Antonia S. Byatt : Geschichten von Feuer und Eis

Geschichten von Feuer und Eis

Antonia S. Byatt

Geschichten von Feuer und Eis

Originalausgabe: Elementals. Stories of Fire and Ice Verlag Chatto & Windus, London 1998 Geschichten von Feuer und Eis Übersetzung: Melanie Walz Insel Verlag, Frankfurt/M 2002 ISBN 3-458-17125-8, 159 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

–Krokodilstränen -– Eine Lamie in den Cevennen -– Heiß und kalt - Pennerin -– Jaël - Christus im Haus der Martha und Maria
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Kritik

In den besprochenen drei Geschichten von Feuer und Eis stehen Menschen im Mittelpunkt, die sich aufgrund außergewöhnlicher Umstände neu orientieren müssen oder wollen.
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Krokodilstränen

 

Das Ehepaar Tony und Patricia Nimmo besucht eine Kunstgalerie in London. Tony gefällt ein Exponat besonders gut und will es kaufen. Patricia hingegen findet es kitschig, und sie streiten sich über ihr unterschiedliches Kunstverständnis. Mr Nimmo verlässt den Ausstellungsraum, wohingegen seine Frau sich noch weitere Bilder ansieht.

Nach einer halben Stunden hat auch sie genug. Noch während sie die Treppe hinuntergeht, hört sie von unten aufgeregte Stimmen. Sie sieht einen Arzt, der sich um ihren am Boden liegenden Mann kümmert. Herzinfarkt, stellt er fest; es ist nichts mehr zu machen. Patricia schaut zu, wie der Tote auf einer Tragbahre weggebracht wird. Sie drängt sich an den gaffenden Leuten vorbei auf die Straße und fährt mit einem Taxi nach Hause.

Eilig packt sie Pass, Handy, Scheckbücher und Kleidungsstücke zusammen und bestellt ein Taxi, das sie zur Waterloo Station bringt. Mit der Absicht, ihre Spuren zu verwischen, geht sie weiter zum Eurostar-Terminal und nimmt den nächsten Zug nach Paris. Spurlos zu verschwinden, das hat sie über viele Jahre hinweg schon oft gereizt. Geld besitzt sie ausreichend, denn sie ist Gründerin einer erfolgreichen Ladenkette von Badeinrichtungen, aber wie soll sie in einem fremden Land an Bares kommen? Das ist in diesem Moment ihr zentraler Gedanke. Sie wechselt schon in Lille den Zug in Richtung Süden, und nach weiterem mehrmaligen Umsteigen verlässt sie in Nîmes endgültig den Zug und sucht sich ein Hotel.

Am nächsten Morgen läuft Patricia in der Stadt herum, wobei ihr an vielen Stellen ein Krokodil entweder als Skulptur oder als Bild, aber auch als Motiv an Fenstern und Straßenschildern auffällt. Wie sie aus dem Reiseführer erfährt, ist das an eine Palme gekettete Krokodil das Wahrzeichen von Nîmes. Ein paar Tage vertrödelt sie mit Einkäufen, um ihre Garderobe zu vervollständigen und mit Lesen. Dafür hat sie sich französische Bücher gekauft, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.

Als Patricia im Hotel in einer lokalen Zeitung von einem Verkehrsunfall mit einem Toten liest, beginnt sie zu weinen. Ein Mann, der ihr schon einige Male auffiel, weil er immer so eifrig in ein Heft schrieb und so ungewöhnliche blonde Locken hat, geht auf sie zu, um sie zu beruhigen. Erst lehnt sie seine Hilfe ab, dann lässt sie sich von ihm doch auf ihr Zimmer bringen, wo er für sie einen Cognac bestellt. Er sehe, dass sie einen großen Kummer habe, deshalb kümmere er sich um sie, beteuert er. „Mein – jemand – ist gestorben“, gibt sie zur Antwort.

Am nächsten Tag stellt sich der Mann bei Patricia vor. Er heiße Nils Isaksen, komme aus Norwegen und sei hier, um ein Buch zu schreiben. Als Ethnologe vergleiche er die nordischen Gebräuche mit denen des Südens. Seine Frau Liv sei nach langer Krankheit gestorben, deshalb wollte er nicht mehr in Norwegen bleiben. Dann sagt ihm Patricia, dass ihr Mann vor kurzem gestorben sei und sie hier Urlaub mache.

