Max Bentow : Der Federmann

Der Federmann

Max Bentow

Der Federmann

Der Federmann Originalausgabe: Page & Turner / Wilhelm Goldmann Verlag,München 2011 ISBN: 978-3-442-20393-2, 383 Seiten, 14.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 43-jährige Kommissar Nils Trojan leidet unter Albträumen. Die werden nicht besser, als innerhalb von zehn Tagen zwei junge Frauen auf ähnliche Weise in Berlin ermordet werden. Beim zweiten Fall wird der Täter von der zehnjährigen Tochter des Opfers gestört. Lene, so heißt das Mädchen, wählt schließlich in der Wohnung von Konrad Moll den Notruf. Der arbeitslose Dekorateur wird kurz darauf verhaftet, aber während der Vernehmung schluckt er Glasscherben ...
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Kritik

Mit der Charakterisierung der Romanfiguren und Erläuterungen über ihre Motive hält Max Bentow sich in seinem Thriller "Der Federmann" nicht lange auf. Ihm kommt es auf die Dynamik der rasant erzählten Handlung an.
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Max Bentow beginnt seinen Psychothriller „Der Federmann“ mit einem Prolog:

[…]
Nachdem er das Bad verlassen hatte, inspizierte er das Haus. Im Obergeschoss entdeckte er einen dunklen Raum, vermutlich das Schlafzimmer ihrer Eltern, und versteckte sich hinter der Tür.
Unten wurde es allmählich ruhiger. Schließlich glaubte er, dass alle gegangen waren.
Als auch keine Musik mehr zu hören war, schlich er sich die Treppe hinunter.
Sie war dabei, die Gläser und Flaschen einzusammeln, die Aschenbecher zu leeren. Er stand plötzlich hinter ihr. Sie fuhr herum.
„Hast du mich erschreckt.“
Er starrte sie an.
„Die Party ist zu Ende.“
Er antwortete nicht.
Ein leichtes Stirnrunzeln, das Zucken ihrer Augenlider verrieten ihre Irritation.
„Du bist doch – wie war noch mal dein Name?“
[…] Seine Hand befühlte das kleine erstickte Lebewesen in der Tasche. Er drückte zu. Es gab ein leises knackendes Geräusch, warm lief das Blut über seine Haut. Dann zog er die Hand hervor und hielt dem Mädchen den zerquetschten Vogel hin:
„Das ist für dich.“
Ihre Augen weiteten sich.
Schon war seine Hand dicht an ihrem Gesicht. Da waren Federn, sie waren überall.
„Besser, wenn du jetzt gehst“, stammelte sie.
Er grinste nur. […]

Nils Trojan ist 43 Jahre alt. Er hatte die Schauspielschule besucht, war jedoch nach zwei erfolglosen Jahren auf Provinzbühnen zur Polizei gegangen und ist jetzt bei der Mordkommission in Berlin beschäftigt. Seine Ehe scheiterte. Seine Exfrau Friederike führt mit finanzieller Unterstützung ihrer reichen Eltern eine Buchhandlung, und die fünfzehnjährige gemeinsame Tochter Emily lebt bei ihr. Wegen seiner Albträume sucht Trojan regelmäßig die sieben Jahre jüngere Psychotherapeutin Jana Michels auf. Er hat sich längst in sie verliebt, aber sie zögert, sich auf eine private Beziehung mit ihm einzulassen, denn das wäre mit ihrem Beruf nicht vereinbar.

Seine Albträume werden nicht besser, als innerhalb von zehn Tagen zwei junge Frauen ermordet werden: Die 24-jährige Coralie Schendel, die als Assistentin in einer Werbeagentur arbeitete, und die 32 Jahre alte allein erziehende Mutter Melanie Halldörfer. Der Mörder stach beiden Frauen die Augen aus, malträtierte ihre nackten Körper mit Rasierklingen und nahm ihr abgeschnittenes blondes Haar mit. Bei Melanie Halldörfer wurde er gestört, als deren zehnjährige Tochter Lene nach Hause kam. Sie wunderte sich über einen toten gerupften Dompfaff mit aufgerissenem Bauch im Flur. Als sie dann eine Gestalt auf ihrer nackten, im Bett liegenden Mutter hocken sah, rannte sie schreiend aus der Wohnung.

