Jean Améry : Die Schiffbrüchigen

Die Schiffbrüchigen

Jean Améry

Die Schiffbrüchigen

Die Schiffbrüchigen Manuskript: 1934/35 Erstausgabe: Klett-Cotta, Stuttgart 2007 ISBN 978-3-608-93663-6, 333 Seiten, 22 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Wien 1933/34. Der 24-jährige Arbeitslose Eugen Althager lässt sich von der zwei Jahre jüngeren Buchhalterin Agathe aushalten, bis diese ein Verhältnis mit einem Ingenieur anfängt, der ihr ein besseres Leben bieten kann. Während Eugens ebenfalls jüdischer Freund Heinrich Hessl promoviert, zum Katholizismus konvertiert und als Redakteur eine vielversprechende Karriere beginnt, sinkt Eugen immer tiefer ...
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Kritik

Mit einer weniger von grammatikalischen als von stilistischen Gesichtspunkten bestimmten Sprache hat Jean Améry in dem Roman "Die Schiffbrüchigen" das subtile Psychogramm eines hoffnungslosen Menschen gezeichnet.
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Als der jüdische Handelsreisende Siegfried Althager 1913 starb, hinterließ er seiner Ehefrau, einer christlich-frommen Halbjüdin, und ihrem einzigen Kind, dem vier Jahre alten Sohn Eugen, eine Villa und ein beträchtliches Vermögen. Aber das Geld zerrann der lebenslustigen Frau, bis sie schließlich mit ihrem Sohn das überschuldete Haus verlassen musste. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als eine Mietwohnung in Wien zu nehmen, und Eugen eine Stelle als Verkäufer in einer Buchhandlung zu besorgen.

Dort verliebte sich der Zwanzigjährige in das vier Jahre ältere Ladenmädchen Lili Mahler. Doch statt sie zu erobern, schrieb er ihr in seiner Unerfahrenheit und Verklemmtheit Liebesbriefe. Aus Verzweiflung darüber, dass Lili ihn nicht ernst nahm, kündigte er die Stelle nach dem Tod seiner Mutter und ging nach Berlin. Ein Jahr blieb er in der deutschen Hauptstadt.

Seit seiner Rückkehr nach Wien vor drei Jahren lebt Eugen mit der zwei Jahre jüngeren Agathe Mitmeisser zusammen, einer der beiden Töchter eines Portiers. Statt sich um einen neuen Arbeitsplatz zu bemühen, lässt Eugen sich von Agathe aushalten, die in der Buchhaltung in einer Weingroßhandlung beschäftigt ist.

1933 beobachtet der inzwischen Vierundzwanzigjährige auf einer Straße in Wien, wie ein junger Jude von einem Trupp SA-Männern verfolgt und geschlagen wird.

Erst langsam und schwierig brach das Wissen in ihm auf, dass ihn die Zeit mit allen anderen seiner Rasse verfemt hatte. Seine Schuld war es wohl, dass er nicht wusste, worin seine Zugehörigkeit zu dieser Rasse bestand. Nichts galten ihm ihre Werke, Riten, unwesentlich erschien ihm die Urkunde seiner Geburt, bedeutungslos der verstorbene gütig-dumme Handlungsreisende, der ihn gezeugt hatte, unwichtig die bürgerliche Halbjüdin, die zum heiligen Antonius gebetet hatte, aus deren Leib er stammte. Nichts band ihn an das Volk, zu dem er nun gehören musste, oder: nichts wusste er von Bindungen an es. (Seite 19)

Mit Heinrich Hessl, der ebenfalls Halbjude ist, verbindet ihn seit dem ersten Schultag vor achtzehn Jahren eine enge Freundschaft. Der Theologiestudent, der kurz vor dem Rigorosum steht, ringt seit Jahren um den christlichen Glauben, während Eugen einen kompromisslosen Nihilismus vertritt.

