Das weiße Kaninchen

Das weiße Kaninchen

Das weiße Kaninchen

Originaltitel: Das weiße Kaninchen – Regie: Florian Schwarz – Drehbuch: Michael Proehl, Holger Karsten Schmidt – Kamera: Philipp Sichler – Schnitt: Florian Drechsler – Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem – Darsteller: Devid Striesow, Lena Urzendowsky, Louis Hofmann, Shenja Lacher, Samia Chancrin, Anja Schiffel, Julia Jäger, Patrick Meyn, Eva Nürnberg, Christoph Schechinger u.a. – 2016; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Die 13-jährige Gymnasiastin Sara Rost wird gleich zweifach Opfer von Cyber-Grooming. Zum einen fällt sie auf einen vier Jahre älteren Schüler herein, der Mädchen im Internet kontaktiert und zu Nacktfotos überredet, mit denen er sie dann zu Sex-Videos erpresst, die er verkaufen kann. In ihrer Not wendet Sara sich an einen vermeintlich 17-jährigen Chatpartner mit dem Avatar eines weißen Kaninchens, bei dem es sich allerdings um einen pädophilen Lehrer handelt ...
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Kritik

Florian Schwarz, Michael Proehl und Holger Karsten Schmidt warnen in "Das weiße Kaninchen" vor Gefahren im Internet wie dem Cyber-Grooming. Das geschieht nicht belehrend, sondern in einem packenden Thriller-Drama mit hervorragenden Schauspielern.
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Matthias Rost (Patrick Heyn) schenkt seiner 13-jährigen Tochter Sara (Lena Urzendowsky) seinen abgelegten Arbeits-Laptop. Darüber freut Sara sich. Sonst empfindet sie es eher als peinlich, wie sich die Eltern um sie kümmern. Die Mutter Katrin (Julia Jäger) glaubt noch, sie könne Sara eine Freude machen, wenn sie das Pausenbrot mit einem Gesicht aus Gemüse und Salat dekoriert. Zugleich bietet sie der 13-Jährigen an, über sexuelle Themen mit ihr zu sprechen und sich auf Wunsch auch einen Porno mit ihr gemeinsam anzuschauen.

In einem Chatroom trifft Sara auf ein weißes Kaninchen. Es ist der Avatar eines Mitspielers, der sich als Benny vorstellt und behauptet, 17 Jahre alt zu sein. Benny geht verständnisvoll auf das Mädchen ein und gewinnt Saras Vertrauen. Für die Schülerin entwickelt sich daraus eine virtuelle Freundschaft.

Sie ahnt nicht, dass sich der Lehrer Simon Keller (Devid Striesow) hinter dem weißen Kaninchen verbirgt. Der Mann Anfang 40 und seine Ehefrau Ellen (Anja Schiffel), eine Ärztin, haben eine Tochter in Saras Alter; sie heißt Alina (Emilia Eidt). In der Schule warnt er die Klasse kenntnisreich vor den Gefahren im Internet. Beim Turnunterricht lässt Simon Keller sich immer wieder unter einem Vorwand kurz von seiner Kollegin Sandra Bickel (Anneke Schwabe) vertreten. Dann schließt er sich im Geräteraum ein, beobachtet die turnenden Mädchen durch einen Einwegspiegel und masturbiert.

In einem anderen Chatroom wird Sara von einem vier Jahre älteren Schüler kontaktiert. Er nennt sich Kevin (Louis Hofmann). Während Benny virtuell bleibt, schlägt Kevin ein Treffen in der analogen Welt vor. Aber statt mit Sara, wie verabredet, ins Schwimmbad zu gehen, lockt er sie in ein Gewächshaus. Dort fotografiert er sie und fordert sie schließlich auf, auch ihr Bikini-Oberteil abzulegen. Davor schreckt Sara zurück. Kevin bricht daraufhin den „Ausflug“ ab und erklärt zum Abschied, er habe einen Fehler gemacht. Obwohl Sara ihm auf seinen Anrufbeantworter Nachrichten hinterlässt und ihm simst, er habe nichts falsch gemacht, meldet er sich nicht mehr.

Sara leidet darunter, denn sie hat sich in Kevin verliebt und glaubt, zu verklemmt gewesen zu sein. Sie hätte sich wohl besser ein Beispiel an ihrer Mitschülerin Leonie (Eva Nürnberg) genommen, die bereits Erfahrungen mit Zungenküssen hat. Um Kevin zurückzugewinnen, schminkt Sara sich und knipst mit dem Smartphone Selfies. Nach einer Weile legt sie auch den BH ab. Das Foto schickt sie Kevin.