Sie treffen sich an den Abenden, um zusammen etwas zu trinken. Eigentlich findet sie ihn nicht sonderlich sympathisch und geht auch nicht auf seine Einladungen ein, mit ihm Sehenswürdigkeiten der Stadt anzusehen. Sie denkt sogar daran, Nîmes zu verlassen. Dann rafft sie sich aber dazu auf, die Maison Carrée anzusehen. Sie sieht sich lange in dem berühmten Bauwerk um und geht von Hitze und Helligkeit benommen hinaus auf eine enge Gasse. Sie nimmt ein Kreischen von Bremsen wahr, und wie jemand sie am Handgelenk zerrt. Sie ist hingefallen und erkennt jetzt Nils Isaksen, der sie vor einem Auto wegzog, vor das sie sich – wie er behauptet – gestürzt habe. Sie führt den Unfall darauf zurück, dass sie von der Sonne geblendet war. Wie es komme, dass er zur Stelle war, will sie wissen. Er sei zufällig hier gewesen und habe sie fragen wollen, ob er sie zum Mittagessen einladen dürfe.

Trotz ihrer aufgeschlagenen Knie und ihrer verschwitzten Kleidung geht sie mit ihm essen. Weil sich Patricia wegen des Vorfalls in seiner Schuld sieht, willigt sie zwei Tage später ein, mit ihm das ethnologische Museum zu besuchen. Am Abend in der Bar kramt er aus seiner Jacketttasche ein Sammelsurium von Gegenständen, die er bei einem Antiquitätenhändler kaufte. Unter anderem zeigt er ihr einen Stein aus Labradorit. Aus diesem Material habe er auch den Grabstein für seine Frau anfertigen lassen.

Im Carré d’Art besichtigt Patricia die Kunstausstellung. Nach ihrem Rundgang steigt sie die Treppen hoch zum obersten Stockwerk des Gebäudes. Von dort hat man einen schönen Ausblick auf die Stadt. Sie tritt hinaus auf den Balkon, beugt sich ein wenig über das Geländer und wippt mit dem Körper hin und her. Da wird sie an beiden Handgelenken gefasst und zurückgezerrt. Wieder hat Nils Isaksen zugepackt. Patricia dankt es ihm nicht. Sie möchte von ihm in Ruhe gelassen werden und droht ihm, andernfalls die Stadt zu verlassen. Er soll sich nicht in ihr Leben einmischen. Als sie wütend hinausläuft in die Hitze, wird ihr übel und sie stürzt an den Rand eines Brunnens. Nils hilft ihr auf und führt sie aus der Sonne.

Wie schon einmal, bringt Isaksen Mrs Nimmo auf ihr Hotelzimmer.

Er sagte: „So kann das nicht weitergehen.“
„Es ist nicht, was Sie denken.“ (Seite 45)

Nils Isaksen erzählt Patricia eine norwegische Fabel, in der es um Schuld und nicht eingehaltene Versprechen geht. Die Parabel veranlasst sie dazu, ihm den Vorfall von Tonys Sturz und ihre Reaktion darauf ausführlich zu erläutern. Sie macht sich zum Vorwurf, dass sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes einfach weggegangen sei, im Gegensatz zu Nils, der seine Frau unter einem Stein begrub. Sie habe aber keinen Grund gesehen, nicht wegzugehen, gesteht sie.

„Ich hatte keine Vorstellung davon, etwas Unrechtes zu tun“, sagte sie. „Ich habe ihn geliebt, und er ist gestorben, und das war ein Ende. Das war es in der Tat. Aber es kommt mir unrecht vor, entsetzlich unrecht. Nicht den Kindern gegenüber, was Sie vielleicht denken, weil ich sie damit allein gelassen habe, sich – sich um alles zu kümmern. Sondern ihm gegenüber. Ich habe ihn im Stich gelassen.“ (Seite 47)

„Sie haben recht, Mrs Nimmo. Sie haben unrecht gehandelt. Den Lebenden, nicht den Toten gegenüber. Ich denke, Sie können wiedergutmachen. Sie können zurückkehren und es wiedergutmachen.“ (Seite 48)

Patricia bedankt sich für seinen Zuspruch und küsst ihn auf die Wange.

Erst am übernächsten Abend sieht sie Nils wieder, und zwar streitet er mit dem Portier an der Rezeption. Anscheinend ist er betrunken. Nils bemerkt sie nicht, und sie zieht sich zum Abendessen auf ihr Zimmer zurück. Der Service dauert länger als gewöhnlich, weil das Hotel auch das Quartier der Stierkampfanhänger ist, die die zur Zeit stattfindende Fiesta besuchen. Patricia und Nils unterhielten sich schon öfter über Stierkämpfe. Sie lehnt dieses Spektakel kategorisch ab, wohingegen er zu überlegen gibt, dass man als Nordländer die Begeisterung der mediterranen Völker dafür nicht nachvollziehen könne. Während der dritten Corrida schaut sie in der „Hemingway-Bar“ nach, ob Nils da ist. Sie hört Geschrei und sieht eine Gruppe Männer, die aufeinander losgehen. Unter ihnen ist Nils mit zerrauftem Haar und beflecktem Jackett; er versucht, mehrere Kellner abzuwehren. Nils streckt den Maître d’hôtel mit einem schweren Gegenstand zu Boden, wird aber seinerseits zu Fall gebracht und mit Tischtüchern gefesselt weggetragen. Ein Kellner erklärt einem spanischen Paar, dass sich der aus dem Norden stammende Gast kritisierend über den Stierkampf geäußert habe, was in Nîmes nicht gut ankommt.

Patricia sieht Nils erst wieder, als die Fiesta vorbei ist. Zufällig bemerkt sie, wie er auf den Eingang der Arènes zugeht. Sie folgt ihm. Als sie ihn darauf hinweist, dass sie die Schlägerei gesehen habe, gibt er zu, bei einem Stierkampf gewesen zu sein, weil er sich davon ein „Mysterium“ versprochen habe. Er fand aber alles nur abstoßend.

Dann zitiert er auf norwegisch ein Zitat aus „Peer Gynt“. Wie sie wohl wisse, sei dieser Folkloreheld ein Prahler und großer Lügner gewesen. Nils leitet damit zu einem Geständnis über: Er habe sie angelogen. Er ist kein Ethnologe, sondern Volksschullehrer und war auch nie verheiratet.

Er lebte mit seiner Mutter und einer alten Tante zusammen. Die Mutter wurde dement. Er musste sie fünf Jahre lang pflegen und konnte daher seinen Beruf nicht mehr ausüben. Auch seine Tante wurde unzurechnungsfähig, sodass er zwei kranke Frauen zu versorgen hatte. Vor drei Jahren starb die Mutter sechsundachtzigjährig. Nachdem diese beerdigt war, transportierte er die Tante in einem Rollstuhl mit dem Zug in eine neurologische Klinik. An der Rezeption stellte er den Rollstuhl mit der kranken Frau in eine Warteschlange – und ging dann. Man würde ihre Identität nicht herausfinden, denn er hatte ihr den Pass weggenommen. Die Tat sei wie von einem Verbrecher geplant gewesen, gibt er zu. Er nahm sein ganzes Geld mit und fuhr in den Süden; so kam er zufällig hier her.

Am nächsten Tag teilt Patricia Nils Isaksen mit, dass sie nach England zurück wolle, um den Ort zu sehen, wo ihr Mann begraben ist. Ob er, Nils, sie dabei begleiten möchte. Da er „auf der Welt nichts zu tun habe“, stimmt er zu.

Sie finden den Friedhof, und Patricia legt Blumen auf das Grab ihres Mannes. Auch ihren beiden Kindern will sie Bescheid geben, dass sie noch am Leben ist.

Nils hat vor, nach Norwegen zu fahren, um herauszufinden, was mit seiner Tante geschehen ist. Als Patricia ihn fragt, ob sie mitkommen solle, nimmt er das Angebot dankbar an.


Pennerin

 

Daphne Gulver-Robinson soll ihren Mann Rollo auf einer Geschäftsreise begleiten. Er ist einer der Direktoren eines internationalen Konzerns, die sich zu einem Meeting in einer Stadt im Fernen Osten treffen. Daphne wäre lieber zu Hause in England geblieben, aber Lord Scroop, der Vorsitzende des Unternehmens, sieht es gerne, wenn seine Manager in Begleitung ihrer Frauen reisen – „insbesondere seit die Aidsstatistiken sein Augenmerk gefunden haben.“ Lady Scroop übernimmt die Aufgabe, sich um die Ehefrauen zu kümmern. So arrangiert sie für den Abreisetag die Gelegenheit zu einem Einkaufsbummel in einer weitläufigen Shopping Mall, damit die Damen noch Souvenirs oder Geschenke erwerben können. Lady Scroop lässt sie auf eigene Faust in den Einkaufspassagen herumlaufen, bittet sie aber dringend, sich um Punkt zwölf Uhr am Vordereingang einzufinden. Nach einem „köstlichen Lunch“ sollen sie um Viertel vor drei zum Flughafen befördert werden.

