Edgar Hilsenrath : Der Nazi & der Friseur

Der Nazi & der Friseur

Edgar Hilsenrath

Der Nazi & der Friseur

The Nazi & The Barber Übersetzung: Andrew White Verlag Doubleday & Co, New York 1971 Der Nazi & der Friseur Literarischer Verlag Helmut Braun, Köln 1977 Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006 ISBN: 978-3-423-13441-5, 478 Seiten, 10 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Max Schulz wächst zusammen mit dem jüdischen Nachbarjungen Itzig Finkelstein auf. Die Freundschaft der beiden endet, als die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Max beteiligt sich als SS-Offizier an Massenerschießungen. 1945 nimmt er die Identität seines ermordeten Jugendfreundes an und gehört zu den Kriegsgewinnlern. 1947 wandert er nach Palästina aus und schließt sich den jüdischen Untergrundkämpfern gegen die Briten an ...
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Kritik

Mit überbordender Fabulierlaune, einer Fülle bizarrer Einfälle und sehr viel sarkastischem Sprachwitz entwickelt Edgar Hilsenrath in dem grotesken Schelmenroman "Der Nazi & der Friseur" eine provozierende Geschichte.
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Ich bin Max Schulz, unehelicher, wenn auch rein arischer Sohn der Minna Schulz … zur Zeit meiner Geburt Dienstmädchen im Hause des jüdischen Pelzhändlers Abramowitz. An meiner rein arischen Herkunft ist nicht zu zweifeln […] Wer mein Vater war, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber er war bestimmt einer von den fünfen: der Fleischer Hubert Nagler, der Schlossermeister Franz Heinrich Wieland, der Maurergehilfe Hans Huber, der Kutscher Wilhelm Hopfenstange oder der Hausdiener Adalbert Hennemann.

Mit dieser Vorstellung beginnt der Roman „Der Nazi & der Friseur“ von Edgar Hilsenrath.

Max Schulz wird am 15. Mai 1907 in der zu Polen gehörenden schlesischen Stadt Wieshalle geboren. Gut zwei Minuten nach ihm kommt im Nachbarhaus ein weiteres Kind zur Welt: Itzig Finkelstein, der Sohn des aus Pohodna in Galizien stammenden Ehepaars Sara und Chaim Finkelstein. Der Vater betreibt den erfolgreichen Friseursalon „Der Herr der Welt“.

Max und Itzig wachsen zusammen auf und werden enge Freunde. Häufig ist Max bei den Finkelsteins, und er geht mit ihnen auch in die Synagoge. Auf diese Weise lernt er Jiddisch und die hebräischen Schriftzeichen.

Meine fünf Väter besuchten meine Mutter jeden Abend. Sie standen Schlange vor ihrer Zimmertür […]
Dem jüdischen Pelzhändler Abramowitz war das natürlich nicht recht […] Der Pelzhändler Abramowitz hatte an sich nichts gegen mich oder gegen die Tatsache meiner Existenz einzuwenden, das heißt: solange er überzeugt war, ich sei der Sohn seines Kutschers Wilhelm Hopfenstange oder seines Hausdieners Adalbert Hennemann, da ja beide sozusagen zur Familie gehörten. Erst als der Pelzhändler misstrauisch wurde, gab es Krach. Eines Tages sagte er zu meiner Mutter: „Hören Sie mal, Minna. Das kann nicht so weitergehen. Ich dachte, es wären nur mein Kutscher und mein Hausdiener. Aber fünf Männer in der Schlange, das ist zu viel. Schließlich ist das ein anständiges Haus.“

Um nicht in Verruf zu kommen, wirft der Pelzhändler Abramowitz das Dienstmädchen und den Jungen hinaus. Sie werden von dem aus Polen stammenden Friseur Anton Slavitzki in der Kellerwohnung unter seinem schäbigen Laden aufgenommen. Weil Minna Schulz ihre Tage hat und sich Slavitzki verweigert, vergewaltigt er Max.

