Ernst-Wilhelm Händler : Die Frau des Schriftstellers

Die Frau des Schriftstellers

Ernst-Wilhelm Händler

Die Frau des Schriftstellers

Die Frau des Schriftstellers Originalausgabe: Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M 2006 ISBN: 3-627-00028-5, 640 Seiten, 25 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller Mitte vierzig, dessen Namen wir nicht erfahren, erhält durch die Vermittlung des Literaturagenten La Trémoïlle ein hoch dotiertes Vertragsangebot des Verlegers Johann Guggeis: Er soll das Manuskript des Bestseller-Autors Tonio Pototsching fertigstellen, der sich beim Fußballspielen die Hände gebrochen hat und monatelang nicht schreiben kann. Als der Ich-Erzähler feststellt, dass der Roman von ihm handelt, befürchtet er, durch das Buch seiner Identität beraubt zu werden ...
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Kritik

"Die Frau des Schriftstellers" dreht sich um die Frage des Verhältnisses zwischen Autor und Romanfigur. Aus diesem Ansatz formt Ernst-Wilhelm Händler eine ebenso eigenwillige wie grandiose Collage mit Satire- und Thriller-Elementen.
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Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller Ende vierzig, dessen Namen wir nicht erfahren, trifft in Schumann’s Bar am Hofgarten in München zufällig auf den Literaturagenten La Trémoïlle, den er drei Jahre lang erfolgreich gemieden hat. Der gehörlose Agent schreibt auf seinen Palm, der Verleger Johann Guggeis wolle den Schriftsteller sehen. Die Begegnung schockiert den Schriftsteller so, dass er sich zu Hause in die Dusche hockt.

Ich ziehe die Beine an und verschränke die Arme um die Knie, damit ich nicht so zittere. Mich friert, obwohl mir das Wasser aus der Brause, unter die ich mich nach der Wiederbegegnung mit La Trémoïlle geflüchtet habe, fast Verbrennungen verursacht. (Seite 9)

Ich hocke immer noch unter der Brause. Das Wasser schießt unverändert heiß auf mich heran. Nach wie vor friere ich. (Seite 65)

Ich habe eine Haut, nachdem ich stundenlang gebraust habe und mir die Haut überall weh tut. (Seite 219)

Das Wiedersehen mit La Trémoïlle wühlt Erinnerungen auf.

La Trémoïlle wurde in Paris geboren und stammt aus einem uralten Adelsgeschlecht. Vor drei Jahren verabredete er sich mit dem Ich-Erzähler im Augustiner Bräu und versuchte ihn von seinem Verlag abzuwerben, indem er ihm einen Vertrag mit Johann Guggeis über drei Bücher und außerordentliche Honorare in Aussicht stellte. Allerdings bat ihn La Trémoïlle im Auftrag Guggeis‘ erst einmal um einen Gefallen: Er sollte Laura Turner überreden, ihrem bisherigen Lebensgefährten Tonio Pototsching, von dem sie sich gerade getrennt hatte, bei der Fertigstellung eines Manuskripts helfen. Tonio Pototsching hatte sich beim Fußballspielen vier Finger der rechten Hand gebrochen, den linken Daumen zweimal und das linke Handgelenk ebenfalls zweimal. Pototsching schrieb grundsätzlich nur mit der Hand, ebenso wie er alle Bücher durchgängig im Konjunktiv verfasste. Wie sollte er nun das Manuskript abschließen, rechtzeitig für das Herbstprogramm, in dem das neue Buch des Bestseller-Autors als Spitzentitel fest eingeplant war?

Pototsching schreibt nur mit der Hand. Das Manuskript ist zu dreiviertel fertig. Wegen seiner Verletzung muss Pototsching es mit der linken Hand zu Ende schreiben. Das kann nur Laura lesen. Sie können sie dazu überreden, das Manuskript abzuschreiben. (Seite 61)

Bei Tonio Pototsching handelt es sich um einen Enkel des gleichnamigen, aus der Schweiz stammenden Hausmeisters, der für einen Gebäudekomplex in der Rue Hippolyte Maindron in Paris zuständig war, in dem der Künstler Alberto Giacometti zwei Atelierräume gemietet hatte. Während der Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg kollaborierte er mit den Deutschen; als Charles de Gaulle in Paris einmarschierte, setzte er sich nach Wien ab und stellte sich später als Displaced Person den Alliierten. 1946 kehrte er schwerkrank nach Paris zurück, erholte sich jedoch nicht mehr. Der Sohn des Hausmeisters und seiner Lebensgefährtin Renée Alexis zog in die Schweiz. Dort, in Chur, wurde Tonio Pototsching, der Enkel des Hausmeisters, geboren.

