Angelika Waldis : Einer zu viel

Einer zu viel

Angelika Waldis

Einer zu viel

Einer zu viel Originalausgabe: Kein & Aber, Zürich 2010 ISBN: 978-3-0369-5558-2, 175 Seiten, 18.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Witwe Ina blendet beim Familientreffen im Ferienhaus unerfreuliche Tatsachen aus und will nicht wahrhaben, dass ihr Bruder Lucas im Gefängnis sitzt, ihr Sohn Peter sich durch seine Spielsucht ruinierte, die Ehe ihrer Tochter Judith zu scheitern droht und ihr Schwiegersohn Jens sich vor dem Ergebnis einer medizinischen Untersuchung fürchtet. Dass Judith und der junge Nachbar heimlich eine Affäre haben, weiß Ina noch nicht. Und den doppelten Ehebruch, der sich hier vor 28 Jahren ereignet hatte, verdrängte sie ...
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Kritik

Angelika Waldis arbeitet die unterschiedlichen Charaktere in "Einer zu viel" gut heraus und stellt nachvollziehbar dar, was die Figuren bewegt. Die Dramatik ergibt sich weniger aus der äußeren Handlung, als durch psychische Vorgänge.

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Im Sommer 2008 fährt die dreiundsechzigjährige Witwe Ina Strassner mit ihren beiden Enkeln, dem bald sieben Jahre alten Luzi und der vierjährigen Luna, in ihr von der Mutter geerbtes Ferienhaus Casa Casta im Tessin. In zwei Wochen wird ihre Tochter Judith nachkommen. Danach erwartet Ina auch noch ihren Sohn Peter und Judiths Ehemann Jens Jaksch. Mit ihrem ein Jahr jüngeren Bruder Lukas („Ukas“) ist allerdings nicht zu rechnen, denn er sitzt in Untersuchungshaft. Man wirft ihm Urkundenfälschung vor.

Als Ina ein Auto vorbeifahren hört, wundert sie sich, denn oberhalb von Casta liegt nur noch Castagneto, und das einzige Anwesen dort ist seit Jahren unbewohnt. Ursprünglich hatte es dem Colonello Ombrosi gehört. Dessen Enkel Mauro Ombrosi wohnte vor achtundzwanzig Jahren kurze Zeit mit seiner jungen Ehefrau Riccarda in Castagneto. Danach blieb das Haus leer. Ina wandert mit den Kindern hinauf und stellt fest, dass tatsächlich wieder jemand eingezogen ist. Sie erkundigt sich auf dem Rathaus und erfährt, dass es sich bei dem neuen Bewohner um Dante Ombrosi handelt, den siebenundzwanzigjährigen Sohn von Mauro und Riccarda. Er wuchs bei seinen Eltern in den USA auf. Ina geht erneut mit Luzi und Luna nach Castagneto. Dante ist nicht allein: Er hat einen amerikanischen Freund namens Bill mitgebracht. Mauro sei gestorben, berichtet Dante. Riccarda lebt noch, ist wieder verheiratet, und Dante hat zwei Halbschwestern in den USA.

Signor Cavatti, der das ganze Jahr über den Ostflügel der Casa Casta bewohnt – Ina und die Kinder nennen ihn heimlich „Nasenmann“ –, wird schwer krank ins Ospedale Santa Croce gebracht. Die einzige Angehörige, seine Schwester Pia-Anna, lebt in Norwegen.

Judith trifft ein. Die gelernte Drogistin ist dreißig. Nach acht Jahren kriselt es in ihrer Ehe mit Jens, und sie hat sich vorgenommen, in drei Monaten eine Entscheidung über das Ende oder den Fortbestand herbeizuführen.

Nachdem Ina und sie zu viel Brot gebacken haben, bringt Judith zwei Laibe nach Castagneto.

