Martha Grimes : Auferstanden von den Toten

Auferstanden von den Toten

Martha Grimes

Auferstanden von den Toten

Originalausgabe: The Grave Maurice Viking, New York 2002 Auferstanden von den Toten Übersetzung: Cornelia C. Walter Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005 ISBN: 978-3-442-31006-7, 476 Seiten, 19.90 € (D) Taschenbuch: Goldmann, München 2007 ISBN: 978-3-442-46444-9, 476 Seiten, 9.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als sich Polizei-Inspektor Richard Jury in einem Londoner Krankenhaus von schweren Schussverletzungen erholt, erfährt er, dass vor 2 Jahren die damals 15-jährige Tochter seines Arztes vom Gestüt ihres Großvaters entführt wurde. Seither fehlt jede Spur von ihr. Sobald Jury das Krankenhaus verlassen kann, beginnt er mit Ermittlungen, obwohl er noch krankgeschrieben ist. Seine Hoffnung, dass Nell Ryder noch lebt, erfüllt sich, aber damit ist der Fall noch lange nicht abgeschlossen ...
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Kritik

Bei "Auferstanden von den Toten" handelt es sich um einen leicht zu lesenden Trivialroman von Martha Grimes, bei dem man über unplausible Zusammenhänge, Schludrigkeiten und Stilentgleisungen hinwegsehen muss.
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Polizei-Inspektor Richard Jury liegt im Royal London Hospital und erholt sich von schweren Schussverletzungen. (Darüber schrieb Martha Grimes am Ende des Romans „Die Trauer trägt schwarz“.) Sechsunddreißig Stunden hatte er im Koma gelegen. In dem Pub „The Grave Maurice“ gegenüber dem Krankenhaus hört sein Freund Melrose Plant, Earl of Caverness, wie zwei ihm unbekannte Damen über das Verschwinden der damals fünfzehnjährigen Tochter des verwitweten Chirurgen Roger Ryder vor zwei Jahren sprechen. Dr. Ryder ist der Arzt, der Richard Jury behandelt. Melrose erzählt seinem Freund von dem belauschten Gespräch, und der lässt sich daraufhin von dem Mediziner erzählen, was damals geschah.

Viel weiß auch Roger Ryder nicht. Seine Tochter Nell verbrachte mehr Zeit auf dem Gestüt seines Vaters Arthur Ryder in der Grafschaft Cambridgeshire als bei ihm in London. Das war bei Maurice, dem ein Jahr jüngeren Sohn seines Bruders Dan, ganz ähnlich, denn der war als Jockey viel unterwegs, und seine Ehefrau Marybeth hatte ihn und ihren Sohn verlassen. Dan war vor etwas mehr als zwei Jahren auf der Rennbahn von Auteuil bei Paris tödlich verunglückt. Nell schlief in der Nacht vom 12. Mai 1994 in der Box des vierjährigen Zuchthengstes Aqueduct, weil das edle Pferd angeblich krank war. Am nächsten Morgen vermisste man sowohl sie als auch das Pferd, das etwa vier Millionen Pfund wert war. Sie muss entführt worden sein. Arthur und Roger Ryder rechneten zunächst mit einer Lösegeldforderung, aber es gab keine; Nell und Aqueduct blieben spurlos verschwunden.

Jury tut alles, um so rasch wie möglich aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, und obwohl er danach noch einige Wochen krankgeschrieben ist, beginnt er in dem Fall der entführten Nell Ryder auf eigene Faust zu ermitteln. Melrose hilft ihm dabei.

Maurice ist seit dem Verschwinden seiner Cousine völlig verstört. Arthur und Roger Ryder befürchten, dass das Mädchen tot ist; nur Arthurs Stiefsohn Vernon Rice, der Sohn von Arthurs zweiter Ehefrau Felicity, klammert sich an die Hoffnung, dass seine geliebte Nichte noch lebt, und er besteht darauf, dass der von ihm beauftragte Privatdetektiv Leon Stone weiter nach ihr sucht. Die Kosten bereiten ihm keine Kopfschmerzen, denn der erfolgreiche Investment-Berater – der sein Philosophie-Studium in Oxford mit Auszeichnung abgeschlossen hatte – verdient sehr viel Geld. Der unverheiratete Sechsunddreißigjährige wohnt in einem Penthouse in London, und wenn ihm danach ist, trifft er sich mit seiner Freundin Janet oder der Edelprostituierten Taffy, die für zwei Stunden 500 Pfund verlangt.

