Unter dir die Stadt

Unter dir die Stadt

Unter dir die Stadt

Originaltitel: Unter dir die Stadt – Regie: Christoph Hochhäusler – Drehbuch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer – Kamera: Bernhard Keller – Schnitt: Stefan Stabenow – Musik: Benedikt Schiefer – Darsteller: Nicolette Krebitz, Robert Hunger-Bühler, Mark Waschke, Corinna Kirchhoff, Van-Lam Vissay, Wolfgang Böck, Paul Faßnacht, Oliver Broumis, Robert Schupp, André Dietz, Michael Abendroth, Johannes Kiebranz, Klaus Zmorek, Alexandra Finder, Alexandra von Schwerin, Heike Trinker, Angelika Bartsch, Piet Fuchs u.a. – 2010; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Roland Cordes, der Vorstandsvorsitzende einer Großbank in Frankfurt/M, versetzt den Ehemann einer Frau, die er haben will, auf einen lebensgefährlichen Posten in Jakarta. Dabei handelt er nicht im Liebesrausch, sondern es geht ihm wie im Geschäftsleben um Macht und Kontrolle. Ohne sich auszuziehen, fallen Roland Cordes und Svenja Steve in wechselnden Hotelzimmern übereinander her, bis ein frustrierter Mitarbeiter die beiden zufällig entdeckt und die Affäre publik macht ...
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Kritik

Die von Christoph Hochhäuslers distanzierter Inszenierung betonte Funktionalität der Büros hoch über der Stadt spiegelt die Leere und Gefühlskälte der Figuren. Und den unvollständig beleuchteten Charakten in "Unter dir die Stadt" entspricht die fragmentarische Handlung.
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Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler) führt eine Großbank in Frankfurt am Main und wurde gerade zum Banker des Jahres gekürt. Die Büros und Konferenzräume des Vorstandsvorsitzenden befinden sich hinter Glasfassaden hoch über der Stadt. Über sein Privatleben erfahren wir wenig. Er heiratete 1980 die Bankierstochter Claudia Weiß (Corinna Kirchhoff) und ist inzwischen Ende 50. Hin und wieder steigt er in die verwahrloste Kellerwohnung eines Fixers hinunter und schaut ihm wortlos dabei zu, wie er sich Heroin spritzt.

Bei einem Kuratorentreffen fällt ihm Svenja Steve (Nicolette Krebitz) auf. Bei deren Ehemann Oliver Steve (Mark Waschke) handelt es sich um einen aufstrebenden Abteilungsleiter der Bank. Das junge Paar kam erst vor einem halben Jahr aufgrund einer Versetzung Olivers nach Frankfurt. Ungeachtet des feierlichen Anlasses trägt Svenja kurze Jeans. Als sie sich von den anderen Gästen absondert und eine brennende Zigarette auf einen Sims legt, tritt Cordes zu ihr, weist sie auf das Rauchverbot hin – und zieht selbst an der verbotenen Zigarette. Svenjas Eigensinn reizt den mächtigen Banker. Er will sie haben.

Bald darauf besucht Svenja ihren Mann im Hochhaus der Bank. Dabei sieht sie Cordes wieder, der gerade in einer Halle fotografiert wird. Er lässt das Fotografen-Team stehen, geht zu ihr und nimmt sie mit in ein Café.

Aus Langeweile sucht Svenja in Frankfurt halbherzig nach einem Job. Bei einem Bewerbungsgespräch in einer Bildagentur äußert der Interviewer den Verdacht, dass ihr Lebenslauf komplett erfunden sei. Vielleicht stimme nicht einmal der angegebene Name.

Tatsächlich scheint Svenja mit Identitäten zu spielen. Einmal fällt ihr auf der Straße eine Frau auf, die das gleiche Oberteil trägt. Sie folgt ihr in eine Bäckerei, kauft das gleiche Teilchen und beißt davon ab.