Trojan möchte Lene am nächsten Morgen in der Krisenstation des Krankenhauses befragen. Man sagt ihm jedoch, der Vater Bernd Schuch habe seine Tochter abgeholt. Trojan fährt sofort hin, aber auch in der Wohnung ihres Vaters ist sie nicht mehr: Sie flüchtete offenbar aus dem Fenster.

Zwei Tage später meldet sie sich bei der Notrufzentrale. Sie habe Angst, sagt sie. Auf die Frage nach ihrem Aufenthaltsort nennt sie eine Adresse in Kreuzberg. Beim Mieter der Wohnung handelt es sich um den 39-jährigen arbeitslosen Schaufensterdekorateur Konrad Moll. Ein polizeiliches Sondereinsatzkommando bricht die Tür auf. Weder Konrad Moll noch Lene Halldörfer sind da. In der Badewanne findet die Polizei eine Mädchenunterhose, in die ein gerupfter Dompfaff gewickelt ist, in dessen offenen Bauch sich Maden winden.

Moll kauft zu diesem Zeitpunkt in einem Kaufhaus Unterwäsche für Lene. Auf dem Heimweg wird er verhaftet. Er beteuert, Lene sei freiwillig bei ihm gewesen, und er habe ihr nichts getan. Vor ein paar Tagen sah er sie zum ersten Mal: Da klingelte sie bei ihm und wollte zur Geburtstagsfeier ihrer Mitschülerin Paula. Die hatte der Außenseiterin aber wohl eine falsche Adresse aufgeschrieben, um sich lustig über sie zu machen. Konrad kochte Kakao für sie, und sie blieb eine Weile bei ihm. Nach der Ermordung ihrer Mutter und ihrer Flucht vor dem gewalttätigen Vater sah er Lene zufällig in einem Einkaufszentrum wieder und nahm sie mit nach Hause. Sie schlief zwei Nächte in seiner Wohnung. Von einem Vogel weiß Moll nichts. Trojan glaubt ihm nicht; er hält Konrad Moll für den Mörder. Als er ihm während der Vernehmung ein Glas Wasser bringt, zerbeißt Moll es und schluckt in suizidaler Absicht die Glasscherben. Bald darauf stirbt er im Krankenhaus.

Trojan findet Lene in der Wohnung ihrer Mutter. Sie bestätigt Konrad Molls Aussagen, und bei einer gynäkologischen Untersuchung werden keine Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch festgestellt. Der Mörder ihrer Mutter habe wie ein Tier mit einem großen Schnabel ausgesehen, sagt Lene.

Einige Zeit später verabschiedet sich Walter Fitzler von seiner Ehefrau Rita: Er will zur Geburtstagsfeier eines Kumpels in eine Kneipe. Fitzler ist schon auf der Straße, als er merkt, dass er das Geburtstagsgeschenk zu Hause vergaß. Im Treppenhaus fällt ihm ein Unbekannter vor der Wohnung der jungen Blondine Michaela Reiter auf. Fitzler spricht ihn an. Da öffnet der Mann seinen Mantel ein wenig, und ein Dompfaff flattert heraus. Das Licht geht aus.

Walter Fitzlers Leiche wird kurz darauf auf der Treppe gefunden.

Als Michaela Reiter nach Hause kommt, rät ihr die Polizei davon ab, in ihrer Wohnung zu bleiben. Sie will deshalb bei ihrer Freundin Gesine Bender übernachten. Die beiden Frauen sitzen zusammen, als ein Bote ein Paket bringt. Gesine öffnet es im Beisein ihrer Freundin. Es enthält einen gerupften Dompfaff mit aufgerissenem Bauch. Im Flur ist ein Geräusch zu hören. Gesine ist sicher, die Wohnungstüre wieder zugedrückt zu haben, aber sie schaut nach.

Mit technisch verzerrter Stimme ruft der Serienmörder bei der Polizei an und gibt Gesine Benders Adresse durch. In ihrer Wohnung findet die Polizei zwei nackte Frauenleichen. Der Blondine Michaela Reiter stach der Verbrecher nicht nur die Augen aus, sondern schnitt ihr auch das Haar ab und legte einen toten Dompfaff in ihre geöffnete Bauchhöhle. Offenbar war er ihr auf dem Weg zu ihrer Freundin gefolgt.