Während Itzig Finkelstein zu einem blonden, blauäugigen Jungen mit schönem Gesicht heranwächst, ähnelt der schwarzhaarige Max Schulz mit seinen Froschaugen, der Hakennase und den wulstigen Lippen dem Klischee eines Juden.

Als Itzig mit zehn aufs Gymnasium wechselt, will Max ebenfalls auf die höhere Schule. Seine Mutter ist dagegen, aber der Junge erpresst sie mit der Drohung, Slavitzki zu verraten, dass sie jeden zweiten Nachmittag heimlich den Hausmeister empfängt. Slavitzki wird der Schulwechsel verschwiegen. Das Schulgeld bezahlt Minna Schulz von dem, was ihr der Hausmeister gibt.

1923 bricht Itzig die Schule ab, denn angesichts der aussichtslosen Wirtschaftslage in Deutschland zieht er es vor, ein solides Handwerk zu erlernen. Max folgt dem Beispiel seines Freundes. Die beiden beginnen bei Chaim Finkelstein eine Lehre.

Ab 1930 kauft Anton Slavitzki die nationalsozialistischen Zeitungen „Der Stürmer“ und „Völkischer Beobachter“. Wenn von einem Juden die Rede ist, spuckt er aus.

Hitler kommt nach Wieshalle und hält auf dem Ölberg eine Rede. Im Gedränge stößt Max Schulz auf seinen früheren Deutschlehrer Siegfried von Salzstange, der inzwischen zum Rektor avanciert ist. Der „Führer“ liest aus der Bibel vor:

„Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben!“ (Lukas 23:29)

Dann fährt er in seinen eigenen Worten fort und ruft schließlich:

Ich aber sage euch: Wer den Volksfeind tötet, der heiligt meinen Namen. Und wer mich heiligt, der hat Anteil an meiner Heiligkeit.

Am Tag nach der „Bergpredigt“ melden sich Anton Slavitzki und Max Schulz zur SA. Sie betrinken sich, torkeln zum Salon „Der Herr der Welt“, schmieren Hakenkreuze an die Spiegel, raffen „Gesichtswasser, Rasierwasser, teure Cremes, Seife, auch Pinsel, die modernsten Rasiermaschinen, Scheren, Kämme, Bürsten“ zusammen und treten sowohl Chaim Finkelstein als auch seinem Sohn Itzig in den Hintern, nicht ohne sie als „Saujuden“ zu beschimpfen.

Nach der Niederschlagung des „Röhm-Putsches“ halten es Anton Slavitzki und Max Schulz für opportun, von der SA zur SS zu wechseln. Während Max aufgrund der Fürsprache von Siegfried von Salzstange in die SS aufgenommen wird, die sich als Elite versteht, weist man seinen Pflegevater ab.

Weil nur noch Mutige sich von Chaim Finkelstein rasieren und die Haare schneiden lassen, alle anderen jedoch notgedrungen zu Anton Slavitzki gehen, stellt dieser Max als Gehilfen ein.

1936 erhält Max Schulz von SS-Scharführer Franz Sauer den Befehl, den Friseursalon des Juden Chaim Finkelstein zu übernehmen.

Im Winter 1939 kommt er nach Polen. Seine Einheit hat dort „Säuberungsaktionen“ durchzuführen.

Wir trieben die Juden dann auf ihren Friedhof. Dort standen keine Kreuze. Und dort erschossen wir sie. Aber es waren nicht viele.
Toll wurde das erst, als es nach Russland ging. Einsatzgruppe D im südrussischen Abschnitt. Aber das war ja auch später. Im Jahre 1941.
Wissen Sie, wie man 30 000 Juden in einem Wäldchen erschießt? Und wissen Sie, was das für einen Nichtraucher bedeutet? Dort hab ich das Rauchen gelernt.

1942 wird der SS-Offizier Max Schulz dem Konzentrationslager Laubwalde zugeteilt. Zufällig verschleppt man die Familie Finkelstein dorthin. Max Schulz unternimmt nichts dagegen, dass auch sein früherer Freund Itzig Finkelstein am 7. September 1942 erschossen wird.