Nell lebt tatsächlich, und zwar auf der von Valerie Hobbs betriebenen Farm ganz in der Nähe ihres Großvaters. Sie hätte längst fliehen können, aber sie blieb aus zwei Gründen. Zum einen schämt sie sich, weil sie während der Gefangenschaft wiederholt vergewaltigt wurde. Wer der Vergewaltiger ist, weiß sie nicht, denn er kommt nur im Dunkeln, und sie muss sich dann auf den Bauch legen. Aber sie weiß, dass es nicht der Mann ist, der sie entführte. Der zweite Grund für ihr Bleiben ist ihre Absicht, wenigstens einige der sechzig trächtigen Stuten zu befreien, die hier so eng angebunden sind, dass sie sich so gut wie gar nicht bewegen können. Man sammelt den Urin dieser Pferde. Auf einem Faltblatt, das Nell herumliegen sah, las sie etwas von einem Östrogen-Präparat mit dem Namen „Premarin“ (von Pregnant Mares‘ Urine) gegen Beschwerden im Klimakterium.

Nachdem Nell sechs Stuten unbemerkt weggebracht und in einer unbenutzten Scheune auf dem Anwesen ihres Großvaters versteckt hat, holt sie eines Nachts Aqueduct und reitet davon.

Nachdem sie auf der Rennbahn ihres Großvaters eine Tote entdeckt hat, alarmiert sie von einer Telefonzelle aus anonym die Polizei.

Statt zu ihrem Vater oder Großvater zurückzukehren, sucht Nell Zuflucht bei Vernon in London, denn sie möchte als Erstes die restlichen Stuten freibekommen. Außerdem will sie alles daransetzen, das Unternehmen zu ruinieren, das diese Tierquälerei betreibt. Vernon findet heraus, dass Premarin von Wyeth-Ayerst vermarktet wird, einem der bedeutendsten Pharmaunternehmen in den USA. Das 1942 angemeldete Patent wird demnächst auslaufen, und ein synthetisches Östrogen „Evista“ scheint kurz vor der Markteinführung zu stehen. Seine Assistenten beauftragt er, weitere Nachforschungen anzustellen.

Niemand kennt die Tote. Die Frau wurde erschossen. Im Leichenschauhaus stellt Melrose fest, dass es sich um eine der beiden Damen handelt, die er im „The Grave Maurice“ belauschte. Erst nach einiger Zeit ermittelt die Polizei die Identität der Ermordeten: Es handelt sich um Simone Ryder, Dans zweite Ehefrau, die er seinen Familienangehörigen niemals vorgestellt hatte.

Die achtundfünfzigjährige Valerie Hobbs wird verhaftet. Die tierquälerische Haltung der Stuten ist zwar kein Delikt, aber ihr wird vorgeworfen, an Nells Entführung beteiligt gewesen zu sein.

Als Vernon mit Nell zu seinem Stiefvater fährt, verschweigt er ihm, dass seine Nichte zu ihm kam und behauptet stattdessen, er sei ihr nach der Flucht zufällig über den Weg gelaufen. Das erzählt er auch Roger und Maurice.

Wenige Tage nach Nells Auftauchen verunglückt Maurice bei einem Ausritt am frühen Morgen tödlich.

Vernon Rice erzählt Richard Jury von einer weitläufig mit den Ryders verwandten Frau namens Sara Hunt, die seiner Meinung nach mit Dan zusammen gewesen war. Jury besucht sie in Wales, aber die seit vier Jahren geschiedene Frau behauptet, den Jockey kaum gekannt zu haben. Obwohl Jury ihr nicht glaubt, schläft er bei seinem zweiten Besuch mit ihr.

Als Jury ein weiteres Mal zu Sara Hunt nach Wales fährt und sie wegen ihrer Lügen zur Rede stellt, taucht unvermittelt Dan Ryder mit einer Pistole in der Hand auf. Dass er seinen Tod vortäuschen konnte, verdankte er einem Zufall: Bei dem Pferderennen in Auteuil war ein Jockey namens Delacroix tödlich verunglückt. Wegen einer Namensvertauschung auf der Teilnehmerliste hielt man Dan Ryder für tot, und Simone Ryder identifizierte denn auch die Leiche als die ihres Mannes. Delacroix gilt seither als vermisst. Warum Simone kürzlich in Cambridgeshire war? Sie wollte mit dem Gutachter der Lebensversicherung sprechen, weil man ihr die Versicherungssumme noch immer nicht ausbezahlt hatte.

Jury vermutet, dass Sara Simone aus Eifersucht erschoss, und als Melrose anhand eines Fotos Sara als die Frau identifiziert, die er in „The Grave Maurice“ mit Simone gesehen hatte, ist er sich sicher. Er unterrichtet Barry Greene, den zuständigen Chief Inspector in Cambridge, und der lässt Sara Hunt verhaften.

Als Jury und Melrose zu Arthur Ryder fahren, treffen sie dort auch Roger, Vernon und Nell an.

