Wolf Wondratschek : Mozarts Friseur

Mozarts Friseur

Wolf Wondratschek

Mozarts Friseur

Mozarts Friseur Carl Hanser Verlag, München / Wien 2002 Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004 ISBN 3-423-13186-1, 148 S., 8.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe


In "Mozarts Friseur" schildert Wolf Wondratschek einen Friseursalon als Panoptikum, in dem er eine Reihe kurioser Figuren vorführt.


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Kritik

"Mozarts Friseur" ist eine schräge, humorvolle Milieustudie in einer ironisch funkelnden, virtuosen Sprache.
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Matrosen amüsieren sich über das Geplapper eines von Kamelen gesäugten und von Nomaden aufgezogenen Findelkindes und nehmen es in Port Said mit an Bord ihres Frachters, der nach São Paulo ausläuft. Bei einem Zwischenaufenthalt in Triest geht der Junge an Land und wird von Signor Gabriele Scardanelli in dessen Friseursalon als Gehilfe eingestellt. Der begreift rasch, „dass ein Friseur nur im Nebenberuf einer ist, der Haare schneidet“ (Seite 17). So ein Salon ist ein kleiner Kosmos, in dem es viele schrullige Kunden zu beobachten gibt.

Tatsächlich war er hellwach. Er prägte sich, was er sah und hörte, ein. Er war neugierig. Welche Vielfalt an Manieren, Allüren und Ticks! Wie unterschiedlich die Temperamente, die Tonlagen der Stimmen, die Streitlust! Welche Fähigkeiten der Verstellung! Wie reichhaltig das Angebot der vielen kleinen Unarten. (Seite 15)

Da gab es beispielsweise einen langjährigen Kunden, der jedes Mal nach dem Eintreten um ein Glas Wasser bittet, sich bedankt, daran nippt und einnickt. Dann können Gabriele Scardanelli und seine Mitarbeiter nur noch darauf warten, bis ihm das Glas aus der Hand rutscht und auf dem Steinboden zerspringt. Was sollen sie anderes tun? Sie haben schon versucht, dem Schlafenden das Glas aus der Hand zu nehmen, aber da schlug er die Augen auf und beschwerte sich.

Die Welt der Via Carducci! Sie war nicht spektakulär, aber unter ging sie auch nicht, nicht solange der Scherenschleifer einen nicht im Stich ließ. Natürlich, mit jedem, der starb, landete ein Bruchteil dieser Welt auf dem Friedhof, was aber nicht hieß, dass er als Gesprächsthema ausgedient hatte. Obwohl als Lebender nicht mehr vor Ort, wurde der eine oder andere so richtig erst interessant nach seinem Ableben. Was gab es da nachträglich nicht alles für Überraschungen, Enthüllungen und Entdeckungen! Und wie zuverlässig sich alle Gerüchte herumsprachen! Das Staunen beim Öffnen eines Testaments. Das Auftauchen einer allen, nicht nur der eigenen Familie verheimlichten Tochter; oder umgekehrt, die Tochter (oder ein Sohn) war gar nicht das eigene Kind, sondern das Ergebnis einer Fremdzeugung, von der die Frau nie etwas gestanden hatte. Ein Briefwechsel (mit wem?), aufbewahrt unter Geschäftspapieren. Wer war die ältere Dame an seinem Grab, die auch die Verwandtschaft nicht zu kennen schien? […] (Seite 17)

Signor Lendvai erzählt bei jedem Besuch im Friseursalon, wie seine Frau, eine Pianistin, vor dreißig oder vierzig Jahren bei einer Bergwanderung abrutschte und ums Leben kam.

Er hatte sie noch lebend gefunden. Und wissen sie, Signor Gabriele, fragte er, was sie zu mir gesagt hat, bevor sie zu atmen aufhörte?
Aus Pietät setzte Scardanelli an dieser Stelle für einen Moment immer das Rasiermesser ab.
Ich hätte mich festhalten können, aber das wäre aus meinen Händen geworden, mit denen ich doch Klavier spielen muss? (Seite 22)

Als der Gehilfe einen Kunden zu überreden versucht, sich die Haare bemalen zu lassen – nicht färben, sondern bemalen! –, wirft Gabriele Scardanelli ihn hinaus.