Der ruft zurück. Kevin fordert sie auf, sich auszuziehen und vor der Kamera zwischen den Beinen zu streicheln. Das Video will er haben. Als Sara sein Ansinnen entsetzt ablehnt, droht er damit, Eltern und Lehrern das Nacktfoto zu schicken. Außerdem, so sagt er, habe er ihren Laptop soeben mit einem Virus infiziert, der Kinderpornos auf die Festplatte lädt.

In ihrer Verzweiflung wendet Sara sich an Benny und bittet ihn um ein persönliches Treffen. Er gibt vor, auf einer Klassenfahrt in Frankreich zu sein und empfiehlt ihr einen Lehrer mit dem Namen Simon Keller. Der kenne sich mit dem Internet aus, sagt Benny, und werde ihr helfen.

Auf einer Parkbank untersucht Simon Keller den Laptop, entfernt den Virus und verschiebt dann auch Saras Nacktfoto auf einen USB-Stick. Zur Belohnung lässt er sich auf ein Eis einladen. Simon Keller bevorzugt Schoko-Vanille. Das sei für ihn wie Licht und Dunkelheit, erklärt er, und Sara erwidert, beides schmecke süß. Er erzählt von dem Gnadenhof für Pferde, den er im Wald eingerichtet hat, und Sara möchte sogleich die Patenschaft für eines der Tiere übernehmen. Sie solle sich mit Kevin verabreden, schlägt Simon Keller vor; er werde dazukommen und dem erpresserischen Jungen ins Gewissen reden.

Bei dem Treffen erklärt Kevin sich bereit, Sara das Nacktfoto auf einem USB-Stick zurückzugeben und verlangt als Gegenleistung einen Kuss. Er zerrt sie in eine nahe Hütte. In der Hoffnung, dass der Lehrer im nächsten Augenblick auftauchen werde, fügt Sara sich und lässt sich von Kevin zur Fellatio nötigen. Simon Keller beobachtet es durchs Fenster, greift aber nicht ein, sondern wartet, bis Kevin fort ist und betritt dann erst die Hütte. Er sei aufgehalten worden, ent­schul­digt er sich. Dann lässt er sie zurück und folgt Kevin. In einer Gartenwirtschaft setzt er sich zu ihm an den Tisch und fordert ihn auf, ihm nicht nur Saras Selfie, sondern auch das soeben von der Vergewaltigung auf­genom­me­ne Video aus­zu­händigen. In diesem Augenblick kommt ein Mädchen an den Tisch. Nadine (Greta Bohacek) ist offenbar mit Kevin verabredet. Simon Keller klärt sie darüber auf, dass Kevin junge Mädchen wie sie zu Oben-ohne-Fotos überredet, um sie dann erpressen zu können, Nacktaufnahmen und Sex-Videos für ihn zu machen. Nachdem Nadine fort ist, folgt Simon Keller dem Jungen in den Waschraum und schlägt ihn zusammen.

Polizisten, die Kevin bereits seit einiger Zeit auf der Spur sind und auch das Treffen im Gartenlokal observierten, greifen ein.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Die Polizistin Lilian Schön (Samia Chancrin) redet mit Saras Eltern über die Vorgänge und berät sie.

Bei der Vernehmung gibt Simon Keller zu, als angeblich 17-Jähriger junge Mädchen in Chatrooms zu kontaktieren. Das Rollenspiel diene dazu, sie vor den Gefahren im Internet zu beschützen, sagt er. Auf diese Weise habe er auch Sara geholfen. Sara bestätigt in ihrer Aussage, dass ihr erstes persönliches Treffen nicht auf seine Initiative hin stattgefunden habe, sondern von ihr erbeten worden sei. Und Nadine berichtet, wie der Lehrer sie vor Kevin warnte. Auch in seinen protokollierten Chats findet die Polizei keine strafbaren Äußerungen.

Weil Kevin in Wirklichkeit Julian Kiefer heißt und zu befürchten ist, dass sein einflussreicher Vater eine härtere Bestrafung zu verhindern versucht, drängt Kommissar Miki Witt (Shenja Lacher) Simon Keller zu einer Falschaussage. Der Lehrer soll behaupten, der Junge habe ihn mit einem Messer angegriffen. Aber dazu ist Simon Keller nicht bereit.

Die Polizei glaubt Simon Keller. Nur Miki Witt legt sich mit den Kollegen an, indem er dem Fall weiter nachgeht. Er sieht einen Zusammenhang mit der Ermordung der 12-jährigen Nina Benedikt vor vier Jahren, und um Simon Keller zu provozieren, lässt er ihn wissen, dass er ihn für den Mörder hält.

Auf dem Schulhof wird Sara angestarrt, und sie begreift, dass die Mitschüler auf ihren Smartphones das Video von ihrem Missbrauch gesehen haben.

Katrin und Matthias Rost melden ihre Tochter als vermisst. Es wird befürchtet, dass sich das Mädchen wegen der Verbreitung des Videos das Leben nehmen will.

Miki Witt folgt Simon Keller zur Pferdekoppel im Wald. Aber dort wird der Kommissar von dem Lehrer überrascht und mit einem Spaten niedergeschlagen.

Sara steht bei dem Schimmelhengst Prinz und sagt Simon Keller, sie habe gehofft, dass er komme. Er versichert ihr, dass er ihr nichts tun werde. Die Eltern würden wohl mit ihr in eine andere Stadt ziehen, meint er. Sara sei stark genug für einen Neuanfang ohne Traumatisierung. Sara geht zu dem reumütig am Boden Kauernden und streicht ihm mitfühlend durchs Haar.

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Der Fernsehfilm „Das weiße Kaninchen“ von Florian Schwarz (Regie), Michael Proehl und Holger Karsten Schmidt (Drehbuch) veranschaulicht Gefahren im Internet. Es geht vor allem um Cyber-Grooming, die Anbahnung sexueller Kontakte im Internet. Die Täter erschleichen sich zunächst unter falschen Identitäten das Vertrauen argloser Surfer, in diesem Fall junger Mädchen. Die 13-jährige Sara wird zweifach Opfer: zum einen des pädophilen Lehrers Simon Keller, der sich im Chatroom als 17-jähriger „Benny“ ausgibt, zum anderen eines vier Jahre älteren Schülers, der junge Mädchen zu kompromittierenden Fotos überredet und sie dann damit zu Sex-Videos erpresst, die er im Internet verkauft.

Florian Schwarz, Michael Proehl und Holger Karsten Schmidt verteufeln das Internet in das „Das weiße Kaninchen“ nicht generell, stellen aber einige der Risiken vor allem für Kinder und Jugendliche eindrucksvoll dar, und zwar nicht mit erhobenem Zeigefinger predigend, sondern in einem packenden Thriller-Drama. Dadurch eignet sich „Das weiße Kaninchen“ hervorragend für medienpädagogische Zwecke.

Der Titel bezieht sich auf das Kinderbuch „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Dort folgt Alice dem weißen Kaninchen in eine andere Welt mit fremden Regeln, ohne zu überlegen, wie sie von dort wieder zurückkommt.

Die Figur des pädophilen Lehrers in „Das weiße Kaninchen“ weist widersprüchliche Züge auf. Seine Familienangehörigen halten ihn für einen guten Ehemann und Vater. In der Schule warnt er die Klasse mit konkreten Demonstrationen vor den Gefahren des Internets, und wenn er als Benny mit Sara chattet, beweist er viel Einfühlungsvermögen und Verständnis. Er liebt die 13-Jährige wohl auf platonische Weise, aber er kommt nicht gegen seinen pädophil geprägten Sexualtrieb an. Devid Striesow gelingt es, diese Ambivalenz überzeugend zu verkörpern.

Aber seine bei den Dreharbeiten 15 Jahre alte Filmpartnerin Lena Urzendowsky steht ihm in ihrer schauspielerischen Leistung nicht nach: In ihrer ersten Hauptrolle beweist sie, dass sie eine außergewöhnliche Bandbreite von Gefühlen mimisch und gestisch facettenreich beherrscht: Freude, Zorn, Staunen, Verunsicherung, Hoffnung, Entsetzen, Verzweiflung … Dabei wirkt sie stets natürlich.

Bemerkenswert ist auch die Kameraführung bzw. Lichtgestaltung in „Das weiße Kaninchen“, die sich mit der jeweiligen Stimmung entsprechend verändert. Mitunter wirkt das aber auch übertrieben, zum Beispiel am ohnehin etwas missglückten Ende, wenn über Simon Kellers Gesicht ein Lichtschein streicht, als er sich zuversichtlich über Saras Zukunft äußert.

Für das Drehbuch von „Das weiße Kaninchen“ wurden Michael Proehl und Holger Karsten Schmidt bereits vor der Fernsehausstrahlung des Films beim 26. Internationalen Filmfest Emden Norderney im Juni 2016 mit dem Creative Energy Award ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

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