Jane Gardam : Ein untadeliger Mann

Ein untadeliger Mann

Jane Gardam

Ein untadeliger Mann

Originalausgabe: Old Filth Chatto & Windus, London 2004 Ein untadeliger Mann Übersetzung: Isabel Bogdan Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2015 ISBN: 978-3-446-24924-0, 349 Seiten, 22.90 € (D) ISBN: 978-3-446-25017-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem Tod seiner Frau Betty und seines zuletzt zum Freund gewordenen Rivalen Terry Veneering in den 90er-Jahren erinnert sich der 1923 in Malaysia geborene, längst pensionierte Kronanwalt Edward Feathers an seine Kindheit, die schlimmen dreieinhalb Jahre, die er mit zwei Cousinen bei Pflege­eltern in Wales verbringen musste und die weitere Lebens­geschichte. Erst jetzt setzt er sich mit Traumatisierungen und ver­dräng­ten Schuld­gefühlen, Selbst­täuschungen und Lebens­lügen auseinander ...
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Kritik

In der mit "Ein untadeliger Mann" begonnenen Roman-Trilogie erzählt Jane Gardam vor dem Hintergrund des Niedergangs des britischen Empire von dem Kronanwalt Edward Feathers, seiner Frau Betty und seinem Rivalen Terry Veneering. Sie tut das im Wechsel der Zeitebenen und der drei Perspektiven.
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Edward Feathers wird 1923 in Port Swettenham (heute: Port Klang) in British Malaya geboren. Seine Mutter stirbt drei Tage später an Kindbettfieber. Auntie May, eine Waliserin, die sich in der Baptistenmission engagiert, bringt den Halbwaisen und die vorsorglich mit nach Port Swettenham gereiste Amme zu seinem Vater Alistair Feathers, dem britischen District Officer der Provinz Kotakinakulu. Der trauert um seine Frau, schaut den Sohn nicht einmal an und überlässt ihn Ada, der zwölfjährigen Tochter der Amme.

Viereinhalb Jahre lang bleibt Edward („Eddie“) in Adas Obhut. Dann holt ihn Auntie May auf Geheiß seines Vaters erneut nach Port Swettenham. Während er bis dahin nur Malayisch sprach, lernt er nun ein halbes Jahr lang Englisch, bevor Auntie May mit ihm an Bord eines Schiffes nach Europa geht. Ebenso wie seine beiden in Colombo zugestiegenen Cousinen Barbara („Babs“) und Claire kommt Edward zu der Pflegefamilie Dibbs in Wales.

Mrs Dibbs stürzt bald nach dem Tod ihres Mannes über eine Treppe und stirbt ebenfalls. Edward, der zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt ist, wird von seinen Cousinen getrennt und in ein Internat im Lake District gebracht, dessen Leiter schwul ist und darauf besteht, mit „Sir“ angesprochen zu werden.

Edward Feathers freundet sich mit seinem ein Jahr älteren Mitschüler Patrick („Pat“) Ingoldby an und verbringt die Sommerferien mit ihm und der Familie des Colonel Ingoldby auf dem Familienanwesen High House. 1935 hält sich dort auch Patricks Cousine Isobel Ingoldby auf, deren Mutter mit einem marokkanischen Trommler durchgebrannt ist. Im Jahr darauf folgt Edward seinem Freund auf die Chilham School. Patrick bewirbt sich schließlich in Cambridge und erhält einen Studienplatz in Physik, obwohl er beabsichtigt, sich erst noch zur Royal Air Force zu melden wie sein älterer Bruder Jack. Der kehrt 1940 von einem Einsatz über dem Ärmelkanal nicht zurück, und Patrick fällt im Alter von 18 Jahren ebenfalls.

Im Sommer 1941 kann Edward Feathers deshalb nicht nach High House. Stattdessen besucht er seine Tanten Hilda und Muriel in Bolton. Sein Vater, von dem er seit zehn Jahren nichts gehört hat, beordert ihn zu sich nach Singapur. Das findet der fast 18-Jährige peinlich, denn nur Kinder werden wegen der Luftangriffe in Sicherheit gebracht. Außerdem hat er sich erfolgreich um einen Studienplatz am Christ Church College in Oxford beworben.

Mit der Bahn fährt Edward nach Londonderry, wo die Schiffsreise beginnen soll. Aber das Auslaufen des Dampfers verzögert sich um drei Wochen. In dieser Zeit wird Edward auf einem Bauernhof einquartiert. An Bord des Schiffs lernt er Albert Loss – Spitzname: Coleridge – kennen, einen 14-Jährigen Hakka-Chinesen mit schottischen Wurzeln, der aus Europa nach Hause zurückkehrt – und schließlich mit Edwards Taschenuhr verschwindet.

Weil Singapur inzwischen von Japan besetzt wurde, meidet der Kapitän den Hafen und dreht um. Sieben Monate dauert die Hin- und Rückfahrt. Edward, der an Bord schwer erkrankt ist, wird nach der Ankunft in Südengland in ein Krankenhaus gebracht und kann die Isolierstation des Plymouth Naval Hospital erst nach einem halben Jahr verlassen. Später erfährt er, dass er an einer venerischen Krankheit litt, mit der er sich wohl beim Geschlechtsverkehr mit einer Magd auf dem Bauernhof bei Londonderry infiziert hatte.

Er ist fast 19, als er sich beim Rekrutierungsbüro in Gloucester meldet und zum Schutz der 75-jährigen Queen Mary, der Witwe König Georgs V. und Mutter König Georgs VI., nach Badminton in Gloucestershire abkommandiert wird. Die Königin­witwe wundert sich, als sie erfährt, dass der Sohn eines britischen Kolonialbeamten noch nie in London war. Sie besteht darauf, so bald wie möglich mit ihm hinzufahren. Weil ihr Chauffeur zu alt für die weite Strecke ist und Edward Feathers in Badminton zwar das Panzer-, aber nicht das Autofahren erlernen kann, lässt sie eine Bahnreise organisieren. Kurz vor der Ankunft im Bahnhof Paddington gibt sie Edward eine Liste, auf der sie ihm die Sehens­würdig­keiten notiert hat, die er sich während des mehrstündigen Aufenthalts unbedingt ansehen soll. Er besucht jedoch stattdessen Isobel Ingoldby, schläft mit ihr auf dem ekeligen Fußboden ihres Apartments und schafft es gerade noch rechtzeitig zurück zum Zug.

Nach dem Krieg studiert Edward Jura in Oxford und fängt dann für ein spärliches Gehalt in einer Kanzlei in London zu arbeiten an. Im Januar 1947 überrascht Albert Loss alias Coleridge ihn mit einem Besuch. Der Uhrendieb ist inzwischen Rechtsanwalt geworden und lässt sich von einem Chauffeur im Rolls Royce fahren. Edward schlägt ein gemeinsames Essen vor, aber Colerdige hat keine Zeit; er hält sich nur kurz in London auf, um eine Immobilie zu erwerben. Bei Edward schaut er vorbei, um ihn als Anwalt für Baurecht nach Hongkong zu holen.

In Hongkong avanciert Edward Feathers zu einem renommierten Kronanwalt und bringt es zu enormem Reichtum. Mit seiner Ehefrau Elizabeth („Betty“), einer in Peking geborene Schottin, kehrt er schließlich nach England zurück, um den Lebensabend in den Donheads zwischen Dorset und Wiltshire zu verbringen. Kinder haben sie keine.

Edward ist Ende 70, als er mit Betty nach London fährt, um das Testament zu unterschreiben. Aber die Anwältin, bei der sie einen Termin haben, versetzt sie, und das Ehepaar kehrt unverrichteter Dinge in die Donheads zurück.

Dort stirbt Betty am Tag darauf beim Setzen von Tulpenzwiebeln.

Nach der Beerdigung steigt Edward Feathers zum Entsetzen seiner Haushälterin Katherine („Kate“) Toms nach langer Zeit wieder einmal in sein Auto, um seine Cousine Babs in Herringfleet in Teesside zu besuchen. Er kommt zwar dort heil an, flüchtet jedoch nach zehn Minuten aus der stinkenden, verwahrlosten Wohnung der Alkoholkranken. Von Herringfleet fährt er zu seiner inzwischen ebenfalls verwitweten Cousine Claire nach Essex. Bei dieser Gelegenheit lernt er auch ihren jüngeren Sohn Oliver und dessen Lebensgefährtin Vanessa kennen, die im Londoner Stadtbezirk Wandsworth wohnen und Claire übers Wochenende besuchen. Oliver und die 32-jährige Kronanwältin Vanessa heiraten ein halbes Jahr später, und ihrem ersten Kind geben sie die Namen Edward George.

In Edwards Nachbarhaus zieht ausgerechnet der ebenfalls pensionierte Anwalt Terry Veneering ein, mit dem er sich bereits in Hongkong bekriegte. Erst als Edward sich ein Jahr später versehentlich aussperrt und nur Hausschuhe trägt, geht er hinüber. Terry Veneering ist ebenfalls Witwer. Harry, der Sohn von ihm und seiner chinesischen Frau Elsie, starb in Nordirland. Dass Betty und Terry eine Affäre hatten, erfährt Edward erst im Nachhinein. Völlig unerwartet werden die beiden bisher verfeindeten Juristen nun Freunde.

Terry Veneering stirbt jedoch bald darauf.