Mrs Gulver-Robinson kauft eigentlich gar nicht so gerne ein und fragt sich, wie sie die zwei Stunden bis zur verabredeten Zeit herumbringen soll. Sie schlendert an den Schaufenstern vorbei und fährt mit dem Aufzug in ein höheres Stockwerk, wo nur wenige Menschen zu sehen sind. In einer Auslage sieht sie Kissenhüllen, die ihr gefallen und betritt das Geschäft, in dem sie die einzige Kundin ist. Sie entscheidet sich für einen Kissenbezug, den sie für eine Rarität hält. Als sie in ihre Tasche schaut, ist ihr Fotoapparat nicht mehr da; sie ist überzeugt, ihn eingesteckt zu haben. In einem anderen Laden erwirbt sie Geschenke für ihre Tochter. Ein Schaukasten ist mit Kissenbezügen dekoriert, und zwar solchen wie sie eben einen gekauft hat, nur viel sorgfältiger gearbeitet, wie sie verärgert feststellt. Ein Schild weist auf ein Café hin; das findet sie aber nicht. Gehetzt läuft sie weiter und gelangt endlich zu einer Damentoilette. Im Spiegel sieht sich an und ist entsetzt über ihr Aussehen: Erhitzt und verschwitzt glänzt ihr Gesicht, das Make-up ist verlaufen, und die Haarnadeln haben sich gelöst. Es ist wohl Zeit, sich auf den Rückweg zu dem Treffpunkt zu machen.

Ausgänge sind zwar überall beschildert, aber die Hinweispfeile führen zu Türen, die nach Notausgängen aussehen und zu Aufzügen, die in Einkaufsstraßen enden. Mrs Gulver, nunmehr in Panik, läuft Betonstufen hinauf, immer ihre Einkäufe umklammernd. Schneller und schneller rennt sie; da bricht ihr auf einer Treppe ein Absatz ihrer eleganten Schuhe ab. Sie zieht beide Schuhe aus und humpelt weiter über den Betonboden, auf dem sie sich die Strümpfe zerreißt. Keuchend wagt sie einen Blick auf die Uhr. Der Zeitpunkt des Treffens ist längst vorbei. Sie sollte wohl im Hotel anrufen, denkt sie. Ein Blick in ihre Handtasche offenbart ihr, dass Brieftasche und Kreditkarten verschwunden sind. Auch ihr Füllfederhalter, ein Geschenk von Rollo, fehlt. Als sie weiter in ihrer Handtasche wühlt, fallen andere Gegenstände heraus, die sie wieder einsammeln muss. Beim Weiterlaufen rollen sich die zerrissenen Strümpfe wie lose Haut an ihren Beinen hoch. Ein weiterer Blick auf die Uhr zeigt ihr, dass auch der „köstliche Lunch“ vorbei ist. Außerdem droht ihre Blase zu bersten. Aufgeregt rennt sie weiter. In jedem Stockwerk sieht sie sich den gleichen undurchschaubar verbundenen Gängen gegenüber. Das Flugzeug hat inzwischen wahrscheinlich schon abgehoben. In einer Toilettenzelle schaut sie nochmals auf ihre Uhr. Die ist aber nun auch fort, nur ein „zusammengedrückter Kreis rosiger Haut“ verrät die Stelle, an der sie vorher war. Erst gibt sie nur leise Klagelaute von sich, dann fängt sie zu schreien an, bis endlich ein Polizist erscheint. Ihre Aussage, sie sei Engländerin und beraubt worden, beeindruckt ihn überhaupt nicht; er will ihre Papiere sehen. Ihren Pass hat sie auch nicht mehr.

„Gestohlen. Alles gestohlen“, sagt sie.
„Leute wie Sie“, sagt der Polizist, „hier nicht erlaubt.“
Sie sieht sich selbst mit seinen Augen, eine Pennerin, schmutzig, ungepflegt, mit einer Tasche voller Einkäufe, die ihr nicht gehören, eine zerzauste Legebatteriehenne. (Seite 135)

Dem Polizisten, der sie auffordert, die Passage zu verlassen und sie mit seinem Stöckchen stupst, erklärt sie, dass ihr Mann sie bestimmt suche, und außerdem werde sie sich hier nicht vom Fleck rühren – obwohl sie sich nicht vorstellen kann, dass jemand sie holen kommt, aber auch nicht, dass sie die Shopping Mall verlassen wird.