Da sein Brotherr Künstler nicht duldete (weder als Angestellte noch als Kunden, mit der einen Ausnahme von Signor Lendvai, dem Witwer – und der, weiß Gott, reichte ihm –, und dem einen oder anderen Tenor, die aber schließlich Volkshelden waren, keine Künstler), verließ der noch immer namenlose junge Mann die Stadt und reiste weiter nach Venedig, wo er auf eine Anstellung oder Lehrstelle als Perückenmacher am Gran Teatro La Fenice, der dortigen Oper, hoffte. (Seite 25)

Weil er in Venedig nicht Fuß fassen kann, kehrt er der Lagunenstadt den Rücken. Kurz entschlossen heiratet er eine Österreicherin und eröffnet „mit dem Geld einer aufgeschobenen Hochzeitsreise als Anzahlung“ (Seite 28) in der Wiener Griechengasse einen eigenen Friseursalon, der bald zum Treffpunkt von Künstlern und anderen verschrobenen Individuen wird, die sich hin und wieder auch mal nebenbei die Haare schneiden lassen: darunter das sexuell frustierte Fräulein von Lehnhart-Kilany, das davon träumt, die Kunstszene in New York aufzumischen und der „chronisch empörte Künstler“ (Seite 103) Tinti Berger. Der gerät einmal in Streit mit dem Kunstfreund Dr. mont. Szabloc Pruth („Staatlich Befugter Und Beeideter Zivilingenieur Für Erdölwesen i. R.“). Wenn die Kunden ausfällig werden, schaltet Karotte, der dreiundzwanzigjährige Gehilfe des Friseurs, einen Fön auf Höchstleistung.

Karotte wuchs vaterlos auf, und seine reiselustige Mutter hat sich nie viel um ihn gekümmert. Eines Tages fiel eine Horde junger Sprayer in den Friseursalon ein. Am Ende blieb einer zurück: Karotte. Der Friseur nahm ihn mit ins Kino. So lernten sie sich kennen und befreundeten sich. Karotte fotografiert gern mit einer Kamera, die er koreanischen Touristen gestohlen hat, als sie sich von ihm vor dem Portal der Wiener Staatsoper knipsen lassen wollten.

Karotte fotografiert […] am liebsten alles unscharf […] Er fotografiert, wie der Friseur findet, so falsch, wie er singt. Andererseits hat das Vorteile.
Bei Mädchen, von denen er will, dass sie sich ausziehen, was viele erst einmal ablehnen, hinterlässt es Wirkung, wenn er ihnen Fotos zeigt, die nie ein Gesicht zeigen, und wenn, ist es nicht zu erkennen. Sie fühlen sich beschützt. Das genießt er, und auch, wie schamhaft Mädchen sein können, die aus den Kleidern steigen. Wie komisch das aussieht, wenn sie, weil er es so will, dabei ihre Brillen aufbehalten. Mittlerweile zieht sich jeden Tag eine vor ihm aus, weil sie davon ausgeht, dass Karotte wie ein Bruder ist und unscharfe Fotos schießt. (Seite 87)

Bei Nick, der in dem Salon als zweiter Friseur angestellt ist, handelt es sich um einen Experten für Schwarz.

Nick, genannt Der Schatten, ein monochromes Individuum, ein baumlanger Kerl, schwarz gekleidet, schwarze Stiefel, die langen Haare schwarz, schwarzer Lidschatten. (Seite 51f)

Der Friseur nimmt sich Zeit, seinen Kunden zuzuhören, auch wenn sie immer wieder die gleichen Geschichten erzählen.

Er produziert in den Lücken seiner Arbeit private Zeit. Die verteilt er großzügig als Geschenk. Ihm ist der Wert seiner Gabe, ihre Kostbarkeit, natürlich unbekannt. Profiten steht er ahnungslos gegenüber. Dass er in einer Zeit, wo keiner Zeit hat, eine Rarität zum Nulltarif anbietet, müsste ihm einer erst umständlich erklären; dazu aber ist keiner bereit. Und es wäre auch nutzlos. (Seite 40f)

