Klas Östergren : Ins Licht gerückt

Ins Licht gerückt

Klas Östergren

Ins Licht gerückt

Originalausgabe: Tre porträtt Albert Bonniers Förlag, Stockholm 2002 Ins Licht gerückt Übersetzung: Regine Elsässer Kein & Aber, Zürich / Berlin 2015 ISBN: 978-3-0369-5721-0, 250 Seiten, 22.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine Politikerin sieht einen Bankraub vorher und lässt sich dann von dem Verbrecher erpressen. – Die zweite Geschichte handelt von einem schweigsamen Eigenbrötler, der sich als Erwachsener konfirmieren lässt und an diesem Tag vor Reden und Unter­nehmungs­lust sprudelt. – Der letzte Protagonist, ein Autor von Seifenopern, beschreibt für eine Dokumentation eine völlig konfliktfreie Familie, und einer der beiden Leser dieser Darstellung verliert darüber den Verstand ...
Weiterlesen

Kritik

In den drei unter dem Titel "Ins Licht gerückt" zusammengefassten Novellen von Klas Östergren tritt jeweils ein Ich-Erzähler auf, der vor­gibt, über Tatsachen zu berichten. Obwohl die Geschichten nicht realis­tisch sind, lässt sich das Buch als hintergründige Satire auf unsere Gesellschaft lesen.
Weiterlesen

Frau in grellem Licht

Die in Stockholm spielende Geschichte beginnt nach einem kurzen Besuch des Ich-Erzählers bei seiner Exfrau.

Sie hatte Geburtstag, und da sie als viel beschäftigte Frau keine Zeit gehabt hatte, einen Empfang vorzubereiten, gab es nur einen Drink. Ohne Eis, nur die engsten Freunde. Zu denen gehörte ich immer noch, zum Verdruss ihres neuen Mannes. Er mochte mich nicht. Er versuchte, seine Abneigung mit einem übertriebenen Interesse zu überspielen.

Danach trifft sich der Erzähler, dessen Namen wir nicht erfahren, mit einem zehn Jahre älteren, gut befreundeten Geschäftsmann zum Essen in einem Restaurant, und anschließend gehen die beiden in einen illegalen Spielclub bei den Königlichen Hofställen.

Dort bricht in der Nacht einer der Gäste zusammen, zum fünften Mal in einem Monat, wie der Croupier sagt. Der Erzähler übernimmt es, Jörgen – so heißt der ihm Fremde, dessen Adresse ihm der Betreiber des Spielclubs aufschreibt –, in einem Taxi nach Hause zu bringen. Gegen 3 Uhr klingelt er bei dem angegebenen Haus, und obwohl es mitten in der Nacht ist, öffnet fast sofort Jörgens vollständig angezogene Ehefrau. Zu zweit bringen sie den noch immer nicht ansprechbaren Mann ins Bett, wo er auf der Stelle einschläft.

Ob Jörgen wieder gespielt habe, fragt Eva, seine Frau.

Der Mann machte alles, um an Geld zum Spielen zu kommen. „Jetzt hat er schon wieder den Fernseher ins Leihhaus gebracht“, sagte sie.

Eva ist Politikerin und setzt sich für eine Welt ohne Krieg und Ungerechtigkeit ein. Allerdings steht sie erst am Anfang ihrer Karriere. Mit dem Mann, der Jörgen nach Hause brachte, beginnt sie eine Affäre.

Sie nannte mich „irrationell“ und „unsachlich“, ich nannte sie „sachlich bis zum Kotzen“. Ihre Sachlichkeit drückte sich in einer Fähigkeit aus, Gefühle an- oder auszuschalten. Sie konnte in meine Wohnung kommen und total offiziell aussehen, und kaum eine Minute später, wie auf ein Signal, vorbehaltlos privat sein, eine Geilheit und Leidenschaft zeigen, die zu einem ganz anderen Menschen zu gehören schienen. Wiederum einige Minuten später stand sie dann vor dem Flurspiegel und besserte ihr Make-up aus, wieder bereit, der Öffentlichkeit zu begegnen:

Nach ein paar Wochen stellt sich heraus, dass der Liebhaber ihren Bruder kannte, der früher in Stockholm Leute auf der Straße angesprochen und ihnen Bücher angeboten hatte. Eines Tages war der „Steppenwolf“ – so sein Spitzname – verschwunden.

