Michael Ondaatje : Der englische Patient

Der englische Patient
Originalausgabe: The English Patient, New York 1992 Der englische Patient Übersetzung: Adelheid Darmagen Carl Hanser Verlag, München 1993 ISBN 978-3-446-17339-2, 327 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs pflegt die 20-jährige kanadische Krankenschwester Hana in einem zerbombten toskanischen Kloster einen Patienten, der beim Absturz mit seinem Flugzeug so schwere Verbrennungen erlitt, dass sein Leben nicht zu retten ist. Während er regungslos auf dem Bett liegt, erinnert er sich bruchstückhaft an die Geschichte seiner leidenschaftlichen Liebe zu der Frau eines anderen ...
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Kritik

Bei "Der englische Patient" handelt es sich um einen teilweise authentischen Roman über das Schicksal des Wüstenforschers Graf Ladislaus Almásy, eine großartige Geschichte über eine tragische Liebe, vier im Krieg teils körperlich, teils psychisch verletzte Menschen in einer zerbombten Villa und das Entsetzen eines Asiaten über die Zündung der Atombombe über Hiroshima.
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Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erfährt die zwanzigjährige kanadische Krankenschwester Hana im Santa-Chiara-Lazarett von Pisa, dass ihr Vater Patrick in Frankreich gefallen ist.

Kurz darauf trifft sie auf einen am ganzen Körper verbrannten Mann, den man für einen Engländer hält. Im Frühling 1945 werden die Kranken, Verletzten und Verwundeten nach Süden verlegt. Hana aber hamstert Kodeintabletten und Morphium-Ampullen und bleibt mit dem todgeweihten Patienten in der zerbombten Villa San Girolamo in den Bergen nördlich von Florenz zurück, sechs Kilometer vom nächsten Dorf entfernt.

Der Mann liegt auf dem Bett, sein Körper dem Luftzug ausgesetzt, und er wendet den Kopf langsam zu ihr, als sie hereinkommt. Alle vier Tage wäscht sie seinen schwarzen Körper, angefangen bei den kaputten Füßen. Sie macht einen Waschlappen nass, presst ihn über seinen Knöcheln zusammen und lässt das Wasser auf ihn tropfen, blickt auf, als er etwas murmelt, und sieht sein Lächeln. Am Schienbein sind die Verbrennungen am schlimmsten. Tiefviolett. Knochen.

Auf einem Tischchen neben dem Bett liegt ein aus dem Feuer gerettetes Buch von Herodot (eine Ausgabe der Historien von 1890) mit Notizen und eingeklebten Texten, Skizzen und Karten. Sein Name steht nicht darin.

Nach einiger Zeit taucht David Caravaggio in der Villa San Girolamo auf. Der Fünfundvierzigjährige kannte Hana vor dem Krieg in Toronto und war mit ihrem Vater befreundet. Damals lebte er von Diebstählen. Im Krieg war er als Spion für die Alliierten tätig. Als er sich bei einer Abendgesellschaft in Mailand als deutscher Offizier ausgab, übersah er, dass eine der anwesenden Damen Erinnerungsfotos knipste und drehte sich deshalb nicht schnell genug weg. In der Nacht drang er in ihr Zimmer ein, um die Kamera zu stehlen. Er überraschte sie beim Liebesspiel mit einem deutschen Offizier. Sie blickte ihn an, verriet ihn aber nicht. Als er aus dem Fenster sprang, wurde er entdeckt. Die Deutschen ahnten, wer er war, aber sie wollten, dass er seinen Namen bestätigte, banden seine Handgelenke an einen Tisch und schnitten ihm beide Daumen ab. Später ließen sie ihn laufen, wohl in der Hoffnung, er werde sie zu anderen Agenten führen.

Caravaggio wurde seit vier Monaten in einem Lazarett in Rom behandelt, als er zufällig von der kanadischen Krankenschwester Hana hörte, die mit einem am ganzen Leib verbrannten Patienten allein in einer toskanischen Villa zurückgeblieben war.