Aber es wird dennoch der erwähnte Weg einer neuen Wertgebung vielleicht einmal beschritten werden, es wird dennoch vielleicht einmal das empirisch Überprüfte zauberhaft und metaphysisch genug sein und es wird dann nicht mehr nötig sein, den Glaubensersatz im Unerkennbaren zu suchen.
Aber es ist eine solche Entwicklung nicht abzusehen und was bleibt, ist ein heroischer Nihilismus, ein Durchhalten trotz der Erkenntnis aller Sinnlosigkeit. Ein hartes und illusionsloses Leben, das dennoch nicht der Anarchie verfallen darf. (Seite 54f)

[…] hatte er völlig mit dem Freunde den Weg angetreten, der ihn führte in die kalten Regionen skeptischer Untersuchung, relativistischer und utilitaristischer Ethik, hinein in den heroischen und glaubensfreien Zynismus. (Seite 172)

Ohne freilich vor diesem Bauernglauben haltzumachen, hatte er auch ihn seines ästhetischen Beiwerks entkleidet, bis er in elender Nacktheit dagestanden war, als die traurige Frucht der Weltangst und Unwissenheit. (Seite 154)

Als Agathe merkt, dass sie schwanger ist, kommt für sie nur eine Abtreibung in Frage, denn sie will keine Mutter sein. Sie bittet Eugens Freund um 200 Schilling für den Eingriff, aber Heinrich Hessl behaupt, so viel Geld weder zu besitzen noch beschaffen zu können. Ihre Schwester Hilde, die vor einem Jahr eine kurze Affäre mit dem wohlhabenden Ingenieur Ernst Höllmer hatte, erzählt ihr, dass dieser für Agathe geschwärmt habe und rät ihr, sich an ihn zu wenden. Erst nach den Gesprächen mit Heinrich und Hilde teilt Agathe ihrem Geliebten mit, dass sie schwanger sei und fügt gleich hinzu, es gebe nur eine Möglichkeit, die Abtreibung zu bezahlen: Mit Höllmer zu schlafen.

Dann sagte er: Du wirst es wohl tun müssen – ich werde es wohl leiden müssen.
Ich werde es leiden müssen, schrie sie, ich!
Ach du, sagte er sehr ernst. Es wird nicht das Schlimmste sein. (Seite 102)

Durch ihre Schwester Hilde lässt Agathe dem Ingenieur ausrichten, dass sie zu ihm kommen werde. Kaum hat sie das Haus des Vierzigjährigen betreten, will sie sich ausziehen und das „Geschäft“ erledigen, wird jedoch von Höllmer zurückgehalten. Er habe sich vor einem Jahr in sie verliebt, erklärt er und kniet sich vor ihr hin, aber wegen ihres Verhältnisses mit Eugen Althager keine Chance für sich gesehen. Als Hilde ihm nun von Agathes Lage berichtete, beschloss er, sie auszunutzen, um mit Agathe zusammensein zu können, auch wenn er nicht erwarten kann, dass sie seine Gefühle jemals erwidern wird.

Ich liebe Sie, sagte der Mann zwischen schweren Atemzügen.
[…] Die braunen Hände des Mannes strichen über ihre Beine […] Dann stand er auf und küsste sie auf den Mund […]
Dann wurden seine Hände wilder. Da sie über ihre Brüste strichen, erzitterte sie leicht […]
Aber die wilden Hände wurden heftiger. Stärker bäumte sich an ihr der errege Leib des Anderen […] Irre tastete er in das zarte Gebäude ihrer Schenkel. – Und so geschah es hier im Stehen. (Seite 112f)

Die Erregung, die Agathe erfasst, wirft sie aus der Bahn: Sie begreift, dass es außer Eugen noch andere Männer gibt und wird sich ihrer eigenen Lüsternheit bewusst. Höflich und rücksichtsvoll bemüht Höllmer sich jeden Tag um sie, bis sie sich auf ein Verhältnis mit ihm einlässt – jetzt nicht mehr aus finanzieller Not, sondern um ein besseres Leben führen zu können. Schließlich überredet Höllmer sie, ihre Stelle in der Weingroßhandlung aufzugeben und mietet eine Zwei-Zimmer-Wohnung für Agathe.

Eugen, der von Tag zu Tag missmutiger wurde, schreibt Agathe am 24. Oktober 1933 einen Abschiedsbrief. Er gibt sie kampflos auf.

