Maria Ward


Ein Leben lang ringt die Nonne mit den Männern der Kirche um die Verwirklichung ihrer Vision

Eine katholische Engländerin gründet in Flandern eine Ordensgemeinschaft, um Mädchen in Tagesschulen zu unterrichten. Das ist revolutionär, weil die Kirche von Nonnen verlangt, abgeschieden hinter Klostermauern zu leben, und weil man glaubt, ein wenig Schulunterricht könne allenfalls für Knaben nützlich sein. Nach jahrelangem Warten auf das kirchliche Plazet beschließt Maria Ward, selbst nach Rom zu gehen.

Im Oktober 1621 bricht sie auf; fünf Gefährtinnen, ein Priester und ein Diener begleiten die Sechsunddreißigjährige auf der 1500 km langen Wanderung. Um wenigstens von gottesfürchtigen Marodeuren nicht überfallen zu werden, kleiden sie sich wie Pilger: Die schwarzen Umhänge und hohen, breitkrempigen Hüte schützen sie außerdem vor Schnee und Regen.

Dieter Wunderlich: EigenSinnige Frauen © Piper Verlag

Die Gruppe führt nur zwei Pferde mit: Auf dem einen reitet die jeweils schwächste Person, das andere trägt die Körbe mit dem Gepäck. Zu Fuß gehen die Englischen Fräulein und ihre Begleiter durch Elsass-Lothringen, über den verschneiten St.-Gotthard-Pass ins Tessin, durch die Lombardei und die Toskana. Bis zu fünfunddreißig Kilometer am Tag legen sie zurück. Am 24. Dezember treffen sie in Rom ein – mittellos, weil sie unterwegs bestohlen wurden.

Papst Gregor XV. und später auch dessen Nachfolger Urban VIII. empfangen Maria Ward in Privataudienzen. Die Kirche lässt sie aber auch 1631 in München als Ketzerin einsperren. Die Einrichtungen der „Englischen Fräulein“ müssen geschlossen werden. Maria Ward gehorcht, gibt jedoch ihr Vorhaben nicht auf: Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen darf sie wieder Schulen eröffnen, und 333 Jahre nach ihrem Tod wird ihre Ordensgründung – das Institutum Beatae Mariae Virginis – von der Kirche anerkannt.


Maria Ward:
Zu Fuß nach Rom

Leseprobe aus
Dieter Wunderlich: EigenSinnige Frauen. 10 Porträts
Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1999 / Piper Taschenbuch, München 2004 (12. Auflage: 2011)

Nach jahrelangem Warten auf das kirchliche Plazet beschließt Maria Ward, selbst nach Rom zu gehen.

Im Oktober 1621 bricht sie auf; fünf Gefährtinnen, ein Priester und ein Diener begleiten die Sechsunddreißigjährige auf der 1500 km langen Wanderung. Um wenigstens von gottesfürchtigen Marodeuren nicht überfallen zu werden, kleiden sie sich wie Pilger: Die schwarzen Umhänge und hohen, breitkrempigen Hüte schützen sie außerdem vor Schnee und Regen. Die Gruppe führt nur zwei Pferde mit: Auf dem einen reitet die jeweils schwächste Person, das andere trägt die Körbe mit dem Gepäck. Zu Fuß gehen die Englischen Fräulein und ihre Begleiter durch Elsaß-Lothringen, über den verschneiten St.-Gotthard-Paß ins Tessin, durch die Lombardei und die Toskana. Bis zu fünfunddreißig Kilometer am Tag legen sie zurück. Am 24. Dezember treffen sie in Rom ein – mittellos, weil sie unterwegs bestohlen wurden.

Der neunundsiebzigjährige Botschafter der Spanischen Niederlande in Rom, der die kostbaren Gewänder der kirchlichen Würdenträger und die laute, ausgelassene Lebensart in den Mittelmeerländern gewöhnt ist, traut seinen Augen nicht, als er der ernsten und ärmlich gekleideten Maria Ward zum ersten Mal begegnet.

Insgeheim lehnt er Maria Wards Vorstellungen ab und ist überzeugt, daß sie damit scheitern wird, doch auf Anordnung der spanischen Statthalterin in Brüssel begleitet er sie zur Audienz bei Gregor XV.: Wortreich schildert er dem Papst die Arbeit der Englischen Fräulein, weist auf ihren guten Ruf hin und bittet ihn, der Gründung zuzustimmen.

In das Gespräch, das die Würdenträger in lateinischer Sprache führen, wird Maria Ward kaum einbezogen, aber sie übergibt dem Papst eine Bittschrift, in der sie ihr Vorhaben beschreibt. Mit Zuversicht erfüllt es sie, daß der Heilige Vater freundlich auftritt, sie seines Wohlwollens versichert und zu ihr sagt: „Wer ausharrt bis ans Ende, wird gekrönt werden.“

Am Neujahrstag schreibt sie der spanischen Statthalterin: „…der Botschafter Eurer Hoheit, Monsignore Vives, … hat die Gründe unseres Kommens hervorragend und wirkungsvoll erklärt, die Frucht unserer armseligen Bemühungen, unseren guten Ruf an allen Orten, wo wir uns aufgehalten haben, erwähnt, und auch die Gnade und Zuneigung, die Eure Hoheit uns erwiesen haben und den dringlichen Wunsch Eurer Hoheit, daß Seine Heiligkeit uns die Gnade erweisen möge, uns mit der Bestätigungs-Bulle zu beglücken etc., worauf Seine Heiligkeit mit geneigtem Wohlwollen reagierte.“

Die Bittschrift überantwortet der Papst einer Kurienkongregation, deren Mitglieder Maria Ward einzeln aufsucht, um ihnen das Anliegen zu erklären.

Einer der Kardinäle weist sie darauf hin, daß das Konzil von Trient für Frauenorden die Klausur ausdrücklich vorgeschrieben habe; sie müsse deshalb auf die skandalöse apostolische Arbeit verzichten. Darauf läßt sich Maria Ward nicht ein, denn es würde ihren Vorstellungen in einem zentralen Punkt widersprechen.

Kurzbiografie: © Dieter Wunderlich 2001

Leseprobe: Dieter Wunderlich, EigenSinnige Frauen. 10 Porträts
© Pustet Verlag, Regensburg 1999
Als Piper-Taschenbuch überall im Buchhandel

Fußnoten wurden in der Leseprobe weggelassen. Zitate:
Immolata Wetter: Mary Ward, 1985, S. 41
Mathilde Köhler: Maria Ward. Ein Frauenschicksal des 17. Jahrhunderts, 1984, S. 123f

Michela Murgia - Murmelbrüder
In einer klaren, geschliffenen Sprache erzählt Michela Murgia in "Murmelbrüder. Eine Geschichte aus Sardinien" eine einfache Lausbubengeschichte voller Lokalkolorit.
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