Wiedersehen mit Brideshead

Wiedersehen mit Brideshead

Wiedersehen mit Brideshead

Wiedersehen mit Brideshead – Originaltitel: Brideshead Revisited – Regie: Julian Jarrold – Drehbuch: Andrew Davies und Jeremy Brock, nach dem Roman "Wiedersehen mit Brideshead" von Evelyn Waugh – Kamera: Jess Hall – Schnitt: Chris Gill – Musik: Adrian Johnston – Darsteller: Matthew Goode, Ben Whishaw, Hayley Atwell, Emma Thompson, Anna Madeley, Richard Teverson, Michael Gambon, Ed Stoppard, Felicity Jones, Greta Scacchi, Joseph Beattie u.a. – 2008; 130 Minuten

Inhaltsangabe

Beim Studium in Oxford freundet sich Charles Ryder, der Sohn eines verwitweten Kunsthändlers, in den 20er-Jahren mit dem Kommilitonen Sebastian Flyte an, dem jüngsten Sprössling einer katholischen Aristokratenfamilie. Auf deren Landsitz Brideshead lernt der Atheist Sebastians Geschwister und die ebenso bigotte wie herrische Mutter kennen. Er verliebt sich in Sebastians Schwester Julia, aber deren Mutter macht ihm klar, dass ein atheistischer Bürgerlicher für sie nicht als Schwiegersohn in Frage kommt ...
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Kritik

Als Literaturverfilmung ist "Wiedersehen mit Brideshead" nicht gelungen. Lässt man den Vergleich mit der Romanvorlage außer Betracht, handelt es sich um einen eleganten, visuell ästhetischen Film mit erstklassigen Darstellern.
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London, in den Zwanzigerjahren. Charles Ryder (Matthew Goode) verabschiedet sich von seinem Vater (Patrick Malahide), einem verwitweten Kunsthändler, und fährt nach Oxford, um dort Geschichte zu studieren, obwohl er lieber Künstler werden würde. Sein überheblicher Cousin Jasper (Richard Teverson) führt ihn dort ein. Charles bezieht ein Zimmer im Parterre, und kaum hat er es betreten, wird die Terrassentüre aufgerissen, und ein betrunkener Kommilitone kotzt ihm auf den Boden. Sebastian Flyte (Ben Whishaw), so heißt er, entschuldigt sich am nächsten Morgen mit zwei Blumensträußen und lädt ihn zum Essen ein. Es ist der Beginn einer „romantischen Freundschaft“.

Sebastian Flyte stammt aus einer englischen Aristokratenfamilie. Der Dandy ist labil, trinkt zu viel und küsst auch im Beisein anderer Studenten seinen exaltierten Freund Anthony Blanche (Joseph Beattie) auf den Mund. Während der Abwesenheit seiner Eltern und seiner Geschwister fährt Sebastian mit Charles im Spider nach Brideshead, den Landsitz der Familie, und stellt ihn seinem früheren Kindermädchen Hawkins (Rita Davies) vor. Kurz bevor seine Mutter zurückkommt, drängt er zum Aufbruch und verlässt mit Charles das Schloss.

Die Ferien verbringt Charles bei seinem Vater in London. Da erhält er ein Telegramm von Sebastian, in dem von einem schweren Unfall die Rede ist. Besorgt fährt Charles mit dem Zug los. Am Bahnhof wird er von Sebastians Schwester Julia (Hayley Atwell) abgeholt. Sie beruhigt ihn: Sebastian hat sich beim Krocket nur leicht am Bein verletzt.

Diesmal sind auch der ältere Bruder Bridey (Ed Stoppard), die jüngere Schwester Cordelia (Felicity Jones) und die Mutter Teresa Flyte, Lady Marchmain und Marchioness of Brideshead (Emma Thompson), anwesend, drei streng religiöse Katholiken. Julia und Sebastian sind zwar auch katholisch, teilen jedoch nicht den Glaubenseifer der Mutter und der anderen Geschwistern. Als bürgerlicher Atheist ist Charles ein Außenseiter unter den aristokratischen Katholiken.

