Friedensreich Hundertwasser

Friedensreich Hundertwasser (eigentlich: Friedrich Stowasser) wurde am 15. Dezember 1928 als einziger Sohn eines arbeitslosen Reserveleutnants in Wien geboren. Nachdem sein Vater Ernst Stowasser im Jahr darauf gestorben war, erzog ihn seine Mutter Else allein; sie heiratete nicht noch einmal.

Im Alter von sieben Jahren kam Friedrich 1936 auf die Montessori-Schule in Wien, aber nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wechselte er auf eine staatliche Schule. Es heißt, dass neunundsechzig engere und entferntere Verwandte mütterlicherseits von den Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet wurden. Elsa Stowasser und ihr Sohn Friedrich blieben unbehelligt. (Die Mutter starb 1972.)

Nach der Matura (1948) besuchte Friedrich drei Monate lang die Kunstakademie in Wien und nahm den Künstlernamen „Hundertwasser“ an (1949).

Bei einer Italienreise befreundete er sich 1949 mit dem französischen Künstler René Brô, den er nach Paris begleitete, wo er bis Mitte 1950 blieb. Die erste Jahreshälfte 1951 verbrachte er in Marokko. Von dort reiste er über Tunesien und Sizilien zurück und hielt sich für den Rest des Sommers auf der Bürgeralm bei Aflenz in der Steiermark auf. Zeit seines Lebens reiste Hundertwasser viel.

Seine ersten Ausstellungen hatte Hundertwasser 1952 und 1953 in Wien, 1955 in Mailand, 1954 und 1956 in Paris.

1957 erwarb er einen Bauernhof am Rand der Normandie: „La Picaudière“. In Gibraltar feierte der Künstler 1958 seine erste Hochzeit. (Die Ehe wurde 1960 wieder geschieden.)

1960 reiste Hundertwasser nach Japan, wo er bei der 6. Internationalen Kunstausstellung in Tokio im Jahr darauf den Mainichi-Preis erhielt, mit einer Einzelausstellung in der Tokyo Gallery großen Erfolg hatte und sich 1962 mit der Japanerin Yuko Ikewada vermählte (Ehescheidung: 1966). Seinen Vornamen übersetzte er in die japanischen Schriftzeichen für die Begriffe Friede und reich. Dementsprechend nannte er sich von da an Friedereich, Friedenreich und schließlich Friedensreich Hundertwasser. Vor- und Zuname bestanden nun aus jeweils dreizehn Buchstaben; das hielt er für glückbringend.

Mit seiner bunten, poetischen Kunst knüpfte Friedensreich Hundertwasser an das Ornamentale von Gustav Klimt (1862 – 1918) und die vegetabilischen Linien des Jugendstils an. Abstraktes und Gegenständliches arrangierte Friedensreich Hundertwasser zu dekorativen Ensembles.

Mitte der Fünfzigerjahre entdeckte er das Motiv der Spirale als Symbol des Lebens („Der Berg und die Sonne“, 1953) und entwickelte die Theorie des „Transautomatismus“ („La visibilité de la création automatique“, Paris 1956), die er zu einer „Grammatik des Sehens“ (1957) systematisierte. In seinem berühmt gewordenen, am 4. Juli 1958 im Kloster Seckau vorgetragenen „Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur“ setzte er sich für organische Formen in der Baukunst ein:

[…] Jeder soll bauen können und bauen müssen und so die wirkliche Verantwortung tragen für die vier Wände, in denen er wohnt. Man muss das Risiko mit in Kauf nehmen, dass so ein tolles Gebäude nachher zusammenfällt, und man darf sich vor Menschenopfern nicht scheuen […] Es muss endlich aufhören, dass Menschen ihr Quartier beziehen wie Hendeln und […] Kaninchen ihren Stall […]
Ein Mann in einem Mietshaus muss die Möglichkeit haben, sich aus seinem Fenster zu beugen und – so weit seine Hände reichen – das Mauerwerk abzukratzen. Und es muss ihm gestattet sein, mit einem langen Pinsel – so weit er reichen kann – alles rosa zu bemalen, sodass man von weitem, von der Straße, sehen kann: Dort wohnt ein Mensch, der sich von seinen Nachbarn unterscheidet […]
Es ist an der Zeit, dass die Leute selbst dagegen revoltieren, dass man sie in Schachtelkonstruktionen setzt, so wie die Hendeln und die Hasen in Käfigkonstruktionen, die ihnen wesensfremd sind […]
Nur wenn Architekt, Maurer und Bewohner eine Einheit sind, das heißt ein und dieselbe Person, kann man von Architektur sprechen. Alles andere ist keine Architektur, sondern eine verbrecherische Gestalt gewordene Tat […]
Verbrecherisch ist auch die Benützung des Lineals in der Architektur […] Das Lineal ist das Symbol des neuen Analphabetismus […] Die gerade Linie ist gottlos und unmoralisch […]
Wenn […] eine Wand zu schimmeln beginnt, wenn in einer Zimmerdecke das Moos wächst und die geometrischen Winkel abrundet, so soll man sich doch freuen, dass mit den Mikroben und Schwämmen das Leben in das Haus einzieht und wir so mehr bewusst als jemals zuvor Zeugen von architektonischen Veränderungen werden, von denen wir viel zu lernen haben […]
(Hundertwasser: Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur)

