Gertrude Bell

14. Juli 1868: Gertrude Bell wird in Newcastle als Tochter des Unternehmers Hugh Bell und dessen Ehefrau Mary geboren.

1871: Mary Bell (geb. Shield) stirbt bei der Geburt ihres zweiten Kindes, des Sohnes Maurice.

1876: Der Witwer Hugh Bell heiratet die sechs Jahre jüngere, in Paris aufgewachsene Bühnenautorin Florence Olliffe. Aus dieser Ehe gehen drei Kinder hervor: Elsa, Molly und Hugo.

1884: Gertrude Bell besucht das Queen’s College in London, eine der wenigen höheren Schulen, die auch Mädchen offenstehen.

1886 – 1888: Gertrude Bell absolviert als eine der ersten Frauen überhaupt ein Geschichtsstudium in Oxford. Akademische Titel bleiben allerdings männlichen Absolventen vorbehalten.

1888/89: Gertrude Bell reist mit ihrem angeheirateten Cousin Billy Lascelles nach Bukarest und Istanbul.

1892: Nachdem Gertrude Bell Persisch gelernt hat, reist sie mit ihrer Tante Mary Lascelles im Orientexpress von Paris nach Istanbul und von dort weiter nach Teheran, wo ihr Onkel Frank Lascelles britischer Botschafter geworden ist. Dort lernt sie den zehn Jahre älteren Diplomaten Henry Cadogan kennen und verliebt sich in ihn. Er macht ihr einen Heiratsantrag, aber Hugh Bell akzeptiert ihn nicht als Schwiegersohn, denn Henry Cadogan ist zwar der Enkel eines Grafen, aber Gerüchten zufolge handelt es sich um einen Spielsüchtigen.

1893: Henry Cadogan stirbt.

1894: Gertrude Bell veröffentlicht Reisebilder aus Persien („Safar Nameh“).

1897: Gertrude Bells Übersetzung von persischen Gedichten erscheint („Poems from the Divan of Hafiz“).

Ende 1899: Gertrude Bell lernt Arabisch und folgt einer Einladung von Nina Rosen, der Ehefrau des deutschen Konsuls Fritz Rosen, nach Jerusalem.

Frühjahr 1900: Gertrude Bell reitet über die vulkanische Hauran-Hochebene, ein noch nicht kartografiertes Gebiet, das vor ihr noch nie eine europäische Frau betreten hat. Der Mudir (Gouverneur) von Bosrah verweigert ihr die Genehmigung für eine Weiterreise nach Salkhad, aber sie lässt sich nicht aufhalten, sucht in Areh den Drusenführer Jahja Beg auf und gelangt nach Damaskus. Von dort unternimmt sie eine zweiwöchige Tour nach Palmyra und zurück.

1901: Mit zwei Schweizer Bergführern besteigt Gertrude Bell neun Gipfel im Berner Oberland.

1902: Wegen schlechten Wetters muss Gertrude Bell die Besteigerung der Ostwand des 4274 Meter hohen Finsteraarhorns im Aaremassiv 300 Meter unterhalb des Gipfels abbrechen.

1902/03: Mit ihrem Halbbruder Hugo Bell unternimmt Gertrude Bell eine siebenmonatige Weltreise.

Anfang 1905: Gertrude Bell reist über Beirut nach Jerusalem, reitet nach Jericho und zum Dschebel Drus. Die türkischen Residenten um Erlaubnis oder gar Unterstützung zu bitten, hält sie für aussichtslos und versucht es deshalb gar nicht erst. Ende Februar trifft sie in Damaskus ein.

Frühjahr 1905: Gertrude Bell reitet mit dem armenischen Diener Fattuh von Aleppo nach Anatolien und besichtigt unterwegs antike Ruinen. In Konya lernt sie den Archäologen William Ramsay kennen.

1907: Bei einer weiteren Exkursion in Zentralanatolien lernt Gertrude Bell durch William Ramsay den britischen Vizekonsul Charles („Dick“) Hotham Montagu Doughty-Wylie und dessen Ehefrau Judith kennen.

1907: Gertrude Bell veröffentlicht ein Buch über ihre Orientexpedition („The Desert and the Sown. The Syrian Adventures of the Female Lawrence of Arabia“).

1909: Mit Fattuh bereist Gertrude Bell das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris.