Jana Michels wird am Samstagabend von ihrer Patientin Franka Wiese angerufen. Die Frau, die unter Panikattacken leidet, fleht die Psychotherapeutin an, sofort zu ihr zu kommen. Widerstrebend fährt Jana hin. Die Wohnungstüre wird nur einen Spaltbreit geöffnet. Jana betritt den dunklen Flur und ruft nach Franka Wiese. Dabei tritt sie auf einen toten Vogel. Dann fällt hinter ihr die Türe ins Schloss. Ein Mann mit einer Vogelmaske bedroht sie mit einem Messer. Ohne das Handy aus der Seitentasche ihres Mantels zu nehmen, wählt Jana die Nummer des Kommissars Nils Trojan. Aber der Mörder hört die Ansage der Mailbox. Er entreißt Jana das Handy und zertritt es. Dann injiziert er ihr etwas in den Hals. Jana sinkt auf einen Stuhl und kann sich kaum noch bewegen, verliert jedoch nicht das Bewusstsein. Deshalb muss sie hilflos zusehen, als der Verkleidete die nackt, kahl und blutüberströmt auf dem Bett liegende Franka Wiese vergewaltigt und dann ermordet.

Erst um 0.30 Uhr hört Trojan seine Mailbox ab. Um 20.27 Uhr wurde Jana Michels Anruf registriert. Trojan hatte noch gegen 19.15 Uhr mit ihr telefoniert. Da war sie auf dem Weg zu einer Patientin gewesen. Jetzt meldet sie sich weder unter ihrer Handy- noch unter ihrer Festnetznummer. Um an den Namen und die Adresse der Patientin zu kommen, versucht Trojan die Türe ihrer Praxis aufzubrechen. Da erscheint auf der Treppe ihr Kollege Dr. Gerd Brotter, der sich seit zweieinhalb Jahren die Praxisräume mit ihr teilt und drei Etagen darüber wohnt. Er schließt Trojan auf. Der Kommissar findet heraus, dass Jana zu Franka Wiese wollte. In deren Wohnung liegt eine Frauenleiche, aber der Mörder ist fort und von Janas vorübergehender Anwesenheit zeugt ihr zertrümmertes Handy auf dem Fußboden.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, ruft Trojan seine diensthabende Kollegin Stefanie Dachs an und bittet sie, im Melderegister nachzusehen, seit wann die weiblichen Mordopfer unter der letzten Adresse gemeldet waren. Die Antwort lautet: Coralie Schendel seit 1. März 2010, Melanie Halldörfer seit 1. Oktober 2009, Michaela Reiter seit 15. Februar 2010, Franka Wiese allerdings schon seit drei Jahren. Noch in der Nacht erkundigt Trojan sich bei Coralie Schendels Freund Achim Kleiber nach dem Immobilienmakler, der ihr die Wohnung vermittelte.

Weil bei Wolfgang Redzkow jr., dem Betreiber des entsprechenden Maklerbüros, niemand öffnet, klettert Trojan kurzerhand über die Gartenmauer und schlägt eine Scheibe ein. Die Alarmanlage heult auf und weckt das Ehepaar Redzkow. Die beiden waren seit 5. Mai in ihrem Ferienhaus auf Mallorca und kehrten erst am Vortag zurück. Trojan will wissen, wer Melanie Halldörfer, Michaela Reiter und Coralie Schendel die Wohnungen vermittelte. Nach ein paar Eingaben am Computer nennt Wolfgang Redzkow den Namen Matthias Leber. Aber der ist tot. Er sprang am 9. März von der Elsenbrücke in Treptow.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Matthias Leber gehörte zu den Patienten des Psychotherapeuten Dr. Gerd Brotter. Trojan bricht dessen Wohnungstüre auf und sucht fieberhaft nach Hinweisen auf Jana. In der Tiefkühltruhe stößt er auf den Kopf einer jungen Frau.

Inzwischen hat Jana Michels den Serienmörder erkannt. Es handelt sich um ihren Kollegen Gerd Brotter. An der Wand sieht sie Fotos der ermordeten Frauen. Auf zwei Kleiderpuppen entdeckt sie seine Vogelmaske und einen aus blondem Frauenhaar geflochtenen Mantel. Nachdem Brotter vor ihren Augen einen Dompfaff zerquetscht hat, nimmt er sich die Perücke ab. Als er 14 Jahre alt war, gingen ihm alle Haare aus; er leidet unter Alopecia universalis.