Eine Zwanzigjährige, die sich aus der Welt verbannt, um einen Geist zu lieben!

Da machte er sich auf den Weg, um sie zu beschützen.

Ein sechsundzwanzigjähriger Sikh gesellt sich zu der Frau und den beiden Männern in der Villa. Kirpal („Kip“) Singh schlägt sein Zelt in einer entlegenen Ecke des verwüsteten Gartens auf. Er ist Pionier. Seine Einheit hat den Auftrag, nicht explodierte Bomben aufzuspüren und zu entschärfen. Kip, der sein Handwerk 1941 in England erlernt hatte, ist er erfahrenste unter den Technikern und kennt fast alle Tricks der deutschen Bombenbauer.

Der Patient weiß seinen Namen nicht mehr, aber Caravaggio vermutet, es könne sich um Ladislaus Graf von Almásy handeln. Während der Todgeweihte regungslos auf dem Bett liegt, treibt er auf einem „Floß aus Morphium“ und erinnert sich bruchstückhaft an seinen Aufenthalt in der ägyptisch-libyschen Wüste.

Manche der Geschichten, die der Mann ruhig in das Zimmer hinein erzählt, gleiten wie Falken von Schicht zu Schicht.

Zu Beginn der Dreißigerjahre gehörte er zu einer Gruppe von Forschern, die das Gilf-Kebir-Plateau kartografierten und nach der verschollenen Oase Zarzura suchten. 1936 stieß das erst seit zwei Wochen verheiratete Ehepaar Clifton zu ihnen. Geoffrey Clifton war in „überströmender Flitterwochenfreude“. (Die Forscher ahnten nicht, dass es sich um einen Agenten des britischen Geheimdienstes handelte, der den Auftrag hatte, sie zu observieren.) Clifton war reich und besaß ein zweisitziges – für die Gruppe sehr nützliches – Flugzeug. Die alte Maschine, die einem von ihnen gehörte, ließen sie bei Uwenat stehen und deckten sie mit einer Plane ab.

In die Stimme von Katherine Clifton verliebte sich Almásy als Erstes. Katherine war 15 Jahre jünger als er und begehrte ihn ebenfalls. In einem Albtraum nahm Almásy sie wie ein Tier und drückte dabei ihren Nacken so nach unten, dass sie in ihrer Erregung keine Luft mehr bekam. Gern hätte sie ihn geschlagen, aber sie wusste, dass auch das sexuell motiviert war.

Während einer kleinen Feier im Lager las sie aus den Historien von Herodot vor, und zwar die Geschichte des lydischen Königs Kandaules, der seine Gemahlin für die schönste Frau der Welt hielt, das auch seinem Lieblings-Leibwächter Gyges beweisen wollte und ihn deshalb dazu überredete, sich hinter die geöffnete Schlafzimmertür zu stellen. Von diesem Platz aus konnte Gyges der Königin beim Entkleiden zusehen und sich von der Makellosigkeit ihres Körpers überzeugen. Die Königin bemerkte Gyges, als er das Schlafzimmer verließ, schlug aber keinen Alarm. Am nächsten Tag rief sie ihn und stellte ihn vor die Alternative, entweder Kandaules zu töten, sie zu heiraten und als König zu herrschen oder sich selbst das Leben zu nehmen. „Einer von euch darf nicht mehr leben, entweder er, der jenen Plan ersonnen hat, oder du, der mich nackt gesehen und getan hat, was sich nicht gebührt.“

Eineinhalb Jahre dauerte die Affäre; Anfang 1938 bestand Katherine darauf, dass sie sich trennten.