Alexander Flyte, Lord Marchmain und Marquess of Brideshead (Michael Gambon), floh vor seiner bigotten Frau nach Venedig und lebt dort mit der Italienerin Cara (Greta Scacchi) zusammen. Er lädt Julia und Sebastian ein, ihn im Karneval zu besuchen. Sie nehmen Charles mit. Im Karnevalstreiben beobachtet Sebastian, der für Charles mehr als freundschaftliche Gefühle entwickelt hat, wie dieser seine Schwester küsst.

Als die drei jungen Leute wieder zurück sind, nimmt Lady Marchmain Charles zur Seite und fragt ihn, warum Sebastian seit der Venedig-Reise so verändert sei. Charles tut zunächst so, als wisse er von nichts, aber Lady Marchmain hat längst durchschaut, dass er Julia liebt und Sebastian deshalb eifersüchtig ist. Sie macht Charles klar, dass ein atheistischer Bürgerlicher keine Chance habe, ihr Schwiegersohn zu werden.

Einige Zeit später trifft Charles bei einem Besuch in Brideshead auf einen Geschäftsmann, der als Geschenk eine Schildkröte mitgebracht hat, deren Panzer mit Perlen besetzt ist: Rex Mottram (Jonathan Cake). Bei einer Gesellschaft am selben Abend gibt Lady Marchmain die Verlobung ihrer Tochter Julia mit Rex Mottram bekannt. Charles ist entsetzt. Sebastian sorgt sturzbetrunken für einen Eklat. Lady Marchmain, die das Bankkonto ihres Sohnes gesperrt hat, damit er keinen Alkohol kaufen kann, wirft Charles hinaus, weil er Sebastian Geld gab, damit dieser sich betrinken konnte.

Vier Jahre später: Bei einer Vernissage seiner Gemälde in der Royal Academy wird Charles von einer jungen, reichen Bewunderin angesprochen: Celia (Anna Madeley).

Unerwartet trifft Charles Lady Marchmain bei seinem Vater an. Sebastian hat Brideshead verlassen und ist nach Marokko gezogen. Sie kennt niemanden außer Charles, der ihren Sohn zurückholen könnte.

Charles reist nach Marokko und findet Sebastians Adresse heraus. Dort stößt er auf Kurt (Tom Wlaschiha), einen auf Krücken angewiesenen deutschen Fremdenlegionär. Sebastian liegt mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Charles besucht ihn. Der behandelnde Arzt erklärt ihm, der alkoholkranke Patient sei nicht reisefähig. Und Sebastian würde auch nicht mitkommen, wenn er dazu in der Lage wäre. Er bedauert seinen Fehler, Charles mit nach Brideshead genommen zu haben und rät ihm, nicht mehr an ihn, Julia oder andere Familienmitglieder zu denken. (Nachdem er sich erholt hat, wird er Pförtner eines Klosters in Marokko.)

Charles malt im amerikanischen Dschungel und trifft sich dann mit Celia, die inzwischen seine Ehefrau geworden ist, in New York. Gemeinsam gehen sie an Bord eines Dampfer nach Europa. Während der Überfahrt entdeckt Charles Julia Flyte unter den Passagieren. Sie flieht. Er eilt ihr nach. Sie küssen sich leidenschaftlich und schlafen in Julias Kabine miteinander.

Lady Marchmain ist vor einiger Zeit gestorben. Der Parvenü Rex Mottram, der nur deshalb zur katholischen Kirche konvertierte, um Julia heiraten zu können, residiert nun in Brideshead. Charles sucht ihn auf, um mit ihm über Julia zu reden. Rex ist bereit, seine Frau für zwei Gemälde des aufstrebenden Künstlers freizugeben.