An jenem heißen und abscheulich stickigen Sommernachmittag, da du mir von Herrn Höllmer und Hildes Vorschlag erzähltest, legte sich unsere Liebe schwerkrank hin und an dem anderen Nachmittag (heiß auch er und städtisch-sommerlich), der dich in der Wohnung des fremden Mannes sah, verstarb sie.
Du wirst sagen Agathe, dass ich das hätte wissen müssen und ich sage dir, dass ich es gewusst habe. Ich habe es gewusst und habe aber noch tiefer gewusst, dass wir kein Kind haben dürfen. (Seite 145)

Obwohl Eugen ahnt, dass es von Höllmer kommt, nimmt er das Geld, das Agathe ihm weiterhin jeden Monat schickt.

Doch als er Agathe und Höllmer zusammen sieht, erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Heinrich, der inzwischen promovierte, streckt ihm daraufhin das Geld für einen zweiwöchigen Erholungsaufenthalt beim Handlerbauer in Kirchleiten vor.

Im Februar 1934 trifft Eugen zufällig die jüdische Barsängerin Doris Hechler wieder, mit der er in Berlin ein paar Wochen lang eine Affäre hatte. Sie berichtet ihm, dass sie in Berlin mit ansehen musste, wie der jüdische Geiger Günther Höhnemann von fünf betrunkenen SA-Männern angepöbelt und erschlagen wurde. Sie fuhr danach nach Paris und nahm schlecht bezahlte Engagements in Amsterdam, Zürich und Basel an. Eugen lässt sie bei sich übernachten und schläft mit ihr. Am nächsten Abend – es ist der 12. Februar 1934 – findet er eine Nachricht von ihr vor: Sie habe ein Engagement in Pressburg erhalten und sei sofort abgereist.

Seit seiner Kindheit findet Eugen Halt bei dem Gedanken, sich das Leben nehmen zu können.

Auch in diesen Tagen dachte Eugen nicht ernstlich an die Ausführung, aber immer noch erschien ihm der freigewählte Tod als die einzige Sterbensmöglichkeit. Denn willenlos und ins Müssen gebannt einmal dazuliegen und das große Vergehen zu erwarten, war eine Vorstellung, die er nicht ertrug. (Seite 236)

Während Heinrich Redakteur bei der Zeitschrift „Stimmen aus deutschen Klöstern“ wird und auf eine erfolgreiche Karriere hinarbeitet, kommt Eugen immer weiter herunter. Dass die österreichische Regierung den sozialistischen Aufstand am 12. Februar in Wien von Polizei und Militär blutig niederschlagen lässt, das Standrecht verhängt und sowohl die SPÖ als auch die Gewerkschaften verbietet, raubt Eugen die letzte Hoffnung.

In allen Ländern saß am Steuer die Macht. Hier war man aufgestanden wider sie und zu Boden geschlagen worden. Aufgestanden wider sie waren mit tausend zufälligen Armen und Rechtlosen die alten zerschabten Ideen: Freiheit, Menschlichkeit, Demokratie. Am Boden lagen sie hier und vorbereitet wurden unparierbare Schläge gegen sie in aller Welt. Kolonnenweise marschierte die uniformierte Macht über die Erde, die Einzelnen in ihre Reihen verschluckend, schweigsam und kriegerisch. (Seite 239f)

Im Café Schloderer versucht Eugen sein Glück im Kartenspiel. Nachdem die schäbige Prostituierte Mimi, die er dort kennenlernt, eine Nacht mit ihm verbracht hat, trennt sie sich von ihrem Zuhälter, dem dreißigjährigen ungarischen Juden Herrnhäuser, der seine Abende am Spieltisch im Café Schloderer verbringt. Statt von Agathe – deren nächstes Geld er mit einem Rest von Selbstachtung zurückschickt – wird Eugen also nun von Mimi ausgehalten. Herrnhäuser tut zunächst so, als finde er sich mit dem Verlust der Prostituierten ab, aber nach ein paar Tagen lässt er Eugen unerwartet von zwei Männern zusammenschlagen.

