Philippe Besson : Eine italienische Liebe

Eine italienische Liebe

Philippe Besson

Eine italienische Liebe

Originalausgabe: Un garçon d'Italie Éditions Juillards, Paris 2003 Eine italienische Liebe Übersetzung: Caroline Vollmann Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004 ISBN 3-423-24423-2, 178 S., 14 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem Tod ihres Lebensgefährten Luca findet Anna heraus, dass er gleichzeitig mit dem Bahnhofsstricher Leo zusammen war. Für Anna bricht eine Welt zusammen. Hat Luca sie überhaupt geliebt oder jahrelang zum Narren gehalten? War ihre Wahrnehmung trügerisch? Fragen wie diese lassen Anna in ihrer Einsamkeit nicht mehr los.
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Kritik

Philippe Besson entwickelt die Dreiecksgeschichte Schritt für Schritt, indem er Anna, Leo und – wie selbstverständlich – den toten Luca abwechselnd zu Wort kommen lässt, oder genauer: ihre innere Monologe verfolgt, die auf präzisen, eingehenden und subtilen Beobachtungen psychischer Vorgänge beruhen.
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Etwas unterhalb des Ponte Santa Trinita in Florenz wird am Arnoufer die Leiche des neunundzwanzigjährigen Luca Salieri gefunden, den seine Lebensgefährtin Anna Morante zwei Tage zuvor als vermisst gemeldet hatte. Anna wird von der Polizei verständigt und aufgefordert, den Toten zu identifizieren. Weder Anna noch Lucas Eltern, Susanna und Giuseppe Salieri, können verhindern, dass eine Obduktion vorgenommen wird.

[…] ich liege ausgestreckt und unbeweglich auf einem Metallbett […]
Warum liege ich nackt auf einem Bett und werde von einem Mann umkreist? […]
Er macht sich Notizen […]
Er hat seine Notizen beiseite gelegt und kommt zu mir zurück, dieses Mal bewaffnet mit einer Art Skalpell. Es ist kaum zu glauben: ein Skalpell! Und dann setzt er es wortlos in Höhe meines Brustbeins an und lässt es mit einem Ruck bis zum Ansatz meiner Schamhaare hinabgleiten […] (Seite 17f)

Inspektor Michele Tonello leitet die Ermittlungen, ob es sich um einen Unfall, Suizid oder Mord handelte. Seine Fragen, wie gut Anna ihren Lebensgefährten gekannt und ob er ihr nichts verheimlicht habe, lassen in ihr Zweifel aufkeimen. Ja, sie war seit fünf Jahren mit Luca zusammen, kannte ihn sehr gut und glaubt nicht, dass er etwas vor ihr verbarg – aber kann man da jemals absolut sicher sein?

Leo Bertina wundert sich, weil er seit fast einer Woche von Luca kein Lebenszeichen mehr erhalten hat. Lucas Handy ist abgeschaltet und inzwischen hat Leo es aufgegeben, Nachrichten für ihn auf der Mailbox zu hinterlassen. Wie gut ein Dutzend anderer junger Männer hängt Leo im Bahnhof Santa Maria Novella herum und nimmt Geld von anderen Männern, die kurz mit ihm in der Toilette verschwinden. Mit zweiundzwanzig gehört er zu den ältesten Bahnhofsstrichern. Durch die Todesanzeige in einer aufgeschlagenen, auf der Theke des Bahnhofsrestaurants herumliegenden Zeitung erfährt er schließlich, dass Luca tot ist.

Während Anna sich um die Formalitäten und persönlichen Mitteilungen, die Versicherungen und das Organisatorische kümmert, wird Luca von einer dreißigjährigen Einbalsamiererin für den Sarg hergerichtet.

Es wird zur Gewohnheit, dass ich mich ganz nackt, auf einem Eisentisch liegend vorfinde, fremden Blicken ausgesetzt. (Seite 26)

Während der Trauerfeier in der Kirche Santa Maria del Carmine steht der offene Sarg vor dem Altar. Luca glaubt nicht an Gott und mag keine Feierlichkeit, aber er versteht, dass seine Eltern an solchen Zeremonien hängen. Die Beerdigung findet anschließend auf dem Friedhof von Trespiano statt.

