Der Versailler Friedensvertrag


Am 18. Januar 1871 war im Spiegelsaal des Versailler Schlosses das Deutsche Reich aus der Taufe gehoben worden. Am 18. Januar 1919 trat unter dem Vorsitz des französischen Ministerpräsidenten George Clemenceau die Friedenskonferenz in Paris zusammen. Rund dreißig Staaten waren daran beteiligt; Russland und die Mittelmächte blieben von den Beratungen ausgeschlossen. Die eigentlichen Verhandlungen wurden nicht im Plenum geführt, sondern von den Regierungschefs und Außenministern Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und der USA sowie zwei japanischen Regierungsvertretern (Conseil des Dix). Strittige Fragen wurden letztlich von Woodrow Wilson (1856 – 1924), David Lloyd George (1863 – 1945), George Clemenceau (1841 – 1929) und Vittorio Emanuele Orlando (1860 – 1952) entschieden („Conseil des Quattre“, „die Großen Vier“). Dieses Gremium verkörperte im Frühjahr 1919 die höchste politische Autorität der Welt.

Wilson reiste persönlich nach Europa und demonstrierte damit, welche Bedeutung er den Friedensverhandlungen beimaß. Aber sein Idealismus prallte in Paris auf die nationalen Interessenkämpfe der Europäer und auf die Furcht der Franzosen vor einem Wiedererstarken Deutschlands. Clemenceau wusste, dass die Entente allein zu schwach gewesen wäre, um Deutschland zu bezwingen. Er wollte das Deutsche Reich deshalb nicht nur für alle Kriegsschäden bezahlen lassen („le boche payera tout!“), sondern es in möglichst viele Teilrepubliken zerstückeln. Obwohl auch in England deutschfeindliche Parolen kursierten („hang the Kaiser!“, „squeeze them till the pips come out!“), bremste Lloyd George in Paris eher die Franzosen, weil er ahnte, dass überzogene Friedensbedingungen Gegenkräfte in Deutschland hervorrufen wurden.

Am 28. April 1919 nahm die Pariser Konferenz erst einmal eine Völkerbund-Satzung an, die den Friedensverträgen als integraler Bestandteil vorangestellt werden sollte. Der von Woodrow Wilson angeregte Völkerbund (League of Nations, Société des Nations; 1920 – 1946) sollte bewaffnete Auseinandersetzungen verhindern sowie Frieden und Sicherheit gewährleisten. Die Mitglieder verpflichteten sich dazu, abzurüsten, auf Geheimdiplomatie zu verzichten und in Konfliktfällen die Schiedssprüche eines Ständigen Internationalen Gerichtshofes (Permanent Court of International Justice, Cour Permanente de Justice Internationale) anzuerkennen, der am 13. Dezember 1920 – parallel zum Ständigen Schiedsgericht der Haager Konvention – in Den Haag eingerichtet wurde. Im höchsten Organ des Völkerbundes, der jährlich in Genf tagenden Bundesversammlung, verfügte jedes Mitglied über eine Stimme. Im Völkerbund-Rat, dem bis zu fünfzehn teils ständige, teils wechselnde Mitglieder angehörten, wurde über aktuelle Konflikte beraten. Sowohl die feindlichen als auch die neutralen Staaten wurden von den Siegermächten ausgeschlossen.

Während die Siegermächte in Paris über den Frieden verhandelten, wurde auf dem Balkan und im Nahen Osten weitergekämpft, bekriegten sich in Russland die Bolschewisten und ihre – von den Westmächten unterstützten – Gegner. Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn versuchten, ihre Grenzen gewaltsam zu verschieben.

