Anita Berber


Otto Dix porträtierte die Tänzerin als Sinnbild des Lasters. Die exaltierte Avantgarde-Künstlerin galt als verrucht, weil sie nackt auftrat, Cognac trank, Kokain schnupfte, Skandale provozierte und hemmungslos lebte – bis sie im Alter von neunundzwanzig Jahren starb.

Tabellarische Biografie: Anita Berber


Anita Berber:
»Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase«

Leseprobe aus
Dieter Wunderlich: AußerOrdentliche Frauen. 18 Porträts
Piper Verlag, München 2009 (3. Auflage: 2011)

Von 1915 bis 1917 nahm sie Schauspielunterricht bei Maria Moissi und ließ sich zugleich von der renommierten impressionistischen Ausdruckstänzerin Rita Sacchetto ausbilden. Am 24. Februar 1916 stand das rothaarige Mädchen zum ersten Mal auf der Bühne und tanzte vor Publikum. Danach fuhr Anita mit Sacchettos Compagnie nach Hannover, Leipzig, Hamburg und Frankfurt am Main. »Das Merkwürdige war, dass sie unter so vielen recht hübschen Mädchen noch irgendwie auffiel«, erinnerte sich später die Schriftstellerin Dinah Nelken. »Sie hatte eine starke Ausstrahlung.«

Ihr erster Solo-Abend fand am 6. März 1917 im Theatersaal der Hochschule für Musik in Berlin statt. Sie bewarb sich um weitere Engagements, tanzte als Solistin in Varietés – so zum Beispiel im »Wintergarten« –, trat in den legendären Revuen von Rudolf Nelson auf und avancierte zum Berliner Bühnenstar. 1918 reiste sie zu Gastspielen in die Schweiz und nach Österreich, das Kriegsende erlebte sie in Budapest.

Der Bildhauer Constantin Holzer-Defanti gestaltete 1918 für das Rosenthal-Werk in Selb zwei Porzellantänzerinnen nach Anita Berbers Abbild. Lotte Pritzel

Dieter Wunderlich: AußerOrdentliche Frauen. © Piper Verlag 2009

zeichnete die Bühnenkünstlerin 1919 mit einem die Brüste frei lassenden Dekolleté und fertigte nach dieser Vorlage eine ihrer berühmten Puppen an. Im selben Jahr stellte Charlotte Berend-Corinth Anita Berber auf acht Lithografien in lasziven, wenn nicht pornografischen Szenen dar. Und mit dreiundzwanzig posierte Anita für Aktaufnahmen der österreichischen Mode- und Porträtfotografin Dora Kallmus (»Madame d’Ora«). Auf diesen Bildern sehen wir eine schlanke junge Frau mit kleinen Brüsten und langen, wohlgeformten Beinen in harmonischer Körperhaltung.

Der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Richard Oswald entdeckte sie fürs Kino. Anita debütierte 1918 in »Das Dreimäderlhaus« und übernahm im Jahr darauf auch Rollen in umstrittenen Filmen über Homosexualität, wie etwa »Anders als die Andern«, und Prostitution, beispielsweise »Das gelbe Haus«. Mit diesen Produktionen begründete Richard Oswald das Genre des Aufklärungsfilms. Insgesamt war Anita in rund fünfundzwanzig Filmen zu sehen.

Um der Enge der Wohnung in der Zähringer Straße zu entkommen und nicht mehr auf Großmutter, Mutter und zwei Tanten Rücksicht nehmen zu müssen, heiratete Anita 1919 Eberhard von Nathusius, den vier Jahre älteren Sohn einer wohlhabenden Familie. Sie war jedoch alles andere als eine fügsame Ehefrau und trennte sich nach drei Jahren von ihrem Mann, der offenbar ohnehin keine große Rolle in ihrem Leben gespielt hatte. Anita zog zu ihrer lesbischen Freundin Susi Wanowsky, der geschiedenen Ehefrau eines höheren Berliner Polizeibeamten, die in Berlin die Frauenbar »La Garçonne« betrieb.

1920 trat Anita in dem legendären Berliner Kabarett »Schall und Rauch« auf. Und im Sommer tanzte sie in der von Celly de Rheidt in Hamburg gegründeten Revue zusammen mit Willy Knobloch, dem homosexuellen Sohn einer wohlhabenden Hamburger Patrizierfamilie, der gerade unter dem Künstlernamen Sebastian Droste eine Karriere als expressionistischer Tänzer, Lyriker und Maler begonnen hatte.

Das amerikanische Magazin »Vanity Fair« veröffentlichte 1921 Fotos von Anita Berber: Man hatte also sogar in den USA von ihr gehört.

Quelle: Dieter Wunderlich, AußerOrdentliche Frauen. 18 Porträts
© Piper Verlag, München 2009
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Fußnoten wurden in der Leseprobe weggelassen. Zitat:
Birgit Haustedt: Die wilden Jahre in Berlin, 1999, S. 18

Anita Berber (tabellarische Biografie)

Javier Marías - Mein Herz so weiß
Aus Überlegungen und Erinnerungen an zurückliegende Ereignisse, die das Thema wiederholen, variieren und kontrapunktieren, komponiert Javier Marías auf geniale Weise den Roman "Mein Herz so weiß", der weniger Erzählung als grandiose Poesie ist.
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