Sie haben mich zum Friedhof von Trespiano gebracht. Der Weg war nicht weit, und die Leichenwagen verfügen heutzutage über den allermodernsten Komfort. Dieser hier ist sogar mit einer Klimaanlage ausgestattet. Die Toten laufen nicht Gefahr, unter der Hitze zu leiden. Sie gelangen frisch und wohlbehalten zum Bestimmungsort. (Seite 44)

Während Grabreden gehalten werden, schweift Lucas Blick über die Trauergemeinde.

Aus der Menge der Anwesenden heben sich die beiden Körper von Anna und Leo heraus, denen ich wohl ewig nachtrauern werde. (Seite 45)

Einige Tage später werden die Obduktionsergebnisse bekanntgegeben.

Lucas Eltern haben die Ergebnisse der Obduktion mitgeteilt bekommen. Susanne berichtet mir, alles sei normal. Man könnte meinen, sie rede vom Resultat einer Blutprobe oder einer Röntgenaufnahme. (Seite 61)

Die Gerichtsmediziner haben Spuren eines starken Schlafmittels in Lucas Körper gefunden. Anna und Luca wohnten zwar getrennt, aber wenn er unter Schlafstörungen gelitten hätte, wäre ihr das wohl aufgefallen.

Ich habe das Gefühl, dass mir eine Prüfung zugedacht ist, und dass diese rasch zu einer Folter, zu einem Alptraum werden kann. (Seite 68)

Nachdem Luca ihren Heiratsantrag abgelehnt hatte, respektierte Anna seinen stummen Anspruch auf Unabhängigkeit und fand sich damit ab, dass er nur drei oder vier Nächte pro Woche mit ihr verbrachte.

Ein Junge, der dich nichts fragt, weil er dieselbe Haltung von dir erwartet, verspricht ungewöhnliche Unterhaltungen und lange Schweigeminuten […] Ein Junge, der um neun Uhr kommt, wenn du ihn um acht Uhr erwartest, der sich nicht entschuldigt, sondern dich stattdessen anlächelt, der die gute Idee hat, dich in die Ferien einzuladen, und es dann dir überlässt, die organisatorischen Details mit dem Reisebüro zu regeln, beweist damit keine Unverfrorenheit, sondern Vertrauen in dich und deine Liebe zu ihm.
Und wenn die Leiche dieses Jungen am Arnoufer gefunden wird, dann zeigt dies, dass er es nicht völlig aufgegeben hat, dich zu überraschen. (Seite 99f)

Anna besitzt einen Zweitschlüssel zu Lucas Wohnung in der Via Medici. Von quälenden Fragen getrieben, geht sie hin. Sie fühlt sich wie ein Dieb, aber das Bedürfnis, mehr über Luca zu wissen, ist stärker als die Scheu. Erst nach einiger Zeit fällt ihr ein Blatt Papier mit einer fremden Schrift auf, dann ein gebrauchtes T-Shirt, das für Luca zu klein gewesen wäre, und schließlich entdeckt sie drei Bücher, in die ein Leo Bertina seinen Namen geschrieben hat.

Noch einmal sucht sie Inspektor Tonello auf. Als er ihr nichts über den Stand der Ermittlungen verrät, weil sie nicht mit Luca verheiratet war und auch keine Verwandte ist, lässt sie den Namen „Leo Bertina“ fallen – und löst damit plötzliches Interesse aus.

Zitternd verlasse ich Tonellos Büro. Ich habe Angst davor, zu entdecken, wer dieser Mann ist, der die Fähigkeit besitzt, einen Polizeibeamten aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Ja, wer ist Leo Bertina? (Seite 108)

Gleich darauf wird Leo Bertina am Bahnhof Santa Maria Novella festgenommen und zu Inspektor Tonello gebracht, der wissen möchte, ob Luca zu seinen Kunden gehört hatte. Als Leo verneint, blickt er überrascht auf.

Aber Tonello ist nur überrascht, weil er dachte, die Regeln zwischen uns stünden fest, ich würde nicht kneifen und ihn nicht belügen. Er ist enttäuscht, fast gekränkt. Tonello kann nicht begreifen, dass ich die Wahrheit sage. (Seite 119)

Luca war eines Tages am Bahnhof einfach auf Leo zugekommen und hatte sich vorgestellt. Leo, der bis dahin nur zufällige Begegnungen, gewinnversprechende Beziehungen und ein Leben ohne feste Bindungen gekannt hatte, fing mit Luca ein Liebesverhältnis an, obwohl dieser ihm seine Lebensgefährtin Anna nicht verschwieg und ihm auch ein Foto von ihr zeigte. Leo gibt zu, an dem Abend, an dem Luca wahrscheinlich ums Leben kam, mit ihm zusammen gewesen zu sein. Luca sei um 2 Uhr morgens aufgebrochen, um nach Hause zu gehen.

Als Anna die Eltern des Toten besucht und den Namen „Leo Bertina“ ausspricht, merkt sie an der Reaktion der beiden, dass sie von diesem Mann gehört haben.

Die Gesichter der beiden fallen gleichzeitig zusammen. In ihren Mienen spiegeln sich Reue und Niedergeschlagenheit. (Seite 114)

Das Ehepaar schweigt. Erst als Giuseppe Salieri weg muss, gibt Susanna ihren Widerstand auf und verrät Anna, Bertina sei ein polizeibekannter Bahnhofsstricher, der schon mal wegen Diebstahls zu einer Haftstrafe verurteilt wurde und vor zwei Jahren einen Familienvater erpresste.

Luca, der „vor allem unter der Isolation, dem Ausgeschlossensein“ leidet (Seite 51), bedauert Leo („Sie werden ihn demütigen […] – Seite 120), Anna („Sie wird sich in den Qualen eines endlosen Knäuels von Fragen verlieren […] – Seite 120) und seine Eltern, die noch einmal an die traumatische, inzwischen verdrängte Erfahrung erinnert werden, die sie durchlitten, als sie merkten, dass ihr siebzehnjähriger Sohn bisexuell war.

Wie unter Zwang geht Anna zum Bahnhof. Es fällt auf, dass sie keine Reisende ist, sondern sich umsieht. Leo erkennt sie anhand des Fotos, das Luca ihm gezeigt hatte. Nach einiger Zeit entdeckt Anna den Winkel, in dem die Strichjungen herumlungern. Aber wie soll sie Leo Bertina erkennen?

Ich entschließe mich, einen von ihnen anzusprechen. Ich atme tief durch und frage den Erstbesten […], wo ich Leo Bertina finde.
Der junge Mann betrachtet mich wie ein Rätsel […]
Als er mit einer Antwort zögert, gebe ich ihm zu verstehen, dass ich nicht von der Polizei bin, dass ich Leo Bertina in keiner Weise schaden will, dass mich eine persönliche Angelegenheit herführt […]
Er lässt mich einfach wie eine Idiotin stehen, ohne mir zu antworten […] (Seite 151)

Mit den Worten „Ich nehme an, dass Sie nach mir suchen“ wendet Leo sich Anna zu. Als sie erfährt, dass er sie erkannte, weil Luca ihm ein Foto von ihr gezeigt hatte, wird ihr ein weiteres schmerzliches Detail bewusst: Während Luca seinem Geliebten von ihr erzählt hatte, verheimlichte er das Verhältnis mit Leo vor ihr. – Weil Anna nicht an Leo herankommt und auch nicht weiß, was sie mit ihm reden soll, verabschiedet sie sich nach einer Weile von ihm.

Ich sehe Leo zu den jungen Männern zurückgehen. Einer von ihnen hält ihm eine Zigarette hin, steckt selbst eine in den Mund und zündet beide an. Er macht diese gewisse Bewegung, die sie augenblicklich einander näher bringt und die mich endgültig ausschließt. (Seite 170)

Inspektor Tonello legt den Fall schließlich zu den Akten, weil sich keine belastbaren Indizien für Mord oder Suizid ergeben haben.

Anna kann kaum an etwas anderes denken als an ihr Verhältnis mit Luca.

Was mich am Leben hält, sind die Fragen, die Fragen, die ich mir unermüdlich wiederhole. Wenn mich Luca wegen Leo belogen hat, warum sollte er mich nicht auch sonst belogen haben? Und wenn alles geheuchelt war? […] Und wenn unsere gemeinsame Existenz nichts als eine elende Maskerade war? […] Ich bin zum Narren gehalten worden, warum sollte ich nicht auch manipuliert, warum nicht ausgenutzt worden sein? […]
Kaum habe ich die Fragen ausgesprochen, nehme ich es mir natürlich übel, als hätte ich damit sein Andenken verunglimpft und das, was er war, anzutasten versucht. Ich werde offensichtlich nicht damit fertig. Man hat mir eine Gleichung untergeschoben, die nicht zu lösen ist. (Seite 175f)

Es reicht nicht, alles gehabt und alles verloren zu haben. Ich musste auch noch erfahren, dass alles, was ich zu haben glaubte, möglicherweise eine Attrappe […] war. (176)

Anna zieht sich von Florenz in ein toskanisches Dorf zurück.

