Charles Dickens : Oliver Twist

Oliver Twist

Charles Dickens

Oliver Twist

Originalausgabe: Oliver Twist or The Parish Boy's Progress Bentley's Miscellany, London 1837-1839 Deutsche Erstausgabe: 1838 Taschenbuch-Ausgabe: Übersetzung: Gustav Meyrink Illustrationen: George Cruikshank dtv, München 2007 ISBN: 978-3423136167, 479 Seiten, 9.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Waisenknabe Oliver Twist wächst im Armenhaus einer englischen Kleinstadt auf. Im Alter von 9 Jahren kommt er zu einem Bestatter in die Lehre. Weil er dort schikaniert wird, läuft er fort und schlägt sich nach London durch, wo er in die Fänge des Hehlers Fagin gerät, der eine Bande von Kindern und Jugendlichen als Diebe für sich arbeiten lässt. Durch Zufall lernt Oliver Twist einen gebildeten Herrn kennen, der ihn bei sich aufnimmt, aber das Glück ist von kurzer Dauer ...
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Kritik

Charles Dickens erzählt in dem Roman "Oliver Twist" vom Mitleid erregenden Schicksal eines Waisenknaben zur Zeit der Industriellen Revolution. Die geschilderten Lebensverhältnisse wirken sehr realistisch. Für die Hauptfigur gilt das weniger.
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Der Waisenknabe Oliver Twist wächst Mitte des 19. Jahrhunderts im Armenhaus der englischen Kleinstadt Pentonville auf.

Eines Tages bestimmen die hungrigen Jungen einen von ihnen, der am Abend um einen Nachschlag Haferschleim bitten soll. Das Los fällt auf den neun Jahre alten Oliver Twist. „Ich bitte noch um etwas Suppe, Sir“, sagt er demütig. Der wohlgenährte Speisemeister glaubt zunächst, sich verhört zu haben, aber als Oliver Twist seine Bitte höflich wiederholt, ruft er den Büttel, Mr Bumble. Der zerrt Oliver Twist vor den gerade tagenden Verwaltungsausschuss. Zur Strafe für die Untat wird er eine Woche lang in eine dunkle Klammer gesperrt, und die Ratsherren bieten 5 Pfund dafür, dass jemand den aufmüpfigen Jungen aufnimmt.

So kommt Oliver Twist bei dem Sargtischler und Bestatter Sowerberry in die Lehre. Mr Sowerberry ist zwar gutmütig, aber seine missgünstige Ehefrau hat das Sagen, und sie klagt sogleich darüber, dass der Unterhalt von Waisenkindern stets mehr koste als sie wert seien. Sie befiehlt der Magd Charlotte, Oliver Twist die Abfälle vorzusetzen, die für die Katze gedacht waren, die aber an diesem Morgen noch nicht von der Pirsch zurückkam. Sein Schlafplatz ist im Verkaufsraum voller Särge unter dem Ladentisch. Der Geselle Noah Claypole mobbt den schwächeren Lehrling. Als er behauptet, Olivers Mutter sei eine Hure gewesen, stürzt Oliver Twist sich auf ihn und rauft mit ihm. Mr Sowerberry bleibt nichts anderes übrig, als ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen.

In der nächsten Nacht stiehlt Oliver Twist sich aus dem Haus und läuft fort. Nach einem siebentägigen Fußmarsch erreicht er Barnet, einen Vorort von London.

Dort fällt er einem Jugendlichen auf, der sofort erkennt, dass Oliver Twist etwas zu essen und eine Schlafstelle benötigt. Jack Dawkins, so heißt er, bringt Oliver Twist nach London zu dem jüdischen Hehler Fagin, der eine ganze Bande von Kindern und Jugendlichen als Diebe für sich arbeiten lässt. Fagin bietet Oliver Twist etwas, was dieser noch nie hatte: eine Art Zuhause und ausreichend zu essen.

Nach ein paar Tagen nehmen Bates und Chahum den Neuen mit auf Diebestour. Er sieht den beiden zu, wie sie einem Herrn, der vor einer Buchhandlung in einem Buch blättert, das Schnupftuch aus der Tasche ziehen. Der Bestohlene – Mr Brownlow – merkt jedoch etwas und dreht sich um. Bates und Chahum haben sich bereits versteckt. Oliver Twist beginnt zu laufen. Deshalb schreit Mr Brownlow: „Haltet den Dieb!“ Kurz darauf wird der Junge verhaftet, und der Magistrat Fang verurteilt den Neunjährigen kurzerhand zu drei Monaten Zwangsarbeit. Als Oliver Twist gerade abgeführt werden soll, taucht der Buchhändler auf und erklärt, er habe alles gesehen. Nachdem er bezeugt hat, dass zwei andere Jungen den Diebstahl begingen, nimmt Mr Brownlow Oliver Twist mit in sein Haus und lässt ihn erst einmal ausschlafen.

Liebevoll kümmern sich Mr Brownlow und seine Haushälterin, Mrs Bedwin, um den Jungen. Obwohl Mr Brownlow von einem misanthropischen Besucher – Mr Grimwig – gewarnt wird, vertraut er Oliver Twist und schickt ihn zu dem Buchhändler, vor dessen Geschäft er ihn zum ersten Mal sah. Er soll ein paar Bücher zurückbringen, die Mr Brownlow zur Ansicht mit nach Hause nahm und bekommt auch noch eine 5-Pfund-Note, um damit eine offene Rechnung in Höhe von 4 Pfund und 10 Schillingen zu begleichen. Mr Grimwigs Prophezeiung, der Junge werde nicht zurückkommen, erfüllt sich, aber nicht, weil Oliver Twist das Geld für sich behalten und die Bücher verhökern will, sondern weil er von Fagin kriminellem Partner William („Bill“) Sikes und der Hure Nancy entführt und zu Fagin zurückgebracht wird. Die Gauner befürchteten nämlich, dass Oliver Twist sie verraten könnte.