Edward fährt noch einmal nach Gloucester. In einem Hotel in Malmesbury stolpert er auf der Treppe und verstaucht sich den Knöchel. Mit einem Taxi lässt er sich nach Badminton bringen. Dort macht ihn eine junge Hotelangestellte mit ihrer Großmutter bekannt, die während Queen Marys Aufenthalt in Badminton Hofdame gewesen war. Edward, der wegen des geschwollenen Knöchels auf einen Rollstuhl angewiesen ist, erkrankt, und zunächst befürchtet der Arzt einen Herzinfarkt. Im Krankenhaus stellt sich glücklicherweise heraus, dass es sich lediglich um eine Verstopfung handelt.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


In einem Brief erinnert Claire ihren Cousin an das Ende ihres gemeinsamen Aufenthalts in Wales. Mr Dibbs war gutmütig, aber seine Frau ging mit der Peitsche auf die Pflegekinder los und trieb es nach seinem Tod immer schlimmer. Vor allem hatte sie es auf Billy Cumberledge abgesehen. Obwohl Claire das jüngste der Pflegekinder war, schlug sie vor, die Sadistin zu töten. Sie versuchten es mit einem Woodoo-Zauber. Eigentlich wäre dafür das Schlachten eines Hahns erforderlich gewesen. Weil der achtjährige Edward sich jedoch nicht an den Gockel im Hühnerstall heranwagte, tötete er eine Henne. Deren Kopf warfen die Kinder zusammen mit ein paar Haaren der Pflegemutter ins Kaminfeuer. Als Mrs Dibbs nach Hause kam und sowohl das tote Huhn als auch den Geruch verbrannter Federn bemerkte, wollte sie erneut auf Billy Cumberledge losgehen und stürmte die Treppe hinauf. Oben stand Edward und packte sie am Handgelenk. Als er sie losließ, stürzte sie über die Stufen hinunter und brach sich das Genick.

An Silvester fliegt Edward Feathers noch einmal nach Fernost. Er will nicht nur nach Singapur, sondern auch nach Kotakinakulu. Doch als er aus dem Flugzeug aussteigt, bricht er auf der Gangway zusammen und stirbt.

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Er war sagenhaft sauber. Geradezu ostentativ sauber. Der Rand seiner alten Fingernägel war reinweiß. Die wenigen Haare unter seinen Fingerknöcheln waren immer noch golden und wirkten stets wie frisch schamponiert, ebenso wie sein lockiges, immer noch rötlich braunes Haupthaar. Seine Schuhe glänzten wie Kastanien. Seine Kleidung war immer frisch gebügelt. Er hatte die Eleganz der Zwanzigerjahre, denn seine Kleider, wie auch immer sie bei näherer Betrachtung aussahen, passten zu ihm. Stets ein viktorianisches Seidentuch in der Brusttasche. Stets gelbe Baumwoll- oder Seidensocken von Harrods; manch ein Stück, das er noch aus dem fernen Osten hatte, war immer noch perfekt. Seine Haut war rein und wirkte bei schlechter Beleuchtung immer noch jung.

So beschreibt Jane Gardam den pensionierten, auf die 80 zugehenden Kronanwalt Edward Feathers.

„Old Filth“ lautet der Originaltitel ihres von Isabel Bogdan ins Deutsche übertragenen Romans „Ein untadeliger Mann“. Bei Filth handelt es sich um den Spitznamen des Protagonisten. Filth ließe sich mit Schmutz übersetzen; ist aber in diesem Zusammenhang zunächst als Akronym gemeint und steht für failed in London, try Hongkong.

„Old Filth“ erschien 2004 und wurde von Jane Gardam mit den Romanen „The Man in the Wooden Hat“ (2009) und „Last Friends“ (2013) zur Trilogie erweitert. Während „Old Filth“ / „Ein untadeliger Mann“ aus der Sicht des pensionierten Kronanwalts Edward Feathers geschrieben ist, ergänzt und relativiert Jane Gardam diese Perspektive durch die der Ehefrau Betty in „The Man in the Wooden Hat“ / „Eine treue Frau“ bzw. des Rivalen Terry Veneering in „Last Friends“ / „Letzte Freunde“.

Jane Gardam erzählt von diesen Charakteren vor dem Hintergrund des Niedergangs des britischen Empire. Sie entwickelt die fast das ganze 20. Jahrhundert überspannende Geschichte auf mehreren Zeitebenen im Wechsel. „Ein untadeliger Mann“ beginnt in den Neunzigerjahren. Zwischendurch greift Jane Gardam zurück bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Das Ende spielt erneut in der Gegenwart. Bedächtig und melancholisch erzählt Jane Gardam von Traumatisierungen und verdrängten Schuldgefühlen, Selbsttäuschungen und Lebenslügen, mit denen sich der Protagonist erst am Lebensende auseinandersetzt.

Den Roman „Ein untadeliger Mann“ von Jane Gardam gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Ulrich Noethen (Regie: Harald Krewer, ISBN 978-3-95713-014-3).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag

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