Zufällig hatte der Ich-Erzähler Lauras Buch „Der Mann, der in der Luft gehen konnte“ in einem Nachrichtenmagazin euphorisch rezensiert. Mit der Autorenangabe „Laura oder Lisa Turner“ ließ Laura offen, ob sie oder ihre Zwillingsschwester das Buch verfasst hatte. Es handelt von Zwillingsschwestern, die ab dem sechsten Lebensjahr von ihrem Vater vergewaltigt werden.

Laura lebt in Berlin, und es heißt, dass sie häufig im Restaurant Borchard isst. Also reist der Ich-Erzähler nach Berlin und setzt sich immer wieder ins Borchard, bis eines Tages Laura zur Tür hereinkommt. Auf der Straße hat es gerade gequietscht und geknallt. Laura blutet aus der Nase und einem Schnitt an der Oberlippe. In der Hand hat sie ein Büschel Haare.

Als der Ich-Erzähler sie kurz darauf in ihrem Stadthaus in Zehlendorf besuchen will, wird er von Lisa empfangen. Sie erzählt ihm, dass Laura kürzlich beim Überqueren einer Straße beinahe überfahren worden sei. Ein Autofahrer kam gerade noch mit quietschenden Reifen zum Stehen. Laura drohte ihm mit der Faust, und als er sie dann auch noch beschimpfte, zerkratzte sie ihm das Gesicht und den Hals. Er schlug zurück; sie riss ihm ein Büschel Haare aus. Der Fahrer eines Lieferwagens, der langsam vorbeifuhr, damit er alles sehen konnte, verursachte einen Auffahrunfall (S. 77f, 94f, 281).

Lisa erzählt dem Besucher, dass Laura sich schon als Kind absichtlich verletzte und einmal sogar einen Fuß vor den Vorderreifen eines anfahrenden Autos stellte (S. 328f).

Laura brachte sich öfter selbst Verletzungen bei, mit einer Nagelschere stach sie sich in die Venen, mit einer Rasierklinge ritzte sie sich eine geometrische Figur in den Bauch. (Seite 94)

Obwohl es sich bei Lisa und Laura um Zwillinge handelt, sind sie sehr verschieden.

Während des Studiums wohnten sie zusammen. Lisa arbeitete tags, Laura nachts. Lisa stellte die Bücher geordnet ins Regal, Lauras Bücher lagen in Haufen auf dem Boden. Lisa versäumte keine Vorlesung und keine Übung. Laura besuchte am Anfang eines Semesters späte Vorlesungen und Übungen, zum Ende des Semesters gar keine mehr, weil sie meistens im darauffolgenden Semester das Fach wechselte. (Seite 411f)

Laura lernte Tonio Pototsching kennen, als dieser an seinem ersten Buch schrieb. Bereits beim zweiten Treffen schlug er ihr vor, zu ihm in sein Haus in Zehlendorf zu ziehen. Laura nahm das Angebot an, allerdings unter der Bedingung, dass sie nicht mit ihm zu schlafen brauchte. Sie ließ sich zwar von ihm auch unter der Kleidung anfassen, verweigerte ihm aber den Koitus. Nach dem Umzug meldete Laura sich von der Universität ab und jobbte beispielsweise als Bedienung im Café Kranzler und als Verkäuferin im KaDeWe. Dass Pototsching schließlich nach seinen Lesungen andere junge Frauen mit ins Hotelzimmer nahm und mit ihnen schlief, nahm sie hin. Erst als er einmal spätabends zwei schwule, miteinander knutschende Literaturredakteure mit nach Hause brachte und sich mit seinem Unterkörper so lange an ihr rieb, bis er in die Hose ejakulierte, hielt Laura es nicht mehr aus: Am nächsten Morgen fuhr sie nach Norwegen, wo Lisa gerade bei einer befreundeten Familie zu Besuch war. Erst einige Zeit später kehrte sie zu dem Bestseller-Autor zurück.

Lisa erklärt dem Besucher, Tonio Pototsching könne aufgrund seiner Verletzungen in den nächsten Monaten weder mit der rechten noch mit der linken Hand schreiben.

Um mit Laura zusammen sein zu können, verpflichtet der Ich-Erzähler sich, Pototschings Manuskript fertigzustellen. Dafür erhält er von Guggeis einen Vertrag für weitere drei Bücher mit weit überhöhten Garantiehonoraren. Der Verleger rät ihm:

Lassen Sie das Manuskript, wie es ist, schreiben Sie es so zu Ende, wie Laura Turner es Ihnen sagt. (Seite 262)

Der Ich-Erzähler zieht zu seiner neuen Lebensgefährtin Laura, und als Tonio Pototsching zu einer Preisverleihung nach Berlin kommt, trifft er sich mit ihm im Hotel Four Seasons. Der Bestseller-Autor liest ihm aus dem unfertigen Manuskript vor. Erst jetzt merkt der Ich-Erzähler, dass der Roman von seiner Kindheit in Österreich handelt. Pototsching muss in St. Pankraz gewesen sein und dort seine Schwestern, die Töchter des Rohrauerbauern und die Kinder der Holzers befragt haben.

Ein anderer hatte genau das Buch geschrieben, das ich schreiben wollte. Ein anderer hatte mir meine Kindheit geraubt. Ein anderer hatte mein Buch geschrieben. (Seite 210)

Was nützt es zu sagen, Pototsching ist eitel, krankhaft, größenwahnsinnig. Er hat meine Geschichte nicht wie eine teure Erbschaft übernommen, sondern so, wie ein Spieler eine große Summe gewonnen hat und fantasiert, was sich damit machen lässt. Es ist sinnlos zu fragen, ob er ein Recht auf meine Geschichte hat. (Seite 542f)

Feige hatte er mich mit dem Manuskript überfallen, das sich meine Kindheit aneignete. Aber er riskierte mit dem Manuskript ja alles: Er ging das Risiko ein, dass ich das Buch lächerlich fand und ihn lächerlich machen konnte.
Das Schreiben half Laura nicht bei ihrem Leben, ihr Leben wurde von ihrem Schreiben nicht berührt. Laura stand für die völlige Entkopplung von Schreiben und Leben, ich für die völlige Unterwerfung des Lebens unter das Schreiben. Pototsching gelang es weder, sein Leben das Schreiben beherrschen zu lassen noch sein Leben dem Schreiben zu unterwerfen. (Seite 108)

Protagonist des Romans ist ein Junge, der mit drei Schwestern auf dem Reitbauerngut in St. Pankraz aufwächst. „Die Gnädige“, die in Wolfsegg am Hausruck lebende Besitzerin des Reitbauernguts, kommt regelmäßig nach St. Pankraz. Sie erzählt dem Jungen, dass sie einmal auf dem Eis einbrach und aufgrund der Unterkühlung klinisch tot war, bis man sie nach über einer Stunde endlich herausziehen und wiederbeleben konnte. Der Vater des Jungen, der das Reitbauerngut gepachtet hat, kommt nur alle drei Wochen nach Hause, denn er arbeitet als Sprengmeister am Bosruck-Tunnel zwischen Spital am Pyhrn und Liezen. Während seiner Abwesenheit kümmert sich die Mutter des Jungen um das Vieh, die Äcker und die Felder.

Die Gnädige unterhält sich gern mit einem auf der Einserhütte hausenden italienischen Priester, dem der Junge die Verpflegung hinaufbringt. Ein Mann, den der Junge „der Deutsche“ nennt, erklärt ihm, wie eine Turing-Maschine beziehungsweise ein Elektronengehirn funktionieren.

Für den italienischen Priester nahm die Welt ihren Ursprung im Geschriebenen, und nur dort erschloss sie sich. Den Deutschen hatte der Junge niemals lesen gesehen, nie mit einem Buch, nie mit einer Zeitung in Verbindung gebracht.
Für den Deutschen ereignete sich die Welt im Gespräch. Und wenn das Gespräch unverstellt war, machte die Welt auch Sinn. (Seite 146)

Auf dem Rückweg von der Einserhütte überrascht der Junge einmal den Idioten Franz aus St. Pankraz zusammen mit der mongoloiden Tochter des Arztes Dr. Moldowan aus Wien, die jedes Jahr im Sommer drei Wochen mit ihrer Mutter in der Gästepension der Holzers verbringt. Franz entfernt sich schuldbewusst einen Schritt von dem Mädchen, das dem Jungen sein Kropfband schenkt.

Der italienische Geistliche meldet den Jungen schließlich am Benediktinerstift Kremsmünster an. Außer den Kindern des Gemeindesekretärs ging vor dem Jungen noch niemand aus St. Pankraz aufs Gymnasium.

Der Junge träumte davon, Bücher zu schreiben. Er musste gar nichts erfinden, er konnte Schauplätze und Personen hernehmen, die er kannte, und etwas beschreiben, was er selbst erlebt hatte.
In den Büchern, die er schreiben könnte, die er schreiben wollte, wäre es viel einfacher, gut und böse zu unterscheiden. Was nicht hieß, dass die Guten immer gut und die Bösen immer böse sein mussten. In seinem Leben brachte er es nicht fertig zu entscheiden, was gut und was böse war, was richtig und was falsch. Im Buch konnte er die Menschen, die Dinge und die Ideen verändern, sodass sie eindeutiger wurden. Eindeutiger gut, eindeutiger böse, eindeutiger falsch, eindeutiger richtig. (Seite 254f)

Der Ich-Erzähler wirft Laura vor, sie helfe dem Bestseller-Autor, ihn auszulöschen:

Du tust so, als wären wir identisch, ich und derjenige, dessen Kindheit Pototsching beschreibt, ein und dieselbe Person, aber wir sind es nicht […]
Du schreibst ein Buch in der Wirklichkeit. Du machst genau das in der Wirklichkeit, was Du und ich, was wir sonst nur in Büchern machen […] Du willst mich umbringen, indem Du mich abschaffst. Zugunsten des Jungen aus Pototschings Manuskript. Er soll an meine Stelle treten. Du planst das perfekte Verbrechen! Der Junge aus Pototschings Manuskript nimmt meinen Platz ein, und es fällt gar nicht auf, dass ich nicht mehr da bin. Niemand kommt auf den Gedanken, ihn und mich auseinanderzuhalten, so wie niemand Laura und Lisa auseinanderhalten kann. (Seite 281f)

Als der Ich-Erzähler sich bei Johann Guggeis beschwert, meint der Verleger:

Keiner wird wissen, dass Sie Pototschings Buch zu Ende geschrieben haben. Sie schreiben noch ein Buch, in dem Sie sich dagegen wehren, dass Pototsching sich über Ihre Kindheit verbreitet! Und dann schreiben Sie ein weiteres Buch, in dem Sie enthüllen, dass Sie es waren, der Pototschings Buch fertiggstellt hat! Sie sind schließlich Schriftsteller, und ich bin Verleger! (Seite 263)

Ich wollte Guggeis sagen: „Ich bin aber dagegen. Ich bin gegen die Produktion von literarischen Menschen […] ich will nicht, dass die literarischen Menschen mit wirklichen Menschen konkurrieren.“ (Seite 265)

Der Ich-Erzähler befürchtet, durch das Buch seiner Identität beraubt zu werden. Er weigert sich, Pototschings Manuskript zu Ende zu schreiben, vernichtet seinen Entwurf und verlässt Laura ohne Erklärung.

Knapp drei Jahre später wird er in einem Polo Shop in der Maximilianstraße in München von einer Unbekannten angesprochen. Seit der Trennung von Laura ist er allein, und er hat Angst vor der Liebe. Deshalb verhält er sich abweisend, aber die Frau – sie heißt Beatrice – läuft ihm auf der Straße nach. Sie verabreden sich, und nach dem Essen im Restaurant nimmt Beatrice ihn mit in ein Jugendstilhaus in der Karl-Theodor-Straße, auf das sie aufpasst, während die Bewohner verreist sind. Sie entkleidet sich wortlos, und nach dem Sex fordert sie ihren neuen Liebhaber auf, statt in seine Unterhose in ihren Tanga-Slip zu schlüpfen. Ein anderes Mal fährt sie mit ihm ins Parkhaus am Angertor, das gerade umgebaut wird und verschwindet hinter einem Lieferwagen. Als sie ihn ruft, liegt sie bereits nackt auf dem Boden.

Wer so gut fickt wie sie, muss intelligent sein. Beatrice ist Psychohistorikerin, sie hat einen Lehrauftrag am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität. Ihr Vater besitzt eine Supermarktkette in Südtirol. (Seite 31)

Übrigens behauptet Beatrice, dass es sich bei der RAF um eine Nachfolgeorganisation der SS gehandelt habe (S. 62). Im Gespräch mit ihr meint der Ich-Erzähler:

Ich sagte, das Hauptnahrungsmittel der Deutschen sei Wurst. Kein anderes Volk der Welt verzehre so viel zerhacktes, in Därmen abgefülltes Fleisch. Da sei es unvermeidlich gewesen, dass die Nazis an die Macht kamen. Und die Deutschen essen immer noch so viel Wurst. (Seite 32)

Das Gute und das Böse wurden zur gleichen Zeit mächtiger, sie waren in ein und derselben Bewegung begriffen. (Seite 101)

Drei Monate, nachdem Beatrice ihn ansprach, trifft er im Schumann’s auf La Trémoïlle und verbringt die Nacht unter der Dusche.

Beatrice kam früh am Morgen. Ich hatte die ganze Nacht unter der Brause verbracht. Sie hatte versucht, mich telefonisch zu erreichen. Widerstandslos ließ ich mich aus dem Bad führen. Sie tupfte mich ab und trug Salbe auf meine aufgequollene und wunde Haut auf. (Seite 506)

Nachdem er sich erholt hat, fährt Beatrice ihn nach Wien, wo angeblich Johann Guggeis im Hotel Palais Schwarzenberg auf ihn wartet. Statt des Verlegers sind dort jedoch La Trémoïlle und Tonio Pototsching. Der Bestseller-Autor stellte das Manuskript fertig – es liegt jetzt bei Guggeis –, aber Pototsching, der inzwischen ein neues Buch geschrieben hat, will gar nicht mehr, dass es veröffentlicht wird. Er kann es Guggeis zwar nicht verbieten, rät jedoch den Ich-Erzähler, eine Verletzung seiner Persönlichkeitssphäre geltend zu machen. Meta, die neue Cheflektorin des Verlags, sichert dem Ich-Erzähler schließlich zu, Pototsching das alte Manuskript zurückzugeben, sobald er das neue abliefere.

Ich bin nicht meine Erinnerung oder meine Erinnerungen, sonst wäre ich vor drei Jahren in Pototschings Hotelzimmer sofort ein anderer geworden. Ich bin meine Klappentexte, die biografischen Anmerkungen, die Rezensionen meiner Bücher, die Fragen bei Lesungen und Interviews. Natürlich bin ich auch meine Bücher […] Auch wenn ich mich an nichts erinnern könnte, solange ich den Entwurf meines Klappentextes meines Lektors abnehmen kann, solange bin ich immer noch ich.
Das hat alles nichts mit Erinnerung zu tun. Von meiner Erinnerung muss ich nur verlangen, dass sie bis zu einem gewissen Grad stabil ist. (Seite 219)

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Der Roman „Die Frau des Schriftstellers“ von Ernst-Wilhelm Händler (* 1953) dreht sich um die Frage des Verhältnisses zwischen Autor und Romanfigur. Der namenlose Protagonist befürchtet, durch eine Romanfigur könne er seiner Identität, ja seiner Existenz beraubt werden. Ist es möglich, dass Figuren eine Eigendynamik entwickeln und Fiktion und Realität ineinander übergehen? Welche Beziehung besteht zwischen einem Menschen und der Hauptfigur in einer entsprechenden Biografie?

Aus diesem Ansatz formt Ernst-Wilhelm Händler eine ebenso eigenwillige wie grandiose Collage mit Satire- und Thriller-Elementen. Er gliedert das Buch in zwei Teile, die mit „Jetzt, damals“ bzw. „Jetzt“ überschrieben sind. „Die Frau des Schriftstellers“ ist komplex und vielschichtig, verschachtelt und verrätselt. Zwar lässt Ernst-Wilhelm Händler einen Ich-Erzähler auftreten, aber durch ein Einschub anderer Textformen erreicht er eine Mehrstimmigkeit.

Eingestreut sind beispielsweise eine Inhaltsangabe des von Tonio Pototsching angefangenen Romans, Träume, die Spur einer Turing-Maschine auf Toilettenpapier (S. 132 – 141), eine längere Passage über Laura (S. 565 – 586), Briefe, Dialoge wie bei einem Theaterstück (S. 278ff, 283ff, 392ff), Daten über den Holocaust (S. 534ff), Songtexte von Alexander Hirtreiter alias Rex Gildo („Fiesta, Fiesta Mexicana“, S. 425ff), den der Protagonist in den Achtzigerjahren in Harry’s Men Shop in München getroffen haben will. Einige Szenen sind erotisch aufgeladen, etwa wenn ein Fotograf der nackt vor ihm auf dem Boden liegenden Laura Würmer auf die Wange legt, von denen einige zum Auge kriechen (S. 432).

Sie [Laura] stützte sich auf die Krücken, sie war nackt und trug nur noch ihre Schnürstiefel. Die Krücken reichten ihr bis unter die Achsel, sie berührte kaum den Boden mit den Schuhen. Unten waren die Krücken mit dicken schwarzen Gummienden, oben mit rosafarbenen, flauschigen Polstern versehen. Bei jedem Aufsetzen gab es ein quietschendes Geräusch. (Seite 486)

La Trémoïlle winkte mich zu sich hin. Er fasste Laura am linken Fuß, ich am rechten, zusammen taten wir so, als ob wir an ihr zogen. Dabei bewegte sich La Trémoïlle immer weiter nach links und ich mich immer weiter nach rechts, sodass sich ihre Beine spreizten und wir ihr Geschlecht erkennen konnten. (Seite 494)

Es gibt auch Textstellen wie die folgende:

Wand vor Wand, Wand vor Wand, Wand hinter Wand, Gang im Raum, Raum im Raum, Gang im Raum, Wand vor Wand, blaue Papierfläche in Wand, Raum im Raum, Raum im Raum, roter Stein hinter Raum, Blei um Raum, Blei im Boden, Licht um Raum, Wand vor Wand, Figur in Wand, Kubus in Wand, schwarzer Stein in Wand, bewegliche Decke unter Decke, Gang im Raum, Wand vor Wand … (Seite 325)

Eine vier Seiten lange Passage auf den Seiten 222 bis 226 wiederholt sich wortwörtlich auf den Seiten 228 bis 223.

Immer wieder greift Ernst-Wilhelm Händler in „Die Frau des Schriftstellers“ zu Aufzählungen. Wenn er beispielsweise erwähnt, dass der Junge in Tonio Pototschings Roman sich für das Buch „Neue deutsche Baukunst, herausgegeben vom Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, Albert Speer, dargestellt von Rudolf Wolters, 1943“ interessiert, zählt er drei Seiten lang (S. 197 – 200) die Abbildungen auf.

Die Beschreibung einer Wohnungseinrichtung klingt so:

Ich schlafe in Bed No. 923 […] Ich esse am Table No. 669, ich liege auf dem Settle No. 208 und blicke auf zwei Tabourets No. 601 und den Armchair No. 324, meine Bücher schreibe ich am Library Table No. 619 […] Vom Library Table blicke ich auf das China Cabinet No. 815. (Seite 235f)

An anderer Stelle heißt es in einem siebzehn Zeilen langen Abschnitt:

Er zeichnete heitere senkrechte Streifen. Dunkelblau, orange, dunkelblau, gelb, hellblau, orange, hellblau, schwarz […] hellblau, gelb, dunkelblau, orange, dunkelblau. (Seite 240)

Laura stellt dem Ich-Erzähler neunundneunzig Fragen, ohne dass dieser auch nur eine einzige beantwortet:

„Levi’s oder Armani?“
– […]
Madonna oder Kylie?“
– […]
„Möchtest du wie Kafka sein?“
– […]
„Möchtest du wie Thomas Bernhard sein?“
– […]
„Gibt es irgendeine Abwechslung, nach der du dich sehnst?“

(Seiten 467 – 474)

Auf den Seiten 340 bis 370 listet Ernst-Wilhelm Händler 424 „Namen der Angst“ auf, und eine Aufzählung von Eigenschaften des Protagonisten durch Beatrice zieht sich durch das ganze Buch:

BESCHÄFTIGT SICH ÜBERMÄSSIG MIT DETAILS, REGELN, LISTEN, ORDNUNG, ORGANISATION ODER PLÄNEN, SODASS DER WESENTLICHE GESICHTSPUNKT DER AKTIVITÄT DABEI VERLORENGEHT. ZEIGT EINEN PERFEKTIONISMUS, DER AUFGABENERFÜLLUNG BEHINDERT […]
VERMEIDET AUS ANGST VOR KRITIK, MISSBILLIGUNG ODER ZURÜCKWEISUNG BERUFLICHE AKTIVITÄTEN, DIE ENGERE ZWISCHENMENSCHLICHE KONTAKTE MIT SICH BRINGEN […]
HAT SCHWIERIGKEITEN, ANDEREN MENSCHEN GEGENÜBER EINE EIGENE MEINUNG ZU VERTRETEN, AUS ANGST, UNTERSTÜTZUNG ODER ZUSTIMMUNG ZU VERLIEREN […]
VERDÄCHTIGT ANDERE OHNE AUSREICHENDEN GRUND, IHN AUSZUNUTZEN, ZU SCHÄDIGEN ODER ZU TÄUSCHEN […]
FÜHLT SICH UNWOHL IN SITUATIONEN, IN DENEN ER/SIE NICHT IM MITTELPUNKT DER AUFMERKSAMKEIT STEHT […] FASST BEZIEHUNGEN ENGER AUF, ALS SIE TATSÄCHLICH SIND […]
DIE STIMMUNGSLAGE LÄSST SICH ALS ÜBERWIEGEND NIEDERGESCHLAGEN, DÜSTER, TRAURIG, FREUDLOS UND UNGLÜCKLICH CHARAKTERISIEREN. DAS SELBSTKONZEPT BEINHALTET IM KERN GRUNDLEGENDE ANNAHMEN ÜBER DIE EIGENE UNZULÄNGLICHKEIT, WERTLOSIGKEIT UND EINE GERINGE SELBSTWERTSCHÄTZUNG […]
PARASITÄRER LEBENSSTIL […]
VORÜBERGEHENDE, DURCH BELASTUNGEN AUSGELÖSTE PARANOIDE VORSTELLUNGEN ODER SCHWERE DISSOZIATIVE SYMPTOME […]
IST STARK EINGENOMMEN VON FANTASIEN GRENZENLOSEN ERFOLGS, MACHT, GLANZ, SCHÖNHEIT ODER IDEALER LIEBE.
GLAUBT VON SICH, BESONDERS UND EINZIGARTIG ZU SEIN […]
ZEIGT EINEN MANGEL AN EMPATHIE […]
ZEIGT ARROGANTE, ÜBERHEBLICHE VERHALTENSWEISEN ODER HALTUNGEN.
Ich habe alle Persönlichkeitsstörungen der Welt.
(Seiten 234f, 238f, 255f, 418, 423, 428f, 476f, 548f, 551)

Laura und Beatrice, die beiden Geliebten des Protagonisten, tragen wohl nicht zufällig die gleichen Namen wie die von Dante und Petrarca verehrten Frauen. Die Figur des Verlegers Johann Guggeis weist Züge von Siegfried Unseld auf.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Frankfurter Verlagsanstalt

Franz Hohler - Gleis 4
Franz Hohler prangert die Aus­beutung der Arbeitskraft von Kindern in der Schweiz bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts an. Aber "Gleis 4" ist kein düsterer-sozial­kritischer Roman, sondern eine unterhaltsame Lektüre, denn die Handlung ist nach dem Vorbild eines Kriminalromans aufgebaut.
Gleis 4

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