Als Eva fürs Europaparlament kandidiert, unterziehen die Medien sie einer kritischen Prüfung und entdecken dabei „gewisse Unregelmäßigkeiten in ihrer privaten Ökonomie“: verschlampte Rechnungen und dergleichen, nichts Gravierendes. Sie wird gewählt und mietet in Brüssel ein Zimmer, weil ihr – übrigens seit Wochen fiebernder – Mann in Stockholm bleibt.

Eines Tages gerät Eva in Brüssel in einen Banküberfall. Der maskierte Täter schießt in die Decke der Schalterhalle und fordert alle Kunden auf, sich auf den Boden zu legen. Eva, die in der Nacht zuvor seltsamerweise von einem Banküberfall ihres vermissten Bruders träumte, starrt den Verbrecher an, und erst nachdem er sie mehrmals angeherrscht an, folgt sie der Aufforderung, sich auf den Bauch zu legen. Eine ältere Dame neben ihr droht ohnmächtig zu werden. Die Aufregung ist zu viel für sie. Eva flüstert so gefasst wie möglich:

„Ganz ruhig. Haben Sie keine Angst. Er ist nicht gefährlich. Er ist gleich fertig.“

Die alte Dame ringt nach Luft, und Eva spricht weiter beruhigend auf sie ein:

„Jetzt ist es gleich vorbei. Er wird noch einmal in die Decke schießen. Dann wird er sagen: ‚Nice weekend, petits bourgeois!‘ Das wars.“

Im nächsten Augenblick hat der Bankräuber die Beute zusammen. Bevor er hinausstürmt, schießt er noch einmal in die Decke und ruft: „Nice weekend, petits bourgeois!“

Daraufhin füllen sich die Wangen der älteren Dame wieder mit Blut; sie zeigt mit ausgestrecktem Finger auf Eva und brüllt: „Terroriste! Vous êtes une terroriste!“

Auch wenn sich die Zeugenaussagen in verschiedenen Punkten widersprechen, so stimmen sie doch darin überein, dass Eva sich gegenüber dem Bankräuber seltsam verhalten habe. Und der Polizist, der sie vernimmt, meint:

„Finden Sie nicht selbst […], dass es ein wenig merkwürdig ist, wenn jemand mit Geldproblemen, Mitglied des Europäischen Parlaments hin oder her, zufällig vorhersagen kann, was bei einem Banküberfall passiert?“

Dass die Politikerin den Ablauf des Banküberfalls kurz zuvor geträumt hatte, glaubt er ihr nicht. Und der Täter konnte wohl nicht gehört haben, was sie der alten Dame zuflüsterte. Woher wusste sie aber, was er sagen würde?

Einige Zeit später erkennt Eva an einem Mitarbeiter der Spedition, die Akten der Parlamentarier von Brüssel nach Straßburg transportieren soll, das Parfum des Bankräubers wieder. Auch seine Augen sah sie durch die Löcher seiner Gesichtsmaske. Auf seinem Namensschild steht „Arnold“. Als sie „Nice weekend, petits bourgeois!“ zu ihm sagt, bleibt er stehen. Eva greift zum Telefon, aber der Mann lässt sich nicht einschüchtern. Er wirft ihr vor, sich in der Bank nicht sofort hingelegt und dadurch den Ablauf verzögert zu haben. Deshalb traf die Polizei bereits ein, als er das Gebäude verließ und er musste die Beute aufgeben, um zu entkommen.

„Ich bin ein armer Vater von fünf jungen Mitgliedern der Europäischen Union. Ich lebe ein einfaches Leben in einem Vorort, weit entfernt von diesen eleganten Gegenden. Ich brauche das Geld, das ich verloren habe. Wegen dir.“

Dreist verlangt er von der Politikerin Ersatz für die entgangene Beute.

„Du kannst mich anzeigen, so viel wie du willst, bei wem du willst, das ist mir egal. Denn mich gibt es nicht. Nicht für die. Mich gibt es nur für dich, und nur in dem Moment, wo du mir fünfhunderttausend belgische Francs übergibst, hier oder an einem anderen Ort. Und dann gibt es mich nicht mehr.“

Jörgen erklärt seiner Frau wütend, er werde dem verdammten belgischen Bankräuber keine Öre bezahlen. Eva berät sich mit der Polizei. Als Arnold wieder auftaucht und sie ihm erklärt, sie habe die Summe noch nicht aufgetrieben, setzt er ihr eine einwöchige Frist.