Als Charles und Julia gerade wegfahren, kommt ihnen ein Wagen entgegen, in dem Julia ihren Vater erblickt. Sie kehren um. Lord Marchmain ist todkrank. Bridey, der inzwischen mit der Admiralswitwe Beryl Muspratt verlobt ist und Streichholzschacheln sammelt, beeilt sich, Pater Mackay (Niall Buggy) zu rufen. Charles weiß, dass Lord Marchmain aus Abscheu vor dem Glauben seiner Frau nach Venedig floh. Deshalb versucht er den Geistlichen fernzuhalten. Der Sterbende fühlt sich schuldig, weil er nicht verhinderte, dass Sebastian durch die Tyrannei seiner bigotten Frau psychisch zerstört wurde. Er lässt es zu, dass Pater Mackay ihm die Sterbesakramente gibt und macht mit letzter Kraft das Kreuzzeichen. Julia, die neben dem Sterbebett kniet und betet, ist beglückt, als sie das sieht.

Sie wirft Charles vor, sie für zwei Gemälde eingehandelt und es auf Brideshead abgesehen zu haben. Als sie noch ein Kind war, redete ihr die Mutter Schuldgefühle ein. Jetzt fühlt sie sich wegen des doppelten Ehebruchs mit Charles schuldig. Sie bekennt sich wieder zum katholischen Glauben. Damit endet ihre Liebesbeziehung, bevor sie richtig angefangen hat.

1944, im Zweiten Weltkrieg, kommt Charles als Offizier noch einmal nach Brideshead. Seine Kompanie wurde zufällig dort einquartiert. Er erfährt, dass Bridey gestorben ist und Julia in den USA lebt.

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Dem 1930 zum katholischen Glauben konvertierten englischen Schriftsteller Evelyn Waugh (1903 – 1966) geht es in seinem 1945 veröffentlichte Roman „Brideshead Revisited. The Sacred & Profane Memories of Captain Charles Ryder“ (Wiedersehen mit Brideshead. Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder, Übersetzung: Franz Fein, Claassen & Goverts, Hamburg 1949) um den Versuch, sich in einer Welt des gesellschaftlichen Umbruchs zu orientieren. Zur Veranschaulichung schildert er den Niedergang einer katholischen englischen Adelsfamilie zwischen den beiden Weltkriegen. Als Ich-Erzähler lässt er einen agnostischen (!) Bürgersohn auftreten, der sich mit dem dekadenten jüngsten Sohn der Familie anfreundet und sich in eine der beiden Töchter verliebt. An der Figur des aus Kanada stammenden Parvenüs Rex Mottram zeigt er, wie das Geld althergebrachte Vorrechte ablöst.

Der vielschichtige Roman wurde Anfang der Achtzigerjahre von Michael Lindsay-Hogg, Charles Sturridge fürs Fernsehen verfilmt.

Wiedersehen in Brideshead – Originaltitel: Brideshead Revisited – Regie: Michael Lindsay-Hogg, Charles Sturridge – Drehbuch: John Mortimer, nach dem Roman „Wiedersehen in Brideshead“ von Evelyn Waugh – Kamera: Ray Goode – Schnitt: Anthony Ham – Musik: Geoffrey Burgon – Darsteller: Jeremy Irons, Diana Quick, Roger Milner, Phoebe Nicholls, Simon Jones, Anthony Andrews, Charles Keating, Claire Bloom, John Gielgud u.a. – 1981; 660 Minuten

In der englischen Originalversion bestand die Fernsehserie aus elf Folgen: (1) Et in Arcadia Ego, (2) Home and Abroad, (3) The Bleak Light of Day, (4) Sebastian Against the World, (5) A Blow Upon a Bruise, (6) Julia, (7) The Unseen Hook, (8) Brideshead Deserted, (9) Orphans of the Storm, (10) A Twitch Upon the Thread, (11) Brideshead Revisited. In der deutschen Synchronisation unterteilte man „Wiedersehen in Brideshead“ in sieben Folgen, die im Ersten Programm der ARD zwischen dem 7. und dem 23. Dezember 1983 ausgestrahlt wurden: (1) Das wiedergefundene Arkadien, (2) Bleiches Licht des Tages, (3) Sebastian gegen die Welt, (4) Der verborgene Haken, (5) Im Sturm, (6) Der Ruck an der Leine, (7) Der alte Lord.