Als 1939 der Krieg drohte, verließen sie alle das Land. (Madox ging wieder nach Somerset, wo er sich im Juli 1939, als der Pfarrer „frohgemut vom Kämpfen“ predigte, in der Kirche erschoss.) Almásy kehrte im Spätsommer 1939 noch einmal nach Gilf Kebir zurück, um das Basislager bei Uwenat, nördlich des Ain-Dua-Brunnens, zu räumen. Anschließend sollte ihn Geoffrey Clifton mit dem Flugzeug abholen.

Ich winkte mit der blauen Plane. Clifton verringerte die Höhe und flog dröhnend über mich hinweg, so niedrig, dass die Akazienbüsche ihre Blätter verloren. Das Flugzeug drehte nach links ab und schlug einen Bogen, und als es mich erneut im Blickfeld hatte, richtete es sich wieder aus und steuerte direkt auf mich zu. Weniger als fünfzig Meter von mir entfernt kippte es plötzlich und stürzte ab. Ich lief darauf zu.

Entsetzt stellte er fest, dass Geoffrey nicht allein, sondern mit Katherine in der Maschine saß. Geoffrey war tot. Offenbar hatte er sich, seine Frau und Almásy wegen der längst vergangenen Affäre töten wollen, denn zu dritt hätten sie in dem Flugzeug nicht Platz gehabt. Almásy zog Katherine aus dem Wrack. Ein Handgelenk und mehrere Rippen waren gebrochen. Er trug sie in eine nahe gelegene Höhle, zerschnitt Cliftons Fallschirm und bettete sie darauf.

Drei Tage lief er durch die Wüste. Dann sah er El Tadsch vor sich. Bevor er die Siedlung erreichte, ergriff ihn ein englisches Kommando. Verzweifelt wies er seine Bewacher auf die Frau hin, die 110 km entfernt in einer Höhle im Gilf Kebir lag und dringend Hilfe benötigte – aber die Briten glaubten ihm kein Wort.

Er hatte Katharina versprochen, sie aus der Wüste zu holen. Almásy vergaß es nicht, auch nicht, als es längst zu spät war, um sie zu retten. Aber er musste drei Jahre lang warten, bis sich eine Gelegenheit dazu ergab. Im Sommer 1942, vor der Schlacht von El Alamein, wollte Rommel einen Agenten namens Eppler nach Kairo schicken, der als Codebuch den Roman „Rebecca“ von Daphne Du Maurier benutzte und deshalb auch „Rebecca-Spion“ genannt wurde. Mit Flugzeug und Fallschirm wäre es zu auffällig gewesen. Deshalb sollte Eppler im Lastwagen von Gialo aus durch die Wüste fahren – und Almásy ihn führen. Nach drei Wochen trafen die Männer in Kairo ein. Die Briten, die schon vorher Bescheid gewusst hatten, wollten nicht preisgeben, dass sie die deutschen Funksprüche entschlüsseln konnten. Deshalb nahmen sie Eppler erst in Kairo fest. Auch Almásy sollte getötet werden, aber sie verloren seine Spur, als er allein in die Wüste zurückkehrte. Sein Lastwagen explodierte unterwegs. Zu Fuß schlug er sich weiter durch – zum Gilf Kebir.

Er erreichte den flachen Brunnen namens Ain Dua. Er zog sich ganz aus und tränkte die Kleidungsstücke im Brunnen, streckte den Kopf und dann den dünnen Leib ins blaue Wasser. Seine Glieder waren erschöpft von den vier Nächten ununterbrochenen Gehens. Er ließ seine Kleidung ausgebreitet auf dem Felsgestein zurück und kletterte höher in die Felsen, kletterte aus der Wüste hinaus, die jetzt, 1942, ein riesiges Schlachtfeld war, und ging nackt in das Dunkel der Höhle hinein.

Die Tote lag auf dem Rücken. Er trug sie zu dem alten Flugzeug, das mit Sand zugeweht war. Er grub es frei und betankte es aus einem Benzinkanister, den er unterwegs aus einem britischen Depot gestohlen hatte. Mit der Leiche auf dem Rücksitz startete er. In der Luft merkte er, wie Öl über seine Knie strömte. Ein Funke setzte das Flugzeug in Brand.

