Richard Ford : Kanada

Kanada

Richard Ford

Kanada

Originalausgabe: Canada Ecco/HarperCollins, New York 2012 Kanada Übersetzung: Frank Heibert Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2012 ISBN: 978-3-446-24026-1, 463 Seiten, 24.90 € (D) Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014 ISBN: 978-3-423-14309-7, 463 Seiten, 11.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Alter von 66 Jahren versucht der Ich-Erzähler, die Ereignisse zu verstehen, die vor einem halben Jahrhundert dazu führten, dass er seine Familie verlor und aus der Bahn geworfen wurde. Dell und seine Zwillingsschwester Bever waren 15 Jahre alt, als die Eltern 1960 eine Bank überfielen und kurz darauf verhaftet wurden. Bevor sich das Jugendamt um die verwaisten Kinder kümmerte, riss Bever aus und Dell wurde von einer Freundin der Mutter nach Kanada geschmuggelt ...
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Kritik

Richard Ford nimmt sich in seinem Roman "Kanada" extrem viel Zeit und schildert auch Einzelheiten minutiös. Ohne dadurch Spannung erzeugen zu wollen, kündigt er mehrmals zukünftiges Unheil an.
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Sydney Beverly („Bev“) Parsons wurde 1923 in Marengo County/Alabama geboren. Im Zweiten Weltkrieg brachte er es als Bombenschütze bei der US Air Force zum Captain. Auf einer Party für heimgekehrte Flieger im März 1945 lernte er Geneva („Neeva“) Rachel Kamper (eigentlich: Kampycznski) kennen. Sie war drei Jahre jünger als er, hatte mit 18 ihren Abschluss am Whitman College in Walla Walla/Washington gemacht und schrieb Gedichte. Bei ihren Eltern handelte es sich um 1918 aus Posen geflohene polnische Juden. Woitek und Renata Kampycznski, ein Mathematiklehrer und eine semiprofessionelle Musikerin, wohnten in Tacoma/Washington. Gegen ihren Willen heiratete die Tochter den Offizier bald nach der ersten Begegnung, als sich herausstellte, dass Neeva schwanger war. Dell Parsons und seine Zwillingsschwester Berner wurden 1945 auf dem Luftwaffenstützpunkt Wurtsmith in Oscoda/Michigan geboren. Bev ließ sich inzwischen zum Versorgungsoffizier fortbilden. Nach mehreren Umzügen kam die Familie 1956 nach Great Falls/Montana.

Während seiner Stationierung auf dem Luftwaffenstützpunkt von Great Falls beliefert Bev den Offiziersclub mit gestohlenem Rindfleisch. Als der Betrug 1960 auffliegt, wird er degradiert und quittiert seinen Militärdienst. Zunächst verkauft er Gebrauchtwagen. Dann versucht er sich als Zwischenhändler von Ranch- und Farmland. Nebenher setzt Bev den illegalen Fleischhandel fort und verhökert von Cree gestohlenes Fleisch an Spencer Digby, einen afroamerikanischen Speisewagen-Oberkellner der Great Northern. Bei der dritten Transaktion Anfang August 1960 verweigert Digby die Bezahlung, und zwar mit der Behauptung, das Fleisch sei verdorben gewesen. Die Cree nehmen das nicht hin. Einer von ihnen, Marvin Williams, verlangt nun sogar statt der vereinbarten 400 Dollar den fünffachen Betrag und bedroht Bev mit dem Tod.

In dieser Situation greift der Bedrängte auf eine Idee zurück, mit der er sich vermutlich schon seit längerer Zeit beschäftigte: Er plant einen Banküberfall und weiht Neeva, die in Fort Shaw als Vertretungslehrerin arbeitet, in sein Vorhaben ein.

Ich [Dell] wusste von Äußerungen meines Vaters, dass er schon seit langem über Bankraub nachdachte – hatte das aber nie ernst genommen.

Damals zählte ich nicht zwei und zwei zusammen. Später ja. Er hatte es immer schon tun wollen. Manche Leute wollen Bankdirektor werden. Und andere Bankräuber.

Der 15-jährige Dell wundert sich, dass sein Vater eine Pistole mitnimmt, als er angeblich zur Begutachtung eines zum Verkauf stehenden Farmlands fährt. Und der Junge hört, wie die Mutter mehrmals bei ihren Eltern in Tacoma anruft und sie anfleht, die Kinder aufzunehmen. Aber Woitek und Renata Kampycznski wären allenfalls bereit, sich um Berner zu kümmern.

Es erklärt allerdings nicht, warum sie [Neeva] Berner und mich nicht in einen Zug nach Tacoma packte (oder Chicago, Atlanta, New Orleans), warum sie meinen Vater nicht in ein leeres Haus zurückkommen ließ, was ihn vielleicht wieder zur Vernunft gebracht hätte – falls er überhaupt über welche verfügte. Und es erklärt nicht, warum sie, als mein Vater einen Tag später tatsächlich nach Hause kam, „seine“ Bank im Blick und voll summenden Tatendrangs, nicht beschloss, ihn auf der Stelle zu verlassen, mit der Polizei zu reden oder ihm ein Ultimatum zu setzen – sondern zu seiner Komplizin wurde und ihr Leben wegwarf, so wie er das seine. Wenn man lange darüber nachdenkt, warum zwei einigermaßen intelligente Menschen beschlossen, eine Bank zu überfallen, und warum sie zusammenblieben, nachdem ihre Liebe schon verbraucht und verweht war, dann kommt man immer auf irgendwelche Gründe, die man rückblickend nicht mehr nachvollziehen kann und deshalb erfinden muss.

Dell und Berner stehen auf der Veranda des Hauses, als die Eltern losfahren, um die Agricultural National Bank in Creekmore/North Dakota zu überfallen. Die 15-jährigen Kinder sollen eine Nacht und zwei Tage allein bleiben.

Bev und Neeva übernachten auf einer aufgegebenen Ranch in Wibaux/Montana. Am nächsten Morgen fahren sie mit einem dort abgestellten Farmtruck nach Creekmore. Neeva wartet im Fluchtfahrzeug, während Bev in die Bank geht und die Herausgabe des vorhandenen Bargelds verlangt.

Als er an einem der nächsten Tage mit seiner Frau und den Kindern zu einem Jahrmarkt fährt, entdeckt Dell zwischen den Polstern der Rückbank ein Geldpaket. Zuerst stopft er es sich vorne in seine Jeans, aber dann schiebt er es wieder an den alten Platz.

An dem Tag, an dem Neeva mit den Kindern einen Zug nach Seattle nehmen will und die Koffer bereits gepackt hat, werden sie und ihr Mann vor den Augen der Kinder verhaftet und in Handschellen abgeführt. Einer der Polizisten sagt zu den Zwillingen, es werde bald jemand kommen und sich um sie kümmern.

Das Gesicht meiner Mutter fuhr herum zu mir. In meiner Erinnerung ist es umgeben von Dunkelheit. „Sie werden sie strikt in Ruhe lassen“, sagte sie wütend. „Ich habe bereits etwas für sie arrangiert.“ Das sagte sie zu mir.
„Das ist jetzt ein Fall fürs Jugendamt“, sagte der dicke Polizist und griff fester zu. „Damit haben Sie nichts mehr zu tun.“

Bevor Bevs Auto von der Polizei abgeholt wird, holt Dell das im Fond versteckte Geld. Es sind 500 Dollar. Dell teilt es sich mit seiner Schwester.

Berner hat seit einiger Zeit einen gut ein Jahr älteren Freund, Rudy Patterson, einen Mormonen. Aber an diesem Abend bringt sie ihren Zwillingsbruder dazu, mit ihr zu schlafen [Inzest].

Die Geschwister besuchen die Eltern im Gefängnis von Cascade County.

Neeva bat Mildred Remlinger, die mit ihr befreundete Krankenschwester der Schule, an der sie unterrichtete, sich der Geschwister anzunehmen, damit sie nicht ins Waisenhaus müssen. Doch in der Nacht, bevor die 43-Jährige kommt, um die Kinder abzuholen, brennt Berner mit Rudy durch. Mildred bringt Dell zu ihrem Bruder Arthur Remlinger nach Partreau in der kanadischen Provinz Saskatchewan. Der 38-jährige Amerikaner betreibt in Fort Royal das Leonard Hotel.

Arthur Remlinger war 1943 mit einem Gewerkschaftsfunktionär in Streit geraten, der dazu führte, dass er seinen gutbezahlten Job beim Kehrdienst in der Chevrolet-Fabrik in Detroit verlor und den Rat bekam, die Stadt zu verlassen, weil ihn niemand mehr einstellen würde. Er zog zu einer Familie in Elmira/New York und arbeitete auf der Molkereifarm. Eigentlich hatte Arthur vorgehabt, in Harvard zu studieren, aber das dafür erforderliche Geld konnte er von dem kärglichen Lohn nicht zusammensparen. In seiner Frustration vertrat Arthur immer extremere politische Ansichten und ließ sich schließlich für ein Bombenattentat auf eine Gewerkschaftshalle in Detroit gewinnen. Er platzierte den Sprengkörper und stellte den Wecker des Zeitzünders auf 22 Uhr. Wider Erwarten kehrte der Vizepräsident der Gewerkschaft am späten Abend in die Halle zurück, weil er seinen Hut vergessen hatte. Eine Woche später erlag er seinen Verletzungen. Der 23-jährige Attentäter war entsetzt, denn es hätte kein Mensch zu Schaden kommen sollen. Um nicht verhaftet zu werden, begann er 1945 ein neues Leben in Kanada. Im Leonard Hotel arbeitete er sich zum Empfangschef und Nachtmanager hoch. Als der Besitzer, Herschel Box, zu seiner verlassenen Ehefrau nach Halifax zurückkehrte, übertrug er Arthur die Geschäftsführung, und nach seinem Tod stellte sich heraus, dass er dem 38-Jährigen das Hotel vermacht hatte.