Vor einem Jahr ermordete er eine Prostituierte und trennte ihr den Kopf ab. Aber er war enttäuscht, denn das ging alles viel zu schnell. Als der Immobilienmakler Matthias Leber sein Patient wurde, weil er mit dem Wunsch kämpfte, in die von ihm vermittelten Wohnungen alleinstehender Frauen einzudringen, überredete ihn der Psychotherapeut, Nachschlüssel anfertigen zu lassen und diese in der Praxis zu deponieren. Auf diese Weise, so erklärte Brotter, könne Leber die Kontrolle über seine perversen Fantasien zurückerlangen. Anfang März verabredete er sich mit Leber auf der Elsenbrücke. In einem symbolischen Akt sollte der Patient die inzwischen in einem Kästchen gesammelten Nachschlüssel in die Spree werfen und sich von seiner Obsession befreien. Dabei stieß Brotter den Mann übers Geländer und sah ihm nach, wie er auf einen Stahlträger aufschlug und ins Wasser stürzte. Bei Franka Wiese nahm Brotter einen Wachsabdruck ihres Wohnungsschlüssels, während sie bei Jana war, und in der Rolle des Paketboten drückte er unbemerkt etwas Wachs in den Türschnapper von Gesine Bender.

Eine Spur führt Trojan zu einem alten Fabrikgebäude beim Badeschiff in der Spree, in dem jetzt einige Künstler ihre Ateliers haben. In einem der fünf Meter hohen Räume findet er Jana Michels. Sie steht auf Stelzen, und ihr zu Zöpfen geflochtenes Haar hängt an einem Haken unter der Decke. Sobald Jana sich nicht mehr auf den Stelzen halten kann, wird sie nur noch von ihrem Haar gehalten. Und sie muss damit rechnen, in ein am Boden senkrecht angeschraubtes Messer zu stürzen. Beim Versuch, Jana zu befreien, bricht Trojan sich den rechten Arm. Brotter taucht auf, stößt Jana die Stelzen weg und verlässt dann den Raum. Nachdem es Trojan gelungen ist, Jana von der Decke zu holen, will er Verstärkung anfordern, aber der Akku seines Handys ist leer.

Von einer Dachluke aus wirft Brotter ihm eine Drahtschlinge um den Hals. Aber Jana hebt die zu Boden gefallene Dienstwaffe des Kommissars auf und schießt auf Brotter. Trojan folgt dem Verbrecher aufs Dach. Dort kämpfen die beiden miteinander, bis Brotter in die Spree stürzt.

Taucher können zwar seinen Haarmantel aus dem Wasser bergen, aber der Mörder ist verschwunden.

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In „Der Federmann“, seinem ersten Thriller, erzählt Max Bentow von einem perversen Serienmörder, der seinen Opfern den Tod durch einen Dompfaff ankündigt. Dabei wechselt der auktoriale Erzähler immer wieder die Perspektive und zeigt uns auf diese Weise auch, was der zunächst noch unbekannte Gewaltverbrecher tut. Mit der Charakterisierung der Romanfiguren und der Erklärung der Ursachen für die psychische Deformation des Serienmörders hält Max Bentow sich nicht lange auf. Ihm kommt es auf die Dynamik der äußeren Handlung an. Dass diese ein wenig abstrus wirkt, stört nicht weiter, wenn man „Der Federmann“ einfach nur zur Unterhaltung liest, und einen höheren Anspruch verfolgt Max Bentow wohl auch gar nicht. Er erzählt unkompliziert, stringent und rasant. Das von Anfang an hohe Tempo steigert er im letzten Drittel sogar noch. Das Gleiche gilt für die Spannung, auch wenn es überzeugender wäre, wenn die Erfolge des Ermittlers auf systematischen Nachforschungen und analytischem Denken statt auf Zufällen und spontanen Einfällen basieren würden.

Auf dem Titel ist übrigens ein Rotkehlchen abgebildet, obwohl es im Buch um Dompfaffen geht.

Den Roman „Der Federmann“ von Max Bentow gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Axel Milberg (Regie: Caroline Neven du Mont, München 2011, 7 CDs, ISBN 978-3-86717-779-5).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Page & Turner / Wilhelm Goldmann Verlag

 

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