An einer Wand hängen drei wertlose Uhren, die der Friseur vom Flohmarkt mitgebracht hat. Eine zeigt ständig auf acht Minuten vor drei; nur der rote Sekundenzeiger zuckt fortwährend, klemmt jedoch auf der Neun. Eine der Uhren steht. Man müsste sie aufziehen, aber der Friseur besitzt keinen Schlüssel. Die dritte Uhr geht um fünfunddreißig Minuten nach. Ein Museumsdirektor möchte die „Installation“ – wie er das nennt – erwerben, aber der Friseur erklärt ihm, die Uhren seien unverkäuflich. Der Museumsdirektor hält die „Installation“ für einen „Dreiklang zerborstener Zeit“ und ein Sinnbild über den „Verfall des Funktionierens“ (Seite 61). Die Zahl Fünfunddreißig notiert er sich, denn der Künstler hat sich bestimmt etwas dabei gedacht, als er eine der Uhren so einstellte, dass sie um fünfunddreißig Minuten nachgeht. Als der Museumsdirektor sich nach dem Künstler erkundigt, erfindet der Friseur den Namen „Paalo Kalin“.

Eines Tages geht die Tür auf, und Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) betritt den Friseursalon.

Ein Genie darf sich selbst zweihundert Jahre nach seinem Tod alles erlauben. (Seite 34)

Während Mozart sich die Haare schneiden lässt, räsoniert er über den Klang des aus der Sahara angewehten Sandes bzw. der Luft zwischen den Sandkörnchen.

Hin und wieder, wie gesagt, erscheint Mozart, übermüdet vom Nachruhm. (Seite 37)

Eigentlich kommt Mozart, um „das funerfahrene, neonhell strahlende Lehrmädchen“ Anna G. zu sehen, einen Blick auf ihre Brüste zu erhaschen und einen Kaffee von ihr serviert zu bekommen. Für die Perücke, die der Friseur in einer Plastiktüte aufbewahrt, seit Mozart sie bei ihm vergessen hat, interessiert sich eine Textilrestauratorin des Herzog Anton Ulrich-Museums, die eigens aus Braunschweig anreist. Sie zweifelt jedoch an der Echtheit.

Unvermittelt taucht Joe Pichler auf und verlangt nach dem Chef. Joe Pichler wird verdächtigt, der Kopf einer Verbrecherorganisation zu sein.

Der Fall war heikel. Ein mit dem Fall befasster Gruppeninspekteur der Kripo Wien hat sich beim Reiben von Hartkäse überanstrengt, wenigstens gab das der Sohn so zu Protokoll, und war tot umgefallen. Das Herz. (Seite 125)

Auf seine Weise war Pichler einer der letzten Monarchen, zumindest der ungekrönte König der Wiener Gesellschaft, das konkurrenzlose Enfant terrible der Klatschspalten […] (Seite 199)

Um ungestört mit dem Friseur sprechen zu können, fordert Pichler ihn auf, in seinen Rolls-Royce einzusteigen und fährt mit ihm durch Wien. Er will sich eine Perücke machen lassen. Der Friseur ist erleichtert. Er hatte Schlimmeres erwartet. Aber möglicherweise macht er sich schon durch das Mitfahren strafbar, und die Perücke könnte als Verkleidung bei einer Straftat dienen. Vorsichtshalber verrät er nach der Rückkehr in seinen Laden nichts von Pichlers Auftrag, sondern behauptet, er habe eben mal schnell Imelda Marcos die Haare auffrisiert. Die Witwe des früheren philippinischen Staatspräsidenten ist tatsächlich in der Stadt, und man traut es Joe Pichler zu, dass er den Schlüssel zu ihrem Hotelzimmer hat.

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In „Mozarts Friseur“ schildert Wolf Wondratschek einen Friseursalon als Panoptikum, in dem er eine Reihe kurioser Figuren vorführt. Das Haareschneiden dient hier nur als Tarnung; eigentlich handelt es sich um eine Art orientalischen Basar, in dem sich Künstler und andere verschrobene Individuuen ins rechte Licht rücken. Das Vorbild lieferte angeblich der Salon des Wiener Starfriseurs Erich Joham, zu dessen prominenten Gästen Wolf Wondratschek zählt. „Mozarts Friseur“ ist eine schräge, humorvolle Milieustudie in einer ironisch funkelnden, virtuosen Sprache.

Wolf Wondratschek wurde am 14. August 1943 in Rudolstadt (Thüringen) geboren und wuchs in Karlsruhe auf. Er studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main. Ab 1965 veröffentlichte er Gedichte, Hörspiele und Kurzgeschichten. Sein erstes Buch („Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“) erschien 1969.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag
Die Seitenangaben beziehen sich auf die dtv-Taschenbuchausgabe.

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