Colette


Colettes Debütroman wurde 1900 von ihrem ersten Ehemann unter dessen Pseudonym veröffentlicht. 1901 teilten sich die Ehepartner eine Geliebte. Mit 32 Jahren ließ sich Colette in Pantomime ausbilden und trat mit ihrer damaligen Lebensgefährtin, der Marquise de Belbœuf, in »Mimodramen« auf. Dass sie sich halbnackt auf der Bühne zeigte, löste einen Skandal aus. Dennoch wurde die Schriftstellerin 1944 in die Académie Goncourt aufgenommen und erhielt nach ihrem Tod als erste Frau in Frankreich ein Staatsbegräbnis.

Tabellarische Biografie: Colette


Colette: »Souveräne erotische Nonchalance«

Leseprobe aus
Dieter Wunderlich: Unerschrockene Frauen. Elf Porträts
Piper Verlag, München 2013

Augenscheinlich bevorzugte Colette zu dieser Zeit Frauen, wenn sie sich Lust verschaffen wollte, denn im März 1905 begann sie ein weiteres lesbisches Liebesverhältnis, diesmal eines, das Jahre dauerte. Bei der Lebensgefährtin handelte es sich um die zehn Jahre ältere Transvestitin Sophie-Mathilde-Adèle-Denise de Morny, Marquise de Belbœuf, kurz: »Missy«. Ihr Vater Charles, Herzog von Morny, war ein illegitimer Sohn von Hortense de Beauharnais, also ein Enkel der französischen Kaiserin Josephine, und bei ihrer Mutter handelte es sich um eine russische Fürstin aus dem Hause Romanow. […]

Einige Monate nachdem Colette im Juni erstmals im Laientheater ihrer Freundin Natalie Clifford-Barney in Neuilly auf der Bühne gestanden hatte, ließ sie sich von dem ein Jahr jüngeren französischen Pantomimen Georges Wague (bürgerlich: Georges Waag) unterrichten. Im Théâtre des Mathurins in Paris trat Colette dann am 6. Februar 1906 zum ersten Mal als Tänzerin auf, und zwar mit L’amour, le désir, la chimère, einer Pantomime von Francis de Croisset. Die Familie Gauthier-Villars reagierte entsetzt auf die Nachricht, denn Schauspielerinnen galten in den gehobenen Kreisen als anrüchig.

Nachdem Henry Gauthier-Villars und Colette im November 1906 ihre gemeinsame Wohnung in Paris geräumt hatten, zog Colette zu Missy, die auch in Paris ein Haus besaß, mietete sich aber zudem ein kleines Apartment. Und Henry richtete sich mit Meg Villar, die inzwischen seine Lebensgefährtin geworden war, in einer neuen Wohnung ein.

Im selben Monat spielte Colette in dem Stück Pan von Charles Van Lerberghe im Théâtre Marigny die Rolle der Paniska. Dabei tanzte sie im letzten Akt fast nackt in einer bacchantischen Prozession. Das war zwar anstößig, löste aber noch keinen Theaterskandal aus. Dazu kam es erst ein paar Wochen später: Bei der Premiere eines »Mimodramas« mit dem Titel Rêve d’Égypte am 3. Januar 1907 im »Moulin Rouge« verkörperte Missy unter dem Künstlernamen »Yssim« einen Archäologen, der eine von ihrer Freundin gespielte ägyptische Mumie entdeckt und aus Tüchern wickelt. Colette trug auf dem ansonsten nackten Oberkörper nur zwei an Riemen zwischen Rock und Halskrause befestigte Brustschalen. Als

Dieter Wunderlich: Unerschrockene Frauen. © Piper Verlag 2013

sich die beiden lesbischen Darstellerinnen dann auch noch auf der Bühne küssten, war das Publikum in Buh-Rufer und Applaudierer gespalten. Henry Gauthier-Villars, der Beifall klatschte, wurde als Hahnrei verspottet. Weil es bei dem Tumult sogar zu tätlichen Auseinandersetzungen kam, griff schließlich die Polizei ein.

Am nächsten Tag forderten empörte Angehörige der Familie de Morny den Polizeipräfekten auf, jede weitere Aufführung zu verbieten. Um die Vorstellungen aber nicht absagen zu müssen, ersetzte das »Moulin Rouge« die Marquise de Belbœuf durch Georges Wague. Henry, der sich um seinen eigenen Ruf sorgte, bestand nun auf einer raschen Auflösung seiner Ehe. Ein Gericht nahm den Antrag im Februar 1907 an; rechtskräftig wurde die Scheidung allerdings erst im Juni 1910.

Bei der Veröffentlichung des Romans Claudine findet zu sich selbst im Februar 1907 wurde dann erstmals die Autorin angegeben. Allerdings gehörte Colette auch weiterhin zu den Ghostwritern in Henrys literarischer Werkstatt. Und im Sommer wohnten Missy und Colette, Meg und Henry in benachbarten Häusern in Le Crotoy. Das offenbar noch immer gute Einvernehmen mit Colette hinderte Henry, der inzwischen fast pleite war, jedoch nicht daran, im Herbst die Rechte an den Claudine-Romanen zu verschleudern, ohne ihr Einverständnis einzuholen oder sie wenigstens darüber zu unterrichten. Im Dezember 1907 verkaufte er auch noch das Landhaus Les Monts-Bouccons, von dem er einmal behauptet hatte, es gehöre Colette.

Bei der Premiere der Pantomime La chair am 1. November 1907 zerfetzte der von Georges Wague dargestellte Schmuggler seiner von Colette gespielten Geliebten Yulka das bodenlange Kleid, sodass ihre linke Körperhälfte von der Brust bis zum Bein entblößt wurde. Sie stellte diese Szene auch für einen Fotografen nach. Die Tänzerin und Dichterin Toni Bentley erinnerte sich später daran: »Sie trug einen zerrissenen weißen Leinenstreifen, der ihre linke Brust entblößte, und blickte mit schamlosem Stolz in die Kamera.« Das Bild symbolisierte auch eine Befreiung. »Es war eine Bekanntgabe an die Welt, dass die Weiblichkeit – Feminität in all ihren komplizierten […] Formen – aus Pandoras Büchse entwichen sei. […] Ob gut oder schlecht, Frauen waren in der Literatur nicht länger beschränkt auf die Rolle von schablonenhaften Charakteren […].«

Das skandalöse Stück erwies sich als Riesenerfolg: Insgesamt etwa 600-mal trat Colette im Verlauf der nächsten Jahre als Yulka auf, nicht nur in Paris, sondern auch in Nizza und anderen Städten.

Leseprobe aus Dieter Wunderlich: Unerschrockene Frauen. Elf Porträts

© Piper Verlag, München 2013
Quellenangaben und Fußnoten wurden in dieser Leseprobe weggelassen, sind jedoch im Buch zu finden.
Zitate: American Society of Authors and Writers,
http://amsaw.org/amsaw-ithappenedinhistory-012805-colette.html, Übersetzung: der Autor

Colette (tabellarische Biografie)

Salman Rushdie - Des Mauren letzter Seufzer
"Des Mauren letzter Seufzer" ist ein mythomanischer und surrealer Roman, ein fulminantes Gewirr wahnwitziger Geschichten und Episoden. Mit Ironie, Schlitzohrigkeit und schwarzem Humor hat Salman Rushdie Anspielungen auf Kinofilme und Werke der Weltliteratur eingestreut.
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