Um 2005 wollte David Yates „Wiedersehen mit Brideshead“ mit Paul Bettany, Jude Law und Jennifer Connelly in den Hauptrollen verfilmen, aber das Projekt wurde nicht realisiert. Stattdessen drehte Julian Jarrold eine Neuverfilmung.

Wofür sich das Fernsehen elf Stunden Zeit nahm, dauert im Kino gut zwei Stunden. Das ließ sich nur mit massiven Straffungen der Handlung bewirken (Drehbuch: Andrew Davies und Jeremy Brock). Leider bedeutet es auch, dass Nebenfiguren wie Bridey, Cordelia, Lord Marchmain, Rex Mottram, Anthony Blanche nur noch Stichwortgeber sind, keine Charaktere. Sogar der Protagonist Charles Ryder, der auch im Film als Ich-Erzähler auftritt, bleibt blass. Die in der literarischen Vorlage facettenreich dargestellten Konflikte gibt Julian Jarrold als krasses Schwarz-Weiß wieder. Für Ambiguität bleibt keine Zeit. Aus der angedeuteten Homoerotik macht er eine klare Homosexualität, und aus dem Agnostiker Charles Ryder, der sich am Ende zum katholischen Glauben bekehrt, einen überzeugten Atheisten. Die mit dem Glauben ringende Lady Marchmain des Romans mutiert im Kino zur strengen Übermutter. Anders als Evelyn Waugh nehmen Julian Jarrold, Andrew Davies und Jeremy Brock gegenüber dem katholischen Glauben eine ablehnende Haltung ein. Gleichzeitig verschieben sie den Akzent von der Suche nach Orientierung zur Dreiecksgeschichte.

Evelyn Waugh beginnt mit Charles Ryders Einquartierung 1944 in Brideshead; die eigentliche Geschichte lässt er ihn aus der Erinnerung erzählen. Julian Jarrold verzichtet auf die Rahmenhandlung. Er verlegt den Einstieg auf die Schiffsreise von Amerika nach Europa, bei der Charles Ryder und Julia Flyte sich wiedersehen. (Im Roman findet sie 1936 statt.) Dann heißt es „Zehn Jahre zuvor“, und wir sehen, wie Charles sich von seinem Vater in London verabschiedet, um zum Studium nach Oxford zu gehen (im Roman: 1922). Der Rest wird chronologisch bis 1944 erzählt.

Zum Vergleich eine Zusammenfassung der Romanhandlung:

Der selbstbewusste, ichbezogene, im Leben wiederholt gescheiterte Hauptmann Ryder, Typus des entwurzelten Intellektuellen, kehrt im Krieg überraschend auf Schloss Brideshead zurück; mit diesem verbinden sich alle entscheidenden Erfahrungen seines Lebens, Freundschaft und Liebe, die Begegnung mit der Kunst, der Aristokratie und dem Katholizismus, vor allem aber das Bewusstsein des Verlustes aller menschlichen Bindungen. In den Mitgliedern der Flyte-Familie aus dem katholischen Hochadel hat er verschiedene Glaubenshaltungen kennengelernt; seine eigene agnostische Einstellung ist dadurch ebenso erschüttert worden wie durch die Überredungskünste des nihilistischen Ästheten Anthony Blanche. (Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, Band 5, Seite 3072)

Als Literaturverfilmung ist „Wiedersehen mit Brideshead“ nicht gelungen. Lässt man den Vergleich mit der Romanvorlage außer Betracht, handelt es sich um einen eleganten, visuell ästhetischen Film mit erstklassigen Darstellern.

Übrigens: Castle Howard, vierzig Kilometer nördlich von York, diente sowohl in der Fernsehserie als auch im Kinofilm als Kulisse für Brideshead. Der barocke Herrensitz wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtet (Architekt: John Vanbrugh, Bauleiter: Nicholas Hawksmoor).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011

Jean Anouilh - Antigone
In der Tragödie von Jean Anouilh ist Antigone zwar unverzichtbar, aber Kreon die komplexere und interes­santere Figur. Die Auseinander­setzung des Realpolitikers und der kompromisslosen Jugendlichen steht im Zentrum des Stücks.
Antigone

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