Bestimmt bin ich rot, dachte sie, ich glühe. Das Brot auf ihrem Rücken war immer noch warm. „Ich wollte euch Brot bringen“, sagte sie und streifte den Rucksack von den Schultern. Dante fing ihn auf, umfasste ihn mit beiden Armen und roch daran. Dann beugte er sich zu Judiths Mund. Als er sie küsste, rutschte der Rucksack zwischen ihren Körpern zu Boden. (Seite 78)

Die beiden verlieben sich auf der Stelle. Jeden Morgen vor dem Frühstück läuft Judith im Joggingdress zu Dante hinauf, und er denkt sich immer neue Sexspiele aus.

Judiths zwei Jahre jüngerer Bruder Peter bringt seine Freundin Salome mit. Der erfolglose Jurist gesteht seiner Mutter und seiner Schwester, spielsüchtig zu sein und nur noch Schulden zu haben. Weil er mit der Miete im Rückstand war, musste er seine Wohnung aufgeben und zu Salome ziehen, die er vor zwei Monaten in einem Kasino kennengelernt hatte. Der gut aussehenden Immobilienmaklerin gehört auch das Auto, mit dem sie gekommen sind.

Was Peter nicht verrät: Er war vor ein paar Tagen schon hier, in der Absicht, sich in der Scheune der Casa Casta zu erhängen, nachdem er gerade noch einmal 30 000 Franken unterschlagen und verspielt hatte. Zufällig begegnete er Rosie, mit der er während seines letzten Aufenthalts in Casta vor vier Jahren zusammen gewesen war. Weil er ihr seine Spielsucht verschwiegen und sie ihn wegen seiner ungeklärten Ausflüge der Untreue verdächtigt hatte, war die Beziehung zerbrochen. – Unbekümmert stillte Rosie ihren Sohn Adam in seinem Beisein. Ihr Ehemann Rainer ist Lehrer, und sie verbrachten eine Woche in der nahen Feriensiedlung des Lehrervereins. Weil Rainer an diesem Tag in Mailand zu tun hatte, schlug Rosie Peter vor, an Stelle ihres Mannes das im Preis inbegriffene Mittagessen mit ihr einzunehmen. Als Adam dann schlief, zog sie die Bluse aus. Während Rosie nach dem Geschlechtsverkehr im Bad war, stahl Peter ihr 100 Franken aus dem Geldbeutel. Aber dann merkte er, dass ihn der inzwischen aufgewachte Säugling anblickte. Daraufhin steckte er den Schein rasch wieder zurück. Zurück in der Casa Casta, schrieb Peter einen Abschiedsbrief. Bei der Suche nach einem Kuvert stieß er in einer Schublade auf 600 Euro. Die hatte wohl sein Onkel Lukas hier vergessen, der das Ferienhaus des Öfteren als Absteige für Liebesabenteuer benutzte. Peter nahm das Geld und fuhr damit über Lugano nach Campione d’Italia, um in der Spielbank noch einmal sein Glück zu versuchen.

Als Letzter trifft Jens ein. Er war noch beim Arzt, weil er Blut im Stuhl hat und sich Sorgen um seine Gesundheit macht.

Wie immer versucht Ina alles, um Harmonie zwischen ihren Angehörigen herzustellen. Dass Judith eine Affäre mit Dante hat, ahnt sie nicht, aber es wird auch nicht davon gesprochen, dass Peter sich durch seine Spielsucht ruinierte, Lucas im Gefängnis sitzt, Jens sich vor dem Ergebnis der medizinischen Untersuchung fürchtet und seine Ehe zu scheitern droht. Judith entgeht nicht, dass Ina die unerfreulichen Tatsachen zu verdrängen versucht. Statt Mitleid mit ihrer Mutter empfindet sie Schadenfreude.

Salome kann aus geschäftlichen Gründen nur übers Wochenende bleiben. Bevor sie mit Peter wieder abreist, vertraut sie Judith an, dass sie schwanger ist. Peter weiß davon noch nichts. Auf der Rückfahrt verursacht er einen Verkehrsunfall mit erheblichen Blechschäden.

Jens reist vorzeitig ab, weil er noch einmal zum Arzt will. Judith bringt ihn zum Bahnhof.

Sie kann noch eine Woche bleiben. Dann muss Luzi wieder in die Schule. Doch wie soll Judith die Trennung von Dante durchstehen?

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Dante ist drei Jahre jünger als sie. Er habe Mauro für seinen Vater gehalten, erzählt er. Erst als er für den Erkrankten Rückenmark spenden wollte, erfuhr er, dass sie nicht verwandt waren. Riccarda wollte nicht darüber reden. Dante weiß nur, dass sein Vater Mattia Michele oder so ähnlich hieß.

Noch am selben Tag berichtet Judith ihrer Mutter, was Dante ihr anvertraute. Ina scheint nicht besonders überrascht zu sein. Schließlich zeigt sie ihrer Tochter ein Foto von Dantes Mutter Riccarda, das sie bei Mattis Sachen fand. Sie muss bereits schwanger gewesen sein, als sie Castagneto vor achtundzwanzig Jahren mit ihrem Ehemann verlassen hatte. Auf der Rückseite des Fotos liest Judith: „Per il mio amore Mattia Michele, R.“ Dantes Vater war Matti Michael Strassner, Inas vor dreizehn Jahren an einem Herzinfarkt gestorbener Ehemann. Da begreift Judith, dass sie mit ihrem Halbbruder schlief [Inzest].

1980, vor achtundzwanzig Jahren, kurz nach Peters Geburt, zogen Mauro und Riccarda Ombrosi in Castagneto ein. Die beiden waren damals fünfundzwanzig bzw. neunzehn Jahre alt. Matti verliebte sich auf den ersten Blick in die junge Frau. Um zu ihr zu können, redete der Architekt Mauro ein, das Haus durch Ferienwohnungen erweitern zu lassen. Jeden Tag, wenn Mauro bei der Arbeit war, ging er unter dem Vorwand, Messungen für die Pläne vornehmen zu müssen, zu Riccarda hinauf. Sie liebten sich auf einer Matratze in einem leer stehenden Zimmer. Die Wochenenden, an denen Mauro zu Hause blieb, waren für Matti kaum zu ertragen. Selbst nachdem sich der Vierzigjährige beim Umgraben versehentlich den Spaten in den Fuß gerammt hatte und er vor Schmerzen hinkte, unterbrach er seine Besuche bei Riccarda nicht.

Die Affäre endete erst, als sein Stellvertreter Robert anrief und ihm mitteilte, dass ein Baugerüst zusammengebrochen sei und Gregorio, einer der Arbeiter, einen Schädelbruch erlitten habe. Da blieb Matti nichts anderes übrig, als in die Stadt zurückzukehren. Zumal ihm die Versicherung vorwarf, das Gerüst nicht ordnungsgemäß überprüft zu haben.

Ina sperrte die Casa Casta im Sommer 1980 vorzeitig zu, um bei ihrem Mann zu sein. Dadurch hätte es für Matti erst im Herbst wieder eine Möglichkeit gegeben, nach Castagneto hinaufzugehen, aber kurz vorher starb seine Schwiegermutter nach einem Herzanfall. Deshalb kam Matti erst im Frühjahr 1981 wieder nach Casta. Castagneto stand leer. Signor Cavatti berichtete, Mauro und Riccarda Ombrosi seien in die USA ausgewandert und hätten keine Adresse hinterlassen.

1995 erlag Matti im Alter von fünfundfünfzig Jahren einem Herzinfarkt. Seinem Wunsch entsprechend wurde seine Asche verstreut.

Ina trauerte um ihn. In ihrer Erinnerung wurde er „der wunderbarste Mann und denkbar beste Vater“ (Seite 116).

Luzi beobachtet, wie Signor Cavattis Schwester Pia-Anna mit ihrem Chauffeur eintrifft. An diesem Morgen vermisste er nach dem Aufwachen seine Mutter. Jetzt ist sie wieder da und kommt zu ihm in die Scheune, wo er zu Beginn des Aufenthalts eine Burg gebaut hatte, aus der inzwischen ein Schiff geworden ist, mit dem er in das Fantasieland Zafanta reisen kann.

„Sie sind gekommen“, flüsterte Luzi. „Wer?“, sagte Judith. „Ein schwarzer Mann“, sagte Luzi. „Der Schwarze Schuut?“, fragte Judith, und Luzi merkte, dass sie ihm damit gefallen wollte. Dabei ging ihn der Schuut schon längst nichts mehr an, er brauchte ihn nur noch, um Luna zu erschrecken. Aber Judith tat immer so, als teile sie Luzis Geheimnisse. Luzi zeigte zur Tür, und Judith spähte durch die Ritze. „Ein schwarzer Mann und eine alte Frau.“ Luzi war gespannt, was Judith diesmal einfiel, um ihm zu gefallen. Aber sie sagte nur „Das muss die Schwester vom Nasenmann sein.“ Und dann sagte sie noch, die Schwester sei reich, und der schwarze Mann sei wohl ihr Chauffeur, und sie komme aus Norwegen, darum das N auf dem Nummernschild. Luzi wusste nicht, ob er enttäuscht sein sollte. Plötzlich war die Scheune nichts als eine Scheune, und Zafanta war weit weg. „Wo warst du?“, fragte er. „Bei Dante“, sagte Judith. „Warum?“, fragte Luzi. „Ich hab ihm noch etwas gebracht, ein Foto, das ihm gehört. Wir fahren heute nach Hause.“ – „Warum?“, fragte Luzi. Judith antwortete nicht. Sie setzte sich in Luzis Schiff, von dem sie glaubte, es sei eine Burg. (Seite 170)

Ina lebt noch zwei Jahre. Nach ihrem Tod verkaufen Judith und Peter die Casa Casta, Judith, um ihre damit verbundenen Erinnerungen loszuwerden, Peter, um seine Schulden begleichen zu können.

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Drei Generationen einer Familie versammeln sich in einem Ferienhaus im Tessin. Die verwitwete Großmutter Ina sorgt für Harmonie und blendet unerfreuliche Tatsachen aus. Sie will nicht wahrhaben, dass ihr Bruder Lucas im Gefängnis sitzt, ihr Sohn Peter sich durch seine Spielsucht ruinierte, die Ehe ihrer Tochter Judith zu scheitern droht und ihr Schwiegersohn Jens sich vor dem Ergebnis einer medizinischen Untersuchung fürchtet. Dass Judith und der junge Nachbar heimlich eine Affäre haben, weiß Ina noch nicht. Und den doppelten Ehebruch, der sich hier vor achtundzwanzig Jahren ereignet hatte, verdrängte sie. Aber die Vergangenheit holt sie ein und zerstört ihre Lebenslüge.

In „Einer zu viel“ geht es um Sucht und Obsession. Ina denkt sich wie unter Zwang Rätsel aus, Peter ist spielsüchtig, und im Mittelpunkt stehen zwei amours foux, zwei verbotene Liebesbeziehungen.

Der Plot klingt nach einem rührseligen Trivialroman. Das ist „Einer zu viel“ jedoch nicht. Angelika Waldis arbeitet die unterschiedlichen Charaktere gut heraus und stellt nachvollziehbar dar, was die Figuren bewegt. Die Dramatik ergibt sich weniger aus der äußeren Handlung, als durch psychische Vorgänge. Dabei vermeidet Angelika Waldis explizite psychologische Deutungen und moralisierende Kommentare. Stattdessen beschränkt sie sich darauf, das Geschehen ohne Effekthascherei zu inszenieren. Die Gliederung in fünf Kapitel geht mit Perspektivenwechseln einher: Peter, Ina, Judith, Matti, Luzi. Die Darstellung ist chronologisch, bis auf das Kapitel über Inas inzwischen verstorbenen Ehemann Matti, das als Rückblende eingeschoben ist.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Kein & Aber

Andreas Maier - Sanssouci
"Sanssouci" ist ein grotesker Roman. Im ersten, vorwiegend aus indirekter Rede bestehenden Teil ist Andreas Maier ein fantastischer Figurenreigen gelungen.
Sanssouci

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