Renate Berger : Tanz auf dem Vulkan

Tanz auf dem Vulkan
Tanz auf dem Vulkan. Gustaf Gründgens und Klaus Mann Originalausgabe: Lambert Schneider Verlag, Darmstadt 2016 ISBN: 978-3-650-40128-1, 320 Seiten ISBN: 978-3-650-40149-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Gustaf Gründgens und Klaus Mann waren in den 20er Jahren befreundet. 1933 emi­grier­te Klaus Mann und bezog Stellung gegen das NS-Regime. Weil Gustaf Gründgens in Deutschland blieb, sich von Hermann Göring protegieren ließ und sich mit den Nationalsozialisten arrangierte, hielt Klaus Mann ihn für einen opportu­nis­tischen Karrieristen. Die Doppelbiografie "Tanz auf dem Vulkan" dreht sich v. a. darum, wie sich die beiden mit dem NS-Regime auseinandersetzten und mit ihrer Homosexualität umgingen ...
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Kritik

Renate Berger entwickelt die beiden verflochtenen Biografien parallel und chronologisch. Sie stellt Gustaf Gründgens und Klaus Mann diffe­ren­ziert dar, und der Verzicht auf streng wissenschaftliche Präzision und Fußnoten macht die Doppelbiografie leicht lesbar.
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In der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre waren Gustaf Gründgens, Klaus Mann, Erika Mann und Pamela Wedekind befreundet; sie bildeten ein erotisches Beziehungsgeflecht und standen zusammen auf der Bühne. (Erika Mann und Gustaf Gründgens waren sogar trotz ihrer homoerotischen Neigungen zweieinhalb Jahre lang verheiratet, allerdings ohne die Ehe ernst zu nehmen.) Die vier Künstler fühlten sich als elitäre Rebellen.

Als Hitler die Macht übernahm, emigrierte Klaus Mann, bezog unmissverständlich Stellung gegen das NS-Regime und kehrte erst als US-Bürger und Angehöriger der Army nach Europa zurück. Gustaf Gründgens blieb dagegen in Deutschland, ließ sich von Hermann Göring protegieren und arrangierte sich mit den Nationalsozialisten, auch wenn er seine Möglichkeiten nutzte, um einigen Verfolgten das Leben zu retten.

Die Freundschaft der beiden homosexuellen Männer zerbrach darüber. Klaus Mann beteuerte zwar, mit „Mephisto“ (1936) keinen Schlüsselroman geschrieben zu haben, aber die Parallelitäten zwischen dem Protagonisten Hendrik Höfgen und Gustaf Gründgens sind unübersehbar. Genauso wie Klaus Mann die Romanfigur darstellt, muss er Gustaf Gründgens gesehen haben: als opportunistischen Karrieristen. Der Schauspieler Hendrik Höfgen ist kein schlechter Mensch, er setzt sich hin und wieder für Freunde ein, aber maßloser Ehrgeiz verleitet ihn dazu, potenzielle Förderer verlogen zu umschmeicheln und seine politischen Ideale zu verraten. Zu spät erkennt er, dass der Preis für die Karriere der Identitätsverlust ist.

Als Gustaf Gründgens am 3. Mai 1946 erstmals nach dem Krieg wieder auf der Bühne stand, saß Klaus Mann in der ersten Reihe, lehnte es jedoch ab, dem Hauptdarsteller in der Garderobe seine Aufwartung zu machen.

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Gustaf Gründgens und Klaus Mann wiesen ebenso viele Gemeinsamkeiten wie Gegensätze auf. Deshalb ist es lohnenswert, sie in einer Doppelbiografie einander gegenüberzustellen. Renate Berger (* 1947), eine emeritierte Professorin für Kunst- und Kulturwissenschaft, hat es getan und dafür den Titel eines Kinofilms von Hans Steinhoff gewählt, in dem Gustaf Gründgens den Schauspieler Jean-Gaspard Debureau (1796 – 1846) verkörperte: „Tanz auf dem Vulkan“ (1938).

Die Doppelbiografie „Tanz auf dem Vulkan“ dreht sich vor allem darum, wie sich Gustaf Gründgens und Klaus Mann mit dem NS-Regime auseinandersetzten. Fast ebenso interessiert sich Renate Berger für den damaligen Umgang mit Homoerotik, und dabei bezieht sie Erkenntnisse über pädosexuelle Missbrauchsfälle in Internaten und Erziehungsheimen mit ein.

Renate Berger entwickelt die beiden verflochtenen Biografien parallel. Den Stoff hat sie in zwölf Kapitel gegliedert, die im Großen und Ganzen der Chronologie folgen. Innerhalb einzelner Abschnitte erlaubt sie sich allerdings Zeitsprünge, Einschübe und Umkreisungen, durch die es hin und wieder zu unnötigen Wiederholungen kommt.

Auf Seite 124 heißt es, Gustaf Gründgens und Emmy Sonnemann hätten sich im Oktober 1933 kennengelernt, aber elf Seiten später lesen wir, sie seien bereits 1932 gemeinsam auf der Bühne gewesen. Widersprüche wie dieser hängen vielleicht auch damit zusammen, dass einige Angaben und Zusammenhänge präziser und systematischer dargestellt sein könnten. Andererseits sorgt die Vermeidung eines streng wissenschaftlichen Tons für die leichte Lesbarkeit der Doppelbiografie „Tanz auf dem Vulkan“. Auch das Präsens trägt zur Lebendigkeit der von Renate Berger differenziert gezeichneten Charaktere bei. Vor allem bei Gustaf Gründgens ergänzt sie das vorherrschende, holzschnittartige Bild – opportunistischer Karrierist – durch andere Facetten.

In „Mephisto. Roman einer Karriere“ hat Klaus Mann – auch wenn er es leugnete – Gustaf Gründgens porträtiert. Mit dieser Verknotung der beiden Biografien beschäftigt sich Renate Berger ausführlich und verwendet dafür zwei der zwölf Kapitel: „Mephisto oder der gefallene Engel“, „Mephistos Reigen zwischen Fiktion und Wirklichkeit“. 21 Seiten füllt allein ihre Zusammenfassung des Romaninhalts.

Förderlich für die Lesbarkeit von „Tanz auf dem Vulkan. Gustaf Gründgens und Klaus Mann“ ist nicht zuletzt Renate Bergers Entscheidung, auf Fußnoten im Text zu verzichten, Quellenangaben und Anmerkungen in den Anhang zu verschieben. Zum Anhang gehören außerdem ein Personenregister und eine umfangreiche Bibliografie.

Übrigens ist das Buch „Tanz auf dem Vulkan. Gustaf Gründgens und Klaus Mann“ mit rotem Vorsatz und Lesebändchen schön gebunden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

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