1964 kaufte Friedensreich Hundertwasser die aufgelassene Hahnsäge im Waldviertel und richtete sich dort eine Behausung ein. Er strebte nach einer friedlichen, humanen und naturnahen Umwelt. Dafür engagierte er sich auch mit provozierenden Auftritten wie zwei öffentlichen Reden – 1967 in München und 1968 in Wien –, die er nackt hielt.

1970 bis 1972 arbeitete der Künstler mit Peter Schamoni an dem Film „Hundertwasser Regentag“ über den alten Salzfrachter, mit dem er 1968 von Sizilien nach Venedig gesegelt war und den er dort umbauen ließ. Die inzwischen mit bunten Segeln ausgestattete „Regentag“ segelte 1976/77 nach Neuseeland, wo Friedensreich Hundertwasser, der nur streckenweise selbst an Bord war, 1974 ein größeres Stück Land mit einem Farmhaus in der Bay of Islands erworben hatte.

Für die XX. Olympischen Sommerspiele 1972 in München entwarf Friedensreich Hundertwasser das offizielle Plakat. „Österreich zeigt den Kontinenten Hundertwasser“ hieß eine Weltwanderausstellung, die 1974 im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris begann und bis 1983 nacheinander an zahlreichen Orten der Welt zu sehen war. 1975 begann Friedensreich Hundertwasser, auch Postwertzeichen zu entwerfen („Der Spiralbaum“, Republik Österreich, 11. Dezember 1975). Im selben Jahr propagierte er in München die „Humustoilette“, eine Toilette, in der Fäkalien kompostiert werden. Sein Heimatland zeichnete ihn am 14. Februar 1981 mit dem Großen Staatspreis aus.

Als Friedensreich Hundertwasser 1982 die Fassade der Rosenthal-Fabrik in Selb umgestaltete, fühlte er sich wie ein „Architekturdoktor“. Im Jahr darauf erfolgte die Grundsteinlegung für den Bau des Hundertwasser-Hauses in Wien, das am 17. Februar 1985 den Mietern übergeben wurde. An zahlreichen Architekturprojekten in Österreich, der Schweiz, in Deutschland, aber auch in Kalifornien, Japan und auf Neuseeland arbeitete Hundertwasser in den Neunzigerjahren.

1995 erschien eine von ihm konzipierte, in der Auflage streng limitierte Ausgabe der Bibel („Hundertwasser-Bibel“). Die nach genauen Anweisungen von Friedensreich Hundertwasser gestaltete Bibel mit 1688 Seiten im Großformat (20 x 28,5 cm) ist mit dreißig von Hundertwasser eigens für diese Edition geschaffenen Collagen und weiteren rund fünfzig Kunstwerken bebildert, und keiner der handgefertigten Einbände ist wie der andere: Es handelt sich um Unikate.

Auf der Rückreise von einem längeren Aufenthalt in Neuseeland starb Friedensreich Hundertwasser am 19. Februar 2000 an Bord der „Queen Elizabeth II“ an Herzversagen. Er wurde in Neuseeland bestattet.

