Das große Fressen

Das große Fressen

Das große Fressen

Das große Fressen – Originaltitel: La Grande Bouffe – Regie: Marco Ferreri – Drehbuch: Rafael Azcona, Francis Blanche – Kamera: Mario Vulpiani – Schnitt: Claudine Merlin, Gina Pignier – Musik: Philippe Sarde – Darsteller: Marcello Mastroianni, Ugo Tognazzi, Michel Piccoli, Philippe Noiret, Andréa Ferréol, Solange Blondeau, Florence Giorgetti, Monique Chaumette, Michèle Alexandre u.a. – 1973; 135 Minuten

Inhaltsangabe

Ein Richter, ein Fernsehproduzent, ein Flugkapitän und ein Koch verabreden sich fürs Wochenende in einer Villa zu einem Gelage, das erst mit dem Tod enden soll. Damit das große Fressen beginnen kann, liefern Kleinlaster Unmengen von Lebensmitteln an. Die Gerichte werden liebevoll zubereitet und angerichtet; man sitzt an einer sorgfältig gedeckten Tafel und achtet auf Tischmanieren. Nur das Rülpsen und Furzen passt nicht dazu. Drei Prostituierte fliehen nach kurzer Zeit; nur eine frivole Lehrerin leistet den Herren bis zuletzt Gesellschaft ...
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Kritik

Mit der obszönen, absurden und sarkastischen Komödie "Das große Fressen" hält Marco Ferreri der Konsum- und Überflussgesellschaft den Spiegel vor. Die ekeligen Szenen kontrastieren mit ästhetischen Bildkompositionen.

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Vier befreundete Franzosen im besten Alter, allesamt aus dem Mittelstand, verabreden sich fürs Wochenende zu einem großen Gelage, das erst mit dem Tod enden soll: Der Richter Philippe (Philippe Noiret), der eine Vorliebe für ältere Frauen mit Rubensfiguren wie seine Amme Nicole (Michèle Alexandre) hat, stellt eine leer stehende Villa außerhalb von Paris zur Verfügung, die sein Vater gleich nach dem Ersten Weltkrieg für Philipps Mutter gekauft hatte, die darin allerdings nicht wohnen wollte. Außer Hector (Henri Piccoli), dem greisen früheren Chauffeur von Philipps Vater, lebt niemand auf dem Anwesen. Ugo (Ugo Tognazzi) übernimmt das Kochen, das ohnehin seine Leidenschaft ist. Bei den beiden anderen Männern handelt es sich um den Fernsehproduzenten Michel (Michel Piccoli) und den Flugkapitän Marcello (Marcello Mastroianni).

Damit das große Fressen beginnen kann, liefern Kleinlaster Unmengen von Lebensmitteln an.

Während des ersten gemeinsam zelebrierten Mahls delektieren sich die vier gut gekleideten Herren an Aktfotos aus der Zeit um 1900. Marcello stellt nach einer schlaflosen Nacht fest, dass er es ohne Sex nicht aushält und organisiert drei Prostituierte: Danielle (Solange Blondeau), Anne (Florence Giorgetti) und Madeleine (Monique Chaumette).

Außerdem laden die Männer die korpulente Lehrerin Andréa (Andréa Ferréol) zu ihrem Gelage ein, die das Anwesen mit ihrer Schulklasse besucht, weil unter einer Linde im Garten einmal ein berühmter Dichter geweilt haben soll. Andréa, die sich wie Philippe, Ugo, Michel und Marcello im Alltagsleben langweilt, folgt der Einladung in der Hoffnung, ihre sexuellen Fantasien ausleben zu können, aber sie glaubt nicht, dass die Männer mit ihrem kollektiven Selbstmord Ernst machen.

Das große Fressen geht weiter. Die Gerichte werden liebevoll zubereitet und angerichtet; man sitzt an einer sorgfältig gedeckten Tafel und achtet auf Tischmanieren. Nur das Rülpsen und Furzen passt nicht dazu. Zwischendurch imitiert Ugo Marlon Brando in der Rolle von Don Vito Corleone („Der Pate“), und Michel macht Ballettübungen, bis seine Blähungen es nicht mehr zulassen. Philippe und Andréa verkünden nach einem Schäferstündchen ihre Verlobung, aber das hindert die füllige Lehrerin nicht daran, auch seinen Freunden zur Verfügung zu stehen. Die drei Prostituierten kommen bald zu dem Schluss, dass sie es mit Verrückten zu tun haben und verlassen deshalb die Villa.

Schließlich explodiert die überbeanspruchte Toilette und das Badezimmer wird mit Fäkalien überschwemmt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Weil Marcello am Sinn des Unternehmens zweifelt, setzt er sich abends beim Schneetreiben in seinen alten Bugatti und erfriert über Nacht.

Bald darauf taumelt Michel unter schrecklichen Blähungen ins Freie und bricht tot zusammen. Gleichgültig wird das Sterben hingenommen. Als Ugo sich kaum noch bewegen kann, legt er sich auf einen Küchentisch, lässt sich von Philippe füttern und von Andréa mit der Hand befriedigen. Das Stöhnen beim Orgasmus sind seine letzten Atemzüge. Philippe setzt sich in den Garten, um zwei riesige Puddings zu essen, die wie üppige weibliche Brüste aussehen. Andréa leistet ihm dabei Gesellschaft, und bevor die Teller leer sind, sinkt er in ihre Arme und stirbt.

Zur gleichen Zeit trifft ein Lastwagen mit weiterem Fleisch ein. Kichernd legen die Lieferanten die Fleischbrocken im Garten aus und hängen sie in die Sträucher. Dadurch werden Hunde angelockt. Andréa steht auf, lässt den Toten sitzen und geht ins Haus, ohne die Lieferanten oder Hunde zu beachten.

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Als „Das große Fressen“ am 25. Mai 1973 bei den Filmfestspielen in Cannes erstmals vorgeführt wurde, kam es zu einem Skandal. Viele Zuschauer fanden den Film abscheulich und ekelten sich vor den Püreebergen, den Exkrementen und Andréas schwabbeligem Fleisch. Marco Ferreri (Regie), Rafael Azcona und Francis Blanche (Drehbuch) hatten allerdings auch gar nicht die Absicht, dem Kinopublikum zwei schöne Stunden zu verschaffen. Ihre Kritik an der Konsumgesellschaft, in der die Lust höchstes Ziel ist und die Menschen dennoch des Lebens im Überfluss überdrüssig sind, sollte obszön, schockierend und provozierend sein. Essen ist zunächst ein Grundbedürfnis, aber die Nahrungsaufnahme ist in unserer Gesellschaft kulturell überformt. In „Das große Fressen“ wird dies durch uneingeschränkte Steigerung ad absurdum geführt.

„Das große Fressen“ ist kein „ernster“ Film, sondern eine absurde, sarkastische Komödie. Der Suizid der vier Männer berührt weder die Figuren im Film, noch die Zuschauer, und wenn Andréa in der Villa verschwindet, endet ein Spektakel. In „Das große Fressen“ gibt es keine Identifikationsfigur, an deren Schicksal der Zuschauer Anteil nimmt, die ihn in das Geschehen hineinzieht. Die Distanz zwischen Figuren und Publikum lässt die Aufmerksamkeit im Verlauf der mehr als zwei Stunden Vorführungsdauer erlahmen, zumal es nur immer neue abstoßende Szenen zu sehen gibt, aber keine überraschenden Wendungen eintreten.

Während der Inhalt des Films Ekel hervorruft, scheuten die Filmemacher bei der Ausstattung keine Mühe, und sowohl die Bildkompositionen als auch die Ausleuchtung und Kameraführung sind ausgesprochen ästhetisch.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007

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