Sebastian Haffner : Anmerkungen zu Hitler

Anmerkungen zu Hitler

Sebastian Haffner

Anmerkungen zu Hitler

Anmerkungen zu Hitler Erstausgabe: Kindler Verlag 1978
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Wie Sebastian Haffner im Titel bescheiden andeutet, geht es in diesem anregenden und packenden Büchlein aus dem Jahr 1978 nicht um eine mehr oder weniger detaillierte Darstellung der Geschichte des Hitler-Regimes, sondern um ein konzentriertes Nachdenken über Hitlers "Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat" (so das Inhaltsverzeichnis).

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Kritik


Der Essay "Anmerkungen zu Hitler" von Sebastian Haffner ist ein sprachliches Meisterwerk und besticht vor allem durch die ebenso kluge wie originelle Gedankenführung des Autors.


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Adolf Hitler beschloss 1919, Politiker zu werden. Für den gescheiterten Künstler und frustrierten Soldaten war Politik ein Lebensersatz. So etwas wie die Revolution vom November 1918 durfte sich nie wiederholen. Das betrachtete er als seine Mission: Hitler wollte den Krieg noch einmal führen – aber ohne die linken Parteien.

Da man aber das, was hinter den linken Parteien stand, die Arbeiterschaft, nicht abschaffen konnte, musste man sie politisch für den Nationalismus gewinnen, und das bedeutete, […] man musste ihr Sozialismus bieten, jedenfalls eine Art von Sozialismus, eben einen Nationalsozialismus. (Seite 19)

Es fiel Hitler leicht, in der Deutschen Arbeiterpartei die Führung zu übernehmen, denn das war bei seinem Eintritt nur „ein trüber Hinterstubenverein mit wenigen hundert wenig bedeutenden Mitgliedern“ (Seite 21). Die Partei verschaffte ihm die Plattform, seine hypnotische Wirkung als Redner auf Großveranstaltungen zu entdecken. Die Wirkung dieser Entdeckung auf Hitler war enorm:

Man kann sie nur verstehen, wenn man sich vorstellt, wie es auf einen Mann, der Grund gehabt hat, sich für impotent zu halten, wirken muss, wenn er sich plötzlich imstande findet, Wunder der Potenz zu vollbringen. (Seite 21f)

Hitler begann, sich einzigartig und überlegen zu fühlen. Die NSDAP bildete für ihn „nur das Instrument seiner persönlichen Machtergreifung“ (Seite 28).

Die Weimarer Republik wurde nicht durch Hitler zerstört, sondern durch die Gegner der Demokratie von links und rechts bzw. die fehlende Mitte. Hitler „entmachtete nur die, die sie zerstört hatten“ (Seite 72). Ähnliches gilt für die 1919 in Paris und Versailles geschaffene europäische Ordnung.

Was man ihm zugestehen muss, ist ein Instinkt dafür, was schon im Fallen, was schon im Sterben war […] Aber dieser Instinkt, zweifellos für einen Politiker eine nützliche Gabe, gleicht weniger dem Blick des Adlers als der Witterung des Geiers. (Seite 85f)

Im Januar 1933, als Hitler Reichskanzler wurde, gab es in Deutschland sechs Millionen Arbeitslose. Drei kurze Jahre später, 1936, herrschte Vollbeschäftigung. Aus schreiender Not und Massenelend war allgemein ein bescheiden-behaglicher Wohlstand geworden. Fast ebenso wichtig: An die Stelle von Ratlosigkeit und Hoffnungslosigkeit waren Zuversicht und Selbstvertrauen getreten. Und noch wunderbarer: Der Übergang von Depression zu Wirtschaftsblüte war ohne Inflation erreicht worden, bei völlig stabilen Löhnen und Preisen. (Seite 34f)

Aufgrund des Wirtschaftswunders wurden Kritiker Hitlers als Nörgler abgetan: „Der Mann mag seine Fehler haben, aber er hat uns wieder Arbeit und Brot gegeben.“ Hitler gewann die Mehrheit des Volkes nicht als Nationalsozialisten, sondern als „Führergläubige“ (Seite 42). Sebastian Haffner zitiert in diesem Zusammenhang aus einer Hitler-Rede vom 28. April 1939:

„Ich habe das Chaos in Deutschland überwunden, die Ordnung wiederhergestellt, die Produktion auf allen Gebieten unserer nationalen Wirtschaft ungeheuer angehoben […] Es ist mir gelungen, die uns allen so zu Herzen gehenden sieben Millionen Erwerbslosen restlos wieder in nützliche Produktionen einzubauen […] Ich habe das deutsche Volk nicht nur politisch geeint, sondern auch militärisch aufgerüstet, und ich habe weiter versucht, jenen Vertrag Blatt um Blatt zu beseitigen, der in seinen 448 Artikeln die gemeinste Vergewaltigung enthält, die jemals Völkern und Menschen zugemutet worden ist. Ich habe die uns 1919 geraubten Provinzen dem Reich wieder zurückgegeben, ich habe Millionen von uns weggerissenen, tief unglücklichen Deutschen wieder in die Heimat geführt, ich habe die tausendjährige historische Einheit des deutschen Lebensraumes wiederhergestellt, und ich habe […] mich bemüht, dieses alles zu tun, ohne Blut zu vergießen und ohne meinem Volk oder anderen daher das Leid des Krieges zuzufügen. Ich habe dies […] als ein noch vor 21 Jahren unbekannter Arbeiter und Soldat meines Volkes, aus meiner eigenen Kraft geschaffen […]“ (Seite 40f)

Sebastian Haffners Kommentar:

Ekelhafte Selbstbeweihräucherung. Lachhafter Stil […] Aber, zum Teufel, es stimmte ja alles – oder fast alles. Wer sich an die paar Dinge klammerte, die vielleicht doch nicht stimmten (das Chaos überwunden – ohne Verfassung? Die Ordnung wiederhergestellt – mit Konzentrationslagern?), kam sich selbst manchmal wie ein kleinlich mängelsuchender Rechthaber vor. Der Rest – was konnte man im April 1939 dagegen vorbringen? Die Wirtschaft blühte ja wirklich wieder, die Arbeitslosen hatten wirklich wieder Arbeit (es waren nicht sieben Millionen gewesen, sondern sechs, aber gut), die Aufrüstung war Wirklichkeit, der Versailler Vertrag war wirklich totes Papier geworden (und wer hätte das 1933 für möglich gehalten!), das Saarland und das Memelgebiet gehörten wirklich wieder zum Reich, ebenso die Österreicher und Sudetendeutschen, und sie freuten sich wirklich darüber – ihren Jubelschrei hatte man noch im Ohr. Krieg hatte es wunderbarerweise deswegen wirklich nicht gegeben, und auch dass Hitler vor zwanzig Jahren wirklich ein Unbekannter gewesen war, konnte niemand bestreiten (allerdings kein Arbeiter, aber gut). Hatte er alles aus eigener Kraft geschaffen? Natürlich hatte er Helfer und Mitwirkende gehabt, aber konnte man im Ernst behaupten, es wäre alles auch ohne ihn gegangen? Konnte man also Hitler noch ablehnen, ohne alles, was er geleistet hatte, abzulehnen, und waren gegen diese Leistungen seine unangenehmen Züge und seine Übeltaten nicht nur Schönheitsfehler? (Seite 41f)

Hitlers Leistungen sind nicht zu bezweifeln – aber jeder Schritt diente nur zur Vorbereitung der nächsten Aktion. In grenzenloser Egomanie wollte er alle seine maßlosen Ziele in seinem Leben verwirklichen, nichts einem Nachfolger überlassen.

Im letzten Grunde also der Entschluss, Geschichte der Autobiografie unterzuordnen, Staats- und Völkerschicksale dem eigenen Lebenslauf; ein Gedanke von wahrhaft atemberaubender Verkehrtheit und Übertreibung. (Seite 28)

Dementsprechend spricht Hitler am 23. November 1939 zu seinen Generälen:

Als letzten Faktor muss ich in aller Bescheidenheit meine eigene Person nennen: unersetzbar. Weder eine militärische noch eine zivile Persönlichkeit könnte mich ersetzen. Attentatsversuche können sich wiederholen […] Das Schicksal des Reiches hängt nur von mir ab. Ich werde danach handeln. (Seite 28)

Im Sommer 1940 hätte Hitler wieder Frieden haben und von da an den Kontinent beherrschen können, aber er zog eine solche Möglichkeit gar nicht in Betracht. Er begriff 1940 nicht, dass er alles Erreichbare erreicht hatte. Eine deutsche Hegemonialstellung in einem wieder friedlichen Europa interessierte ihn nicht, denn er ahnte, dass er nur so lange die deutsche Gesellschaft beherrschen konnte, wie er sie unablässig unter Druck hielt. Bezeichnend für ihn ist, was er am 27. November 1941 zu dem dänischen Außenminister Scavenius und dem kroatischen Außenminister Lorkowitsch sagte:

„Ich bin auch hier eiskalt. Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein eigenes Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden […] Ich werde dann dem deutschen Volk keine Träne nachweinen.“ (Seite 139f)

Im Sommer 1944 stand kein feindlicher Soldat auf deutschem Boden. So war es auch im Herbst 1918 gewesen. Während jedoch Ludendorff einen Waffenstillstand anstrebte, ließ Hitler nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 Tausende festnehmen, um mit allen Mitteln eine Wiederholung der Vorgänge vom November 1918 zu verhindern. Ein Eingeständnis der Niederlage kam für ihn nicht in Frage.

Zum Schluss handelte Hitler wie ein jähzorniger enttäuschter Rennstallbesitzer, der sein bestes Pferd zu Tode prügeln lässt, weil es nicht imstande gewesen ist, das Derby zu gewinnen. (Seite 187)

Am 19. März 1945 erklärte er Albert Speer:

„Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, ist es besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrig bleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.“ (Seite 181)

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Der Essay „Anmerkungen zu Hitler“ ist ein sprachliches Meisterwerk von Sebastian Haffner und besticht vor allem durch die ebenso kluge wie originelle Gedankenführung des Autors.

Er malte nicht einen Teufel an die Wand und verfasste keine weitere Biografie, sondern suchte Fragen, deren Beantwortung Aussicht bot, das Phänomen Hitler zu erfassen […] Haffner relativierte Hitler nicht, er historisierte ihn, indem er ihn wie jeden Politiker der Geschichte nach Leistungen und Versagen beurteilte. Erst vor dem Hintergrund des Gewohnten und Üblichen wurde dann das Ungeheuer in seiner Einmaligkeit erkennbar. Der schmale Band, bescheiden „Anmerkungen zu Hitler“ genannt, war sein größtes Werk. (Peter Bender, Süddeutsche Zeitung, 27. Dezember 2007)

„Anmerkungen zu Hitler“ sei Leserinnen und Lesern empfohlen, die erst angefangen haben, sich mit dem „Dritten Reich“ auseinanderzusetzen, aber es bietet auch dann eine Menge guter Anregungen und Denkanstöße, wenn man bereits einiges über das NS-Regime weiß.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 – 2007
Textauszüge: © Kindler Verlag München – Die Seitenzahlen beziehen sich
auf eine Ausgabe des Fischer Taschenbuch Verlags, Frankfurt 1981 (192 S.)

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