Eine von dem britischen Außenminister George Nathaniel Marquess Curzon of Kedlestone geleitete Kommission der Pariser Friedenskonferenz schlug am 8. Dezember 1919 eine polnisch-russische Demarkationslinie vor (Curzon-Linie). Damit aber fand Pilsudski sich nicht ab. Wegen seiner unaufhörlichen Kritik an der Polenpolitik der Mittelmächte war Joséf Klemens Pilsudski am 2. Juli 1917 in Magdeburg eingesperrt worden, hatte sich aber nach seiner Freilassung und Rückkehr nach Warschau am 10. November 1918 innerhalb weniger Tage als „Staatschef“ an die Spitze der polnischen Republik gestellt, die (statt des von den Mittelmächten am 5. November 1916 vorgesehenen Königreiches) am 3. November 1918 ausgerufen worden war. Ende 1920 ließ Pilsudski die Polen nach Kiew vorstoßen, um die Ukraine zu erobern. Sie wurden zwar von den Russen zurückgeschlagen, aber mit französischer Hilfe (General Maxime Weygand, 1867 – 1965) gelang es ihnen am Ende doch, nach Osten vorzudringen (Sowjetisch-Polnischer Krieg, 1920/21). Im Frieden von Riga (18. März 1921) einigten sich Russen und Polen darauf, ihre Grenze etwa 200 Kilometer östlich der Curzon-Linie verlaufen zu lassen.

Nachdem sich die Siegermächte auf einen vollständigen Entwurf für einen Friedensvertrag mit dem Deutschen Reich geeinigt hatten, versammelten sie sich am 7. Mai 1919 im Hotel Trianon Palace in Versailles und riefen die deutsche Delegation herein. George Clemenceau erhob sich und sprach von einem „zweiten Vertrag von Versailles“. Anschließend übergab der Sekretär der Konferenz den umfangreichen Vertragstext dem Leiter der deutschen Delegation, Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau (1869 – 1928). Der Deutsche stand dafür nur kurz auf, beachtete das Papier kaum und hielt seine Rede demonstrativ im Sitzen.

Dem Deutschen Reich wurde eine Frist von zwei Wochen gesetzt, um die Friedensbedingungen anzunehmen.

Am 12. Mai trat die Nationalversammlung in der Neuen Aula der Universität Berlin zusammen. Reichskanzler Scheidemann erklärte: „Dieser Vertrag ist nach Auffassung der Reichsregierung unannehmbar.“

Am 29. Mai überreichte Graf von Brockdorff-Rantzau der Friedenskonferenz die zusammengefassten Gegenvorschläge der deutschen Reichsregierung. Sie wurden mit geringfügigen Ausnahmen von den Siegermächten abgelehnt. Am 16. Juni erhielt die deutsche Delegation den endgültigen Vertragstext ausgehändigt und wurde ultimativ aufgefordert, ihn zu unterschreiben.

Daraufhin trat Reichsministerpräsident Scheidemann am 20. Juni zurück. Am folgenden Tag versenkte sich die vor Scapa Flow auf den Orkney-Inseln von den Briten bewachte deutsche Hochseeflotte. Mit 237 gegen 138 Stimmen ermächtigte die Nationalversammlung am 22. Juni die neue Reichsregierung des Sozialdemokraten Gustav Bauer (Juni 1919 – März 1920), den Friedensvertrag zu unterzeichnen – jedoch ohne eine alleinige deutsche Kriegsschuld anzuerkennen oder sich bereit zu erklären, jemanden an die Alliierten auszuliefern. Die Siegermächte verwarfen auch diese Vorbehalte und lehnten es ab, das anderntags ablaufende Ultimatum zu verlängern. Der Nationalversammlung blieb nichts anderes übrig, als auf die Vorbehalte zu verzichten (23. Juni). Am 28. Juni – genau fünf Jahre nach dem Attentat in Sarajewo – unterschrieben die Minister Hermann Müller (1876 – 1931) von der SPD und Johannes Bell (1868 – 1949) vom Zentrum im Spiegelsaal des Versailler Schlosses den Friedensvertrag.

Am 12. Juli wurde endlich die gegen das Deutsche Reich gerichtete Seeblockade aufgehoben.

Das Deutsche Reich übergab Elsass-Lothringen an Frankreich, große Teile Posens und Westpreußens an Polen, das Hultschiner Ländchen an die Tschechoslowakei, die Stadt Danzig, das Memelland und sämtliche Kolonien den Alliierten. Volksabstimmungen sollten über die Zukunft einiger weiterer deutscher Landesteile entscheiden. (Nordschleswig, Eupen und Malmedy sowie das oberschlesische Industrierevier mussten später abgetreten werden.) Das aus bayrischen und preußischen Territorien gebildete „Saargebiet“ wurde einer dem Völkerbund verantwortlichen Kommission unterstellt; nach fünfzehn Jahren sollte auch hier die Bevölkerung wählen dürfen, ob sie zu Deutschland oder zu Frankreich gehören wollte.

Deutschland verpflichtete sich, Reparationen zu leisten, deren Höhe erst noch von einer eigenen Kommission festgelegt werden sollte. Als „Pfand“ besetzten die Alliierten das Rheinland. Ihre Handelsflotte überließen die Deutschen den Siegermächten. Die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland musste aufgehoben, das Heer auf hunderttausend Mann beschränkt werden. Auf Flugzeuge, Schlachtschiffe, U-Boote, schwere Artillerie und Panzer verzichteten die Deutschen. Den Großen Generalstab lösten sie auf. Alle Festungen entlang des Rheins waren zu schleifen. Schließlich verlangten die Siegermächte, den Kaiser und weitere führende Persönlichkeiten der Wilhelminischen Ära als Kriegsverbrecher ausgeliefert zu bekommen (Artikel 228). In Artikel 231 sollte das Deutsche Reich anerkennen, zusammen mit seinen Verbündeten den Ersten Weltkrieg verursacht zu haben und für alle Kriegsschäden verantwortlich zu sein. Der Kriegsschuldparagraph war gar nicht programmatisch gedacht, sondern er hatte die Reparationsforderungen zu rechtfertigen, denn Kontributionen gab es gemäß der Vierzehn Punkte nicht mehr, aber nach wie vor konnte verlangt werden, geleistetes Unrecht wieder gutzumachen.

Der Kriegsschuldparagraph provozierte Gegenargumentationen und ließ die Deutschen nicht ruhen. „Die Geburtsstätte der nationalsozialistischen Bewegung ist nicht München, sondern Versailles“, meinte Theodor Heuss.

In zwei weiteren Verträgen, die am selben Tag unterzeichnet wurden, sagten die Briten und die Amerikaner den Franzosen für den Fall einer deutschen Aggression militärischen Beistand zu.

Da die britisch-französische mit der amerikanisch-französischen Abmachung gekoppelt war und der US-Senat es am 18. November 1919 ablehnte, die Versailler Verträge und die Völkerbund-Akte zu ratifizieren, konnte keiner der beiden Beistands-Pakte in Kraft treten. Die Vereinigten Staaten von Amerika zogen sich wieder aus der Weltpolitik zurück, hielten sich aus der Pariser Friedensregelung heraus und blieben dem von ihrem Präsidenten initiierten Völkerbund fern. Mit dem Deutschen Reich schlossen die USA später einen eigenen Friedensvertrag (25. August 1921) und ein Abkommen über die finanziellen Verpflichtungen (10. August 1922).

Am 16. Januar 1920 forderten die Alliierten die holländische Regierung auf, Wilhelm II. auszuliefern, aber diese lehnte den Antrag ab und gewährte dem Ex-Kaiser Asyl (23. Januar). Die Westmächte gaben sich damit zufrieden und bestanden schließlich auch nicht auf ihrer Forderung an das Deutsche Reich, Kriegsverbrecher auszuliefern.

Fortsetzung

© Dieter Wunderlich 2006

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"Täuscher" ist ein düsterer, knapp erzählter Kriminalroman. Andrea Maria Schenkel entwickelt die Geschichte nicht linear, sondern montiert sie aus Episoden. Nebenbei vermittelt sie Eindrücke vom Leben in Landshut Anfang der 20er-Jahre.

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