Emilie de Turckheim : Im schönen Monat Mai

Im schönen Monat Mai
Originalausgabe: Le Joli Mois de mai Éditions Héloïse d'Ormesson, Paris 2010 Im schönen Monat Mai Übersetzung: Brigitte Große Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012 ISBN: 978-3-8031-2688-7, 105 Seiten Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2013 ISBN: 978-3-8031-2702-0, 105 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem Tod des Gutsherrn Louis Yoke lädt der Knecht Aimé fünf Personen ein, die angeblich alles erben sollen. Martial, dem zweiten Knecht, fehlt die eine Hälfte des Gesichts; sein Aussehen erschreckt die Menschen, die ihm begegnen. Bei Aimé ist das anders: seine Verletzungen sind unsichtbar, denn sie sind psychisch. Er erzählt uns die Geschichte. Entsprechend unbeholfen ist die Sprache. Aber wir ahnen schon nach wenigen Seiten, dass dieser Tor alles andere als harmlos ist ...
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Kritik

Hinter dem sarkastischen Titel "Im schönen Monat Mai" verbirgt sich ein erschütternder Roman über Gewalt und Unmenschlichkeit, Schuld und Rache. Émilie de Turckheim führt uns mit viel schwarzem Humor durch die Geschichte. Form und Inhalt überzeugen gleichermaßen.
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Aimé ist 28 Jahre alt und Knecht auf einem Gut in Saint-Benoît-sur-Leuze, auf dem sich während der Jagdsaison stets Großstädter als Gäste eingefunden und viel Geld dafür bezahlt haben, dass sie zum Beispiel ein Wildschwein vor die Büchse kriegten, das sie dann womöglich doch verfehlten. Aber jetzt ist Mai, Schonzeit, und dennoch reisen fünf Gäste an. Louis Yoke, der Gutsherr, ist nämlich tot, und weil er keine Angehörigen hatte, soll er das Ehepaar Truchon, Jacques Lyon-Saëck, Sacha Milou und Herrn Hi als Erben eingesetzt haben. Abdallah holt sie vom Bahnhof ab. Weil es nicht genügend Betten im Gutshaus gibt, müssen sich einige der Gäste ein Bett teilen.

Nicht dass ihr jetzt glaubt, wir haben extra für die Hirnschüssler das Bettzeug gewaschen! Wir haben es nur umgedreht, damit es sauber aussieht. Von fern wirkt es ganz frisch. Na ja, nicht ganz, ein paar Spuren sind dran.

„Wir“, damit meint Aimé sich und einen weiteren Knecht, Martial. Der hält sich meistens im Hintergrund, weil sein Anblick die Leute erschreckt. Martial hinkt. Schlimmer ist, dass ihm eine Seite des Gesichts fehlt. Da hat er weder Wange, noch Ohr oder Auge. Ursache dafür war ein Unfall vor zwei Jahren, der eigentlich nicht wirklich ein Unfall war, „sondern ein Wutanfall von Monsieur Louis, der schlecht ausgegangen ist“.

Aimé behauptet, der Notar werde am nächsten Tag um 11 Uhr kommen.

Sacha Milou, der seit 27 Jahren das Bordell „Zum Blauen Engel“ in der nahen Stadt Saint-Étienne betreibt, hat seinen Hund Pistache mitgebracht, und der schließt mit Monsieur Louis‘ verwaister Katze Njama Freundschaft.

Der 70-jährige pensionierte Wachtmeister Lyon-Saëck erkundigt sich, wann Louis Yoke gestorben sei. Das sei vor etwa einem Monat geschehen, antwortet Aimé. Martial und er hätten drei Tage nach ihm gesucht. Martial fand ihn dann. Monsieur Louis hatte sich mit einem Gewehr im Wald erschossen. Martial sei so verstört gewesen, sagt Aimé, dass er tagelang nichts von dem Fund erzählt habe. Er, Aimé, habe schließlich die fünf von Monsieur Louis vor seinem Selbstmord vorbereiteten Abschriften des Testaments verschickt und die Erben zur Testamentseröffnung eingeladen. Lyon-Saëck äußert Zweifel an der Gültigkeit des weder datierten noch unterschriebenen Testaments, aber davon wollen die anderen, die schon nach dem Erbe gieren, nichts wissen. Immerhin gehören außer dem Gutshof und den Ländereien ein Teich und ein Wald dazu.

