Martina Brandl : Schwarze Orangen

Schwarze Orangen

Martina Brandl

Schwarze Orangen

Schwarze Orangen Originalausgabe: Scherz, Frankfurt/M 2011 ISBN: 978-3-502-11059-0, 240 Seiten, 16.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Witwe Sieglinde Jasmin betreibt in Maulheim einen Obst- und Gemüseladen. Seit kurzem beschäftigt sie einen jungen Lagergehilfen namens Sebastian. Dass er von Coburg heißt und nach Maulheim kam, um nach einer vergrabenen Spieluhr seiner Großmutter zu suchen, ahnt sie nicht. Das wertvolle Erbstück wird allerdings nicht von ihm, sondern von dem Haus- und Bademeister Wolfgang Fischer gefunden, der mit dem Erlös ein neues Leben ohne seine Frau anfangen möchte ...
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Kritik

Bei "Schwarze Orangen" handelt es sich um eine Provinzposse. Die Geschichte ist nicht besonders ausgefeilt, und bei den Figuren handelt es sich um Klischees, aber wie Martina Brandl erzählt, ist amüsant.
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Sieglinde Frahn und ihre große Jugendliebe Charly Fischer waren mit dem Motorrad verunglückt. Charly kam dabei ums Leben; bei Sieglinde hängt seither das rechte Augenlid. Sie war schon fünfzig, als sie sich mit dem zehn Jahre älteren Peter Jasmin vermählte. Darüber wurde in Maulheim viel getuschelt, denn während er dem Aufsichtsrat einer Bank angehörte, handelte es sich bei ihr um eine Sprechstundenhilfe, nach der Schließung der Arztpraxis sogar um eine arbeitslose.

Peter Jasmin stieg mit sechzig aus dem Berufsleben aus und kaufte das Ausfluglokal „Waldcafé“ in Maulheim, dessen Besitzerin ins Seniorenheim gezogen war. Aber vor zwei Jahren, einen Monat nach der Hochzeit, erlag er einem Herzinfarkt. Sein Bruder und seine erste Ehefrau machten Sieglinde Jasmin das Erbe streitig. Weil sie ihre Energie nicht in dem Rechtsstreit vergeuden wollte, verzichtete Sieglinde auf alles mit Ausnahme des Cafés, das sie zum Obst- und Gemüsegeschäft umfunktionierte.

Wolfgang Fischer, der jüngere Bruder ihrer Jugendliebe Charly, der als Haus- und Bademeister im ortseigenen Schwimmbad beschäftigt ist, vermittelt ihr einen jungen mittellosen Mann mit hüftlangen Dreadlocks, der erst kürzlich nach Maulheim gekommen war, als Lagergehilfen.

Sieglinde Jasmin, Wolfgang Fischer, Isolde Klammroth und Marianne Berg gehören zu einem von Richard von Stelten angeregten Schlemmerzirkel. Ursprünglich wollten sie sich jeden Monat einmal abwechselnd zum Essen einladen, aber seit einiger Zeit treffen sie sich nur noch beim „Grafen“, wie er allgemein genannt wird, denn Sieglinde Jasmin kocht ungern, Wolfgang Fischer gar nicht, und die Alkoholikerin Marianne Berg ließ einmal den Pizzadienst kommen, weil sie zu betrunken war, um zu kochen.

„Wieso lassen wir Richard eigentlich in dem Glauben, er könnte kochen?“, sagte sie [Marianne] jetzt zu Frau Jasmin.
„Sagt eine, die sich ausschließlich von Mikrowellengerichten ernährt“, spottete diese.
„Tust du doch auch“, gab Berg zurück.

Der schwule Graf wohnt mit seinem Lebensgefährten Ewald in einer Villa im Bauhausstil. Ewald ist allerdings zur Zeit nicht da, denn nach einem Streit flog er allein nach Thailand. Richard und Ewald waren 1984 aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen. In Wirklichkeit ist Richard gar nicht adelig, geschweige denn ein Graf. Das „von“ verwendete er erstmals, als er und sein Freund an einer Hotelrezeption am Wolfgangsee verächtlich behandelt wurden. Weil er merkte, dass der Respekt vor dem „von“-Titel das Vorurteil gegenüber Homosexualität ausglich, machte er damit weiter.

