalten, haben Kaffee getrunken, haben die Zeit miteinander vertrieben. Das war wirklich nett. Aber sonst war da doch nichts. Liebe Grüße. C.“

Trotz der Abfuhr bekommt Augusto sie nicht mehr aus dem Sinn, und es zieht ihn in die Nähe ihrer Wohnung. So findet er heraus, dass sie mit Josephs Freund Juan bzw. Hans zusammen ist.

Hans Kramer und Joseph Wagner lernten sich in Wien kennen. Sie waren Kommilitonen an der Universität. Hans studierte Geschichte und Literaturwissenschaft, ohne irgendwelche Prüfungen zu absolvieren.

Zwar besuchte er täglich mehrere Vorlesungen, machte dann jedoch keine Prüfungen. Er sagte, er finde das System ärgerlich und wolle niemandem etwas beweisen. Ich erinnere mich, dass ich ein einziges Mal, weil mir diese Art, die er irgendwie aufständisch, kämpferisch fand, gegen den Strich ging, zu ihm sagte, dass das idiotisch und trotzig sei und dass er mit seiner Haltung lediglich sich selbst schade. Aber ihn schien das nicht zu berühren, er zuckte lediglich mit den Achseln. Von da an erzählte er nichts mehr von seinen Vorlesungen. Ich fragte nicht nach. Und irgendwann in diesen Jahren erzählte er mir, dass er auswandern wolle, nach Argentinien, und dann, Monate später, dass er auswandern werde, er habe schon das Ticket. Kurz darauf war er weg. Das ist nun etwa zehn Jahre her.

An seinem 20. Geburtstag beschloss Hans, Österreich zu verlassen, und genau ein Jahr später flog er nach Buenos Aires. Dort arbeitet er seither als Aufseher im Museo Nacional de Bellas Artes und wohnt in einem kleinen Apartment im Stadtteil Belgrano.

Hans‘ Großvater mütterlicherseits stammte aus dem Banat. Im Zweiten Weltkrieg war er auf der Flucht vor der Roten Armee nach Ried im Innkreis zwischen Linz und Salzburg gekommen. Arbeit fand er als Hilfskraft in einem Sägewerk in Waldzell, und dort lernte er auch die Frau kennen, die er 1948 heiratete. Das Paar zog nach Pernitz in Niederösterreich und Mitte der fünfziger Jahre in die oberösterreichische Gemeinde Rohr. Sie starben beide jung: er im Dezember 1975, sie im Februar 1976.

Alle zwei Jahre nimmt Hans sich für einen Monat frei und besucht seine Eltern in Rohr. Während des zweiten „Heimaturlaubs“ begann er, die Entstehungssage von Rohr aufzuschreiben. Seine zehn Jahre ältere Schwester Anne lebt mit ihrem Mann Gerhard in Leipzig.

Savina verliebt sich in ihren neuen Untermieter. Er schläft mit ihr, lässt sie aber nicht an seinen Gedanken teilhaben. Für ihn ist nichts so wichtig wie seine Arbeit, die er pflichtbesessen verrichtet. Er will „an der Welt arbeiten“, und die Menschen sind ihm dabei gleichgültig.

Immer schon hatte ich auffallend große Schwierigkeiten, andere Menschen zu verstehen. Auch mein Vater war so gewesen – der Unterschied war nur: Ihm war es zeitlebens nicht aufgefallen; ihn hatte es nicht gequält.

In der Hoffnung, dem Geliebten näherzukommen, überredet Savina ihn zu einem verlängerten Wochenende in Mar del Plata, aber er bricht den Aufenthalt vorzeitig ab und weist sie zurück, als sie sich im Zug an ihn schmiegt: „Ich sagte, dass ich jetzt lesen wolle.“

Da stand sie auf und ging. Ich verstand: Ich hatte sie verärgert. Doch ich wollte dieses Buch studieren. Sie hatte schließlich gesehen, dass ich las. Sie setzte sich ins Nebenabteil, und ich konnte mich in Ruhe dem Buch widmen.

Zu Hause in Buenos Aires sitzt er vor seinem Laptop am Schreibtisch, als sie hinter ihn tritt und ihm die Hände auf die Schultern legt. Sie spürt, wie er sich bei der Berührung verkrampft und sagt:

„Es wird Zeit, dass du hier ausziehst. Ich weiß nicht, wie ich es dir anders sagen soll, aber du bringst mir kein Glück.“

Sie wurde frostig und sagte knapp: „Ich werden morgen dreißig. Mir ist nicht zum Spaßen.“

Joseph versucht nicht einmal, Savina umzustimmen. Noch am selben Abend zieht der 32-Jährige in ein Hotel in der Nähe. Dort wohnt er drei Wochen lang, dann fliegt er nach Österreich zurück, ohne sich von Savina, Hans oder Augusto zu verabschieden.

Bald nach seiner Rückkehr präsentiert Joseph die Ergebnisse seiner Untersuchungen in Wien und Rom.

Am Flughafen Fiumicino sieht er vier Models, die vor einem Armani-Geschäft mit Parfumflakons für einen Fotografen posieren. In einer von ihnen erkennt er Clara, die er ein gutes halbes Jahr zuvor in Wien zurückließ.

Er kauft sich ein Haus in Rohr. Bei den Verhandlungen unterstützt ihn Hans‘ Vater Karl Kramer.

Während Joseph noch in Buenos Aires war, lernte Hans im Museum einen jüdischen Greis kennen, der vor den Nationalsozialisten aus Rohr nach Argentinien geflohen war. Alfred, so heißt er, erzählt ihm seine Lebensgeschichte, und Hans macht daraus ein Buch, das in Deutschland veröffentlicht wird. Kurz darauf stirbt der alte Mann.

Hans und Cecilia heiraten und ziehen in eine größere Wohnung im Stadtteil San Telmo. Als sie über Joseph reden, meint Cecilia:

„Irgendwie tut er mir leid. Weißt du? Er hat keinen Halt. Dabei bräuchte er so dringend einen. Und jetzt zieht er in die Einöde und tut, als wäre sein Leben schon vorbei. Hab ich dir übrigens erzählt, dass er Mesner werden will?“

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Der Roman „Wiedersehen in Fiumicino“ von Reinhard Kaiser-Mühlecker handelt von entwurzelten Menschen. Die meisten von ihnen sind um die 30 Jahre alt und repräsentieren eine verunsicherte Generation in einer aus den Fugen geratenen globalisierten Welt. Aber es geht in „Wiedersehen in Fiumicino“ auch um einen jüdischen Greis, der vor den Nationalsozialisten aus Österreich nach Argentinien geflüchtet ist.

Der Roman beginnt mit dem Ende: Joseph Wagner ist aus Buenos Aires zurückgekehrt und hat sich in der oberösterreichischen Gemeinde Rohr ein Haus gekauft. Reinhard Kaiser-Mühlecker springt nicht nur zeitlich hin und her, sondern wechselt auch alle paar Seiten zwischen einer Ich-Erzählerin (Savina) und drei Ich-Erzählern (Joseph, Hans, Augusto). Beim Lesen dauert es zumeist eine Weile, bis man einen Hinweis darauf findet, wer gerade spricht. Das erschwert die Lektüre, aber die Mehrstimmigkeit ist auch das Besondere an „Wiedersehen in Fiumicino“. Sie erlaubt es Reinhard Kaiser-Mühlecker, einzelne Themen und Ereignisse nicht nur aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, sondern auch zu umkreisen.

Der Titel bezieht sich darauf, dass Joseph gegen Ende zu seine beim Aufbruch nach Argentinien in Wien zurückgelassene Lebensgefährtin Clara auf dem Flughafen Fiumicino wiedersieht. Mit einem Satz aus dem Brief, den Clara ihm daraufhin schreibt, beginnt und endet „Wiedersehen in Fiumicino“:

„Joseph, du bist grau geworden.“

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Hoffmann und Campe Verlag

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