Paulette Truchon hält es nicht mehr aus, wie ihr das Erbe geklaut wird, und schreit so laut, dass ihr die Brüste aus der Korsage springen und jeder merkt, dass die zwei Dinger noch größer sind, als was sie uns gern hat glauben lassen. „Geht es dir auch wirklich gut, mein Schatz?“, fragt Herr Truchon, aber statt dass sie ihm eine Antwort gibt, fällt sie auf den Boden, zum Glück hat sie es ja nicht weit, weil sie, wie ich euch schon erklärt habe, unbedingt auf dem Fußschemel hat sitzen müssen.

Sie ist tot. Der Witwer kann es kaum glauben und beteuert, sie sei kerngesund gewesen. Abdallah holt die Leiche ab.

Kurz darauf hört Aimé, wie etwas Schweres in den Teich fällt, aber weder der Bordellbesitzer noch der Wachtmeister achten darauf.

Jacques Lyon-Saëck prahlt mit der Waffensammlung in seinem Haus in der Picardie. Seine inzwischen an Schwindsucht verstorbene Ehefrau Mathilde sei schon vor der Hochzeit von ihm schwanger gewesen, gesteht er. Die Tochter Céline, die sie dann gebar, habe das Laster im Blut gehabt. Als sie mit dreizehn schwanger wurde, warf er sie wegen der Schande aus dem Haus. Seine alte Amme Adèle fand schließlich Pflegeeltern für Céline, und er bezahlte dafür eine Menge Geld.

Das Ehepaar Truchon war häufig zu Besuch bei Louis Yoke, „weil Freunde mit einem wildreichen Grundstück beim Aufstieg eine Hilfe sind“. Der Gutsherr, der keine Verwandten mehr hatte, stellte ihnen die Erbschaft in Aussicht, doch mit seinem Ableben war noch lange nicht zu rechnen. Seit dem 22. September des letzten Jahres blieben die Truchons aus. An dem Tag hatte Monsieur Truchon auf den Gastgeber geschossen. Er habe seinen Freund mit einem Tier verwechselt, behauptete er.

Aimé hat seit seiner Kindheit auf dem Gut gearbeitet, und zwar für Kost und Logis.

Ich denke daran, dass ich damals, wie ich noch ganz klein war, kein Geld gekriegt habe für die ganze Arbeit im Gemüsegarten, aber das ist normal, weil Kinder sind ja zum Spielen auf der Welt und zum Plärren und nicht zum Geldverdienen.

Er erinnert sich an Lucette. Abdallah brachte sie regelmäßig mit dem Wagen, und dann ging sie zu Monsieur Louis ins Haus. Der nannte sie Pipette, so wie er Aimé auch nicht bei seinem richtigen Namen rief, sondern sich „Mémé“ für ihn ausgedacht hatte.

[…] weil ich ein Sensibelchen bin, das hat Lucette immer gesagt, wenn sie mich geküsst hat und traurig war wegen allem außer mir, ich war nämlich die Freude ihres Lebens und ihr Sonnenstrahl.

Lucette hat mir auch erklärt, was entrüsten heißt, nämlich wenn man genug Selbstliebe hat, dass man auf die Schweine spuckt, die einem ohne Vorwarnung an den Hintern greifen und nicht dafür zahlen.

Jeanne, die Monsieur Louis‘ Hemden bügelte, schlug ihm einmal vor, sie hinter dem Friedhof zu treffen, aber er ging nicht hin und hat auch noch mit keiner anderen Frau Erfahrungen gesammelt. Er himmelte Lucette an und freute sich, wenn Abdallah sie aufs Gut brachte. Louis Yoke scheint sie auch gemocht zu haben, denn er ließ sie jede Woche kommen.

[…] weil Monsieur Louis zwar nie wen geliebt hat, aber von allen Menschen der Erde war Lucette am nächsten dran.

Aber der arme Monsieur Louis hat auch ohne Liebe keine Frau gefunden. Er hätte Lucette schon gern geheiratet, das Problem war nur, dass Zwangsehen bei uns verboten sind und Lucette gesagt hat, da hänge ich mich lieber auf, bevor ich die alte versoffene Sau zum Mann nehme.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Lucette erzählte Aimé, dass sie im Alter von 13 Jahren in den Ferien bei ihrem Onkel Anselme und ihrer Tante Denise gewohnt habe, weil ihr Vater depressiv gewesen sei. Onkel Anselme schwängerte sie, und daraufhin setzte ihr Vater, ein Polizist, sie vor die Tür. Sie kam zu Pflegeeltern, die hießen Truchon, schlugen sie mit einer Latte und brachten sie dann ins Bordell „Zum Blauen Engel“ in Saint-Étienne.

Aimé erinnert sich, wie Lucette vor zwei Jahren an einem heißen Julitag von Abdallah gebracht wurde.

Sie ist gekommen mit Schuhen, die die Fersen ganz hoch heben, und einem weißen Kleid, das so kurz wie ein Hemd ist und trotzdem Kleid heißt. Und dann hat sie vergessen gehabt, die dünnen Sachen anzuziehen, die Frauen drunter tragen, damit man den Hintern und die Brust nicht so sieht, und Martial hat seine Hormone gekriegt.

Als Lucette wieder aus dem Haus kam, forderte Martial sie auf, ihm in den Schweinestall zu folgen. Damals war sein Gesicht zwar noch unverletzt, aber Lucette wollte dennoch nicht. Er zerrte sie hinein. Aimé fütterte die Hühner, harkte die Allee und wusch Monsieur Louis‘ Auto. Da hörte er zuerst Martial und dann Lucette aufschreien. Er rannte zum Schweinestall. Auch Monsieur Louis kam angelaufen. Martial kam hinter dem Koben hervor. Sein Gesicht war voller Blut, und ein Ohrläppchen fehlte ihm. Offenbar hatte er versucht, Lucette zu vergewaltigen, und sie hatte sich gewehrt und ihm das Ohrläppchen abgebissen. Nun lag sie bewusstlos am Boden, und ihr Gesicht war verätzt, denn Martial hatte ein mit Schwefelsäure gefülltes Weckglas nach ihr geworfen. Monsieur Louis schlug Martial mit einer Schaufel zusammen, bis er sich kaum noch bewegen konnte. Dann nahm er ein weiteres Glas mit Säure aus dem Regal und schüttete es ihm ins Gesicht.

Ich bin auf das Dach von der Scheune und habe meine Knie genommen und mich nicht mehr gerührt. So lange, bis die Feuerwehr gekommen ist und mich mit der Leiter, die den Kindern so gut gefällt, von dem Dach runtergeholt hat. Die haben dann gesagt, ich brauche sofort psychologische Hilfe, und gleich am nächsten Tag ist die psychologische Hilfe gekommen, mit Rock und gestreifter Bluse und einer Stimme, die extra so war, dass alles gut wird. Eine sehr hübsche psychologische Hilfe war das, die hat mich mit ihren langen Haaren gleich an Lucette erinnert.

Es hieß dann, es habe sich um zwei bedauerliche Unfälle gehandelt. Weil Louis Yoke großzügige Spenden verteilte, die ganze Wirtschaft von Saint-Benoît-sur-Leuze von ihm lebte und angesehene Leute aus Paris zu ihm kamen, um Wildschweine zu schießen, unternahm die Polizei nichts weiter.

Lucette lag im Krankenhaus, zuerst ein einem für den Körper, dann in einem für die Seele. Mit ihrem entstellten Gesicht konnte sie nicht mehr arbeiten; Sacha Milou warf sie hinaus, und selbst ihr Stammkunde, Herr Hi, wollte nichts mehr von ihr wissen. Im Alter von 41 Jahren erhängte Lucette sich in dem Schweinestall, in dem Martial versucht hatte, sie zu vergewaltigen.

Bald darauf erschoss Louis Yoke sich im Wald, und Martial fand seine von Wildschweinen angefressene Leiche.

Aimé stieß schließlich auf Monsieur Louis‘ Testament, mit dem ihm das Gut mit allem, was dazu gehört, vermacht wurde. Nach der Vorlage schrieb Aimé ein anderes Testament, in dem Anselme Lyon-Saëck als Alleinerbe angegeben wurde. Aber die Post kam mit dem Vermerk zurück, dass der Empfänger nach langer Krankheit vor zwei Jahren verstorben sei.