Überraschend taucht Jörgen beim Erzähler auf. Am Vorabend sei Eva nach Stockholm gekommen und habe ihm die Liebesaffäre gestanden, sagt er.

„Du hast meine Frau fünfunddreißig Mal getroffen und vermutlich ebenso oft mit ihr geschlafen … Ich bin selbst schuld, dass ihr euch kennengelernt habt, an dem Abend, als du mir nach Hause geholfen hast. Ich bin nicht hier, um eine Szene zu machen.“

Jörgen befürchtet, dass Eva nun in „diesen Scheißkerl“ in Brüssel verliebt sei.

„Sie will zurücktreten, das Schild abschrauben, zusammenpacken, aufgeben. Sie kam gestern Abend nach Hause und sagte, es sei basta, finito. Sie wollte das ganze Leben auf den Kopf stellen, aus der Stadt wegziehen, aufs Land, ein Kind adoptieren.“

Weil Eva und Jörgen nicht genug Geld haben, um die Forderung des Verbrechers erfüllen zu können, soll der Erzähler es beschaffen. Jörgen erläutert ihm den Plan: Eva habe von dem illegalen Spielclub bei den Königlichen Hofställen geträumt, sagt er. Dort habe ein Mann zehn Kronen für sie gesetzt und sei dann mit Chips im Wert von 460 560 Kronen vom Spieltisch aufgestanden. Jörgen hat die von Eva geträumte Zahlenfolge notiert. Weil er selbst inzwischen Hausverbot in dem Spielclub hat, soll der Liebhaber seiner Frau dort auf den Anfang der Zahlenfolge warten und dann entsprechend setzen.

„Und das Geld?“
„Das wird wohl dieser Scheiß-Belgier bekommen müssen.“

Der Erzähler verabredet sich also mit dem befreundeten Geschäftsmann erneut zum Essen und geht anschließend mit ihm in den Spielclub, ohne ihn allerdings in das Vorhaben einzuweihen. Drei Stunden lang wartet er vergeblich auf den Beginn der Zahlenreihe. Sein Begleiter drängt bereits zum Aufbruch, als der Croupier „16“ ruft.

Ich hielt den Geschäftsmann fest und wartete auf das nächste Ergebnis. Es war die Zweiunddreißig. Ich flüsterte ganz leise: „Wenn als Nächstes die Vier kommt, bleiben wir …“
Die Kugel klirrte, blieb liegen, und der Croupier sagte:
„Vier …“

Daraufhin setzt der Erzähler auf die 27, und es dauert nicht lang, bis er 470 000 Kronen gewonnen hat.

Wenige Tage später erhält er die Nachricht, dass alle Ermittlungen gegen Eva eingestellt wurden. Die belgische Polizei entschuldigte sich sogar bei der Politikerin.

Das Geld, das ich beim Roulette gewonnen hatte, war also von mir zu Jörgen, von ihm zu Eva und von Eva zu dem Mann, der sich Arnold nannte, gewandert. Der hatte sich seiner Verbindungen zur Polizei bedient und mitgeteilt, dass Eva völlig unschuldig sei. So war es gelaufen, zumindest in der Version, die mir serviert wurde.

Als Eva wieder einmal nach Stockholm kommt, verabredet sie sich mit ihrem früheren Liebhaber in einem Restaurant. Es ist ihr 36. Treffen. Ihr Mann sei inzwischen zu ihr nach Brüssel gezogen, erzählt sie. Bei dem Gespräch stellt sich heraus, dass Eva glaubt, Jörgen habe die 470 000 Kronen beim Spiel gewonnen.

Ihr Mann hatte gelogen. Er hatte alles erfunden, die Nummer im Spielclub war sein Werk. Eva hatte nie von diesem Club geträumt. Wie er es angestellt hatte, damit alles klappte, werde ich nie erfahren und will es auch nicht.

Kamerad in blauer Uniform

Der Ich-Erzähler, ein angehender Schriftsteller, trifft in einer Bar in Stockholm einen alten Bekannten wieder, aber Bernie ist wie ausgewechselt. Während der Eigenbrötler früher kaum den Mund aufmachte und Small Talk verabscheute, sprudelt er nun über. 24 Jahre lang sei er beim öffentlichen Nahverkehr angestellt gewesen, erzählt er, zunächst als Fahrscheinkontrolleur, dann als U-Bahn-Fahrer und zuletzt in der Verwaltung, aber nun habe er gekündigt und sei unterwegs zur Kirche.

„Du gehst also zu einem Pfarrer?“
„Ja“, sagte er, „ich bin auf dem Weg zu ihm. Ich werde heute konfirmiert.“

Der Schriftsteller erinnert sich, wie er Bernie Mitte der Siebzigerjahre durch einen Freund kennenlernte, der sich nach ein paar Semestern Literaturstudium darauf besonnen hatte, ein Proletarier zu sein und Zimmermann geworden war. Bernie blieb stumm wie ein Fisch.

„Ist der immer so?“
„Fast“, sagte der Zimmermann. „Aber heute ist es schlimmer als sonst. Er hat Probleme.“
„Wer hat die nicht?“
„Mit einer Frau. Sie bekommt ein Kind.“

Bald darauf begegnete der Erzähler Bernie auf der Straße. Der kam gerade aus einer Buchhandlung. Weil dem Schriftsteller gerade die Wohnung gekündigt worden war, nahm Bernie ihn als Untermieter auf.

Bernie erzählte ihm von seiner Kindheit. Seine wohlmeinenden Eltern befürworteten es, dass er sich mit einem anderen Jungen im Haus anfreundete, dessen Eltern sich stritten und prügelten.

Bernies Eltern waren radikal und weitsichtig, und sie fanden es wichtig, dass Bernie mit dem armen Jungen zusammen war, dessen Eltern Probleme hatten. Der Junge sollte auch etwas anderes sehen, erfahren, dass es Erwachsene gab, die sich liebten, die einander mit Respekt und Rücksicht behandelten.

Einmal flüchteten die beiden Jungen vor einem Streit der Eltern des einen in die Wohnung des anderen – und hörten Bernies Eltern beim Geschlechtsverkehr.

Die Eltern des einen verprügelten sich und die des anderen machten Schweinereien.

Bernies Freund war erleichtert, als sich zeigte, dass auch andere Eltern nicht ideal waren, und er redete darüber mit anderen, die Bernie dann hänselten. Das wiederum verursachte bei dem Verräter Gewissensbisse, die er durch das selbstzerstörerische Schnüffeln von Verdünner bekämpfte, bis er mit 14 an einer Überdosis starb.

Nun, viele Jahre später, vertraute Bernie seinem neuen Untermieter an, was dieser schon von dem befreundeten Zimmermann erfahren hatte: Er habe eine Kollegin bei der U-Bahn geschwängert, erzählte er.

„Das war ein Versehen. Ich will damit nichts mehr zu tun haben.“

Er sei mit der Frau ein einziges Mal zusammen gewesen, klagte Bernie.

„Das war ein Versehen. Ein verdammt großes Versehen.“

Als eine Frau in U-Bahn-Uniform klingelt, verleugnet der Untermieter den schlafenden Mitbewohner. Bevor sie wieder geht, schreibt sie ein paar Zeilen für Bernie. Als Postskriptum fügt sie hinzu:

„Diesen langhaarigen Drogentypen musst du loswerden.“

Den Untermieter störte immer wieder, dass Bernie nichts aufräumte und nur selten Geschirr spülte.

Unser Zusammenwohnen löste für mich ein akutes Wohnproblem und dauerte wenig länger als ein halbes Jahr. Während dieser Zeit war ich fest davon überzeugt, dass Bernies Verachtung oder Aversion gegen jegliche Art von Tätigkeit – damit meine ich jede Initiative, die über das rein Lebensnotwendige hinausgeht – keinen philosophischen Grund hatte und auch nicht das Ergebnis reiflicher Überlegungen war, sondern die pure und reine Faulheit.

Ich nahm an, dass er das, was ich als Schriftsteller hervorbrachte, verachtete, und er nahm an, dass ich ihn verachtete, für den, der er war. Dass wir uns beide irrten und uns missverstanden, machte es nicht besser.

Als der Schriftsteller bereits verheiratet war und mit seiner Familie auf dem Land lebte, fuhr er einmal mit seinem Sohn in Stockholm in einem Linienbus. Der Junge wischte das beschlagene Fenster frei und wunderte sich über einen „komischen Polizisten“, der im Regen stand. Sein Vater erkannte Bernie, unterließ es aber, ans Fenster zu klopfen und auf sich aufmerksam zu machen.

