Colm Tóibín : Marias Testament

Marias Testament

Colm Tóibín

Marias Testament

Originalausgabe: The Testament of Mary Viking, London 2012 Marias Testament Übersetzung: Giovanni und Ditte Bandini Carl Hanser Verlag, München 2014 ISBN: 978-3-446-24484-9, 127 Seiten, 14.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In "Marias Testament" präsentiert Colm Tóibín die Ikone der Mutter Gottes als einfache Frau und erzählt aus ihrer Sicht die Leidensgeschichte einer Witwe, die ihren Sohn nicht erst durch die Kreuzigung verloren hat. Die Analphabetin liebt ihren Sohn, hält jedoch weder viel von seinen Reden noch von seinen Jüngern. Während er sterbend am Kreuz hängt, flieht sie vor den Häschern, die es auch auf sie abgesehen haben. Dass sein Tod einen Sinn hatte, bezweifelt sie. Und der neue Glaube interessiert sie nicht weiter; sie betet lieber im Artemis-Tempel.
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Kritik

Colm Tóibín erzählt in "Marias Testament" die aus dem Neuen Testament bekannte Geschichte gegen den Strich und macht aus der Heilsgeschichte ein finsteres Drama. Die Sprache der alten Frau, die hier zu Wort kommt, ist einfach, nüchtern und unsentimental. Aber gerade dadurch wirkt "Marias Testament" dicht, authentisch und suggestiv.
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Nach der Kreuzigung ihres Sohnes in Jerusalem floh Maria nach Ephesus. Zwei Männer versorgen sie dort auch noch im Alter und drängen sie immer wieder, zu bezeugen, dass sie dabei gewesen sei, als ihr Sohn vom Kreuz abgenommen wurde. Die Männer schreiben über die Ereignisse von damals, aber Maria kann nichts davon lesen; sie ist Analphabetin.

Ich weiß, dass er von Dingen geschrieben hat, die weder er noch ich gesehen haben. Ich weiß außerdem, dass er dem, was ich durchlebt habe und er mit angesehen hat, Ausdruck verliehen und dafür gesorgt hat, dass die Worte Gewicht haben werden und man auf sie hören wird.

Sie weigert sich, Aussagen nachzusprechen, die ihr in den Mund gelegt werden. Maria berichtet nur, was sie tatsächlich sah. Und daran erinnert sie sich nur allzu gut.

Als ihr Sohn noch bei ihr in Nazareth wohnte, kamen Besucher zu ihm, die ihr nicht gefielen.

Etwas an der Ernsthaftigkeit dieser jungen Männer stieß mich ab, trieb mich in die Küche oder in den Garten.

Noch schlimmer war es, wenn mein Sohn sie anhielt zu schweigen und dann anfing, mit ihnen wie vor einer Volksmenge zu reden, seine Stimme ganz künstlich und sein Ton gestelzt.

Um Arbeit zu suchen, gingen junge Männer damals nach Jerusalem. Kaum einer von ihnen kam zurück.

Sie schickten Botschaften und Münzen und Stoff, sie schickten Nachrichten über ihr Leben, aber was immer dort war, es hielt sie mit einem Sog fest, es war der Sog des Geldes, der Sog der Zukunft. Ich hatte bis dahin noch niemanden über die Zukunft sprechen hören, außer sie sprachen vom nächsten Tag oder von einem Fest, das sie jedes Jahr besuchten. Aber nicht im Zusammenhang mit einer Zeit, in der alles anders und alles besser sein würde. Genau so eine solche Idee fegte damals durch die Dörfer wie ein trockener heißer Wind und riss jeden, der zu irgendetwas taugte, mit sich fort. Sie riss auch meinen Sohn mit sich fort, und das war für mich keine Überraschung, denn wäre er nicht gegangen, hätte er im Dorf auffallen können, und die Leute hätten sich vielleicht gewundert, warum er nicht ging.

Auch ihr Sohn zog nach Jerusalem.

Er scharte, sagte ich, eine Gruppe von Nichtsnutzen um sich, die wie er selbst bloße Kinder waren, oder Männer ohne Väter, oder Männer, die einer Frau nicht in die Augen sehen konnten.

Eines Tages kam Markus zu Maria nach Nazareth. Sie waren zwar nicht verwandt, aber er nannte sie Cousine, denn sie waren zur gleichen Zeit in benachbarten Häusern in Kana geboren worden und dann miteinander aufgewachsen. Markus unterrichtete sie darüber, dass man ihren Sohn bereits seit einiger Zeit beobachtete und seine Festnahme bevorstand.