Da habe ich zu mir gesagt, Gott hat für mich mit der Drecksarbeit angefangen, jetzt muss ich nur noch weitermachen.

Der pensionierte Wachtmeister beklagt sich, dass der Kaffee, den Aimé für ihn kochte, grässlich bitter sei. Offenbar hat Aimée etwas zu viel Gift hineingetan. Jedenfalls wirkt es rasch. Abdallah kommt, um die Leiche abzuholen. Es sei die letzte, sagt Aimé. Die anderen liegen bereits im Teich. Paulette Truchon wurde wie Jacques Lyon-Saëck vergiftet, ihren Witwer erschlug Aimé ebenso wie Herrn Hi mit einer Axt, und bei Sacha Milou benutzte er einen Schürhaken. Martial erwürgte er.

Nun lebt er bereits seit 14 Jahren allein auf dem Gut. Nur der Hund Pistache und die Katze Njama leisten ihm Gesellschaft.

Ich glaube nicht, dass der Tod der Anfang von einem neuen Leben ist. Wenigstens hoffe ich es. Das wäre ein harter Schlag, wenn alles noch mal von vorn anfinge.

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Hinter dem sarkastischen Titel „Im schönen Monat Mai“ verbirgt sich ein Roman über Unmenschlichkeit und Gewalt, Schuld und Rache.

Martial fehlt die eine Hälfte des Gesichts; sein Aussehen erschreckt die Menschen, die ihm begegnen. Bei Aimé ist das anders: seine Verletzungen sind unsichtbar, denn sie sind psychisch. Diesen scheinbar einfältigen Knecht setzt Émilie de Turckheim als Ich-Erzähler ein. Entsprechend unbeholfen ist die Sprache. Aber wir ahnen schon nach wenigen Seiten, dass dieser Tor alles andere als harmlos ist.

Émilie de Turckheim versammelt in ihrem Roman „Im schönen Monat Mai“ sieben Personen auf einem Gutshof, und auf Seite 25 sinkt eine davon tot zu Boden. Das erinnert an Krimis bzw. Theaterstücke von Agatha Christie, aber „Im schönen Monat Mai“ ist kein Whodunit-Thriller, denn die Frage nach dem Mörder spielt hier kaum eine Rolle. Die Spannung entsteht durch Andeutungen über die Vorgeschichte und eine unheilschwangere Atmosphäre. Ein Beispiel dafür ist, wie Aimé auf Seite 9 leichthin auf die Ursache von Martials schrecklicher Gesichtsverletzung zu sprechen kommt:

Martial stottert nämlich ständig seit dem Unfall, von dem wir beide wissen, dass es kein Unfall war, sondern ein Wutanfall von Monsieur Louis, der schlecht ausgegangen ist.

Erst auf Seite 53 erfahren wir mehr darüber. Aufgrund der raffinierten Auslassungen haben wir von der Beziehung zweier Personen zunächst eine völlig falsche Vorstellung. Émilie de Turckheim führt uns so geschickt durch die Geschichte, dass sich nach und nach ein vollständiges Bild zusammensetzt und die Spannung bis zum Schluss hoch bleibt. Dabei ist „Im schönen Monat Mai“ eigentlich gar kein Thriller, sondern ein packendes groteskes Drama voller Sarkasmus.

Trotz erschütternder Szenen ist „Im schönen Monat Mai“ eine höchst unterhaltsame Lektüre. Dafür sorgt Émillie de Turckheim mit viel schwarzem Humor. Wenn man den Roman nach dem Lesen der letzten Seite zuklappt, ist man aber auch angetan von der literarischen Qualität. Form und Inhalt überzeugen hier gleichermaßen.

Die 1980 in Lyon geborene Französin Émilie de Turckheim veröffentlichte 2005 ihren Debütroman: „Les Amants terrestres“. Für ihren Roman „Héloïse est chauve“ wurde sie mit dem Nachwuchspreis „Prix Bel Ami“ ausgezeichnet. „Im schönen Monat Mai“ ist ihr erstes ins Deutsche übertragene Buch.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

 

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Voltaire (1694 - 1778) verspottet das optimistische Menschenbild des deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716) in einer 1759 anonym veröffentlichten ideenreichen Romansatire voller Sarkasmen.
Candide

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