Anatole France : Die Götter dürsten

Die Götter dürsten

Anatole France

Die Götter dürsten

Originalausgabe: Les dieux ont soif, Paris 1912 Die Götter dürsten Übersetzung: Friedrich von Oppeln-Bronikowsky München 1912 Neuübersetzung: Irma Silzer Zürich 1956
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Roman "Die Götter dürsten" spielt während der Französischen Revolution in Paris und handelt von einem rechtschaffenen, begeisterungsfähigen, aber erfolglosen Künstler, der als Geschworener in das Revolutionstribunal aufgenommen wird und sich zum fanatischen Befürworter von Todesurteilen entwickelt ...
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Kritik

Am Beispiel von Einzelschicksalen aus ganz verschiedenen sozialen Schichten zeigt Anatole France die Grausamkeit einer Terrorherrschaft, die im Dienst einer Ideologie in alle Lebensbereiche vordringt. "Die Götter dürsten" ist eine vehemente Anklage gegen Fanatismus und Intoleranz jeder Art.
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Paris 1793. Evarist Gamelin, ein dreißigjähriger erfolgloser Maler, wohnt bei seiner verwitweten Mutter im vierten Stock eines Mietshauses. Sein Vater war Messerschmied gewesen. Seine Schwester Julie hatte als Modistin gearbeitet und war dann einem Emigranten nach England gefolgt. Die Witwe Gamelin sagt zu ihrem Sohn:

„Du hattest ein sanftes, liebevolles Gemüt. Auch deine Schwester hatte kein schlechtes Herz, aber selbstsüchtig war sie und heftig […] Du konntest keinen Menschen leiden sehen, ohne zu weinen.“ (Seite 203)

Die Bürgerin Gamelin war nicht für die Aristokraten, die ihre Privilegien missbrauchten, aber sie steht auch der Großen Revolution skeptisch gegenüber, denn jetzt sind die Lebensmittel knapp und teuer, und man muss um alles lange anstehen.

In der Dachstube über den Gamelins lebt Maurice Brotteaux, ein alter Mann, dessen Vater es zu Geld und einem Adelsbrief gebracht hatte. Früher hieß er Maurice Brotteaux des Ilettes, aber die Revolution kostete ihn Ämter, Einkommen, Vermögen, Güter und Titel. Jetzt bastelt er Hampelmänner und verkauft sie Spielwarenhändlern.

Einige von Evarist Gamelins Zeichnungen hat der Kunsthändler Jean Blaise angenommen und von Philipp Demahis in Kupfer stechen lassen. Als Gamelin ihm allerdings Entwürfe für Spielkarten mit revolutionären Motiven vorstellt, winkt Blaise gelangweilt ab: Ähnliches wurde ihm schon mehrmals angeboten.

„Fünf Jahre Begeisterung, fünf Jahre Volksverbrüderung, Morde, Reden, Marseillaisen, Sturmläuten, Aristokraten an die Laterne, auf Piken getragene Köpfe, auf Kanonen reitende Weiber, Freiheitsbäume mit Jakobinermütze obendrauf, Jungfrauen und Greise, die in weißen Gewändern auf Triumphwagen einherfahren, Einkerkerungen, Guillotinierungen, Höchstpreise für Lebensmittel, Maueranschläge, Kokarden, Federbüsche, Säbel, Karmagnolen – das ist ein bisschen viel!“ (Seite 213)

Der Bürger Blaise rät Gamelin, lieber hübsche Mädchen zu malen.

Seine siebenundzwanzigjährige Tochter Elodie und Gamelin sind heimlich ineinander verliebt, aber Gamelin wagt es nicht, ihr seine Liebe zu gestehen.

Die Bürgerin war zwar keine Verehrerin männlicher Sittsamkeit; sie war nicht moralisch entrüstet, wenn ein Mann seinen Leidenschaften, seinen Wünschen und Neigungen nachgab. Sie liebte den keuschen Evarist also nicht wegen seiner Keuschheit; sie fand diese nur vorteilhaft, weil sie ihr Eifersucht und Argwohn ersparte und jede Bewegung vor Rivalinnen ausschloss. (Seite 208)

Elodie, die ihre Mutter vor elf Jahren verlor und sich von ihrem vergnügungssüchtigen Vater nicht genügend geliebt fühlt, beschließt wegen Gamelins Zurückhaltung, selbst die Initiative zu ergreifen. Gern hätte sie ihn geheiratet, aber das würde ihr Vater nicht zulassen, denn ein mittelloser, unbekannter Künstler wäre keine gute Partie für die Tochter eines in ganz Europa bekannten Kupferstichhändlers. Nach den leidenschaftlichen Liebesschwüren und ersten Küssen gesteht Elodie, dass sie früher bereits einmal einem Mann nachgegeben habe. Gamelin ist entsetzt und will den Namen wissen, aber Elodie verrät ihn nicht und lügt, der Mann sei inzwischen aus Frankreich geflohen. Also nicht nur ein Verführer, denkt Gamelin aufgebracht, sondern auch noch ein Emigrant! Und Elodie, die über seine Eifersucht erschrocken ist, lässt Gamelin in dem Glauben.

Nachdem Gamelin stundenlang um einen Laib Brot angestanden war, um seine Mutter zu entlasten, kommt er auf dem Rückweg an der Bürgerin Dumonteil vorbei, die mit ihrem hungrigen Säugling am Straßenrand sitzt. Da nimmt er seinen Hirschfänger heraus, zerschneidet den Brotlaib und reicht ihr die eine Hälfte.

Am 13. Juli 1793 sucht ihn die Bürgerin Rochemaure auf, die früher Louise Maché de Rochemaure hieß. Die Tochter eines königlichen Hofjägermeisters und Witwe eines Staatsanwalts bittet Gamelin, von dem sie weiß, dass er Jean-Paul Marat kennt, sich bei dem revolutionären Journalisten für sie zu verwenden, denn sie hat dem korrupten Schweizer Bankier Morhardt eine Begegnung mit Marat versprochen. Als Gegenleistung will die Bürgerin Rochemaure dafür sorgen, dass Gamelin Geschworener wird.

Am selben Tag wird die Nachricht verbreitet, dass Marat von einem fünfundzwanzigjährigen Mädchen namens Charlotte Corday im Bad erstochen wurde. Trotzdem hält die Bürgerin Rochemaure ihr Versprechen und erreicht, dass Gamelin zu einem der Geschworenen des Revolutionstribunals ernannt wird. Dabei hat sie allerdings auch einen Hintergedanken: Da sie heimlich Briefe nach England schickt und sich mit der Revolution nur nach außen hin arrangiert hat, könnte sie leicht in Schwierigkeiten kommen, und dann – so hofft sie – wäre ein ihr zu Dank verpflichteter Geschworener durchaus hilfreich.

Schon vor Gamelins Amtsantritt am 14. September bemüht sich der Kunsthändler Jean Blaise um seine Freundschaft und lädt ihn und seine Mutter zu einer Landpartie ein, an der auch Elodie und deren Freundin Julie Hazard, die Künstler Philipp Demahis und Philipp Dubois, die Schauspielerin Rose Thévenin und – auf Bitten der Witwe Gamelin – auch Maurice Brotteaux teilnehmen. Gamelin beginnt, sich nachts heimlich in Elodies Zimmer über der Kunsthandlung zu schleichen, wenn ihr Vater ausgegangen ist, und sie redet seine Mutter inzwischen mit „Mama“ an.

In der ersten Verhandlung des Revolutionstribunals, an der Gamelin als einer der fünfzehn Geschworenen mitwirkt, spricht er sich aus Mangel an Beweisen für einen Freispruch aus.

Als Brotteaux wieder einmal dem Spielwarenhändler Caillou einige seiner Hampelmänner verkaufen möchte, warnt dieser ihn: Man hält die Hampelmänner für Karikaturen von Revolutionären! Brotteaux kann es kaum glauben.

„Wie, diese Harlekins, diese Hanswürste, Bramarbasse, Schäfer und Schäferinnen, die ich gemalt habe, wie Boucher sie vor fünfzig Jahren gemalt hat, sollen Karikaturen von Saint-Just und Couthon sein? Das wird doch kein vernünftiger Mensch behaupten!“ (Seite 283)

Auf dem Rückweg trifft er auf Louis de Longuemare, einen Ordensbruder der Barnabiten, der aus seinem Kloster vertrieben worden war und den er beim Anstehen um Brot kennen gelernt hatte. Kurzerhand nimmt Brotteaux den obdachlosen Mönch in seiner Dachkammer auf.

In der nächsten Sitzung des Revolutionstribunals plädiert der Geschworene Gamelin für einen Schuldspruch gegen einen Aristokraten, und um sich und allen anderen zu beweisen, dass er sich in seinem Urteil nicht vom Stand der Angeklagten beeinflussen lässt, votiert er anschließend auch für die Verurteilung der Witwe Meyrion, einer mittellosen Brotausträgerin, die antirepublikanischer Äußerungen beschuldigt wurde. Das Gericht hat viel zu tun. In einer Woche werden fünfunddreißig Männer und achtzehn Frauen – darunter auch schöne junge – aufs Schafott geschickt.

Elodie ist entsetzt über ihren Geliebten. Sie beginnt, sich vor ihm zu fürchten, aber das erregt sie zugleich.

Gut eine Woche nach der Aufnahme Longuemares in seiner Dachkammer kehrt Brotteaux gerade von dem Spielwarenhändler Joly zurück, dem er einige seiner Hampelmänner verkaufen konnte. Auf der Straße fleht ihn die völlig verschreckte sechzehnjährige Dirne Marthe Gorcut („Athenais“) an, ihr zu helfen, denn man wolle sie verhaften. Sie sucht einen Unterschlupf für die Nacht und will am nächsten Tag zu einer Tante fahren, die in Palaiseau als Dienstmagd lebt und ihre einzige Angehörige ist. Brotteaux nimmt auch das Mädchen für die eine Nacht in seiner Kammer auf; der Mönch überlässt Athenais das Bett und schläft auf einem Sessel. Am anderen Morgen schenkt Brotteaux ihr die Hälfte seines Geldes für die Reise auf einem Marktschiff nach Palaiseau.

Drei Monate nach seiner Ernennung zum Geschworenen stößt Gamelin auf einen Angeklagten, der genau zu der Vorstellung passt, die er sich von dem Mann gemacht hat, mit dem Elodie zusammen gewesen war. Da sorgt Gamelin mit seiner Stimme dafür, dass der vermeintliche Verführer Jacques Maubel ungeachtet falscher Beschuldigungen zum Tod verurteilt wird. Als er es später Elodie berichtet, erklärt sie ihrem Geliebten, er habe einen Mann ermordet, den sie nicht einmal kannte. Sie reagiert darauf mit Abscheu und Wollust zugleich.

Man fahndet nach des Ilettes. Die Bürgerin Rochemaure hat ihn denunziert, obwohl sie zwanzig Jahre lang seine Geliebte war. Die Beamten und Grenadiere nehmen nicht nur Brotteaux, sondern auch Longuemare fest. Die Bürgerin Remacle, die Concierge, schaut der Verhaftung zu, als ob sie Brotteaux immer schon für einen Verbrecher gehalten hätte, und die Witwe Gamelin behält ihre Meinung tunlichst für sich. Keiner der Gaffer unternimmt etwas. Da taucht Athenais auf, die gerade aus Palaiseau kommt und ihrem Retter aus Dankbarkeit einen Laib Brot mitgebracht hat. Sie versichert den Beamten, Brotteaux sei ein herzensguter Mensch, wird aber brüsk zurückgestoßen. Zornig beschimpft Athenais nun die Beamten und schreit gellend: „Es lebe der König! Es lebe der König!“ Selbstverständlich wird sie daraufhin ebenfalls verhaftet.

Unvermittelt taucht Julie bei ihrer Mutter auf, die sie zuerst gar nicht erkennt, weil sie zur Tarnung Männerkleidung trägt. Sie war mit ihrem Lebensgefährten, dem früheren Offizier Fortuné von Chassagne, den sie ihrer rechtschaffenen Mutter gegenüber als Ehemann ausgibt, heimlich aus London zurückgekommen. Zwei Wochen lang verdiente Fortuné sein Geld durch Stiefelputzen, bis ihn einer erkannte, mit dem er einmal eine Auseinandersetzung gehabt hatte. Jetzt sitzt er im Gefängnis. Julie möchte deshalb ihren Bruder bitten, sich für ihn einzusetzen. Aber die Mutter rät ihr davon ab, denn Evarist habe dem „Verführer“ seiner Schwester nie verziehen und werde sich an ihm rächen, statt ihm zu helfen. Julie meint bitter:

„[…] er ist kalt, gefühllos, ein böser Mensch, voller Ehrgeiz und Eitelkeit“ (Seite 321)

Und sie wirft ihrer Mutter vor, sie habe Evarist bevorzugt. Als Gamelin nach Hause kommt, versteckt die junge Frau sich im Nebenzimmer. Als die Mutter vorsichtig andeutet, dass Julie in Paris ist, fällt Gamelin ihr sofort ins Wort:

„Schweig, Mutter! Sage nicht, dass sie beide nach Frankreich zurückgekehrt sind … Wenn Sie umkommen müssen, dann wenigstens nicht durch meine Hand. Um ihret-, deinet- und meinetwillen darf ich nicht wissen, dass sie in Paris sind … Zwinge mich nicht, es zu wissen, sonst … […] Wüsste ich, dass meine Schwester Julie da in dem Zimmer ist […], ginge ich augenblicklich zum Überwachungsausschuss des Bezirks und zeigte sie an.“ (Seite 325)

Da begreift auch die Witwe Gamelin, dass ihr Sohn ein Ungeheuer ist.

Julie unternimmt alles, um ihren Lebensgefährten freizubekommen. Auch den Richter Renaudin sucht sie auf. Der hört sich ihre Bitte hart und gefühllos an, aber als sie sich ihm weinend zu Füßen wirft, schiebt er sie in einen angrenzenden Salon und beruhigt sie:

„Bürgerin, das Nötige soll geschehen. Seien Sie unbesorgt.“ (Seite 338)

Angewidert gibt Julie sich hin, um ihren Lebensgefährten zu retten.

Renaudin war brutal und machte kurzen Prozess. (Seite 338)

Dann erkennt sie am höhnischen Blick des Richters, dass er sie skrupellos getäuscht hat und nichts für Chassagne unternehmen wird.

Wenig später wird Chassagne zum Tod verurteilt. Als der Geschworene Gamelin danach auf den Korridor kommt, spuckt Julie ihm ins Gesicht.

Die Bürger Brotteaux und Longuemare, die Bürgerin Rochemaure und die Dirne Athenais werden zusammen mit einigen anderen Angeklagten auf groteske Weise einer Verschwörung beschuldigt, zum Tod verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet.

Danach trennt Evarist sich von Elodie:

„Ich habe meinem Vaterland mein Leben und meine Ehre geopfert. Ich werde verfemt sterben und vermache dir, Unglückliche, nichts als ein verfluchtes Andenken […] Ich werfe mir nichts vor […] Was ich tat, würde ich auch ein zweites Mal tun. Ich nahm den Fluch auf mich für das Vaterland. Ich bin verflucht. Ich habe die Schranken der Menschheit überschritten, ich werde nie mehr zu ihr zurückkehren.“ (Seite 353)

Am 28. Juli 1794 wird der von Gamelin wie ein Gott verehrte radikale Revolutionsführer Maximilie Robespierres geköpft. Gamelin will sich ein Messer ins Herz stoßen, aber die Klinge prallt an einer Rippe ab; er zerschneidet sich zwei Finger und bricht blutend zusammen. Einen Tag nach Robespierres Hinrichtung wird auch Gamelin zum Tod verurteilt. Auf dem Henkerskarren denkt er:

„Ich sterbe gerecht. Es ist recht und billig, dass diese Schmähungen, die der Republik gelten, auf uns fallen; wir hätten sie davor schirmen sollen. Wir waren schwach. Wir haben uns der Nachsicht schuldig gemacht. Wir haben die Republik verraten. Unser Schicksal ist verdient. Selbst Robespierre, der Reine, der Heilige, sündigte durch Milde und Sanftmut.“ (Seite 363)

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Am Beispiel von Einzelschicksalen aus ganz verschiedenen sozialen Schichten zeigt Anatole France in „Die Götter dürsten“ die Grausamkeit einer Terrorherrschaft, die im Dienst einer Ideologie in alle Lebensbereiche vordringt. In so einer Situation gibt es stets blinde Fanatiker, die Andersgläubige vernichten und nicht davor zurückschrecken, sich selbst dabei zu zerstören. „Die Götter dürsten“ ist eine vehemente Anklage gegen Fanatismus und Intoleranz jeder Art. Anatole France lässt keinen Zweifel daran, dass er die Eiferer verabscheut, die Mitläufer missbilligt und seine Sympathie mitfühlenden Menschen wie in diesem Fall der Dirne Athenais und dem Mönch Louis de Longuemare gilt. Züge des Verfassers scheint die Figur des toleranten und hilfsbereiten, stoischen und zugleich lebensfrohen Maurice Brotteaux des Ilettes aufzuweisen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Hans Carl Verlag, Nürnberg

Anatole France (Kurzbiografie)

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