„Das ist kein Polizist“, sagte ich zu meinem Sohn. „Das ist ein U-Bahn-Fahrer.“

Ein paar Wochen nach der letzten Begegnung mit Bernie in der Bar liest der Schriftsteller in der Zeitung eine Todesanzeige: „Berndt 1953 – 1999“.

Vom dem befreundeten Zimmermann erfährt er nicht nur, dass Bernie ihn und seinen Sohn damals im Bus bemerkt hatte, sondern auch, dass Bernie nach dem Wiedersehen in der Bar tatsächlich konfirmiert wurde. Anschließend ging er in Hochstimmung mit einer Frau aus dem Libanon zum Essen in ein Restaurant und begleitete sie bis zu ihrer Haustür. In der Nacht platzte in seinem Gehirn ein Blutgefäß. Er war sofort tot.

Kollege mit gelber Schale

Dem Ich-Erzähler, einem Schriftsteller, wird von einem in einer Behörde in Stockholm tätigen Bekannten die Teilnahme an einer Gesprächsrunde über Energiepolitik angeboten. Und nach der Veranstaltung lädt ihn Roger, der einzige andere Autor unter den Teilnehmern – er schreibt Drehbücher für Soap Operas –, in ein Restaurant ein.

Ich schaute unentschlossen in die Speisekarte und fand wenig, was mich lockte. Die Zusammenkunft in der Behörde hatte mir den Appetit verdorben, und ich ärgerte mich, weil der ganze Tag sinnlos und verschwendet zu werden versprach.

Einige Zeit später wird er Erzähler von einem als Sachbearbeiter in einem akademischen Institut beschäftigten Bekannten namens Sam gefragt, ob er bei einem Projekt „avantgardistischer Archäologie“ mitmachen wolle. Man will den vollständigen Haushalt einer schwedischen Familie als Gegenwartsdokumentation aufbewahren, und ein Schriftsteller soll die Familie beschreiben. Der Ange­sprochene hat daran kein Interesse, gibt Sam aber Rogers Telefonnummer.

Kurz darauf ruft Roger ihn an und berichtet, dass er den Auftrag angenommen habe, weil er das Geld benötige. Er hat sich bereits in einem Hotel in der Nähe der ihm zugewiesenen Familie einquartiert. Bei der Frau handelt es sich um die Tochter eines Bergarbeiters und einer Weißnäherin, die als Pflegerin gearbeitet hatte, bevor sie ihren Mann kennenlernte. Der wuchs auf einem Bauernhof im selben Landkreis auf. Aber weder er noch sein Bruder wollten den Hof übernehmen. Stattdessen ist er in der Logistikbranche angestellt. Zur Familie gehören noch zwei Kinder, ein Sohn und eine Tochter.

Roger, der aus seinen Seifenopern nur konfliktträchtige Beziehungen kennt, findet auch am dritten Abend, den er mit der Familie verbringt, keine Anhaltspunkte für Probleme oder Misshelligkeiten. Erst als er im Ort Schilder mit Aufschriften wie „Atomabfall – nein danke!“ und „Stoppt die Probebohrungen!“ entdeckt, glaubt er, etwas entdeckt zu haben, denn er nimmt nun an, dass die Motive der Familie nicht altruistisch sind, sondern sie das Haus verkaufen will, bevor die Grundstückspreise wegen der Vorbereitungen für ein Endlager fallen. Als Roger die Familie mit seiner Unterstellung konfrontiert, zeigt der Mann über die Straße und erklärt ihm, dass sie gar nicht vorhaben, den Ort zu verlassen, sondern nur in ein Nachbarhaus mit Morgensonne ziehen wollen.

Noch am Abend packt Roger seine Sachen. Aber der letzte Bus ist bereits fort, und den letzten Zug würde er auch nicht mehr erreichen. Notgedrungen übernachtet er noch einmal in seinem Hotelzimmer.

