Das blaue Zimmer

Das blaue Zimmer

Das blaue Zimmer

Das blaue Zimmer – Originaltitel: La chambre bleue – Regie: Mathieu Amalric – Drehbuch: Stéphanie Cléau, Mathieu Amalric nach dem Roman "Das blaue Zimmer" von Georges Simenon– Kamera: Christophe Beaucarne – Schnitt: François Gédigier – Musik: Grégoire Hetzel – Darsteller: Mathieu Amalric, Léa Drucker, Stéphanie Cléau, Laurent Poitrenaux, Mona Jaffart, Véronique Alain, Serge Bozon u.a. – 2014; 70 Minuten

Inhaltsangabe

Julien Gahyde lebt mit Frau und Tochter in einer Kleinstadt und verdient sein Geld mit Agrar­maschinen. Durch Zufall trifft er seine frühere Mitschülerin Esther wieder, die inzwischen mit einem Apotheker ver­heira­tet ist. Sie lassen sich auf eine Affäre ein, bei der es für Julien nur um Sex, für Esther jedoch um mehr geht. Nachdem Julien das Verhältnis beendet hat, stirbt der Apo­the­ker, und Julien befürchtet, dass Esther ihn vergiftete, zumal sie ihm schreibt: "Nun du!"
Weiterlesen

Kritik

Bei der Verfilmung des Kriminalromans "Das blaue Zimmer" von Georges Simenon haben sich Mathieu Amalric und Stéphanie Cléau for­mal und in­halt­lich eng an die Vorlage gehalten. Was geschehen sein könnte, erfahren wir während Juliens Vernehmungen in Rückblenden.
Weiterlesen

Julien Gahyde (Mathieu Amalric) lebt mit seiner Ehefrau Delphine (Léa Drucker) und der Tochter Suzanne (Mona Jaffart) in einer westfranzösischen Kleinstadt und verdient sein Geld mit einem Handels- und Reparatur­unter­nehmen für land­wirt­schaft­liche Maschinen. Als er sieben Jahre alt war, starben seine Mutter und seine kleine Schwester Agnès bei einem Verkehrsunfall.

Eines Tages kommt Julien auf der Landstraße an einer mit dem Auto liegen gebliebenen früheren Mitschülerin vorbei und hält an, um ihr zu helfen. Esther (Stéphanie Cléau) ist inzwischen mit einem anderen Klassen­kameraden verheiratet, mit dem kränklichen Apotheker Nicolas Despierre (Olivier Mauvezin). Julien habe alle Mädchen in der Schule zu küssen versucht, nur sie nicht, klagt Esther. Er habe sie für unerreichbar gehalten, erklärt er, weil sie aus einer hochnäsigen Familie stamme und ein Stück größer sei als er. Esther küsst ihn. In den nächsten elf Monaten verabreden sie sich etwa acht Mal im blauen Zimmer eines Hotels. Zwei, drei Mal beißt Esther ihren Liebhaber in die Lippe, und er muss sich zu Hause eine Ausrede einfallen lassen.

Als Julien einmal nach dem Liebesakt aufsteht und zur offenen Balkontür geht, sieht er Nicolas auf das Hotel zukommen. Erschrocken zieht er sich an und flüchtet über den Hinterhof.

Der Schreck veranlasst Julien, die Affäre zu beenden. An diesem Abend lädt er Delphine ins Kino ein und holt die Bezahlung für die Minibar im Hotel nach. Für ihn ging es ohnehin nur um Sex, aber er ahnt, dass Esther von einer gemeinsamen Zukunft träumte.

Um Abstand zu gewinnen, fährt er vorzeitig mit Frau und Tochter in die Sommer­ferien. Beim Schwimmen im Atlantik spritzt Delphine ihren Mann an, und sie drücken sich abwechselnd die Köpfe unter Wasser. Aus dem Spiel wird unvermittelt Ernst, und Delphine ringt nach Luft. Während Julien am Strand so tut, als sei nichts gewesen, schaut Delphine ihn nachdenklich an.

Nach diesem Urlaub hält Julien sich von Esther und der Apotheke fern. Sie lässt ihm kurze Nachrichten zukommen, die er zerreißt oder verbrennt, nachdem er sie gelesen hat.

Als er mit Suzanne an der Apotheke vorbeikommt, ist sie geschlossen, und es heißt, Nicolas Despierre sei in der Nacht gestorben.