Eines Tages taucht der „Graf“ mit der erst kürzlich aus einer Großstadt nach Maulheim gezogenen achtundzwanzigjährigen Literaturübersetzerin Yvonne Anzis im Obst- und Gemüseladen auf. Obwohl er sie gerade erst kennengelernt hat, lädt er sie zum nächsten Treffen des Schlemmerzirkels ein.

Kurz darauf entdeckt Wolfgang an einer Stelle auf der Liegewiese des Schwimmbads, wo sein Schäferhund Prinz gegraben hat, einen Metallkasten miteiner Spieluhr, die ihm nicht unbekannt ist. Allerdings sah der Fünfundvierzigjährige sie vor siebenunddreißig Jahren zum letzten Mal. Damals hatte er mit seinem Ball bei Frau von Coburg eine Scheibe eingeworfen. Statt sich an seine Eltern zu wenden, verlangte die strenge Aristokratin von ihm, dass er zur Strafe einmal pro Woche zu ihr kam und sich auf ein Holzscheit vor dem offenen Kamin kniete, solange die Spieluhr zu hören war. Offenbar ertrug das der Sohn der Frau von Coburg irgendwann nicht länger, denn er stürmte herein und riss die Spieluhr zornig vom Kamin. In den Siebzigerjahren wurde an der Stelle, an der er das Erbstück seiner Mutter vergraben hatte, die Liegewiese des neuen Schwimmbads angelegt.

Wolfgang weiß, dass die Spieluhr wertvoll ist. Er will sie verkaufen und mit dem Geld ein neues Leben anfangen – ohne seine Ehefrau Sandra, die er vor siebenundzwanzig Jahren nur geheiratet hatte, weil sie von ihm schwanger geworden war. Er berät sich mit Sieglinde darüber, wie er die Uhr verkaufen könnte.

Hinter der Spieluhr ist auch Sebastian her. Niemand in Maulheim kennt seinen Nachnamen oder weiß, woher er kommt. Tatsächlich war er in der nahen Kreisstadt aufgewachsen, bis ihn sein Vater, ein geachteter Unternehmer, nach dem Unfalltod der Mutter in ein Internat geschickt hatte. Sebastian von Coburg las viel, hörte gern Strawinsky, studierte Volkswirtschaftslehre und wurde Dozent. Als sein Vater starb, kündigte er seine Stelle, bereiste die Welt, häufte noch mehr sinnvolles und nutzloses Wissen an und genoss das Leben. Seine Kontakte zu anderen Menschen beschränkten sich auf Sex. Davon konnte er allerdings nicht genug bekommen. Als er vor einiger Zeit aus Japan zurückkehrte, stellte er fest, dass er sein Erbe aufgebraucht hatte.

Da fiel ihm die von seinem Vater vergrabene Spieluhr ein. Heimlich begann er auf der Liegewiese des Schwimmbads zu suchen. Durch ein belauschtes Telefongespräch seiner Chefin erfährt er, dass der Haus- und Bademeister die Uhr bereits gefunden und in einem Metallschrank weggeschlossen hat. Daraufhin bricht er bei Wolfgang ein, aber die Uhr befindet sich inzwischen schon in der Villa des „Grafen“, der inzwischen ebenso wie Isolde und Marianne zu Rate gezogen worden ist. Robert schlägt vor, Yvonne einzuweihen, denn sie kommt aus der Stadt und weiß bestimmt, welchem Antiquitätenhändler man die Spieluhr anbieten könnte.

Erst vor ein paar Tagen wurde Yvonne von einer Fremden angesprochen, die sich als „Kunsthändlerin“ ausgab, aber nicht an Gemälden, sondern an Antiquitäten interessiert ist. Dass es sich dabei um Sebastians zehn Jahre ältere Komplizin und Lebensgefährtin handelt, ahnt Yvonne nicht. Als sie von ihren neuen Freunden in der Villa des „Grafen“ ins Vertrauen gezogen wird, ruft sie die Fremde sofort an. Aber bevor sie auf die Uhr zu sprechen kommt, bricht Robert zusammen, und sie legt wieder auf. Robert aß gerade eine Handvoll der von Sebastian gezüchteten „Bromquats“, denn die wie kleine schwarze Orangen aussehende angebliche Kreuzung von Kumquats und Brombeeren interessierte ihn. Aber nach dem Genuss fiel er ins Koma.

Kurz darauf gibt es einen Todesfall in Maulheim: Yvonne beißt auf der Straße in einen überreifen Pfirsich, den sie gerade von Sieglinde im Obst- und Gemüseladen geschenkt bekam. Als der Saft auf ihr neues Kleid zu tropfen droht, weicht sie unwillkürlich zurück und stolpert über die Bordsteinkante auf die Straße. Dadurch stürzt auch ein Motorradfahrer, der ihr auszuweichen versucht. Yvonne rappelt sich auf, schaut besorgt nach dem Verunglückten – und wird von einem mit überhöhter Geschwindigkeit heranrasenden Geländewagen erfasst.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Sebastians Identität wird in Maulheim erst bekannt, als der Kriminalkommissar Sven Feinkorn im Obst- und Gemüseladen nach ihm fragt. Der junge Mann im Lager hört das. Er verschwindet und versteckt sich im Pensionszimmer seiner Lebensgefährtin in einem Nachbarort.

Als Isolde erfährt, dass der Kommissar aus Hamburg stammt, meint sie:

„Ein Meer können wir Ihnen leider nicht bieten, aber unser Freibad ist doch auch ganz schön, nicht wahr?“

Ein paar Tage später trinken Isolde und Marianne im zum Schwimmbad gehörenden Café Weißbier. Sie animieren den Kommissar, sich zu ihnen zu setzen,. Nach ein paar weiteren Gläsern Bier verplappert Marianne sich und meint, der Einbrecher habe in Wolfgangs Metallschrank wohl nach der Spieluhr gesucht. Sie versucht zwar gleich abzuwiegeln, aber Feinkorn ist hellhörig geworden und beginnt mit Nachforschungen.

Sandra Fischer, die jahrelang keinen Sex mehr gehabt hatte, aber inzwischen eine Affäre mit Feinkorn anfing, erfährt, dass ihr Mann möglicherweise im Besitz einer Spieluhr ist. Wo Walter Sachen auch vor ihr versteckt, weiß sie: Hinter einer Zwischenwand in der Hundehütte. Dort findet sie das wertvolle Stück und nimmt es an sich.

Die angebliche Kunsthändlerin spricht Walter an und bietet ihm 6000 Euro für die Spieluhr. Er verlangt jedoch 8000 Euro, denn aufgrund seiner Recherchen im Internet glaubt er, sie sei so viel wert. An den unterschiedlichen Preisvorstellungen scheitert der Handel. Walter beabsichtigt nun, die Spieluhr in der sechzig Kilometer entfernten Landeshauptstadt zu verhökern. Aber als er sie aus dem Versteck in der Hundehütte holen will, ist sie nicht mehr da.

Unvermittelt taucht Sebastian bei Sieglinde im Laden auf. Was er von ihr wolle, fragt sie. Die Spieluhr, antwortet er. Aber da kann sie ihm nicht weiterhelfen, denn Walter hat ihr bereits erzählt, dass sie weg ist.

Am nächsten Tag fliegen Sebastian und seine Lebensgefährtin nach Jakarta, um einige Monate in Indonesien zu verbringen. Sebastian glaubt, seine Partnerin habe sich das Geld von einer Freundin geliehen. Tatsächlich hatte sie sich von seiner in der Seniorenresidenz lebenden Großmutter 25 000 Euro für die Wiederbeschaffung des Erbstücks geben lassen, kurz bevor Frau von Coburg einem Hirnschlag erlag. Abzüglich der 8000 Euro, die Sandra von der „Kunsthändlerin“ verlangte, sind ihr 17 000 Euro geblieben.