Er schlüpft in das Gurtwerk des ölgetränkten Fallschirms und stürzt mit dem Kopf nach unten hinaus, bricht aus dem Glas frei, Wind jedoch schleudert seinen Körper zurück. Dann sind seine Beine völlig frei, und er ist in der Luft, leuchtend, ohne zu wissen, wieso er leuchtet, bis ihm klar wird, er brennt.

Beduinen fanden den Schwerverletzten und trugen ihn zu der Oase Siwa. Auf seine verbrannte Haut legten sie ölgetränkte Filzstücke. Im Lazarett von Pisa begegnete er dann Hana.

Am 6. August 1945 hört Kip Nachrichten. Er packt ein Gewehr und richtet es auf den „englischen Patienten“. Kip ist außer sich. Von den Engländern lernte er, sich korrekt zu benehmen, und durch sie entwickelte er großen Respekt vor der westlichen Kultur. Nun zündeten die Amerikaner über Hiroshima eine Bombe, gegen die selbst Kip mit all seinem Wissen nichts ausrichten könnte. Die blanke Barbarei! Kip reißt die militärischen Abzeichen von seiner Uniform und sagt zu Caravaggio:

Ich lasse Ihnen das Radio, da kriegen Sie Ihre Geschichtslektion. Keine Bewegung mehr, Caravaggio. All das zivilisierte Gerede von Königen und Königinnen und Präsidenten …, all die Stimmen der abstrakten Ordnung. Spüren Sie’s raus. Hören Sie Radio, und spüren Sie da die Verherrlichung raus. Wenn in meinem Land ein Vater die Gerechtigkeit entzweibricht, tötet man den Vater.

Überstürzt fährt Kip auf seinem Motorrad nach Süden. Auf einer Brücke kommt er ins Schleudern und stürzt in einen Fluss. Er überlebt und kehrt in seine asiatische Heimat zurück.

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„Manche der Geschichten, die der Mann ruhig in das Zimmer hinein erzählt, gleiten wie Falken von Schicht zu Schicht.“ Das prägt den gesamten Roman „Der englische Patient“. Der in Sri Lanka geborene holländische Schriftsteller Michael Ondaatje erzählt teilweise authentisch vom Schicksal des Wüstenforschers Graf Ladislaus (auch: Lászlo) Almásy (1895 – 1951). Dabei teilt er die großartige Liebesgeschichte und ihr tragisches Ende kunstvoll in Rückblenden auf und verknüpft die Ereignisse in der ägyptisch-libyschen Wüste mit dem Entsetzen des asiatischen Bombenentschärfers über die Barbarei des Westens. Es sind auch poetische Einzelheiten, die das Lesen dieses Romans zum Erlebnis machen, etwa die Beschreibung verschiedener nordafrikanischer Winde oder der Auftritt eines beduinischen Medizinmannes, der ein Schultergeschirr mit Hunderten von leise klirrenden Fläschen trägt.

  • Ladislaus E. Almásy: Schwimmer in der Wüste. Auf der Suche nach der Oase Zarzura (Haymon Verlag, Innsbruck 1997)
  • Kurt Mayer: Schwimmer in der Wüste. Lászlo Almásy (Filmdokumentation, 2001)

„Dieser Roman trägt eine dreifache Krone: er ist tiefgründig, schön und läßt das Herz schneller schlagen“, urteilte die Nobelpreisträgerin Toni Morrison.

Anthony Minghella verfilmte den Roman von Michael Ondaatje: „Der englische Patient“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Michael Ondaatje: Anils Geist

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Michela Murgia - Accabadora
Michela Murgia räsoniert nicht, sondern inszeniert in einer wortkargen, vitalen Sprache eine packende Geschichte, die in einer archaischen Umgebung spielt. "Accabadora" ist eine Perle anspruchsvoller Literatur.
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