Ich weiß das, da ich ja damals sozusagen ‚mitbeteiligt‘ war, obwohl ich mich heute nicht mehr genau erinnern kann, wie viele Gefangene ich damals erschossen, erschlagen oder erhängt habe. Trotzdem war das eine friedliche Zeit in Laubwalde, wenn man bedenkt, dass andere an der Front waren und ihren Kopf hinhalten mussten.

Nach dem Krieg besucht Max Schulz Frau Holle in der schlesischen Stadt Warthenau, um sie über den Tod ihres Ehemanns, des SS-Rottenführers Günter Holle, zu benachrichten, den er im KZ Laubwalde kennengelernt hatte.

Das Mietshaus der Holles in Warthenau wurde bei einem Luftangriff zerbombt. Frau Holle, die in der fünften Etage gewohnt hatte, zog in den Keller. Über ihr wohnen nur noch die Holzhammers, aber die Räume im Erdgeschoss haben keine Zimmerdecken mehr.

Max Schulz wundert sich über die Leiche eines nackten Mannes in Frau Holles Wohnung. Sie berichtet ihm, was geschah: Am Vorabend hatte sie einen US-Major kennengelernt, dem sie offenbar wegen ihres Holzbeins aufgefallen war. Er bot ihr Konserven gegen Sex. Sein Fahrer erklärte Frau Holle den Grund:

„Der Major ist von seiner Frau in Amerika seelisch kastriert worden. Er hat einen Minderwertigkeitskomplex. Und er hat Angst vor Frauen mit zwei Beinen, – zwei richtigen Beinen. und er will eine mit einem Bein.“

Beim siebten Orgasmus erlitt der Major einen tödlichen Herzschlag. Frau Holle ging daraufhin zur Telefonzelle, um die Polizei anzurufen, aber der Apparat war kaputt. Nun verspricht Max Schulz, die Leiche im Schutz der Dunkelheit zu beseitigen.

Während sie auf den richtigen Zeitpunkt warten, erzählt Max Schulz, was er in den letzten Monaten erlebte. Als sich im Januar 1945 die Rote Armee dem KZ Laubwalde näherte, bereitete die SS die Auflösung vor. Beim Beladen der Lastwagen fiel eine mit Goldzähnen gefüllte Kiste zu Boden und zerbrach. Der Inhalt musste in Pappkartons umgepackt werden.

„Ich erhielt dann Befehl, die Gefangenen zu erschießen. Wie gesagt: Viele waren es nicht mehr. Ich hatte sie gezählt: 89. Die letzten Überlebenden. 89? Was ist das schon! Die kann ein einziger Mann erledigen.
Aber ich hatte Bauchschmerzen. Und ich ging zu meinem Untersturmführer und sagte ihm das. Aber der wollte davon nichts hören.“
Max Schulz stieß dicke Rauchwolken vor sich hin.
„Na ja“, sagte Max Schulz. „Ich erschoss sie eben mit Bauchschmerzen.“

Der Transport wurde von Partisanen überfallen. Dabei kamen alle Männer bis auf Max Schulz und den Lagerkommandanten Hans Müller ums Leben, auch Günter Holle. Nachdem es Max gelungen war, einen Karton mit Goldzähnen zu vergraben, fand er eine abgelegene Kate, die von einer steinalten Polin bewohnt wurde. Veronja, so hieß sie, durchschaute sofort, dass es sich bei dem Flüchtigen um einen SS-Offizier aus dem KZ Laubwalde handelte, einen, der dort Herr über Leben und Tod gewesen war. Nun genoss sie ihre Macht über diesen „Gott“, der bis zur Schneeschmelze im Frühjahr bei ihr bleiben musste, wenn er überleben wollte. Sie verprügelte ihn kraftvoll und versetzte ihn mit einem besonderen Kräutertee in die Lage, sie jede Nacht siebenmal zu befriedigen. Morgens, mittags und abends gab sie ihm Borschtsch zu essen und kochte ihm einen anderen Kräutertee zur Erholung. In der siebten Nacht erlitt er einen Herzinfarkt. Veronja pflegte ihn gesund. Schließlich holte er den vergrabenen Karton mit den Goldzähnen. In der Nacht nagte Veronjas Ziege am feuchten Karton. Durch den Lärm der herauspurzelnden Goldzähne wurde Veronja geweckt. Als sie begriff, um was es sich handelte, stürzte sie sich mit einer Holzhacke auf Max Schulz, aber er war schneller, riss ihr das Gerät aus der Hand und zertrümmerte ihr damit den Schädel.