Am anderen Morgen kommt die Tochter der Familie zu ihm. Sie hat inzwischen herausgefunden, dass er der Autor einer Fernsehserie ist, von der weder sie noch ihre Mutter eine Folge versäumt haben. Sie drängt ihn zu bleiben und am nächsten Tag auch ihren Bruder kennenzulernen. Außerdem meint sie unverblümt:

„Ich würde furchtbar gerne Sex mit dir haben.“

Nach seiner Abreise verfasst Roger das in Auftrag gegebene Familienporträt. Über fünf Tage verteilt, druckt das Faxgerät des Ich-Erzählers 152 Seiten aus. Statt Rogers Text zu lesen, legt er das Faxpapier am Fensterbrett ab. Als sein Sohn ein paar Abschnitte gelesen hat, meint er:

„Es ist genau wie bei uns.“
Ich erstarrte. „Was meinst du damit?“
„Das Gerede“, sagte er, „ist genau gleich.“
„Das heißt Repliken“, sagte ich.
„Weiß ich doch“, sagte er. „Es ist auf jeden Fall das Gleiche.“

Sam, der das fertige Manuskript bekommen hat, sagt darüber:

„Ich glaube nicht, dass es schlecht ist. Im Gegenteil. Fürchterlich, ich meine fürchterlich.“

Alles sei so leer, öde und sinnlos.

„Sie sind tot … deswegen … deswegen ist es so fürchterlich scheußlich. Das ist das Schrecklichste, was ich je erlebt habe … Ich habe selbst mit ihnen gesprochen … und sie haben auf diese Anzeige geantwortet … Aber sie sind tot … […]
Ich weiß es … dass sie tot sind. Den Zinkweg 34 gibt es gar nicht … das ist ein Fake … oder ein Zeichen … Ist dir das nicht gekommen? Vierunddreißig … Nummer vierunddreißig … Jesus war vierunddreißig, als er starb … Sie sind tot …“
[…] Das Auto …“, sagte er, „nimm das Auto. Es ist die ganze Zeit in der Werkstatt. Und warum? Weil es kaputt ist … Es ist auf dem Schrott … ein Wrack. Sie sind bei einem Autounfall umgekommen …“

Sam hält die Familie für „eine Imitation des Lebens“ und ist überzeugt, dass es sich um Wiedergänger handelt. Als er während eines Gottesdienstes barfuß und verwirrt in eine Kirche taumelt und in einer gelben Schale, die bei der Familie im Flur stand, die Schlüssel der Anwesenden einsammeln will, wird die Polizei gerufen, die den offenbar Geistesgestörten daraufhin in eine psychiatrische Klinik bringt.

Erst nachdem der Ich-Erzähler erfahren hat, was mit Sam geschehen ist, liest er das von Roger gefaxte Familienporträt. Es handelt sich um ein nur aus Dialogen und Regieanweisungen bestehendes Drama.

Da gingen vier Personen umher, gaben banale, triviale Äußerungen von sich, in einem zähen Dialog.

Für ein Theaterstück ist normalerweise ein Konflikt essentiell. Aber den gibt es zwischen den Eltern und ihren Kindern nicht.

Weil die Repliken klinisch rein von jeglichem Untertext waren, entstand der Konflikt jenseits des Textes, nicht zwischen den Charakteren, sondern zwischen dem Stück und dem Zuschauer, in einer unerlösten Verzweiflung, in der die Erwartungen, die man üblicherweise an ein Drama hat, unerfüllt bleiben. Das Drama wirkte tot, genau wie die Personen, dieses Nicht-Leben als Folge einer erstickenden Übereinstimmung. Das hatte Sam gesehen, die Schreckensvision eines Lebens voller Verantwortung und Sorge füreinander, einer selbstauslöschenden Anpassung. Das hatte ihn wahnsinnig gemacht.

Die Worte hatten einen hypnotischen Rhythmus, eine Art mahlendes Leiern, sodass man in die Szenen hineingezogen wurde, immer im Glauben, dass etwas passieren würde, oder in der Furcht, dass etwas passieren könnte. Das erzeugte eine solche Spannung, dass es zum Schluss unerträglich wurde. Der Zuschauer war unerlöst und frustriert, ohne betrogen worden zu sein. Es waren nur die eigenen Erwartungen und Vorstellungen, die beschämt worden waren.

Der Schriftsteller findet die Lektüre zutiefst aufwühlend. Er ruft Roger an, erreicht ihn jedoch weder unter seiner Festnetz- noch unter seiner Handynummer. Als er sich jedoch bei Rogers Exfrau erkundigen möchte, hebt der Gesuchte selbst ab. Der Anrufer meint, das Familienporträt sei ein erstklassiges Meisterwerk und müsse gedruckt werden, aber Roger entgegnet, eine Veröffentlichung sei nicht Teil des Vertrags.