Sandra und der Kommissar fahren zusammen ans Ijsselmeer in den Urlaub.

Walter spielt mit dem Gedanken, nach Leipzig zu ziehen, wo seine jüngere Schwester seit drei Jahren lebt.

Robert erwacht aus dem Koma. Die „schwarzen Orangen“ waren nicht vergiftet. Es handelte sich auch nicht um eine Kreuzung, sondern Sebastian hatte Farbe ins Gießwasser für gewöhnliche Kumquats gemischt. Und Robert hatte auf eine Substanz in dem Farbstoff mit einem anaphylaktischen Schock reagiert. Seine Freunde feiern mit ihm die Genesung und die Entlassung aus dem Krankenhaus.

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Bei „Schwarze Orangen“ handelt es sich um eine in einer fiktiven schwäbischen Kleinstadt spielende Provinzposse von Martina Brandl. Die Geschichte ist nicht besonders ausgefeilt, und bei den Figuren handelt es sich um Klischees, aber wie die Sängerin, Kabarettistin und Schriftstellerin Martina Brandl (* 1966) erzählt, ist amüsant. Originell ist vor allem, dass sie die Leser mehrmals direkt anspricht und ihnen auf Seite 133 gesteht, eine der Figuren in „Schwarze Orangen“ zu sein.

Es wird Sie sicher nicht überraschen zu lesen, dass ich die mysteriöse Frau mit der weißen Brille bin. Und natürlich war ich es auch, die der Polizei den anonymen Hinweis auf Sebastians Herkunft gab. Das haben Sie als gewiefter Leser sicher längst bemerkt, nicht wahr?

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit: „Woher will die wissen, was Marianne Berg in diesem Moment gedacht hat?“ Was sollte sie sonst in so einem Moment denken?

Finden Sie es unangenehm, dass ich Sie aus dem Buch heraus anspreche? Es wird nicht allzu oft vorkommen. Versprochen.

Lustig ist es auch, wenn Martina Brandl sich ausmalt, was im Paradies geschehen wäre, wenn die Schlange statt eines Apfels einen Erdapfel genommen hätte, um Eva zu verführen.

(Paradies, außen, Tag)
Schlange: „Sieh mal, was ich hier Feines für dich habe!“
Eva: „Was denn?“
Schlange: „Es ist dort, unter der Erde!“
Eva: „Ich seh gar nix.“
Schlange: „Das kannst du auch nicht. Es steckt im Boden. (zu sich selbst) Mein Gott, ist die Alte begriffsstutzig … Vielleicht sollte ich Adam lieber mit einem Schaf verkuppeln.“
(Eva geht auf alle viere und schnuppert ein bisschen an der Erde.)
Schlange […]: „Du musst graben, Schätzchen, graben!“
Eva (buddelt die Kartoffel aus und ist herb enttäuscht): „Watt soll ick’n damit?“
Schlange: „Oh, das ist ein Erdapfel, meine Liebe (kleine Fanfare auf der Tröte), damit kann man eine Menge machen: Pommes, Chips, Kartoffelsalat, Puffer, Püree, Schnaps … das musst du unbedingt Adam zeigen!“
Eva: „So wie ich jetzt ausseh, muss ich erst mal duschen.“ (Wischt sich angewidert die Hände am Nacktkostüm ab und geht.)
Schlange (ruft hinterher): „Warte! He! Das ist reinstes Ackergold! Eines der vielfältigsten Lebensmittel überhaupt!“
(Eva dreht sich nicht mal mehr um.)
Schlange (kickt mit dem Schwanzende die Knolle weg und mault): „Nächstes Mal nehm ich was Farbiges.“

Fazit: „Schwarze Orangen“ eignet sich gut als unterhaltsame Lektüre im Zug, am Strand oder im Wartezimmer.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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