Jury erinnert sich, dass Dr. Roger Ryder im Krankenhaus von einer vor gut zwei Jahren missglückten Operation sprach. Bei der Voruntersuchung eines kleinen Mädchens hatte er Herzrhythmusstörungen übersehen, und es war deshalb bei der Operation gestorben. Die Kleine hieß Dorothy Diamond und war die Tochter des Pferdezüchters Roy Diamonds, dessen Gestüt von dem der Ryders nicht weit entfernt ist.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Während die Männer miteinander reden, reitet Nell los. Roy Diamond sieht sie mit einer Peitsche in der Hand herangaloppieren. Bevor sie nah genug ist, um mit der Peitsche nach ihm zu schlagen, erschießt er sie. In diesem Augenblick treffen die Männer vom Gestüt der Ryders ein. Vernon entwindet Roy Diamond die Waffe und schleudert sie fort. Melrose hat die Polizei alarmiert. Man hört bereits die Sirene des Streifenwagens. Zur Verblüffung seiner Angehörigen taucht auch Dan Ryder auf: Als er erfuhr, dass sein Sohn Maurice tot ist, fuhr er sofort zum Gestüt seines Vaters, und von dort eilte er hierher.

Diamond gesteht, dass Valerie Hobbs die Stuten für ihn hielt. Weil das Patent für Premarin in Kürze ausläuft, experimentierte ein Chemiker in seinem Auftrag mit dem Harn schwangerer Stuten, um ein Generikum zu entwickeln. Das sei alles legal, betont Diamond. Als man ihn beim Verhör mit der Tatsache konfrontiert, dass an dem Bett, das Nell Ryder während ihrer Gefangenschaft benutzte, seine Fingerabdrücke sichergestellt wurden, erbleicht er, aber da trifft seine Anwältin Charly Moss ein und hält ihn von weiteren Äußerungen ab. Barry Greene erklärt ihr, dass ihr Mandant wegen Entführung, Vergewaltigung und Mordes festgenommen wurde. Charly Moss entgegnet, die Fingerabdrücke bewiesen gar nichts. Dass Roy Diamond Nell erschoss, kann sie nicht leugnen, denn dafür gibt es Zeugen, aber sie behauptet, ihr Mandant sei von dem Mädchen angegriffen worden und habe in Notwehr gehandelt.

Billy Finn, einer von Diamonds Jockeys, bringt die Polizei auf die Spur seines Kollegen Trevor Gwyne. Der gibt nach seiner Festnahme in London zu, Nell im Auftrag Diamonds entführt zu haben. Roy Diamond wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass Dan Ryder noch lebte, denn er hatte ihn auf drei Fotos von nach dessen angeblichen Unfall veranstalteten Pferderennen erkannt.

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Bei „Auferstanden von den Toten“ handelt es sich um den achtzehnten Roman, den die amerikanische Schriftstellerin Martha Grimes über den englischen Polizei-Inspektor Richard Jury geschrieben hat.

Die engagierte Tierschützerin thematisiert in „Auferstanden von den Toten“ die Herstellung von Östrogen-Medikamenten zur Behandlung von Frauenbeschwerden besonders im Klimakterium aus dem Urin trächtiger Pferdestuten. Tatsächlich kritisierten Tierschutzorganisationen deshalb in den Neunzigerjahren Pharmaunternehmen in den USA und in Kanada. In „Auferstanden von den Toten“ geht es allerdings nicht um Pharmaunternehmen, sondern um einen kriminellen Pferdezüchter, der eine neue Methode zur Gewinnung von Stuten-Östrogen entwickeln lassen will und dabei die Tiere quält. Über die Fuchsjagd (die 2005 – drei Jahre nach der Veröffentlichung des Romans „Auferstanden von den Toten“ – in Großbritannien verboten wurde) entrüstet sich Martha Grimes in einer längeren Episode, die überhaupt nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun hat. Auch Melrose Plants amerikanische Tante Agatha und einige seiner Bekannten, die wir aus früheren Romanen kennen – Diane Demorney, Vivian Rivington, der Wirt Scroggs, der Antiquitätenhändler Marshall Trueblood und der Buchhändler Theo Wrenn Browne – treten wieder auf, obwohl sie nichts zum Geschehen beitragen. Solche Abschweifungen gehören offenbar zu Martha Grimes‘ Markenzeichen.

Unnötige Figuren und Szenen ziehen zwar den Ablauf in die Länge, aber man kann den Kriminalroman „Auferstanden von den Toten“ rasch und leicht lesen, beispielsweise als Urlaubslektüre am Strand oder auch sonst zum Zeitvertreib. Es handelt sich um einen Trivialroman, bei dem man über konstruierte und unplausible Zusammenhänge, Schludrigkeiten und Stilentgleisungen hinwegsehen muss.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008

Martha Grimes: Romanreihe über Richard Jury
Martha Grimes: Die Trauer trägt Schwarz

Julia Zange - Realitätsgewitter
"Realitätsgewitter" ist ein pointierter Coming-of-Age-Roman über eine gestörte Eltern-Tochter-Beziehung. Julia Zange porträtiert treffsicher die von der Ich-Erzählerin repräsen­tierte Social-Media-Generation. Das wirkt authentisch.
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