„Was wirst du jetzt machen?“, fragte ich.
„Ich stehe in Verhandlungen“, sagte er. „Über eine neue Staffel.“
„Für diese Fernsehserie?“
„Man muss schließlich leben.“

Von dem Familienporträt existieren nur zwei Exemplare, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden, und von den beiden einzigen Personen, die es außer dem Autor gelesen haben, befindet sich einer in der Psychiatrie.

Das eine wurde an einem geheimen Ort verwahrt, das andere war meine Kopie auf schlechtem Faxpapier, ohne dauerhafte Beständigkeit.

nach oben

Der Verlag bezeichnet das Buch des schwedischen Schriftstellers Klas Östergren (* 1955) mit dem Titel „Ins Licht gerückt“ als Roman. Tatsächlich handelt es sich wohl eher um drei einzelne Erzählungen oder Novellen: „Frau in grellem Licht“, „Kamerad in blauer Uniform“, „Kollege mit gelber Schale“. Der schwedische Originaltitel lautet denn auch schlicht „Tre porträtt“.

In jeder Geschichte lässt Klas Östergren einen Ich-Erzähler zu Wort kommen, dessen Namen er nicht verrät. Ob es sich in allen drei Fällen um dieselbe Figur handelt, wissen wir nicht.

Der jeweilige Ich-Erzähler tut so, als berichte er streng sachlich über Tatsachen. Das meiste hat er angeblich selbst beobachtet oder zumindest aus erster Hand erfahren.

Aus den Aufzeichnungen jener Nacht, so wie ich sie da aufschrieb, entstanden die Hauptzüge dieser Geschichte. Sie stützten sich auf das, was ich gesehen und gehört hatte, Informationen aus vertrauenswürdigen Quellen, wie es heißt, und Evas eigenen Aussagen.

Der Ansatz, uns vorzugaukeln, dass wir es mit Tatsachenberichten zu tun hätten, wird noch verstärkt, wenn der Autor darauf hinweist, dass er sich für die Wahrheit einer Passage nicht verbürgen könne.

[…] war ich in der folgenden Zeit auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen, zum Teil waren sie unzuverlässig und unrichtig […]

Hin und wieder lässt er uns auch an seinen Überlegungen über die Art der Darstellung teilhaben.

Auf die Gefahr hin, unentschlossen zu wirken, könnte ich mir vorstellen, diese Geschichte auch ein paar Stunden später beginnen zu lassen, in einem Restaurant in der Altstadt, an einem anderen Tisch, in einer ganz anderen Tonlage, einer anderen und sehr viel angenehmeren Stimmung. […]
Der Vorteil, hier zu beginnen, im Restaurant in der Altstadt, wäre, dass ich um die lange und umständliche Beschreibung der Zusammenkunft in der Behörde herumkäme. Aber das hätte eine nicht unbedeutende Folge, ich werde das Wesentliche berichten müssen.

Die von Klas Östergren porträtierten Figuren verhalten sich außergewöhnlich. Eine Politikerin sieht einen Bankraub vorher und lässt sich dann von dem Verbrecher erpressen. Wie ihr Mann erreicht, dass der Ich-Erzähler den als Lösegeld verlangten Betrag beim Roulette gewinnt, bleibt ein Geheimnis. Die zweite Geschichte handelt von einem schweigsamen Eigenbrötler, der sich als Erwachsener konfirmieren lässt und an diesem Tag vor Reden und Unternehmungslust sprudelt. Der letzte Protagonist, ein Autor von Seifenopern, beschreibt für eine Dokumentation eine völlig konfliktfreie Familie, und einer der beiden Leser dieser Darstellung verliert darüber den Verstand.

Obwohl die drei unter dem Titel „Ins Licht gerückt“ zusammengefassten Geschichten von Klas Östergren alles andere als realistisch sind, lässt sich das Buch als hintergründige Satire auf unsere Gesellschaft lesen.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Kein & Aber

Peter Prange - Himmelsdiebe
Die Liebesbeziehung von Max Ernst und Leonora Carrington inspirierte Peter Prange zu dem Roman "Himmelsdiebe". Es handelt sich allerdings um eine weitgehend fiktive Geschichte. Getragen wird sie von außerordentlichen Charakteren.
Himmelsdiebe

Peter Prange

Himmelsdiebe

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: