Annette von Droste-Hülshoff : Die Judenbuche

Die Judenbuche

Annette von Droste-Hülshoff

Die Judenbuche

Die Judenbuche Manuskript: 1837 - 1841 Erstveröffentlichung: April / Mai 1842im "Cottaschen Morgenblatt für gebildete Stände"
Buchbesprechung

Inhaltsangabe


Der Novelle "Die Judenbuche" liegt ein authentischer Kern zugrunde: Ein Mann aus Paderborn, der einen Juden umgebracht hatte, entkam den Gerichten, geriet im Osmanischen Reich in Gefangenschaft und erhängte sich nach seiner Rückkehr in einem Baum.


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Kritik

Annette von Droste-Hülshoff zeigt sich in "Die Judenbuche" überzeugt davon, dass sich das Recht nach einer ernsthaften Verletzung unerbittlich von selbst wieder herstellt.

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[In einem westfälischen Landstrich] hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung. Die Gutsbesitzer, denen die niedrige Gerichtsbarkeit zustand, straften und belohnten nach ihrer, in den meisten Fällen redlichen Einsicht; der Untergebene tat, was ihm ausführbar und mit einem etwas weiteren Gewissen verträglich schien, und nur dem Verlierenden fiel es zuweilen ein, in alten staubichten Urkunden nachzuschlagen.

Holz- und Jagdfrevel waren an der Tagesordnung, aber auch dagegen wehrte man sich nicht durch juristische Schritte, sondern indem man den Übeltätern auflauerte und sie, wenn man sie ertappt hatte, gehörig verprügelte.

Solange Hermann Mergel Junggeselle war, trank er nur am Wochenende. Also sprach nichts dagegen, dass er ein hübsches Mädchen heiratete, das aus einer im Vergleich zu ihm wohlhabenden Familie stammte. Aber schon am Sonntag nach der Hochzeit rannte die junge Frau schreiend durchs Dorf, ließ alles im Stich und suchte bei ihren Eltern Zuflucht. Vor Gram starb sie bald darauf.

Der Witwer heiratete schließlich wieder. Margaret Semmler war in den Vierzigern und galt als gute Partie. Aber auch diese kluge und selbstbewusste Frau wurde an der Seite von Hermann Mergel unglücklich. Im zweiten Jahr der Ehe kam sie mit einem Sohn nieder.

Friedrich Mergel wuchs zu einem verträumten Hirtenjungen und scheuen Einzelgänger heran. Als er 9 Jahre alt war, fanden zwei Männer die Leiche seines Vaters unter einer Eiche im Brederholz. Drei Jahre später kam Margarets jüngerer Bruder Simon zu Besuch und schlug eine Art Adoption des Jungen vor.

Bei Simon Semmler, einem undurchsichtigen und in dunkle Geschäfte verwickelten Mann, lernte Friedrich Mergel einen anderen Jungen kennen: den Schweinehirten Johannes Niemand. Ob Simon Semmler dessen Vater war, wusste man nicht so genau. In seinem scheuen Verhalten ähnelte Johannes Niemand seinem neuen Freund — bis dieser sich zum Prahlhans wandelte und sich Respekt verschaffte, beispielsweise indem er im Alter von 18 Jahren einen erlegten Eber zwei Meilen weit trug, ohne auch nur einmal abzusetzen. Friedrich Mergel gewöhnte sich daran, „die innere Schande der äußeren vorzuziehen“.

… wer nach seiner Überzeugung handelt, und sei sie noch so mangelhaft, kann nie ganz zugrunde gehen, wogegen nichts seelentötender wirkt, als gegen das innere Rechtsgefühl das äußere Recht in Anspruch zu nehmen.

Zu dieser Zeit trieb eine Waldfrevler-Bande ihr Unwesen, die man die „Blaukittel“ nannte. Sie übertraf alles Übliche an Unverschämtheit. Immer wieder schlugen ihre Mitglieder ein ganzes Waldstück kahl, ohne sich dabei erwischen zu lassen.

Als Oberförster Brandes und sieben oder acht Jäger in der Nacht vom 10./11. Juli 1756 den Blaukitteln im Wald nachspürten, begegneten sie bei Sonnenaufgang Friedrich Mergel. Während die Jäger weitergingen, wollte Brandes von dem jungen Mann wissen, ob er etwas Verdächtiges beobachtet hatte. Weil Friedrich zugeknöpft blieb, ärgerte sich der Oberförster und schimpfte: „Ihr Lumpenpack, dem kein Ziegel auf dem Dach gehört! Bis zum Betteln habt ihr es, gottlob, bald gebracht, und an meiner Tür soll deine Mutter, die alte Hexe, keine verschimmelte Brotrinde bekommen.“ Aus Rache schickte ihn Friedrich Mergel in die falsche Richtung, als er endlich seinen Männern folgen wollte.

Brandes muss noch eine dreiviertel Stunde gelaufen sein, bevor ihm jemand mit einer Axt die Stirn spaltete. Am Morgen fanden die Jäger seine Leiche.

Als Mörder wurde zunächst Friedrich Mergel verdächtigt, aber er konnte es nicht gewesen sein, weil er schon kurz nach seiner Begegnung mit dem Oberförster und den Jägern nach Hause gekommen war. (Dass er indirekt Schuld am Tod von Brandes war, weil er ihn über den Weg getäuscht hatte, wusste niemand.)

Der Mord blieb unaufgeklärt.

Im Herbst 1760 wurde Johannes Niemand beim Diebstahl eines halben Pfundes Butter ertappt. Fast zur gleichen Zeit mahnte Aaron, ein jüdischer Schächter und gelegentlicher Altwarenhändler aus der nächsten Kleinstadt, Friedrich Mergel während einer Hochzeitsfeier, endlich die zehn Taler für die Uhr zu bezahlen, die er ihm vor einem halben Jahr verkauft hatte. Der Schuldner fühlte sich dadurch bloßgestellt und gedemütigt.

Am nächsten Tag wurde Aarons Leiche unter einer Buche im Brederholz gefunden. Jemand hatte ihn erschlagen. Noch in derselben Nacht sollte Friedrich Mergel verhaftet werden, aber er war rechtzeitig geflohen — offenbar mit Johannes Niemand.

In den Stamm der Buche, unter der Aaron gefunden worden war, ritzten Juden die Worte: „Wen du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.“

Jahre später erfuhr der Gutsherr durch einen Brief, ein verhaftetes Mitglied einer kriminellen Bande habe ausgesagt, einen Juden namens Aaron im Wald erschlagen zu haben. Hatte man Friedrich Mergel zu Unrecht des Mordes verdächtigt?

Am 24. Dezember 1788 tauchte ein halb erfrorener Mann im Dorf auf, der sich als Johannes Niemand ausgab. Er erzählte, wie er vor 28 Jahren mit Friedrich Mergel nach Freiburg im Breisgau geflohen und dort von Österreichern für kriegerische Auseinandersetzungen mit den Türken angeworben worden sei. Seinen Freund habe er aus den Augen verloren. Er selbst sei nach 26 Jahren Gefangenschaft freigekommen.

Vierzehn Tage später durchquerte der Sohn des ermordeten Oberförsters Brandes das Brederholz und entdeckte bei einer Rast unter der Buche mit der hebräischen Inschrift die Leiche eines Mannes, der sich an einem Ast erhängt hatte. Es handelte sich um den Heimkehrer. An einer Narbe erkannte der Gutsherr, dass es nicht Johannes Niemand, sondern Friedrich Mergel war.

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Der Novelle „Die Judenbuche“ liegt ein authentischer Kern zugrunde: Ein Mann aus Paderborn, der einen Juden umgebracht hatte, entkam den Gerichten, geriet im Osmanischen Reich in Gefangenschaft und erhängte sich nach seiner Rückkehr in einem Baum. Annette von Droste-Hülshoff kannte die mündlich überlieferte Geschichte seit ihrer Jugend und las später auch eine literarische Bearbeitung, die August Freiherr von Haxthausen 1818 unter dem Titel „Geschichte eines Algierer Sklaven“ in der Zeitschrift „Die Wünschelrute“ veröffentlicht hatte.

Ursprünglich beabsichtigte Annette von Droste-Hülshoff, die Novelle in ihren Roman „Bei uns zu Lande auf dem Lande“ zu integrieren, aber das Buch blieb unvollendet.

Annette von Droste-Hülshoff war offenbar überzeugt davon, dass sich das Recht nach einer ernsthaften Verletzung unerbittlich von selbst wieder herstellt. Schuld verlangt nach Sühne. Diesem Gesetz entkommt der Einzelne auch dann nicht, wenn sich die irdischen Gerichte als unzureichend erweisen.

160 Jahre nach der Erstveröffentlichung liest sich „Die Judenbuche“ noch erstaunlich gut. Die Novelle ist im Stil einer Chronik geschrieben, anschaulich, mit vielen Dialogen und dramatisch auf den Punkt gebracht.

Literatur über Annette von Droste-Hülshoff

  • Herbert Kraft: Annette von Droste-Hülshoff (Rowohlt Bildmonographie)


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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Klett Cotta Verlag, Stuttgart

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