Ohne eine Möglichkeit zur Flucht zu haben, muss Oliver Twist lernen, wie man den Leuten Schnupftücher, Uhren, Schmuck und Brieftaschen stiehlt.

Eines Nachts lässt Sikes den Jungen holen, um mit ihm und seinem Kumpan Toby Crackit einen Einbruch durchzuführen. Sie heben den schmächtigen Jungen durch ein schmales Fenster hinein und verlangen von ihm, dass er ihnen die Haustür von innen öffnet. Oliver Twist macht jedoch absichtlich Lärm. Daraufhin tauchen die Bediensteten Giles und Brittles oben an der Treppe auf. Zwei Schüsse krachen. Von einem wird Oliver Twist verletzt. Sikes zieht ihn durchs Fenster ins Freie, nimmt ihn auf den Rücken und rennt mit Crackit davon. Auf der Flucht vor den auf sie gehetzten Hunden lassen sie den Jungen, den sie für tot halten, liegen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Oliver Twist lebt und wird in dem Haus aufgenommen, in das er hatte einbrechen sollen. Angeschossen wurde er von dem Diener Giles. Die beiden Bewohnerinnen des Hauses, Mrs Maylie und deren siebzehnjährige Pflegetochter Rose, sowie ihr Hausarzt Dr. Losberne sorgen dafür, dass der Junge sich erholt.

Die Polizisten Blathers und Duff, die Oliver Twist festnehmen wollen, werden von Dr. Losberne belogen und abgewiesen. Um die Geschichte zu überprüfen, die der Junge erzählt hat, fährt der Arzt mit ihm zu Mr Brownlow. Aber dessen Haus steht leer und wird zum Verkauf angeboten.

Fagin, der durch Toby Crackit von dem fehlgeschlagenen Einbruch erfuhr, sucht nach Bill Sikes und einem zwielichtigen jungen Mann namens Monks. Schließlich findet er heraus, wo Oliver Twist sich befindet und schmiedet mit Monks einen Plan, um ihn aus dem Weg zu schaffen. Nancy erfährt davon und sucht Rose Maylie auf, um sie zu warnen. Sie erzählt auch, dass Oliver Twist einen Halbbruder namens Monks habe und von diesem um sein Erbe geprellt worden sei. Aus Liebe zu Sikes und aus Dankbarkeit gegenüber Fagin, der sie vor Jahren vor dem Verhungern bewahrt hatte, verrät sie weder den Zuhälter noch den Hehler.

Durch einen Spitzel erfährt Fagin von Nancys Besuch bei Rose. Er sorgt dafür, dass Sikes darüber unterrichtet wird, und der erschlägt daraufhin seine Geliebte, die für ihn anschaffte. Auf der Flucht vor der Polizei stranguliert Sikes sich versehentlich selbst.

Mr Brownlow, mit dem Rose Maylie und deren Mutter inzwischen Kontakt aufgenommen haben, fällt schließlich die Ähnlichkeit zwischen Oliver Twist und dem Porträt von Agnes Flemming auf, das er von seinem vor Jahren in Rom gestorbenen Freund Edwin Leeford bekam. Deshalb vermutet er, dass der Waisenknabe ein Sohn von Edwin Leeford und Agnes Flemming sein könnte. Agnes Flemming war die Geliebte seines mit einer anderen Frau verheirateten Freundes, der auch einen ehelichen Sohn namens Monks hatte. Mr Brownlows Vermutung bestätigt sich, und es stellt sich heraus, dass es sich bei Rose Maylie um die Schwester von Agnes Flemming handelt.

Oliver Twist wird von Mr Brownlow adoptiert.

Monks stirbt in der Fremde.

Fagin endet am Galgen.

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Der Gesellschaftsroman „Oliver Twist or The Parish Boy’s Progress“ wurde von Februar 1837 bis April 1839 von der Zeitschrift „Bentley’s Miscellany“ in Fortsetzungen veröffentlicht. Es handelt sich um den zweiten Roman von Charles Dickens. (Der erste, „Die Pickwicker“, erschien 1836/37.)

Eindringlich erzählt Charles Dickens vom Schicksal eines Waisenknaben zur Zeit der Industriellen Revolution, von Not und Elend, Kinderarbeit und Ausbeutung, Hartherzigkeit und Kriminalität. Die geschilderten Lebensverhältnisse, die Charles Dickens aus eigener Erfahrung kannte, wirken sehr realistisch. Für die Hauptfigur gilt das weniger. Oliver Twist ist kein glaubwürdiger Charakter, sondern ein stilisierter Held, ein trotz seiner Herkunft wohlerzogener Junge, der immer nur das Gute will. Ein paar widersprüchliche Motive und Charakterzüge (Shadowing) hätten aus Oliver Twist eine überzeugendere Romanfigur gemacht. Den jüdischen Hehler Fagin hat Charles Dickens differenzierter angelegt – aber diese Figur scheint antisemitische Vorurteile zu bestätigen.

Seit 1906 wurde der Roman „Oliver Twist“ mindestens sechsundzwanzig Mal verfilmt. Unter den Verfilmungen ragen drei heraus: „Oliver Twist“ von David Lean mit John Howard Davies in der Titelrolle und Alec Guinness als Fagin (1948), „Oliver!“ von Carol Reed mit Mark Lester und Ron Moody als Fagin (1968) und „Oliver Twist“ von Roman Polanski mit Barney Clark und Ben Kingsley (2005).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008

Roman Polanski: Oliver Twist

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