Christus im Haus der Martha und Maria

 

Dolores wird eingestellt, um Concepción in der Küche zu helfen. Es ist zwar ein vornehmes Haus, in dem die beiden Köchinnen arbeiten, aber wenn sich Dolores beim Servieren der Speisen manchmal ungeschickt anstellt und sich den Herrschaften gegenüber nicht devot genug verhält, wird sie scharf zurechtgewiesen. Dolores ist nicht hübsch und hat eine stämmige Figur, „ein Ackergaul, für schwere Arbeit geschaffen, nicht ein Araberfüllen“, wie Concepción sagt. Aber sie ist selbstbewusst und würde lieber von sich aus kündigen, als von ihrer Dienstherrin hinausgeworfen zu werden. Ihre Kochkünste sind hervorragend. So lobt Concepción die besondere Gabe, die Dolores für Aromen und Gewürze hat. Auch bei der Zubereitung von Gebäck und Teigmischungen ist sie unübertroffen.

Concepción hat einen Künstler zum Freund, der oft bei ihr in der Küche sitzt und unermüdlich Gebrauchsgegenstände wie Krüge und Schöpflöffel oder Lebensmittel zeichnet. Als er Dolores einmal lobt, wie perfekt sie die Speisen zubereitet – sie sei eine „wahre Künstlerin“ schwärmt er – , argwöhnt sie, er mache sich lustig über sie. Das war nicht seine Absicht, und er versucht, anhand einer Geschichte zu erklären, wie er es meinte.

Jesus besuchte die Schwestern Martha und Maria in ihrem Haus. Maria saß zu seinen Füßen, während Martha den Gast bediente. Martha beklagte sich und fragte, ob es richtig sei, dass ihre Schwester sie alleine dienen lässt. Jesus sagte zu ihr: „Martha, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not: Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“ (Seite 53) Dolores findet, so könne nur ein Mann sprechen. Der Maler erläutert, dass es nicht darum gehe, sich damit abzufinden, welche Stellung man in der Welt habe. Es stehe ihr, wie auch ihm, der Zugang zu einem besseren Weg offen.

Der Maler beabsichtigt, ein Bild von der Szene im Haus der Schwestern Martha und Maria zu malen. Ob Dolores und Concepción ihm dafür Modell stehen würden? Er zeichnet die beiden Köchinnen, und nach Fertigstellung des Bildes ist er beunruhigt, wie sie reagieren würden. Concepción ist nicht gerade begeistert, dass er sie so darstellte, wie sie wirklich war: „… das trotzige, fleischige, zornig die Stirn runzelnde Gesicht des Mädchens über den derben geröteten Armen in den braunen Wollärmeln.“ (Seite 57) Dessen ungeachtet äußert sie sich lobend darüber, wie echt die Augen des gemalten Fisches aussehen. Dolores hingegen ist davon beeindruckt, beachtet worden zu sein. „Wie sonderbar, so aufmerksam betrachtet worden zu sein.“ (Seite 157)

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In „Krokodilstränen“ stehen eine Frau und ein Mann im Mittelpunkt, die in eine Lebenskrise geraten sind und versuchen, sich neu zu orientieren.

In der Geschichte „Pennerin“ ist eine Frau einer Situation ausgesetzt, mit der sie überfordert ist.

Am Beispiel einer einfachen Frau wird in „Christus im Haus der Martha und Maria“ erläutert, dass jeder Mensch seine eigenen Qualitäten hat.

Antonia S. Byatt schildert in „Geschichten von Feuer und Eis“ hauptsächlich das Befinden den Protagonisten, wobei nicht immer nachzuvollziehen ist, welche Beweggründe sie zu ihren Handlungen bewogen haben. In Exkursen schreibt die Autorin aber auch ausführliche Betrachtungen über Kunst, Literatur, Architektur, Natur etc., was manchmal etwas den Rahmen sprengt, zum Beispiel, wenn die ganze Geschichte nur über 51 Seiten geht („Krokodilstränen“).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2008
Textauszüge: © Insel Verlag

Antonia S. Byatt (Kurzbiografie / Bibliografie)

Antonia S. Byatt: Besessen (Verfilmung)

Mark Costello - Paranoia
Detailreich beschreibt Mark Costello den American Way of Life. Dabei konzentriert er sich nicht auf einen Protagonisten, sondern widmet sich mehr als einem Dutzend Figuren – obwohl "Paranoia" durch dieses Übermaß den erzählerischen Schwung einbüßt.
Paranoia

Mark Costello

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