Raoul Schrott : Das schweigende Kind

Das schweigende Kind

Raoul Schrott

Das schweigende Kind

Das schweigende Kind Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München 2012 ISBN: 978-3-446-23864-0, 199 Seiten, 17.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Ich-Erzähler ist als Vater, Lebensgefährte und Künstler gescheitert und schreibt in der Psychiatrie als therapeutische Übung Briefe, die seiner Tochter zum Zeitpunkt der Volljährigkeit übergeben werden sollen. Er zerbrach daran, dass ihm seine Lebensgefährtin das gemeinsame Kind aus krankhafter Eifersucht entzog und die Liebe der Tochter für sich allein beanspruchte. Auch das Mädchen leidet darunter und bleibt stumm (Mutismus) ...
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Kritik

Mit dem Thema Kindesentzug und väterliches Besuchsrecht setzt Raoul Schrott sich ausschließlich literarisch auseinander. Die Sprache, die er für "Das schweigende Kind" gewählt hat, ist anspruchsvoll, geschliffen und pathetisch.

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Der Vater des Ich-Erzählers André war Gutsherr in Branau (Baranya) im ungarisch-kroatischen Grenzgebiet, aber gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er als Nazi-Kollaborateur enteignet, und seine Frau kam bei den Auseinandersetzungen ums Leben. Er selbst floh mit der Familie eines Knechts nach Württemberg. Dort heiratete er Anfang April 1945 die sehr viel jüngere Tochter des Knechts. Eine Woche später zerstörten die Franzosen unter General Lattre de Tassigny Freudenstadt. Das Ehepaar bekam einen Sohn und nannte ihn André. Die Mutter erzog ihn streng, und von ihrem Mann verlangte sie bedingungslose Hingabe.

Ein Stipendium ermöglicht es André, an der Akademie in Paris Kunst zu studieren. Dabei verliebt er sich in eines der weiblichen Aktmodelle. Sie kommt ohne Unterwäsche in die Akademie, damit sich auf ihrem Körper keine Druckstellen abbilden. André hält sie für vollkommen und beginnt sie erst zu malen, als sie Zeichenkohle angefasst und sich dann mit den schmutzigen Fingern über die Stirn gewischt hat. Gleich darauf besorgt er sich ihren Namen und ihre Adresse, um sie anzurufen.

Sie studiert an der Sorbonne. Ihre Mutter war früh verstorben, der Vater arbeitete in Paris als Änderungsschneider, verdiente jedoch zu wenig, um seine Schulden abtragen zu können.

André und die Studentin verabreden sich, gehen miteinander aus und werden ein Paar. Aber die junge Frau erträgt seine Anwesenheit kaum länger als drei Tage. Sobald er dann einige Zeit fort ist, ruft sie ihn an und bittet ihn, wieder zu ihr zu kommen. Sie verlangt von ihm, dass er ihr Schmerzen zufügt, heißes Kerzenwachs auf ihre Haut tropfen lässt, sie fesselt und ihr die Brüste abschnürt. Dabei erklärt sie ihm, wie er es machen muss, damit keine Hämatome zurückbleiben und sie weiter als Aktmodell arbeiten kann.

Ihr Masochismus geht möglicherweise auf ein Erlebnis in ihrem zwölften Lebensjahr zurück. Damals beschmutzte sie ihr Sonntagskleid im Garten, und der Vater zerrte sie daraufhin in ihr Zimmer.

[Sie] presste sich mit dem Bauch ans Laken, um ihn vor den Schlägen zu schützen, voll verkrampfter Anspannung und zugleich doch neugierig erregt. Er griff nach einem Gürtel; als er an ihrer Nacktheit, dem dünnen Flaum zwischen den Beinen dann aber die Frau sah, die [sie] dabei war zu werden, darüber ebenso erschrocken wie über sich selbst, drückte er sie nieder: und sie hinwieder empfand die Schläge nun als Erleichterung, harmlos im Vergleich zum Unheil, das sie sich ausgemalt hatte.

Durch „innere Verkrampfung“ ist sie unfruchtbar. Weil die beiden jedoch ein Kind bekommen möchten, lassen sie sich auf eine künstliche Insemination ein. Je größer der Bauch der Schwangeren wird, desto mehr sträubt sie sich gegen Berührungen, und André darf nur noch auf der Couch bei ihr übernachten. Schließlich schläft er wieder jede Nacht in seiner Garçonnière, die ihm auch als Atelier dient. Bei der Geburt ist er mit im Kreißsaal.

Sie rückt immer mehr von ihm ab und beantragt das alleinige Sorgerecht für die Tochter. Zunächst darf er auf das Kind aufpassen, während sie arbeitet, dann nimmt sie Babysitterinnen. Er läuft zum Jugendamt, nimmt einen Anwalt und zahlt freiwillig das Doppelte der vereinbarten Summe als Alimente, aber sie gibt nicht nach. Als er begreift, dass er sowohl die Lebensgefährtin als auch die Tochter verloren hat, wird er gewalttätig.

Ich warf deine Mutter aufs Bett; es überkam mich, stieg hoch über den Rücken in den Kopf und legte sich mir rot über die Augen. Ihr den Tragesitz entreißend, drückte ich sie erst nur nieder, um mich gegen ihre Schläge zu wehren, bis ich mit den Fingern ihren Hals umschloss und sie zu würgen begann, Daumen und Zeigefinger unter dem Kiefer, so wie sie das stets von mir verlangt hatte, um kommen zu können, ihr Kopf über die Bettkante hängend, der Mund heiser jetzt jetzt jetzt flüsternd, um mich zutiefst zu demütigen, weil ich mich darin vergessen fand. So drückte ich ihr nun die Luftröhre zu, Fingerspitzen und Nagelkanten in die Kehle grabend, und es stieg eine blinde Lust in mir auf, die immer heftiger wurde, eine solche Mordgier, als wäre sie ein Leben lang nur unterdrückt worden, um ihr nun endlich nachgeben zu können: Jetzt Jetzt Jetzt, die Lippen zurückgezogen, die Zähne zusammengebissen, Luft ausstoßend, fauchend, die Augen zusammengekniffen, dass sie brannten. Ich fühlte mich breiter, größer, die Muskeln lang gespannt, sehnig zu einem Satz gestreckt, um meine Fänge in ihren Hals zu schlagen, erfüllt von einer Körperlichkeit, die nur mehr reißen wollte, sich in den Nacken verbeißen, Krallen scharf in die Flanke, der Geschmack in meinem Rachen immer galliger, im Hochgefühl des Blutes, um in diesem Brand alles auszulöschen, jede Erinnerung zu tilgen und alle Zukunft. Zugleich aber verachtete ich mich dafür, dass ich an einem solch bitteren, dunklen Gefühl Gefallen fand, einem Falle, bei dem ich hilflos um mich schlug, ohne Halt zu finden, die ätzende Spucke deiner Mutter in meinem Gesicht, für die ich sie umso mehr hasste: als ich dich plötzlich hörte. Und sah, dass deine Augen offen standen.

Einmal fahren sie zusammen in den Urlaub. Louis, ein gemeinsamer Freund, hat ihnen dort ein Ferienhaus zur Verfügung gestellt. Sie beginnt mit Ladendiebstählen, bringt Zufallsbekanntschaften von Strandspaziergängen mit und sorgt in Restaurants für Aufsehen, indem sie einen Träger über die Schultern streift und ihn auffordert, sie auf der Stelle zu nehmen. Als Louis für ein paar Tage zu Besuch da ist, erinnert sie die Männer daran, dass sie sich als Studenten die eine oder andere Frau teilten. Sie nimmt die Hand des Freundes und presst sie sich in den Schritt oder gegen die Brust. Dann schlägt sie vor, an den Strand zu gehen. Dort zieht sie sich aus, stellt sich breitbeinig vor die Männer und schwimmt schließlich weit hinaus. Louis befürchtet, dass sie ertrinken könnte und eilt ihr nach, während André bei der Tochter sitzen bleibt. Es dauert einige Zeit, bis Louis und sie zurückkommen. Hysterisch beschimpft sie ihren Lebensgefährten als Schwächling, weil er ihre Rettung dem Freund überließ. Zornig spuckt sie ihm ins Gesicht.

Ein Gericht räumt André schließlich das Recht ein, einen Sonntag pro Monat von 10 bis 17 Uhr, dazu je einen Extratag an Ostern und Weihnachten mit der Tochter zu verbringen, aber die Mutter hält sich nicht einmal daran, sondern fährt mit dem Kind weg oder verweigert ihm den Zutritt mit der Begründung, die Tochter sei krank.

Nicht erst jetzt, die ganzen letzten Jahre war ich gefangen und verlor mich im hartnäckigen Aufbegehren dagegen, dich zu verlieren. Dir ein Vater sein zu wollen, ohne es zu dürfen, zerriss mich, während deine Mutter vollständig zu werden schien, ihre innere Leere endlich ausgefüllt durch die Mutterrolle.

Während André drei Wochen auf Bali ist, um einen Katalog der Bilder von Walter Spies anzulegen, lernt er Kim kennen, eine auf Java geborene, in Paris lebende Künstlerin und Architektin, die das Museum mitgeplant hat. Sie verabreden sich dann auch in Paris, und André klagt über die erzwungene Trennung von seiner Tochter. Es gefällt ihm, dass Kim wegen ihres asiatischen Aussehens von manchen für eine Katalogbraut gehalten wird, die sich durch eine Scheinehe eine Aufenthaltserlebnis erschlich, denn dadurch fühlt er sich überlegen.

Kim malt ihn. Zum ersten Mal steht er auf der anderen Seite der Staffelei und ist dabei nackt. Nach jeder Sitzung verhängt sie das Bild und schließlich nimmt sie es mit ins Büro, angeblich, um es aus dem Gedächtnis zu vollenden. Bei einem unangemeldeten Besuch sieht er, dass es längst fertig an der Wand hängt. Der melancholische Ausdruck, den sie ihm gegeben hat, schockiert ihn ebenso wie die Tatsache, dass sie ihm das Bild vorenthielt. Wortlos verlässt er das Büro.

Beim neuen Lebensgefährten der Mutter seiner Tochter handelt es sich ausgerechnet um Louis.

André gelingt es nur selten, ein Gemälde zu verkaufen. Deshalb ist er froh, als er von einem kroatischen Verleger gefragt wird, ob er die Illustration eines Sternenhimmels in einem Buch übernehmen möchte. Obwohl von Spesenübernahme keine Rede ist, reist er mit Kim nach Zagreb. Bevor sie dort den Verleger treffen, fahren sie nach Branau und fragen sich nach dem Niklashof durch, dem Gut, das einmal seinem Vater gehört hatte. Ein alter Förster weist ihnen den Weg. Der Wirt der Pension, in der sie anschließend übernachten, behauptet, dass der Gutshof einige Zeit von einer Sekte bewohnt worden sei, deren Mitglieder splitternackt herumliefen. In den Balkankriegen ermordeten Freischärler die Bauern und vergewaltigten die Frauen. Das hörte erst nach der Schlacht um Vukovar (25. August bis 18. November 1991) wieder auf. Die letzten Freischärler, so der Wirt, seien an Bäume genagelt worden.

Der in einem Schweizer Jesuiteninternat erzogene Verleger zeigt André und Kim die broschürten Romane, die er nach italienischem Vorbild mit seinen Zeitungen zusammen an Kiosken verkauft. André ist über die billige Aufmachung entsetzt, aber der Verleger behauptet, seine Tafeln seien als Geschenk für den Staatspräsidenten vorgesehen. Das Honorar soll André selbst bei der Bank abheben. Das sei hier so üblich, sagt der Verleger. Ein Mann namens Milan begleitet den Künstler, und gegen seine Unterschrift auf einer vorbereiteten Quittung bekommt er problemlos einen Koffer mit Geld ausgehändigt. Er nimmt an, dass es sich um die einheimische Währung handelt, aber als der Verleger den Koffer öffnet, stellt er fest, dass er mit Euroscheinen gefüllt ist. Das Geld würde hier für eine Villa reichen. Der Verleger nimmt vier dünne Banknotenbündel heraus und legt sie André hin. Da begreift der Künstler, dass man ihn für eine Geldwäsche-Aktion missbraucht hat.

Er lässt das Honorar für Milan liegen, den er zum Abschied beauftragt, die Mutter seiner Tochter zu ermorden.

Danach hat er im Gästehaus besonders heftigen Sex mit Kim. Es ist das letzte Mal, dass er mit einer Frau ins Bett geht. Am nächsten Tag fahren sie bist Triest und nehmen sich dort ein Zimmer. Er ritzt sich, nicht zuletzt, um für den Auftragsmord im Voraus ein Sühneopfer zu bringen. Als er heftig blutet, gerät er in Panik. Kim erwischt ihn in der Badewanne und verbindet ihn. Sobald sie wieder in Paris sind, zieht Kim bei ihm aus: Aufgrund des Vorfalls in Triest trennt sie sich nach drei gemeinsam verbrachten Jahren von ihm. Allerdings trifft sie sich auch weiterhin mit ihm, und sie reden miteinander.

Um Geld zu verdienen, übernimmt er Malerarbeiten.