Ich frage mich, ob man ein neues Leben anfangen kann. (Seite 176)

Nachdem Luca sich von Leo verabschiedet hatte, kaufte er sich in einer Nachtapotheke in der Via Toscanella eine Schachtel Schlaftabletten, weil ihm der Wein, den er mit seinem Geliebten getrunken hatte, zu Kopf gestiegen war und er befürchtete, nicht einschlafen zu können. Er schluckte vier der Tabletten und warf die angebrochene Schachtel in den nächsten Abfallkorb. Bald umfing ihn eine heitere Schläfrigrigkeit.

Als ich auf dem Ponte Santa Trinita angelangt war, lehnte ich mich über die Brüstung, um das Brodeln des Flusses zu betrachten […]
Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass ich völlig alleine war. Ohne viel darüber nachzudenken, kletterte ich auf die Brüstung hinauf. Ich breitete die Arme aus […] Ich bin auf der Brüstung entlanggegangen wie ein Seiltänzer. Ich habe nicht bemerkt, dass der Rand rutschig war.
Wirklich zu dumm: Ich habe das Gleichgewicht verloren. (Seite 178)

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Nach dem Tod ihres Lebensgefährten Luca findet Anna heraus, dass er gleichzeitig mit dem Bahnhofsstricher Leo zusammen war. Luca hatte zwar Leo von ihr erzählt, verheimlichte aber Anna sein Verhältnis mit Leo. Für Anna bricht eine Welt zusammen, als sie das nach und nach erfährt. Nichts ist mehr sicher. Hat Luca sie überhaupt geliebt oder jahrelang zum Narren gehalten? War ihre Wahrnehmung trügerisch? Die Fragen über ihr Leben und das Doppelleben Lucas lassen Anna in ihrer Einsamkeit nicht mehr los.

Philippe Besson erzählt die Dreiecksgeschichte „Eine italienische Liebe“ nicht einfach so, sondern er entwickelt sie Schritt für Schritt, indem er Anna, Leo und – wie selbstverständlich – den toten Luca abwechselnd zu Wort kommen lässt, oder genauer: ihre Gedanken verfolgt. Was wir aus einem Blickpunkt erfahren, wird durch die Darstellung aus einer anderen Perspektive ergänzt oder korrigiert, bis die Zusammenhänge deutlich sind.

Besson schildert den Zusammenbruch des ohnehin labilen Dreiecks weder als Rührstück noch als Kriminalgeschichte, obwohl er nonchalant mit Elementen beider Genres jongliert. So luzid wie leger lässt er jeden der in diesem erotischen Netzwerk versponnenen Protagonisten aus der eigenen Perspektive der faktischen wie der gefühlten Wahrheit nachspüren. Unaufgeregt und genau, manchmal die Leser direkt ansprechend, berichten alle drei, kapitelweise abwechselnd, über sich, ihre enttäuschten Sehnsüchte und die frische Trauer. (Irene Bazinger, FAZ, 8. November 2004)

Aus einem gleichmäßigen Wechsel der Erzählperspektiven – philosophisch: Lucca, abgeklärt: Leo, irritiert: Anna – entsteht so vor den filigranen Fassaden der florentinischen Altstadt das Bild einer zerbrechlichen ménage à trois. (taz, 23. November 2004)

Die Abschnitte, in denen Luca beobachtet, wie er gefunden, obduziert, einbalsamiert und begraben wird, zeigen Philippe Bessons schwarzen Humor. Die inneren Monologe Annas und Leos bestechen, weil sie auf präzisen, eingehenden und subtilen Beobachtungen psychischer Vorgänge beruhen.

Mit Melancholie und Schalk erzählt Besson eine bittere Liebesgeschichte, in der niemand ganz schuldig oder unschuldig ist, und zeigt, wie leicht man im Leben das Gleichgewicht verlieren kann. (Der Spiegel, 27. Dezember 2004)

Philippe Bessons Roman „Eine italienische Reise“ wurde beim Prix Méditerranée 2004 mit einer „Mention spéciale“ gewürdigt.

Mit „Eine italienische Reise“ startet der Deutsche Taschenbuch Verlag die Reihe „edition manholt im dtv“, die von Dirk Hemjeoltmanns herausgegeben wird, dem bisherigen Verleger des auf französische Literatur vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute spezialisierten Manholt Verlags in Bremen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004 / 2007
Textauszüge: © dtv

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