Kurz darauf ärgert Eugen sich bei einer Straßenbahnfahrt über einen Studenten, der ein gutbürgerliches Paar anpöbelt. Als der Student beim Anfahren auch noch gegen Eugens bei der Schlägerei ausgekugelte Schulter taumelt, beschimpft dieser den Rüpel. Der Medizinstudent – er heißt Kurt Brandstetter – fühlt sich beleidigt, lässt er sich versichern, dass Eugen als arischer Akademiker satisfaktionsfähig sei und fordert ihn zum Duell heraus.

Vergeblich versucht Heinrich, seinem Freund das Duell auszureden, das mit schweren Säbeln auf einem Paukpoden ausgetragen werden soll. Eugen erscheint dort zur angegebenen Stunde mit seinen Sekundanten Dr. Heinrich Hessl und Dr. Ewald Geiringer. Kurt Brandstetter tritt mit seinen Kommilitonen Harald Haidinger und Wilhelm Sedlatschek-Seewald auf. Sobald Geiringer „los“ gerufen hat, haut Eugen mit dem Säbel wild zu. Brandstetter kann die Angriffe nur mit Mühe parieren, aber dann zerschmettert er seinem Gegner mit einem Hieb die Schädeldecke.

Ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, stirbt Eugen Althager vierundzwanzig Stunden später, am 11. Mai 1934, im Krankenhaus. In den Unterlagen heißt es, eine schwere Glasscheibe sei ihm auf den Kopf gefallen.

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Verzweifelt über die Machtergreifung der Nationalsozialisten Ende Januar 1933 in Deutschland und die blutige Niederschlagung des Februaraufstandes in Österreich, schrieb Jean Améry 1934/35 den Roman „Die Schiffbrüchigen“. Es handelt sich um das Gegenteil eines Bildungsromans: Parallel zum Kulturverfall in den faschistischen Staaten findet der persönliche Abstieg des intellektuellen Außenseiters Eugen Althager in Wien statt. Der Arbeitslose wird von seiner Geliebten wegen eines Ingenieurs verlassen, den sie zwar nicht liebt, der ihr jedoch ein Leben im Wohlstand ermöglicht. Anders als der hoffnungslose Existenzialist Eugen Althager passt dessen ebenfalls jüdischer Freund Heinrich Hessl sich an, konvertiert zum Katholizismus und beginnt bei einer katholischen Zeitschrift mit einer Karriere als Redakteur. Am Ende verleugnet auch Eugen Althager seine jüdische Herkunft, damit ein faschistischer Student ihn zum Duell herausfordern kann.

Einfühlsam und grüblerisch spürt Jean Améry den Motiven, Überlegungen und Entwicklungen des hoffnungslosen Protagonisten nach. Auf diese Weise entsteht ein fesselndes Psychogramm.

Einige Male wechselt Jean Améry die Perspektive und stellt statt Eugen Althager beispielsweise Lili Mahler oder Agathe Mitmeisser in den Mittelpunkt eines Kapitels oder Abschnitts.

Die Sprache von Jean Améry mag altmodisch sein, aber sobald man sich darauf eingestellt hat, wird man als Leser von seiner ausgefallenen Wortwahl, seinen Wortneuschöpfungen und seiner nach rhythmischen statt nach grammatikalischen Gesichtspunkten gestalteten Syntax fasziniert.

Jean Améry schrieb den Roman vermutlich in den Jahren 1934/35, also mit etwa zweiundzwanzig Jahren. Am 28. November 1935 stellte er ihn in der Volkshochschule in Wien-Leopoldstadt vor, und noch im selben Jahr erschien in dem literarischen „Jahrbuch 1935“ ein Auszug unter dem Titel „Die Entwurzelten“, aber veröffentlicht wurde der Roman zu seinen Lebzeiten nicht. Nach dem Suizid von Jean Améry wurde das 392 Seiten umfassende, mit Schreibmaschine geschriebene Manuskript in seinem Nachlass gefunden. Der Verlag Klett-Cotta veröffentlichte den Roman im Februar 2007 unter dem Titel „Die Schiffbrüchigen“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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"Radetzkymarsch" ist ein trauriger, hoffnungsloser Abgesang, ein kunstvoll formuliertes Requiem auf den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn und dessen Gesellschaft. In einer Familiengeschichte veranschaulicht Joseph Roth, wie die k. u. k. Monarchie mit ihren Traditionen zerfällt.
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