1913: Charles Doughty-Wylie und seine Frau Judith kehren nach London zurück. Während Gertrude Bell ebenfalls wieder einige Zeit in England verbringt, trifft sie sich mehrmals mit dem Ehepaar. Der Diplomat und die Orient-Reisende verlieben sich, aber eine gemeinsame Zukunft gibt es für sie nicht, denn eine Scheidung kommt für den Diplomaten nicht in Betracht.

1913/14: Mit der Verwirklichung eines langjährigen Plans versucht Gertrude sich über ihre unerfüllbare Liebe hinwegzutrösten: Sie stößt ins Hochland der arabischen Halbinsel vor und erreicht nach zwei Monaten Ha’il, das Hauptquartier von Muhammad Ibn Raschid, der neben Abd el Asis Ibn Saud als mächtigster Scheich auf der zum Osmanischen Reich gehörenden Halbinsel gilt. Der Machthaber ist jedoch im nördlichen Teil der Wüste Nadjd unterwegs, und Ibrahim, ein Onkel des sechzehn- oder siebzehnjährigen Emirs, der während dessen Abwesenheit der oberste Herr in Ha’il ist, hält Gertrude Bell elf Tage lang in der Sommerresidenz gefangen. Nach ihrer Freilassung erfährt sie in Damaskus, dass Ibrahim in Ha’il inzwischen ermordet wurde. Mit einem Schiff reist Gertrude Bell von Beirut nach Istanbul.

1914: Vom Ausbruch des Weltkriegs erfährt Gertrude Bell in England.

März 1915: Regierungsbeamte, die wissen möchten, wie Gertrude Bell die Lage im Nahen Osten einschätzt, bitten sie, nach London zu kommen. Bei dieser Gelegenheit trifft sie sich auch mit Charles Hotham Montagu Doughty-Wylie, der kurze Zeit später als Offizier des britischen Expeditionskorps (Mediterranean Expeditionary Force) zu den Dardanellen aufbricht.

1. Mai 1915: Bei einer Abendgesellschaft erfährt Gertrude Bell zufällig, dass er am 26. April auf der Halbinsel Gallipoli gefallen ist.

Ende 1915: Gertrude Bell reist auf Kosten der britischen Regierung nach Port Said und schließt sich der von David Hogarth geleiteten Gruppe des militärischen Geheimdienstes in Kairo an, dem späteren „Arabischen Büro“. Der 20 Jahre jüngere Archäologe Thomas Edward Lawrence („Lawrence von Arabien“) gehört ebenfalls dazu.

Gertrude Bell hält es für möglich, arabische Führer für einen Aufstand gegen das angeschlagene Osmanische Reich zu gewinnen. Dafür kämen sowohl Abd el Asis Ibn Saud als auch die Familie des mächtigen Haschimiden-Scherifs Hussein Ibn Ali von Mekka in Frage.

Anfang 1916: Gertrude Bell fährt im Auftrag des britischen Hochkommissars in Kairo, Henry McMahon, an Bord eines Truppentransporters nach Indien, um den Vizekönig Lord Charles Hardinge vom Nutzen eines arabischen Aufstands gegen die türkische Herrschaft zu überzeugen.

Sommer 1916: Von Indien reist Gertrude Bell nach Basra, wo Sir Percy Cox, der für alle Beziehungen zu lokalen Autoritäten zuständige politische Offizier des britisch-indischen Expeditionskorps in Mesopotamien, die Orient-Expertin als „political officer“ in seinen Stab aufnimmt.

2. November 1916: Hussein Ibn Ali, der im Einvernehmen mit der britischen Vertretung in Kairo die türkische Besatzungsmacht auf der arabischen Halbinsel angegriffen hat, proklamiert sich zum „König der arabischen Länder“. Abd el Asis Ibn Saud beschwert sich darüber bei Percy Cox in Basra.

März 1917: Das britisch-indische Expeditionskorps erobert Bagdad.

Gertrude Bell bezieht in Bagdad ein eigenes Haus. Sie pflegt die Kontakte zu ihren Informanten und schickt regelmäßig Berichte an das Foreign Office in London.

Oktober 1917: Gertrude Bell wird die Auszeichnung „Commander of the British Empire“ verliehen.