Friedensreich Hundertwasser: Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 1952: Art Club, Wien
  • 1961: Tokyo Gallery, Tokio
  • 1964: Kestner Gesellschaft, Hannover; Kunsthalle, Bern; Museum des 20. Jahrhunderts, Wien; Stedelijk Museum, Amsterdam; Moderna Museet, Stockholm
  • 1968: University Art Museum, Berkeley; The Museum of Fine Arts, Houston; The Arts Club of Chicago; The Galerie St. Etienne, New York; Philips Collection, Washington D. C.
  • 1974: Graphische Sammlung Albertina, Wien
  • 1974 – 1983: Weltwanderausstellung „Österreich zeigt den Kontinenten Hundertwasser“
  • 1975 – 1992: „The Albertina Exhibition of Hundertwasser’s Complete Graphik Work“
  • 1978: Österreichisches Museum für Angewandte Kunst, Wien
  • 1981: Neue Berliner Galerie im Alten Museum
  • 1992: Beginn der Ausstellungstournee „Kreative Architektur: Gleichnis der Schöpfung“
  • 1998: Institut Mathildenhöhe, Darmstadt

Von Hundertwasser entworfene bzw. umgestaltete Gebäude (Auswahl)

  • Rosenthal-Fabrik, Selb, 1980 – 1982
  • Hundertwasser-Haus, Wien, 1983 – 1986
  • St.-Barbara-Kirche, Bärnbach (Steiermark), 1987 – 1988
  • Textilfabrik Rueff Muntlix, Vorarlberg, 1988
  • Fernwärmewerk, Wien-Spittelau, 1988 – 1992
  • Kindertagesstätte Heddernheim, 1988 – 1995
  • Autobahnraststätte Bad Fischau (Niederösterreich), 1989 – 1990
  • „KunstHausWien“, 1989 – 1991
  • Einkaufszentrum „Village“, Wien, 1990 – 1991
  • „In den Wiesen“, Bad Soden, 1990 – 1993
  • „Wohnen unterm Regenturm“, Plochingen am Neckar, 1991 – 1994
  • Quixote Winery, Napa Valley, Kalifornien, 1992 – 1999
  • Thermendorf Blumau (Steiermark), 1993 – 1997
  • Martin-Luther-Gymnasium in Wittenberg, 1997 – 1999
  • Wohnhaus „Wald-Spirale“ Darmstadt, 1998 – 2000
  • Markthalle Altenrhein, Schweiz, 1998 – 2001
  • Öffentliche Bedürfnisanstalt, Kawakawa (Neuseeland), 1999
  • Hundertwasser-Umweltbahnhof Uelzen, 1999 – 2001
  • Maishima Incineration Plant (MOP) und Sludge Center, Osaka, 1997ff
  • Ronald McDonald Haus am Universitätsklinikum Essen für Eltern kranker Kinder, 2004/05
  • „Grüne Zitadelle“ in Magdeburg, 2004/05
  • Hundertwasser-Turm in Abensberg, Grundstein-Legung: 23. April 2007

Literatur über Friedensreich Hundertwasser

  • Birgit Brandenburg: Hundertwasser für Kinder (2003)
  • Birgit de Coster: Kinder entdecken Hundertwasser (2002)
  • Jasmin Eichner: Mein Freund Friedensreich Hundertwasser (2004)
  • Werner Hofmann: Hundertwasser (1998)
  • Hundertwasser: Schöne Wege, Gedanken über Kunst und Leben (1983)
  • Friedensreich Hundertwasser: Was braucht der Mensch um glücklich zu sein? (2002)
  • Friedensreich Hundertwasser (Textauswahl: Barbara Baumeister): Gebt den Menschen die Häuser zurück (2003)
  • Hundertwassers Paradiese (2003)
  • François Mathey: Hundertwasser (1992)
  • Harry Rand: Hundertwasser (1998)
  • Pierre Restany: Die Macht der Kunst (1998)
  • Wieland Schmied und Andrea Christa Fürst: Hundertwasser 1928 – 2000. Catalogue Raisonné. 2 Bände (2000)
  • Erika und Wieland Schmied: Hundertwassers Paradiese. Das verborgene Leben des Friedrich Stowasser (2003)
  • Wieland Schmied: Hundertwasser. 1928 – 2000. Persönlichkeit, Leben, Werk (2005)
  • Walter Schurian: Hundertwasser. Kunst, Mensch, Natur. Katalog zur Ausstellung im Museum Minoritenkloster in Tulln an der Donau vom 19. März bis 4. Juli 2004
  • Efthymios Warlamis: Geheimnis Hundertwasser (2001)

© Dieter Wunderlich 2005/2007

Friedensreich Hundertwasser (ausführliches Porträt)

Wieland Schmied: Hundertwasser. 1928 – 2000. Persönlichkeit, Leben, Werk

Hermann Broch - Die Schlafwandler
Es ist bestechend, wie es dem Autor gelingt, anhand exemplarischer Persönlichkeiten die Entwicklung der verschiedenen Gesellschaftsschichten über die drei Romane hinweg nachvollziehbar zu machen.
Die Schlafwandler

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