Schließlich muss er die Leiche seiner früheren Lebensgefährtin identifizieren und wird von der Polizei vernommen. Vorübergehend wohnt seine knapp vier Jahre alte Tochter bei ihm, die noch immer nicht spricht und bei der die Ärzte Mutismus diagnostizierten. Eine Schwester der Toten holt das Mädchen zu sich. Sie bezichtigt André offen des Mordes und verweigert ihm jeden Kontakt mit dem Kind. André hat nicht mehr die Kraft, sich dagegen aufzulehnen. Er wird apathisch. Kim hält es für das Beste, ihn in eine psychiatrische Klinik in der Schweiz einweisen zu lassen.

Roland Debray, der Psychiater, der ihn dort behandelte, schreibt „Frau Niklas“, ihr Vater sei am 24. Oktober 2011 an Lymphdrüsenkrebs gestorben und kündigt ihr an, ein Notar werde ihr zum Zeitpunkt ihrer Volljährigkeit die an sie gerichtete Aufzeichnungen ihres Vaters aushändigen. Der Patient habe infolge einer schweren Depression an geistiger Verwirrung und Onirismus gelitten, teilt der Arzt mit. Deshalb dürfe sie nicht alles glauben, was er schrieb. Offenbar glaubte er, schuld am Tod ihrer Mutter zu sein. Aber das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Die Polizei hatte keinerlei Anzeichen eines Einbruchs oder einer gewaltsamen Auseinandersetzung gefunden und war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Frau und ihre Tochter allein in der Wohnung gewesen seien. Vermutlich stürzte sie und brach sich an der Bettkante das Genick. In einem Brief an seinen Freund Louis schrieb der Patient später, es sei ein Unfall gewesen, er habe seiner früheren Lebensgefährtin wegen einer Migräne den Hals und den Nacken massiert und plötzlich ihren starren Blick bemerkt. Debray übergab den Brief der Polizei, aber es wurden keine neuen Ermittlungen aufgenommen. Louis schnitt sich 2010 die Pulsadern auf, füllte Steine in seine Manteltaschen und ertränkte sich.

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Die Erzählung „Das schweigende Kind“ von Raoul Schrott (* 1964) handelt von einem als Vater, Lebensgefährte und Künstler gescheiterten Mann. Die (unverheiratete) Mutter seiner Tochter beschränkt aus krankhafter Eifersucht zunächst seine Kontakte zu dem Kind und unterbindet sie dann ganz: Sie beansprucht die Liebe der Tochter für sich allein. Das Mädchen bleibt stumm (Mutismus). Der Vater zerbricht und wird schließlich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Zwar dreht sich die Erzählung um Kindesentzug und väterliches Besuchsrecht, aber Raoul Schrott setzt sich mit den Themen nicht argumentativ auseinander, sondern behandelt sie ausschließlich literarisch.

In der Psychiatrie schreibt der Protagonist auf Anraten des Arztes als therapeutische Übung seine Erinnerungen in Briefen auf, die seiner Tochter übergeben werden sollen, sobald sie volljährig ist.

Der Wahrheit willen zeichne ich für dich noch einmal all die Um- und Abwege nach: das wird das Geradlinigste sein.

Statt chronologisch voranzuschreiten, springt er zwischen Erinnerungsfragmenten hin und her. Auf den letzten vier Seiten des Buches kommt sein Psychiater zu Wort: Nach dem Ableben des Patienten schreibt er dessen Tochter, kündigt ihr die spätere Übergabe der Aufzeichnungen an und warnt sie davor, alles zu glauben, was ihr Vater schrieb. Es handele sich um eine subjektive Darstellung, und es gebe Hinweise darauf, dass sie die tatsächlichen Ereignisse nicht in allen Punkten korrekt wiedergibt. Friedhelm Rathjen bezeichnet „Das schweigende Kind“ denn auch als „ausgefuchstes Schelmen- und Kabinettstück literarischer Perspektiventechnik“ („Die Zeit“, 20. April 2012).

Raoul Schrott hat die Erzählung „Das schweigende Kind“ in 33 Kapitel und einen Brief des Psychiaters gegliedert. Es ist bemerkenswert, dass der Protagonist im 17. Kapitel, also ziemlich genau in der Mitte, zum einzigen Mal selbst von jemand anderem dargestellt (gemalt) wird und er schockiert darauf reagiert.

Die Sprache, die Raoul Schrott für „Das schweigende Kind“ gewählt hat, ist anspruchsvoll, geschliffen und pathetisch.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Simon Beckett - Leichenblässe
Der Ekel-Effekt, mit dem Simon Beckett in dem Kriminalroman "Leichenblässe" arbeitet, ist extrem. Nach einem etwas schwerfälligen Auftakt hält er die Leser mit einer spannenden Handlung und unerwarteten Wendungen in Atem.
Leichenblässe

Simon Beckett

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