Als der Filialleiter der Bank in Indonesien ermordet wird, plant man in der Frankfurter Zentrale eine Verlegung der Niederlassung nach Shanghai. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Werner Löbau (Wolfgang Böck) hält Andre Lau (Van Lam Vissay) für den geeignetsten Mann, diesen Transfer zu organisieren und stellt ihm die Position in Aussicht. Lau freut sich darauf, zumal seine Familie aus Asien stammt. Roland Cordes will jedoch die Gelegenheit nutzen, um Oliver Steve aus dem Weg zu schaffen und ungestört eine Affäre mit Svenja zu beginnen. Nachdem er Löbau dazu gebracht hat, Oliver Steve statt Andre Lau in der Vorstandssitzung vorzuschlagen, äußert er selbst zum Schein ein paar Einwände und lässt dann die Entscheidung absegnen.

Oliver Steve nimmt die Karrierechance gern an, obwohl er weiß, dass sein Vorgänger ermordet wurde und die Aufgabe nicht ungefährlich ist. Svenja ist über die Neuigkeit weniger begeistert.

Als Svenja zu Roland Cordes in die Dienstlimousine mit Chauffeur steigt, sagt sie: „Das hat nichts zu bedeuten.“ Und er antwortet: „Natürlich nicht.“ Während der Fahrt fordert sie ihn auf, die Versetzung ihres Mannes nach Indonesien rückgängig zu machen, aber er behauptet, gegen einen einmal getroffenen Beschluss des Vorstands nur mit triftigen Gründen angehen zu können. Sie fahren nach Mannheim. Dort zeigt der Banker seiner jungen Begleiterin eine armselige Wohnung in einem heruntergekommenen Viertel und behauptet, hier mit seinen Eltern gewohnt zu haben.

Mit einem kleinen Umtrunk wird Oliver Steve in der Bank verabschiedet. Eine Kollegin knipst ein Gruppenfoto, und alle sagen „cheese“, um freundlich auszusehen. Während Oliver erst einmal für ein halbes Jahr nach Jakarta fliegt, bleibt Svenja in Frankfurt, denn sie möchte nicht schon wieder umziehen.

Sie treibt es nun mit Roland Cordes in wechselnden Hotelzimmern. Ohne sich auszuziehen, fallen sie übereinander her, im Stehen gegen eine Wand gepresst oder sich auf dem Fußboden wälzend. Es geht nur um raschen Sex, nicht um Gefühle.

Nach einiger Zeit stiehlt Svenja der Ehefrau ihres Liebhabers eine Designerbrille aus dem Mantel und tut dann so, als hätte Claudia Cordes die Brille liegen lassen. So kommt sie mit ihr ins Gespräch. Dabei erfährt sie, dass Roland Cordes nicht in Mannheim, sondern in Zürich aufwuchs.

Andre Lau ist frustriert über die entgangene Versetzung nach Asien. Er bewirbt sich deshalb bei der Konkurrenz. Während eines Vorstellungsgesprächs in einer Hotelhalle sieht er Roland Cordes und Svenja Steve. Sie kommen von den Zimmern herunter, durchqueren die Lobby und verlassen das Hotel. Augenscheinlich haben die beiden eine Affäre miteinander. Darüber unterrichtet Andre Lau den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Werner Löbau.

Bei einem Telefongespräch berichtet Oliver, dass versucht wurde, ihn zu entführen. Außerdem schickte man ihm die abgetrennten Hände seines Vorgängers.

Erst jetzt fragt Svenja ihren Liebhaber, ob er ihren Mann nicht aus sachlichen Gründen nach Jakarta versetzt habe, sondern um ihn loszuwerden. Sie wolle Cordes nie mehr sehen, sagt sie voller Verachtung.

Jetzt, als die Affäre vorbei ist, wird sie publik. Die Pressemeute verfolgt den Banker und fragt nach Einzelheiten. Löbau sagt zu ihm: „Was bist du nur für ein Schwein!“ Darauf antwortet Cordes: „Was habt ihr nur alle gegen Schweine?“ Und im nächsten Augenblick erklärt er schriftlich seinen Rücktritt, macht also seinen Stuhl frei für Werner Löbau.

Claudia Cordes verlangt von ihrem Mann, seinen Rivalen aus Indonesien zurückzuholen. Er antwortet, Oliver Steve sei bereits unterwegs und wisse über alles Bescheid. Claudia verlässt ihn, und er unternimmt nichts, um sie davon abzuhalten.

Von seinem Chauffeur lässt er sich Ratschläge erteilen, wie man eine Frau zurückgewinnen kann. Der Fahrer sagt, er habe mal das Rauchen aufgehört, um einer Geliebten, die ihn verlassen hatte, seine Liebe zu beweisen.

Als Cordes Svenja auf der Straße gehen sieht, folgt er ihr mit dem Auto und dann zu Fuß. In einem leer stehenden Gebäude, in das sie geflüchtet ist, erzählt er laut aus seinem Leben: Er sei 1953 geboren worden und in Zürich aufgewachsen. Um Svenja seine Liebe zu beweisen, wolle er mit dem Rauchen aufhören. Durch ein Fenster sieht er, wie Svenja das Gebäude verlässt und mit einem Taxi wegfährt.

Die letzte Szene spielt in einem Hotelzimmer. Svenja Steve und Roland Cordes liegen nackt im Bett und schlafen. Svenja wacht auf, geht ans Fenster und sieht Demonstranten auf der Straße. „Jetzt fängt es an!“, sagt sie zu dem Banker.

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„Unter dir die Stadt“ spielt zwar im Bankenmilieu, ist aber kein Finanzthriller. Im Zentrum dieses spröden, zynischen Films von Christoph Hochhäusler steht eine moderne Version der biblischen Geschichte von David und Batseba. So wie König David den hethitischen Offizier Urija an die Front schickt, nachdem er dessen Frau Batseba geschwängert hat, sorgt der Vorstandsvorsitzende einer Großbank in Frankfurt am Main dafür, dass der Ehemann einer Frau, die er haben will, auf einen lebensgefährlichen Posten in Jakarta versetzt wird. Dabei handelt Roland Cordes nicht im Liebesrausch, sondern es geht ihm wie im Geschäftsleben um Macht und Kontrolle. Während sich die Firmenübernahmen in abstrakten Zahlen spiegeln und Cordes einem Fixer nur untätig zuschaut, glaubt er, sich beim Sex mit seiner Geliebten im echten Leben zu bewegen.

Die von der Inszenierung betonte Sachlichkeit der funktionalen Büros hinter den Glasfassaden der Bankentürme spiegelt die Gefühlskälte der Figuren. Auch wenn Roland Cordes und Svenja Steve beim Geschlechtsverkehr ins Schwitzen geraten, ändert sich nichts daran. Die Leere der Charaktere in „Unter dir die Stadt“ wird durch die Distanz hervorgehoben, mit der Christoph Hochhäusler sie darstellt, aber auch durch den Verzicht auf Biografie und Psychologie.

Den unvollständig beleuchteten Charakten in „Unter dir die Stadt“ entspricht eine aus Fragmenten zusammengesetzte Handlung, in der vieles nur angedeutet und nichts erklärt wird.

Christoph Hochhäusler (* 1972) gehört zur neueren Berliner Schule (bzw. Nouvelle Vague Allemande). Die Bezeichnung geht auf die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin zurück, an der Thomas Arslan, Christian Petzold und Angela Schanelec studierten. Andere Regisseurinnen und Regisseure – darunter Christoph Hochhäusler – kommen zwar nicht aus Berlin, aber der Begriff Berliner Schule setzte sich dennoch durch. Die Bandbreite der Filme der Berliner Schule ist groß. Kennzeichen sind distanzierte, unspektakuläre Erzählweisen sowie der Verzicht auf dramatische Handlungen und psychologische Erklärungen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

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