Das alles erfährt Dell von Arthur Remlingers Faktotum Charley Quarters. Der kann den Chef nicht ausstehen und fühlt sich wie ein Leibeigener, denn Arthur weiß einiges aus seiner Vergangenheit und hat ihn deshalb in der Hand.

Im Oktober 1960, 15 Jahre nach dem Bombenattentat in Detroit, tauchen zwei Amerikaner in Fort Royal auf: Raymond Jepps und der pensionierte Polizeibeamte Louis Crosley, der Schwiegersohn des Ermordeten. Arthur schärft Dell ein:

„Also, wenn du mich zu diesen beiden sagen hörst, dass du mein Sohn bist, widersprich mir einfach nicht. Hast du verstanden.“

Louis Crosley spricht Arthur auf das Bombenattentat an, bei dem sein Schwiegervater ums Leben kam.

„Ich glaube, Sie könnten Ihr Leben in Ordnung bringen, wenn Sie einfach offen mit uns reden würden.“

Arthur leugnet jedoch, den Sprengkörper gelegt zu haben und fordert Dell auf, sich ins Auto zu setzen. Aber der Junge sieht noch, wie Arthur die beiden Männer mit einer kleinen Pistole erschießt. In der Nacht hilft Dell dem Mörder, die beiden Leichen zu begraben.

Wie Remlinger mich benutzt hatte – als Publikum, als vermeintlich hochinteressante Neuigkeit, als angeblicher Sohn und schließlich als Rückversicherung, Zeuge und Komplize –, war für mich alles andere als angenehm.

Im Alter von 66 Jahren blickt Dell auf die Vergangenheit zurück.

Er hat eine Kanadierin geheiratet und besitzt seit 35 Jahren einen kanadischen Pass. Sie wohnen in Windsor/Ontario. Seine Frau arbeitet als Wirtschaftsprüferin; Dell hatte 1981 als Englisch-Lehrer am Walkerville Collegiate Institute angefangen und wurde im letzten Jahr pensioniert.

Kurz vor dem Ende seiner Berufstätigkeit verabredete sich Berner mit ihm, und er besuchte sie in den Twin Cities. Sie kürzte ihren Namen inzwischen mit Bev ab, wie der Vater. Rudy Patterson hatte sie 1960 sitzen gelassen, und sie war in San Francisco gestrandet.

Sie war Hippie, bis das ausgereizt war. Dann Ehefrau eines Polizisten, der sie schlecht behandelte. Dann eine gescheiterte späte Studentin. Dann Kellnerin in einem Kasino. Dann Kellnerin in einem Restaurant. Dann Hilfsschwester in einem Hospiz. Ein anderer Ehemann war Motorradmechaniker in Grass Valley, Kalifornien. Keine Kinder im Spiel.

Als Dell und seine Frau sie einmal in Reno besuchten, lebte sie mit Wynne Reuther zusammen, der sagte, er sei mit dem Gewerkschaftler Walter Reuther verwandt. Beide waren betrunken. Zehn Jahre lang wohnte Bev dann mit einem Mann namens Ray in den Twin Cities, und zwar in einem Trailer. Als sie sich zum letzten Mal mit ihrem Zwillingsbruder traf, hatte sie nur noch zwei Monate zu leben, denn sie litt an einem Lymphom. Vor ihrem Tod wollte sie Dell den von der Mutter im Gefängnis beschriebenen Stapel Papier geben. In der vom Frühling 1961 datierten „Chronik eines Verbrechens, begangen von einem schwachen Menschen“ hatte Neeva Rechenschaft abgelegt.

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Der Roman „Kanada“ von Richard Ford dreht sich um Schuld, Verlust und Entwurzelung. Im Mittelpunkt steht ein Ich-Erzähler, der im Alter von 15 Jahren nicht nur die Eltern und die Zwillingsschwester verliert, sondern zugleich auch aus der Bahn geworfen wird. „Ich fahre nicht nach Amerika, sondern verlasse Paris.“ So oder so ähnlich soll es Marcel Duchamp formuliert haben. Dell Parsons, der Protagonist des Romans „Kanada“, strebt auch keinem Ziel zu, sondern gibt Wohnorte auf, zunächst wegen der häufigen Umzüge der Eltern, dann von Umständen erzwungen. Im Alter von 66 Jahren erinnert er sich an die Ereignisse, die er damals nur teilweise verstand, und versucht Ordnung in die Zusammenhänge zu bringen. „Kanada“ ist also eine im Rückblick erzählte Coming-of-Age-Geschichte.

Richard Ford nimmt sich extrem viel Zeit und schildert auch Einzelheiten minutiös. Ohne dadurch Spannung erzeugen zu wollen, kündigt er mehrmals zukünftiges Unheil an. Die ersten beiden Sätze des Romans „Kanada“ lauten:

Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten.

Den Roman „Kanada“ von Richard Ford gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Christian Brückner (Regie Waltraut Brückner, ISBN 978-3-941004-41-2).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag

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