Franz Fühmann : Das Judenauto

Das Judenauto

Franz Fühmann

Das Judenauto

Das Judenauto Erstveröffentlichung: Aufbau-Verlag, Berlin 1962
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1931. Ein neunjähriger Schüler wird durch seine ersten erotischen Empfindungen verwirrt und vor der Klasse bloßgestellt. Nach dem Vorbild der Erwachsenen schiebt er die Schuld dafür den Juden zu, obwohl er noch nie einen gesehen hat.

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Kritik

"Das Judenauto" ist eine nuancierte, lebendige Erzählung über die psychologischen Vorgänge, die dazu führen, dass ein verwirrtes Kind die Vorurteile seiner Umgebung übernimmt.
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Eine dritte Volksschulklasse wartet im Sommer 1931 auf den Beginn des Unterrichts. Da kommt Gudrun in die Klasse und erzählt Schauerliches über ein gelbes „Judenauto“. In dem sitzen vier schwarzhaarige Juden mit langen blutigen Messern. Sogar vom Trittbrett tropft Blut. Mit dem Auto jagen sie Mädchen. In zwei Nachbargemeinden haben sie bereits vier Mädchen erwischt, sie an den Füßen aufgehängt, sie geschlachtet und aus ihrem Blut Brot gebacken. Obwohl keiner ihrer Mitschüler an ihrer Darstellung zweifelt, beteuert Gudrun deren Wahrheit: „Wenn ich gestern nach Böhmisch-Krumma gegangen wäre, um Heimarbeit auszutragen, hätte ich das Judenauto mit eigenen Augen sehen können!“

Obwohl Gudrun als Klatschmaul gilt, ist der neunjährige Ich-Erzähler überzeugt, dass sie nicht gelogen hat.

Ich hatte zwar noch keinen Juden gesehen, doch ich hatte aus den Gesprächen der Erwachsenen schon viel über sie erfahren: Die Juden hatten alle eine krumme Nase und schwarzes Har und waren schuld an allem Schlechten in der Welt. Sie zogen den ehrlichen Leuten mit gemeinen Tricks das Geld aus der Tasche […]; sie ließen den Bauern das Vieh und das Korn wegholen und kauften von überallher Getreide zusammen, gossen Brennspiritus darüber und schütteten es dann ins Meer, damit die Deutschen verhungern sollten, denn sie hassten uns Deutsche über alle Maßen und wollten uns alle vernichten – warum sollten sie dann nicht in einem gelben Auto auf den Feldwegen lauern, um deutsche Mädchen zu fangen und abzuschlachten?

Er träumt von dem Judenauto: Die Insassen zerren ein Mädchen aus dem Kornfeld. Es ist die Mitschülerin, die zwei Reihen vor dem Erzähler sitzt. Sie schreit und ruft nach ihm. Da stürmt er aus seinem Geheimgang, schlägt zwei der Juden zu Boden, klammert sich an das Heck des losfahrenden Judenautos, zertrümmert die Scheibe, wirft den Beifahrer hinaus, überwältigt den Fahrer und rettet das ohnmächtige Mädchen. In diesem Augenblick schlägt ihm der Lehrer mit dem Lineal auf den Handrücken. Alle lachen, weil er beim Schlafen im Unterricht ertappt worden ist. Und er muss nachsitzen.

Anschließend wagt er sich nicht gleich nach Hause und läuft erst noch durch die Kornfelder. Heute kommt ihm alles so seltsam vor, und dass die Grillen beim Zirpen die Flügel aneinander reiben, findet er plötzlich schamlos. Als auf dem Feldweg ein braunes Auto auftaucht, erschrickt er. Es ist eigentlich mehr gelb als braun, eigentlich gelb, ganz gelb, grellgelb. Das Judenauto! Er sieht zwar nur drei Insassen, aber der vierte Jude duckt sich wohl, um ihn besser anfallen zu können. Jemand aus dem Auto ruft etwas. Da ist es mit seiner Beherrschung vorbei; schreiend rennt er ins Dorf und stellt erleichtert fest, dass ihm das Judenauto nicht gefolgt ist.

Am anderen Morgen genießt er die Bewunderung der Klassenkameraden, denen er davon erzählt, wie ihn das Judenauto stundenlang jagte. Die Insassen: vier Juden, blutige Messer schwingend. Haken schlagend sei er entkommen, erzählt er.

Da sah das Mädchen mit dem kurzen, hellen Haar auf, und nun wagte ich, ihr ins Gesicht zu sehen, und sie wandte sich halb in ihrer Bank um und sah mich an und lächelte, und mein Herz schwamm fort. Das war die Seligkeit […] die Welt war wieder heil, und ich war ein Held, dem Judenauto entronnen, und das Mädchen sah mich an und lächelte und sagte mir ihrer ruhigen, fast bedächtigen Stimme, dass gestern ihr Onkel mit zwei Freunden zu Besuch gekommen sei; sie seien im Auto gekommen, sagte sie langsam, und das Wort „Auto“ fuhr mir wie ein Pfeil ins Hirn; in einem braunen Auto seien sie gekommen, sagte sie […]

Die Mädchen kichern. Der Erzähler stürzt aus der Klasse, sperrt sich in der Toilette ein und heult.

[…] und plötzlich wusste ich: Sie waren daran schuld! Sie waren dran schuld, sie, nur sie: Sie hatten alles Schlechte gemacht, das es auf der Welt gibt, sie hatten meinem Vater das Geschäft ruiniert, […] und auch mit mir hatten sie einen ihrer hundsgemeinen Tricks gemacht, um mich vor der Klasse zu blamieren. Sie waren schuld an allem; sie, kein anderer, nur sie!

„Juden!“, schreit er ein ums andere Mal, erbricht sich, schluchzt und ballt die Fäuste. „Juden!“

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In der 1962 veröffentlichten Sammlung von Erzählungen „Das Judenauto. Vierzehn Tage aus zwei Jahrzehnten“ schildert Franz Fühmann Erlebnisse aus seiner Kindheit und Jugend. Mit Ausnahme der Titelgeschichte sind es eher platte Erzählungen.

Bei der Erzählung „Das Judenauto“, die wohl zu Franz Fühmanns bekanntesten Werken zählt, handelt es sich dagegen um eine nuancierte, lebendige Darstellung über einen neunjährigen Schüler, der durch seine ersten erotischen Empfindungen verwirrt ist, in Tagträumen schwelgt, vor der Klasse bloßgestellt wird und nach dem Vorbild der Erwachsenen die Schuld dafür den Juden zuschiebt, obwohl er noch nie einen gesehen hat. Auf psychologisch nachvollziehbare Weise veranschaulicht Franz Fühmann, wie ein Kind die Vorurteile seiner Umgebung übernimmt.

Franz Fühmann wurde am 15. Januar 1922 als Sohn deutschsprachiger Eltern in der böhmischen Kleinstadt Rochlitz geboren. Im Alter von zehn Jahren kam der streng katholisch erzogene Junge auf das Jesuiteninternat Kalksburg bei Wien. Vier Jahre später floh er von dort, denn er hatte inzwischen seinen Glauben verloren und war jetzt Atheist. Als glühender Nationalsozialist meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht. Im Mai 1945 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach zwei Jahren in einem Arbeitslager im Kaukasus kam er 1947 an eine „Antifa“-Schule in Lettland und wurde dort zum begeisterten Stalin-Anhänger umerzogen. 1949 ließ er sich in der DDR nieder, überlegte kurz, ob er Politiker werden sollte und entschied sich dann für den Beruf des Schriftstellers, schrieb Gedichte, Novellen, Kinderbücher, Reportagen, Essays und literarwissenschaftliche Abhandlungen. Obwohl er bald am realen Sozialismus zu zweifeln begann, ließ sein Schuldgefühl es nicht zu, dass er gegen das Regime aufbegehrte. Diese Zerreißprobe ertrug er nur durch Alkohol. Im Sommer 1968, als die Ärzte ihn schon aufgegeben hatten, überwand er seinen Alkoholismus. Vielleicht auch, weil er sich nach der Niederschlagung des Prager Frühlings duch den Warschauer Pakt seine Vorbehalte gegen den realen Sozialismus eingestehen konnte. Franz Fühmann starb am 8. Juli 1984 in der Charité in Berlin.

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Inhaltsangabe und Kommentar: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Aufbau-Verlag

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