Kurz darauf erhält Julien eine weitere Nachricht von Esther, die nun gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter (Véronique Alain) die Apotheke weiterführt. Auf dem Zettel stehen nur zwei Worte: „À toi!“ (Nun du!). Weil er Esther unterstellt, ihren Mann ermordet zu haben, versteht er den kurzen Text als Aufforderung, nun auch seine Frau zu beseitigen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Einige Wochen später bittet Delphine ihn, ein Medikament für Suzanne aus der Apotheke zu holen. Bei dieser Gelegenheit gibt Esther ihm einen Karton Pflaumen­marmelade mit, die sie mit Delphine und einigen anderen Frauen gemeinsam bestellt hat.

Nachdem Julien die Salbe und die Marmelade nach Hause gebracht hat, fährt er weiter nach Poitier und trifft sich mit jemandem, dem er das Unternehmen und vielleicht auch das Privathaus verkaufen möchte.

Als er zurückkehrt, sieht er in allen Fenstern seines Hauses Licht; Streifenwagen stehen davor, und die Nachbarn haben sich versammelt. Delphine ist tot. Sie starb an vergifteter Pflaumenmarmelade. Julien wird festgenommen. Er steht unter Mordverdacht.

In einer Reihe von Vernehmungen sagt er zunächst bei der Polizei, dann vor dem Untersuchungsrichter (Laurent Poitrenaux) über die Ereignisse aus.

Durch die Zusammenhänge erhärtet sich auch der Mordverdacht gegen Esther. Sie muss sich ebenso wie Julien vor Gericht verantworten, und am Ende werden beide aufgrund von Indizien zu lebenslanger Haft verurteilt.

nach oben

1964 veröffentlichte Georges Simenon den Kriminalroman „La chambre bleue“ / „Das blaue Zimmer“ (Übersetzung: Hansjürgen Wille und Barbara Klau; Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1964, 156 Seiten; Neuübersetzung: Angela von Hagen; Diogenes, Zürich 1983, 176 Seiten). Mathieu Amalric und Stéphanie Cléau adaptierten das Buch fürs Kino und verlegten die Handlung um ein paar Jahr­zehnte in die aktuelle Zeit. Aus Antoine („Tony“) wurde Julien, aus Andrée Esther, aber ansonsten haben sich Mathieu Amalric und Stéphanie Cléau formal und inhaltlich eng an die literarische Vorlage gehalten.

Auch der von Julien gesprochene Satz „Wie anders das Leben ist, wenn man es lebt und wenn man es im Nachhinein zerpflückt!“ stammt von Georges Simenon. Während ein Untersuchungsrichter Julien Gahyde vernimmt, werden seine Aussagen für uns zu Rückblenden. Gegenwart und Vergangenheit wechseln sich ab. Dieser Aufbau bedeutet zugleich, dass fast alles aus Juliens subjektiver Sicht dargestellt wird. Er hat alles verloren, und obwohl ihn der Untersuchungsrichter höflich behandelt, ist Julien auch die Kontrolle über sein Leben abhanden gekommen. In „Das blaue Zimmer“ geht es zwar um Mord, aber sowohl der Roman als auch der kammerspielartige Film sind mehr als Thriller, und trotz des Gerichtsurteils bleibt offen, was wirklich geschah, vor allem, welche Rolle Julien dabei spielte.

Um das Altmodische an „Das blaue Zimmer“ zu betonen, wählten Mathieu Amalric und Christophe Beaucarne das Filmformat Academy Ratio (1,37:1). Auch das ruhige Tempo entspricht der Vorlage von Georges Simenon. Die Bilder sind sorgfältig komponiert. Wenn Esther nach dem Koitus nackt auf dem Bett liegt und kurz die Schenkel öffnet, lässt sich das mit dem 1866 von Gustave Courbet geschaffenen Ölgemälde „Der Ursprung der Welt“ assoziieren.

Die Dreharbeiten fanden von Juli bis November 2013 statt, und zwar im Palais de Justice in Bobigny (Büro des Untersuchungsrichters), im Palais de Justice de Baugé in Baugé-en-Anjou (Gericht), in Les Lucs-sur-Boulogne (Haus der Familie Gahyde), La Flèche (Apotheke), Luché-Pringé (Julien Gahydes Betrieb u.a.) und in Les Sables-d’Olonne (Strandurlaub).

Mathieu Amalric (Regie, Drehbuch, Darsteller) und Stéphanie Cléau (Drehbuch, Darstellerin) waren zum Zeitpunkt der Arbeit an dem Film auch im „richtigen“ Leben ein Paar.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

Georges Simenon (kurze Biografie)

T. C. Boyle - Grün ist die Hoffnung
Mit viel Humor, außergewöhnlicher Fabulierlust und Freude an ausgefallen Details erzählt T. C. Boyle eine farbige, lebendige und ausgesprochen unterhaltsame Geschichte: "Grün ist die Hoffnung".
Grün ist die Hoffnung

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: