Heinrich Heine : Deutschland. Ein Wintermärchen

Deutschland. Ein Wintermärchen

Heinrich Heine

Deutschland. Ein Wintermärchen

Deutschland. Ein Wintermärchen Manuskript: Ende 1843 - Anfang 1844 Erstveröffentlichung:Hoffmann und Campe, Hamburg 1844 Taschenbuch: Insel Verlag, Frankfurt/M 2005

Inhaltsangabe


Der Dichter beschreibt seine Reise über Aachen, Köln, den Teutoburger Wald und Hannover nach Hamburg. Dabei kritisisiert er den durch die Restauration erzwungenen Stillstand in Deutschland.



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Kritik

Heinrich Heine ging 1831 ins Exil nach Paris. Erst Ende 1843 kam er wieder für einige Wochen nach Deutschland. Auf der Rückreise begann er das Versepos, in dem er mit tragischem Humor ein pessimistisches Deutschlandbild formuliert.
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Nach dreizehn Jahren Exil in Paris besucht der Dichter erstmals wieder Deutschland und reist über Aachen, Köln, Hagen, Unna, den Teutoburger Wald, Minden, Bückeburg und Hannover nach Hamburg, zu seiner Mutter.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Und schwelgen im ersten Kusse.

Über die Zollkontrolle an der preußischen Staatsgrenze schreibt er:

Beschnüffelten alles, kramten herum
In Hemden, Hosen, Schnupftüchern;
Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
Auch nach verbotenen Büchern.

Ihr Toren, die Ihr im Koffer sucht!
Hier werdet Ihr nichts entdecken!
Die Contrebande, die mit mir reist,
Die habe ich im Kopfe stecken.

Hier hab ich Spitzen, die feiner sind
Als die von Brüssel und Mecheln,
Und pack ich einst meine Spitzen aus,
Sie werden Euch sticheln und hecheln.

[…]

Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte mir, ich hätte
jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
Die große Douanenkette.

„Der Zollverein“ – bemerkte er –
„Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.

Er gibt die äußere Einheit uns,
Die sogenannt materielle;
Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
Die wahrhaft ideelle –

Sie gibt die innere Einheit uns,
Die Einheit im Denken und Sinnen;
Ein einiges Deutschland tut uns not,
Einig nach außen und innen.“

Auch über die 1842 von König Friedrich Wilhelm IV. eingeführte preußische Uniform macht er sich lustig, denn die Pickelhaube könnte bei Gewitter Blitze anziehen: „Ja, ja, der Helm gefällt mir, er zeugt / Vom allerhöchsten Witze!“

Der Reisende findet, dass die Deutschen sich bedauerlicherweise kaum verändert haben:

Noch immer das hölzern pedantische Volk,
Noch immer ein rechter Winkel
In jeder Bewegung, und im Gesicht
Der eingefrorene Dünkel.

Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengrade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
Womit man sie einst geprügelt.

Dass der Kölner Dom unvollendet blieb, freut ihn, denn ein Weiterbau wäre seiner Meinung nach rückwärtsgewandt, eine Huldigung des Mittelalters, wie der Kult um Karl den Großen in Aachen. Der Dichter hofft, dass es so bleibt, verspottet den 1842 gegründeten Zentral-Dombau-Verein und macht sich über die Heiligen Drei Könige lustig, deren Reliquien im Kölner Dom aufbewahrt werden.

Er kritisiert den durch die Restauration erzwungenen Stillstand in Deutschland. Nur in ihren Träumen wagten es die Deutschen, sich Veränderungen auszumalen.

Franzosen und Russen gehört das Land,
Das Meer gehört den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft unbestritten.

Er selbst träumt während einer Kutschfahrt, dass er Friedrich Barbarossa begegnet, der im Kyffhäuser auf den geeigneten Zeitpunkt wartet, um das alte Kaiserreich wiederzuherstellen. Als der Dichter ihm von der Guillotine und von der Hinrichtung des französischen Königspaares erzählt, reagiert der Kaiser ungehalten.

Herr Rotbart – rief ich laut – du bist
Ein altes Fabelwesen,
Geh, leg dich schlafen, wir werden uns
Auch ohne dich erlösen.

In Hamburg fordert ihn die Stadtgöttin Hammonia auf, das Kissen auf dem Sessel Karls des Großen zu anzuheben („Du schaust eine runde Öffnung dann“). Neugierig beugt er sich darüber – und riecht den „deutschen Zukunftsduft“ …


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Heinrich Heine (1797 – 1856) ging 1831 ins Exil nach Paris, weil er sich seit dem Beginn der Restauration in Deutschland nicht mehr sicher fühlte. Vier Jahre später verbot der Bundestag seine Schriften. Im Oktober 1843 besuchte Heine seine Mutter und seinen Verleger Julius Campe in Hamburg und blieb einige Wochen lang. Auf der Rückreise begann er das Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Mit tragischem Humor und Ironie formulierte er in leicht lesbaren, volksliedartigen Strophen ein pessimistisches Deutschlandbild.

Beruhigt Euch, ich liebe das Vaterland ebenso sehr, wie Ihr.

Ich bin ein Freund der Franzosen, wie ich der Freund aller Menschen bin, wenn sie vernünftig und gut sind […]

Obwohl Heinrich Heine im Vorwort beteuerte, dass er sein Vaterland liebe und nicht an die Franzosen verraten werde, zögerte sein Verleger mit der Veröffentlichung. Tatsächlich wurde „Deutschland. Ein Wintermärchen“ mehrmals verboten.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: Carl Hanser Verlag, München / Wien 1982

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