Mit den Goldzähnen im Gepäck schlug er sich nach Wieshalle durch, aber seine Mutter und Anton Slavitzki waren vor den Russen geflohen, und niemand kannte ihre neue Adresse.

Im Morgengrauen bringt Max Schulz den toten amerikanischen Major, den er und Frau Holle inzwischen angekleidet haben, zum früheren Adolf-Hitler-Platz und setzt ihn dort auf eine Bank.

1946 liest Max Schulz in Berlin in der Zeitung, dass Frau Holle ums Leben kam, als sie auf eine Mine trat. Er hatte damals überlegt, sie mitzunehmen, aber eine Frau mit einem Holzbein wäre zu auffällig gewesen. Deshalb stahl er sich heimlich davon, ging nach Berlin und vergrub die Goldzähne erst einmal wieder.

Von seinem früheren SS-Kameraden Horst Kumpel lässt er sich in Berlin eine KZ-Nummer aus Auschwitz tätowieren. Dann sucht er Dr. Hugo Weber auf. Der vierundachtzigjährige Arzt, der noch immer vom Nationalsozialismus überzeugt ist, entfernt seine SS-Tätowierung und beschneidet seinen Penis. So wird aus Max Schulz der ebenfalls am 15. Mai 1907 geborene Jude Itzig Finkelstein.

Nach und nach verkauft er die Goldzähne. Mit dem Geld etabliert der Kriegsgewinnler sich als Schwarzhändler in Berlin.

Dabei gerät er an Kriemhild Gräfin von Hohenhausen. Deren Liebhaber Nikolaus Wanja Stubbe, einer der führenden Schwarzhändler in Berlin, erlag eine Woche vorher einem Herzinfarkt. Damit fiel er als Sexualpartner und Finanzier der Gräfin aus. Max Schulz alias Itzig Finkelstein springt für ihn ein und zieht in die Villa der Gräfin in Berlin-Blankenstein. Bevor sie ihn in ihr Bett lässt, muss er sich erst von ihrem Butler eine Woche lang im Liebesspiel unterweisen lassen, zuerst in der Theorie, dann in praktischen Übungen mit der Zofe. Weil Kriemhild Gräfin von Hohenhausen kein Hehl aus ihrem Antisemitismus macht, beginnt Itzig Finkelstein Bücher über das Judentum zu lesen, damit er ihr widersprechen kann.

1947 verliert er sein gesamtes Vermögen, das die Gräfin in einen schiefgelaufenen Waffenschmuggel investierte.

Aber Sie wissen ja, wie das ist, wenn man einen Goi Geschäfte machen lässt!

Ohne Geld nützt er ihr nichts mehr. Sie wirft ihn hinaus, und er zieht in das billige, schäbige Hotel „Vaterland“. Dort wohnt noch ein Jude, Max Rosenfeld, der ihn sogleich als seinesgleichen erkennt. Als Itzig ihn fragt, ob er ihn am „Seelengeruch“ erkannt habe, antwortet er:

„Nicht am Seelengeruch, Herr Finkelstein. Bloß an Ihrer Fresse!“

Es fällt auf, wie alle Deutschem im Hotel „Vaterland“ vor den beiden jüdischen Gästen katzbuckeln. Dieser Philosemitismus ist jetzt in Deutschland angesagt.

Max Rosenfeld, der den Holocaust als Einziger aus seiner Familie überlebte, bekennt sich zum Zionismus. Er will nach Palästina und drängt Itzig Finkelstein, sich ihm anzuschließen.

In Marseille gehen sie an Bord der „Exitus“. Der griechische Kapitän Teiresias Pappas beklagt sich darüber, dass 1600 Illegale auf sein für maximal 700 Passagiere gebautes Schiff drängen, kann es jedoch nicht verhindern. Während der Überfahrt kommt Itzig Finkelstein mit dem pensionierten Amtsgerichtsrat Wolfgang Richter auf den Massenmörder Max Schulz zu sprechen. Schließlich wettet Richter mit ihm um eine Flasche Champagner, dass er Max Schulz finden und entlarven werde.

Als sie sich Palästina nähern, lässt Itzig sich vom Haganah-Kommandanten David Schapiro mit einer Maschinenpistole ausrüsten, damit er notfalls gegen die Briten kämpfen kann. Die „Exitus“ wird in „Auferstehung“ umgetauft. Am 14. Juni 1947 gehen die Passagiere in Palästina an Land.

Itzig Finkelstein und die Ballerina Hanna Lewisohn aus Berlin, die auf dem Schiff eine Affäre begonnen haben, werden im Kibbuz Pardess Gideon aufgenommen. Dort arbeiten Hanna im Hühner- und Itzig im Kuhstall. Fürs Haareschneiden ist der Schlosser Nathan Herzberg zuständig.

Nach einer Woche mag Itzig Finkelstein nicht länger den Stall ausmisten. Mit dem Bus fährt er nach Jerusalem. Dort findet er keine Arbeit. Er versucht es auch in anderen Städten. Erst in Beth David stößt er auf einen Friseursalon, der einen Gehilfen sucht und ihn am 5. Juli 1947 einstellt. Schmuel Schmulevitch beschäftigt außer ihm acht weitere Gesellen, zwei Lehrjungen, zwei Maniküren und zwei Schuhputzer.

Unter meinen Kollegen sind zwei deutsche Juden. Sigi Weinrauch und Max Weidenfeld […] Den beiden gefällt’s hier nicht […]
Der Sigi Weinrauch, der ist ein Volksfeind. Reißt Witze über den Zionismus – wir nannten sowas ‚Zersetzung‘ – beleidigt unsere Führer – wir nannten sowas ‚Führerbeleidigung‘ – redet andauernd von der verlorenen Sache – wir nannten sowas ‚Verbreitung von Feindpropaganda und Defätismus‘ – aber was das Schlimmste ist … der Sigi Weinrauch, der liebt Deutschland.
Können Sie das verstehen? Ein Jude, der Deutschland liebt! Trotz der 6 Millionen!

Nachdem Itzig Finkelstein im Salon eine Rede hielt und die Weltherrschaft des Judentums proklamierte, wird er auf dem Heimweg von zwei Männern entführt und in einen Keller gebracht, wo Jankl Schwarz, der Führer des jüdischen Aufstands gegen die Briten, ihn dazu drängt, sich der Untergrundbewegung anzuschließen.

Ende August 1947 werden die beiden Maniküren von Schmuel Schmulevitch entlassen und durch eine neue Kraft ersetzt: Miriam („Mira“) Schmulevitch stammt aus der ukrainische Kleinstadt Wapnjarka-Podolsk. Dort wurden am 9. Juli 1941 alle Juden auf dem jüdischen Friedhof erschossen. Mira überlebte schwer verletzt und ist seither stumm. Später wurde sie noch einmal festgenommen und in ein Konzentrationslager gesperrt. Dort magerte sie bis aufs Skelett ab. Nach der Befreiung entwickelte sie sich zur Fressmaschine, und inzwischen ist sie dicker als die dickste Frau der Welt. Das gefällt Itzig Finkelstein. Am 3. September 1947 lässt er sich von Rabbi Nachum Nussbaum in Beth David mit ihr vermählen.

In der Hochzeitsnacht erweist er sich als impotent und schläft ein. Aber kurz darauf holen ihn die Terroristen aus dem Bett. Sie greifen eine Kaserne der Briten an und mähen mit ihren automatischen Waffen alle nieder. Itzig beteiligt sich an sechs weiteren Anschlägen. Bei der siebten Aktion, einem Angriff auf einen britischen Panzer- und Lastwagen-Konvoi auf der Straße zwischen Tel Aviv und Jerusalem, werden die Terroristen aufgerieben. Jankl Schwarz kommt ums Leben. Die Gruppe löst sich auf.

Itzig bricht sich bei einer Geländeübung am 1. November 1947 beide Beine und muss ins Krankenhaus. Von dort holt Mira ihn am 27. November ab. Zwei Tage später hört er durchs Fenster im Radio des Nachbarn, dass die Vollversammlung der Vereinten Nationen den Teilungsplan für Palästina annahm. Itzig macht einen Freudensprung – und bricht sich die Beine dabei noch einmal. Bis 22. Januar liegt er wieder im Spital.

Als am 14. Mai 1948 der unabhängige Staat Israel proklamiert wird, erhält Mira plötzlich ihre Sprachfähigkeit zurück.

Im Palästinakrieg kämpft Itzig Finkelstein als Sergant in der israelischen Armee. Am 30. Dezember 1948 fährt er mit seinen Männern los, um Proviant zu holen. Er verliert die Orientierung. Unerwartet stehen sie am Suezkanal. Nach der Rückkehr müssen sie sich wegen eines befehlswidrigen Vormarsches vor einem Kriegsgericht verantworten. Da sie glaubhaft versichern, es habe sich um einen Irrtum gehandelt, werden sie am Ende freigesprochen.

Kurz darauf verlässt Itzig Finkelstein die Armee und kehrt zu seiner Frau nach Beth David zurück.

1951 richten sie sich in ihrem eigenen Häuschen ein. Im Jahr darauf erbt Mira Geld von ihrem Onkel Abraham Lewinsky. Das benutzt Itzig, um der Witwe des inzwischen einem Herzinfarkt erlegenen Schmuel Schmulevitch den Friseursalon abzukaufen und ihn neu einzurichten.

Aus einer Zeitungsannonce erfährt er, dass Anton Slavitzki einen Friseursalon in München betreibt. Er vermutet zwar, dass auch seine Mutter dort ist, nimmt jedoch keinen Kontakt mit der angegebenen Adresse auf, um sich nicht zu verraten.

Mira wird schwanger, obwohl sie bereits Mitte vierzig ist. Sie gebiert einen Sohn ohne Arme und Beine, ohne Gesicht, nur mit zwei riesigen Froschaugen. Das Kind stirbt nach wenigen Stunden.

Im Dezember 1967 trifft Itzig Finkelstein den inzwischen über achtzig Jahre alten Amtsgerichtsrat Wolfgang Richter wieder und erinnert ihn an die Wette. Einige Zeit später verlangt Richter die Flasche Champagner, denn er hat herausgefunden, dass Max Schulz tot ist. Der Massenmörder erfror im Winter 1945 in einem Waldstück in Polen. Bauern fanden seine Leiche, die daraufhin am 2. Juni 1947 von den polnischen Behörden geborgen wurde. Itzig Finkelstein meint zwar, die Behörden hätten es sich zu leicht gemacht, aber Wolfgang Richter hält an seinen Erkenntnissen fest, und als Itzig ihm seine wahre Geschichte erzählt, befürchtet der pensionierte Amtsgerichtsrat, sein Gesprächspartner habe den Verstand verloren.

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Edgar Hilsenrath wurde am 2. April 1926 in Leipzig als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren und wuchs in Halle auf. Seine Mutter flüchtete mit ihm und seinem jüngeren Bruder 1938 zu Verwandten in die rumänische Kleinstadt Sereth. Der Vater wollte nachkommen, aber der Kriegsbeginn am 1. September 1939 machte es unmöglich. (Er überlebte den Krieg in Frankreich.) Edgar Hilsenrath und seine Angehörigen in Sereth wurden 1941 von den Nationalsozialisten ins rumänische Ghetto Mogiljow-Podolsk in Transnistria verschleppt. Als das Ghetto im März 1944 von der Roten Armee befreit wurde, lief Edgar Hilsenrath zu Fuß nach Sereth und weiter nach Czernowitz. Mit Hilfe der Organisation Ben Gurion emigrierte er 1945 nach Palästina. Dort schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, bis er 1947 nach Lyon ging und das Kürschnerhandwerk erlernte. 1951 wanderte er nach New York aus. Dort gelang ihm mit „Der Nazi & der Friseur“ bzw. „The Nazi & The Barber“ 1971 der Durchbruch als Schriftsteller. Vier Jahre später kehrte er nach Deutschland zurück.

Nach der Veröffentlichung seines Debütromans „Night“ („Nacht“) hatte ihn Ken McCormick, der Cheflektor des Verlags Doubleday & Company in New York, im Herbst 1967 dazu ermutigt, ein weiteres Buch zu schreiben. McCormick war dann überrascht, als Edgar Hilsenrath ihm einige Jahre später ein in deutscher Sprache verfasstes Manuskript vorlegte: „Der Nazi & der Friseur“. Das ließ der Verlag von dem Germanistik-Professor Andrew White übersetzen und veröffentlichte es 1971 unter dem Titel „The Nazi & The Barber“. In Deutschland lehnten es über sechzig Verlage ab, „Der Nazi & der Friseur“ ins Programm zu nehmen. Erst 1977 wagte sich der Literarische Verlag Helmut Braun in Köln damit auf den deutschen Markt.

Aus mehreren Gründen schreckten Verlage in der Bundesrepublik Deutschland vor „Der Nazi & der Friseur“ zurück. In einer Zeit, in der Theodor W. Adorno meinte, es sei barbarisch, „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben“ (1951), galt es als undenkbar, eine Satire über den Holocaust zu veröffentlichen. Dass Edgar Hilsenrath in seiner Groteske einen der Täter in der Ich-Form erzählen lässt, wurde als noch schlimmer angesehen. (Als Jonathan Littell die Täterperspektive für seinen 2006 veröffentlichten Roman „Die Wohlgesinnten“ wählte, gab es in Deutschland wieder einen Aufschrei des Entsetzens.) Dazu kommt, dass Edgar Hilsenrath in „Der Nazi & der Friseur“ auch Israel aufs Korn nimmt, und das gilt in Deutschland bis heute als politisch nicht korrekt, weil Kritik an den Israelis mit Antisemitismus verwechselt wird.

Dabei ist „Der Nazi & der Friseur“ ein großer Wurf. In dem provokativen Schelmenroman zeigt Edgar Hilsenrath, wie leicht aus einem unpolitischen jungen Mann ein Nazi, ein gewissenloser Massenmörder, schließlich ein Kriegsgewinnler werden kann. Damit nicht genug: Nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ nimmt dieser Kriegsverbrecher die Identität eines jüdischen Jugendfreundes an, wandert nach Palästina aus und verinnerlicht die neue Rolle so, dass er sich den jüdischen Terroristen 1947 im grausamen Kampf gegen die Briten anschließt. Zwar wirft Edgar Hilsenrath die Frage nach Schuld, Gerechtigkeit und Sühne auf, aber er liefert dazu keine fertigen Antworten.

Bei „Der Nazi & der Friseur“ handelt es sich um eine aberwitzige Groteske. Das Lachen bleibt einem beim Lesen allerdings fortwährend im Halse stecken. Mit überbordender Fabulierlaune, einer Fülle bizarrer Einfälle und sehr viel sarkastischem Sprachwitz entwickelt Edgar Hilsenrath die schockierende Geschichte.

Den Roman „Der Nazi & der Friseur“ von Edgar Hilsenrath gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Bodo Primus (Köln 2005, 10 CDs, ISBN 3-89830-932-0).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Dittrich Verlag

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Der Schwerter Schulroman "Bunt ist unser Leben" setzt sich aus einem Dutzend parallel entwickelter Geschichten zusammen. Sie spiegeln die vielfältigen Vorlieben der Jugendlichen, ihre individuellen Erlebnisse und Erfahrungen.
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