Oktober 1918: Nachdem die Araber die Türken mit britischer Unterstützung aus Syrien und Palästina vertrieben haben, reitet Faisal, der dritte Sohn des Königs Hussein, in Damaskus ein und bildet eine provisorische Regierung.

Die britische Besatzungsmacht beauftragt Gertrude Bell, Vorschläge über den Grenzverlauf zwischen dem geplanten Königreich Irak und den bestehenden Staaten Syrien, Kuwait, Persien und Türkei zu machen.

Herbst 1918: Arnold T. Wilson löst Percy Cox als höchster politischer Offizier in Bagdad ab.

Frühjahr 1919: Gertrude Bell und Thomas Edward Lawrence nehmen als Orient-Experten an der Pariser Friedenskonferenz teil. Hussein hofft vergeblich auf ein großarabisches Königreich. Die zum Osmanischen Reich gehörenden Gebiete im Nahen und Mittleren Osten werden als Völkerbund-Mandate aufgeteilt: Mesopotamien und Palästina fallen an Großbritannien, Syrien und der Libanon an Frankreich.

7. April 1920: Der „Allgemeine Syrische Nationalkongress“ in Damaskus proklamiert die Unabhängigkeit Syriens und bestätigt Faisal als Emir. Die Delegierten aus Mesopotamien rufen zugleich Faisals älteren Bruder Abdullah als irakischen Emir aus.

20. Juli 1920: Faisal verlässt Damaskus auf französischen Druck.

Gertrude Bell ist überzeugt, dass die Briten gut daran täten, in Mesopotamien die Bildung eines autonomen arabischen Staates zu fördern. Allerdings weiß sie, wie schwierig es wäre, denn das Zweistromland besteht aus drei von Arabern und Kurden, Sunniten und Schiiten, Juden und Armeniern bewohnten ehemaligen osmanischen Provinzen: Basra, Bagdad, Mosul.

Oktober 1920: Percy Cox kehrt als britischer Hochkommissar nach Bagdad zurück. Gertrude Bell berät ihn als „Oriental Secretary to the British High Commission in Iraq“ und vermittelt zwischen ihm und den Scheichs.

12. – 25. März 1921: Percy Cox, Gertrude Bell und Thomas Edward Lawrence gehören zu den Teilnehmern einer Orientkonferenz, die der britische Kriegsminister Winston Churchill nach Kairo einberufen hat.

29. Juni 1921: Der 36 Jahre alte Sunnit Faisal, der nicht zuletzt auf Anraten Gertrude Bells den irakischen Thron übernehmen soll, trifft in Bagdad ein.

23. August 1921: Nachdem der Thronanwärter mehrmals mit Gertrude Bell das Land bereist hat, wird er vom britischen Hochkommissar feierlich zum König proklamiert.

1923: Percy Cox verabschiedet sich in den Ruhestand. Sein Nachfolger, Sir Henry Dobbs, glaubt ebenso wie König Faisal, nicht auf Gertrude Bells Beratung angewiesen zu sein.

Als ehrenamtliche „Direktorin für Altertümer“ beschäftigt sie sich jetzt mehr mit der Eröffnung des Irakischen Nationalmuseums.

Herbst 1924: Gertrude Bell leidet an einer schweren Depression.

Sommer 1925: Bei einem Besuch in England wird sie mit den finanziellen Schwierigkeiten ihres Vaters konfrontiert.

12. Juli 1926: Zwei Tage vor ihrem 58. Geburtstag stirbt Gertrude Bell in Bagdad, vermutlich an einer Überdosis Schlaftabletten.

 

© Dieter Wunderlich 2016

Werner Herzog: Königin der Wüste
Janet Wallach: Königin der Wüste. Das außergewöhnliche Leben der Gertrude Bell

Ein ausführliches Porträt von Gertrude Bell finden Sie in
Dieter Wunderlich: WageMutige Frauen. 16 Porträts

Ewart Reder - Reise zum Anfang der Erde
Ewart Reder hält einer ver­kom­me­nen Gesellschaft einen Spiegel vor. Er entwickelt die Satire "Reise zum Anfang der Erde" sprunghaft aus wechselnden Perspektiven. Es ist nicht immer einfach, die Zusam­men­hänge zu durchschauen und das Geschehen nachzuvollziehen.
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Ewart Reder

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