Daraufhin reiste Maria gegen ihre ursprüngliche Absicht doch zur Hochzeit ihrer Cousine Mirjam nach Kana, denn sie hoffte, dort ihren Sohn wiederzusehen und warnen zu können.

Mirjam erzählte Maria nach deren Ankunft, dass Lazarus, der Sohn ihrer Nachbarin Ramira, gestorben sei und bereits vier Tage lang im Grab gelegen habe, als Marias Sohn mit seinem Gefolge nach Kana gekommen war. Lazarus‘ Schwestern Maria und Martha hätten ihn angefleht, etwas für ihren Bruder zu tun, und Marias Sohn habe Lazarus tatsächlich aus dem Grab zurückgerufen. Maria entging nicht, dass Mirjam nicht selbst dabei war, und sie konnte nicht glauben, dass ihr Sohn einen Toten wieder zum Leben erweckt hatte. Aber Mirjam fuhr fort:

„Ich weiß, dass Lazarus gestorben ist. Zweifle nicht daran, dass er gestorben ist. Und dass er vier Tage lang begraben war. Zweifle nicht daran. Und jetzt ist er am Leben, er wird morgen auf der Hochzeit dabei sein.“

Markus verließ die Hochzeitsfeier nach kurzer Zeit wieder. Es sei zu gefährlich für ihn, sich hier sehen zu lassen, erklärte er Maria und zeigte ihr einen Mann, der nicht nur als Spitzel für die Obrigkeit arbeitete, sondern auch als lautloser Würger. Von dem Geld, das er dafür bekam, kaufte er sich Olivenhaine.

Schließlich kam ihr Sohn mit seiner „Horde“.

Er trug kostbare Kleider und bewegte sich so, als stünden ihm die Kleider von Rechts wegen zu. Sein Gewand war aus einem Stoff, den ich nicht kannte und dessen Farbe – ein Blau, das ins Violette spielte – ich noch niemals an einem Menschen gesehen hatte.

Flüsternd warnte Maria ihn vor der geplanten Verhaftung, aber er unterbrach sie barsch.

„Weib, was geht’s dich an, was ich tue?“, fragte er, und dann noch einmal lauter, sodass es überall zu hören war: „Weib, was geht’s dich an, was ich tue?“
„Ich bin deine Mutter“, sagte ich. Aber da hatte er schon begonnen, zu anderen zu sprechen, geschwollene Sprüche und Rätsel, und er sprach in seltsamen, anmaßenden Wendungen von sich und seiner Aufgabe in der Welt. Ich hörte ihn sagen – ich hörte es in dem Moment, und ich bemerkte, dass sich die Köpfe neigten ringsum, als er es sagte –, ich hörte ihn sagen, dass er der Sohn Gottes sei.

Ich begriff, dass ich nicht etwa die Gelegenheit verpasst hatte, meinen Sohn von hier fortzuführen – ich begriff, dass eine solche Gelegenheit nie bestanden hatte und dass wir alle verloren waren.

Als sich angetrunkene Hochzeitsgäste lautstark darüber beschwerten, dass der Wein ausgegangen war, ließ Marias Sohn sechs mit Wasser gefüllte Steingefäße bringen.

Ich weiß nicht, ob jedes von ihnen Wasser enthielt oder Wein, das erste jedenfalls enthielt Wasser, aber bei dem ganzen Geschrei und Durcheinander wusste niemand, was eigentlich passierte, bis sie plötzlich anfingen zu schreien, er habe das Wasser in Wein verwandelt.

Als Maria dann wieder in Nazareth war, dachte sie über die Entwicklung ihres Sohnes nach.

Und dann schuf die Zeit den Mann, der auf der Hochzeit zu Kana neben mir gesessen hatte, den Mann, der mich nicht beachtete, der auf niemanden hörte, einen Mann voller Macht, einer Macht, die scheinbar keinerlei Erinnerung an frühere Jahre zuließ, da er die Milch meiner Brust brauchte, meine Hand, die ihm beim Laufenlernen half, das Gleichgewicht zu bewahren, oder meine Stimme, die ihn in den Schlaf wiegte.
Und das Seltsame an der Macht, die er ausstrahlte, war die Tatsache, dass durch sie meine Liebe zu ihm und mein Wunsch, ihn zu beschützen, tiefer wurde als zu der Zeit, als er noch keine Macht besessen hatte. Es war nicht so, dass ich sie durchschaut oder nicht an sie geglaubt hätte. Es war nicht so, dass ich ihn immer noch als Kind sah. Nein, ich sah eine Macht, die gefestigt und wahrhaftig war, voll ausgebildet. Ich sah etwas, das keine Geschichte zu haben und von nirgendwo gekommen zu sein schien, und ich strebte in meinen Träumen und meiner wachen Zeit danach, sie zu beschützen, und ich empfand eine beständige Liebe zu ihr. Zu ihm, was immer aus ihm geworden war.

Maria hörte gerüchtweise, er sei übers Wasser gewandelt und habe die Wellen beruhigt, als seine Anhänger mit einem Boot aufs Meer hinausgefahren und in einen Sturm geraten waren.

Markus kam noch einmal vorbei und berichtete Maria, dass ihr Sohn gekreuzigt werden sollte.

Sie reiste erneut nach Kana, aber Mirjam, die bereits gehört hatte, dass Marias Sohn festgenommen worden war, ließ sie nicht ins Haus, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Daraufhin ging Maria weiter zu Martha und Maria, deren Bruder Lazareth inzwischen wieder vor Schmerzen seufzend und schreiend in einem verdunkelten Zimmer lag. Sie rechnete damit, auch dort abgewiesen zu werden. Doch stattdessen begleitete Maria sie nach Jerusalem.

Weil heimliche Anhänger des Festgenommenen wollten, dass auch die beiden Frauen später die Ereignisse bezeugen könnten, führte sie einer von ihnen trotz der Gefahr vor den Palast des römischen Statthalters Pilatus. Das Passahfest stand bevor. Aus diesem Anlass wurde jedes Jahr ein Häftling begnadigt. Pilatus redete von einem Balkon aus zu der hysterischen Menschenmasse, die sich vor seinem Palast zusammengerottet hatte und blutgierig die Kreuzigung des Mannes aus Nazareth verlangte. Maria begriff, dass die römische Obrigkeit und die jüdischen Ältesten das alles arrangiert hatten und die Hinrichtung ihres Sohnes längst beschlossene Sache war. Er wurde blutüberströmt, mit einer Dornenkrone auf dem Haupt und einem Purpurmantel über den Schultern auf den Balkon gezerrt und der Menge vorgeführt.

Unter dem Gejohle der Schaulustigen musste er ein riesiges Kreuz auf einen Hügel vor der Stadt schleppen. Fünf oder sechs Männer hielten ihn fest, als er dort an das Kreuz genagelt wurde. Maria sah, dass die Nägel, die ihm durch die Handgelenke getrieben wurden, länger als eine Hand waren.

In der Menge beobachtete sie einen Mann, der einen riesigen Vogel in einem Käfig bei sich hatte. Der Vogel war so eingezwängt, dass er die Flügel nicht ausbreiten konnte. Aus einem Sack holte der Mann zappelnde Kaninchen und warf sie in den Käfig, wo ihnen der Vogel den Bauch aufriss und die Augen aushackte, ohne sie zu fressen.

Und das Gesicht des Mannes leuchtete vor Energie, es ging ein Glanz von ihm aus, wenn er in den Käfig sah und dann auf seine Umgebung, fast lächelte er vor finsterer Freude darüber, dass der Sack noch nicht leer war.

In einer Gruppe römischer und jüdischer Männer, die hier augenscheinlich das Sagen hatten, entdeckte Maria Markus, ihren Freund aus der Kindheit, doch als sie zu ihm hinlaufen wollte, ließ er sie abdrängen. Kurz darauf machten Markus und der Spitzel, den Maria bereits auf der Hochzeit zu Kana gesehen hatte, einen anderen Mann auf sie aufmerksam. Vermutlich warteten die Häscher nur darauf, dass sie ihren Sohn nach dem Eintritt des Todes vom Kreuz abnehmen, waschen und bestatten werde. Damit hätte sie ihnen dann eine letzte Begründung für ihre Festnahme geliefert.

Panisch vor Angst flüchtete Maria mit der anderen Maria und ihrem Begleiter. Unterwegs gaben sie sich als Mutter mit Tochter und Schwiegersohn aus. Sie raubten drei Esel, Proviant, Kleidung und Schuhe.

Maria träumte von einem Brunnen, in dem das Wasser aufwallte. Ihr Sohn stieg daraus hervor, und die andere Maria legte ihn ihr quer über den Schoß.

Als sie endlich die Nachricht bekamen, dass ein Boot sie nach Ephesus in Sicherheit bringen werde, kehrte Lazarus‘ Schwester nach Kana zurück und ließ die beiden anderen ohne sie weiterreisen.

Die Scham darüber, nicht bis zum Tod bei ihrem gekreuzigten Sohn geblieben zu sein, den Leichnam nicht gewaschen und bestattet zu haben, erschütterte Maria und quält sie auch noch im Alter.

Früher ging sie in die Synagoge; inzwischen zieht sie den Artemis-Tempel vor. Von dem neuen Glauben hält sie nichts.

Einer der beiden Männer, die für sie sorgen, versucht ihr zu erklären, welche Bedeutung der Tod ihres Sohnes hatte.

„Er war wahrhaft der Sohn Gottes“, sagte er.
Und dann begann er, mir geduldig zu erklären, was bei der Empfängnis meines Sohnes mit mir geschehen sei, während der andere nickte und ihn bestätigte. Ich hörte kaum hin. Ich hatte anderes zu tun.

„Er starb, um die Welt zu erlösen“, sagte der andere. „Sein Tod hat die Menschheit vor der Finsternis und der Sünde gerettet. Sein Vater hat ihn in die Welt gesandt, auf dass er am Kreuze leiden möchte.“
„Sein Vater?“, fragte ich. „Sein Vater –?“

Maria fragt rhetorisch:

„Das also war der Sinn des Ganzen?“

Und fährt dann fort:

[…] wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war. Das war es nicht wert.

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In „Marias Testament“ präsentiert Colm Tóibín die Ikone der Mutter Gottes als einfache Frau und erzählt aus ihrer Sicht die Leidensgeschichte einer Witwe, die ihren Sohn nicht erst durch die Kreuzigung verloren hat. Die Analphabetin liebt ihren Sohn, hält jedoch weder viel von seinen Reden noch von seinen Jüngern. Dass sein Tod einen Sinn hatte, bezweifelt sie. Und der neue Glaube interessiert sie nicht weiter; sie betet lieber im Artemis-Tempel.

Colm Tóibín erzählt in „Marias Testament“ die aus dem Neuen Testament bekannte Geschichte gegen den Strich und macht aus der Heilsgeschichte ein finsteres Drama, das uns mit der Grausamkeit der Kreuzigung und dem Leid der Mutter des Gekreuzigten konfrontiert. Die Sprache der alten Frau, die hier in der Ich-Form bzw. in einem langem Monolog zu Wort kommt, ist einfach, nüchtern und unsentimental. Aber gerade dadurch wirkt „Marias Testament“ dicht, authentisch und suggestiv.

Colm Tóibíns Darstellung basiert auf dem Evangelium des Apostels Johannes, der Maria nach Ephesus begleitet haben soll. Geschickt lässt Colm Tóibín offen, ob Jesus auf dem Wasser gewandelt ist, Wasser in Wein verwandelt und Lazarus wieder zum Leben geweckt hat. Den Vorwurf, „Marias Testament“ sei blasphemisch, halte ich für absurd.

Colm Tóibín schrieb „The Testament of Mary“ / „Marias Testament“ zuerst als Bühnenstück für eine Solo-Schauspielerin. Uraufgeführt wurde es im Oktober 2011 beim Dublin Theatre Festival mit Marie Mullen als Darstellerin unter der Regie von Garry Hynes. Am 22. April 2013 fand die Erstaufführung des Stücks im Walter Kerr Theatre am Broadway statt (Regie: Deborah Warner, Darstellerin: Fiona Shaw), aber wegen heftiger Proteste gegen die angebliche Blasphemie von „The Testament of Mary“ wurde das Theaterstück bereits am 5. Mai wieder abgesetzt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Colm Tóibín: Porträt des Meisters in mittleren Jahren

Wolfgang Herrndorf - Sand
Mit dem Roman "Sand" parodiert Wolfgang Herrndorf das Genre des Agententhrillers. Lesenswert ist "Sand" nicht wegen der grotesken, episodenhaften Handlung, sondern aufgrund der sprachlichen Virtuosität des Autors.
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